Ein "Coworking Space - Cafe" in Berlin (QUelle: dpa/ Robert Schlesinger)
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Video in Englisch | Steven Hill | Die Fragen stellt Ute Barthel | Bild: picture alliance

Interview | Sicherheitsnetz für Selbständige - "Sieben von zehn Startups im Silicon Valley scheitern"

Die digitale Wirtschaft boomt, aber hat viele prekäre Jobs geschaffen. Der Wirtschaftsjournalist Steven Hill warnt vor den Folgen einer Freelancer-Gesellschaft nach US-Prägung und fordert, mit neuen Regeln den Sozialstaat zu stärken.

rbb: Mr. Hill, Sie leben in San Francisco, Sie kennen das Silicon Valley sehr gut. Für Europäer ist es das Mekka der Innovation in der Internetbranche. Sollten wir diesem Weg folgen oder nicht?

Ich würde nicht dazu raten. Den meisten Leuten ist nicht klar, dass sieben von zehn Startups im Silicon Valley scheitern. Das ist doch keine gute Quote. Außerdem schaffen diese Unternehmen nur wenige Arbeitsplätze. Google oder Apple haben vielleicht 60.000 bis 70.000 Festangestellte, Facebook hat nur 15.000. Das sind nicht so viele Jobs verglichen mit großen Unternehmen wie Siemens, Volkswagen oder BMW - die haben 200.000 bis 300.000 Festangestellte.

Welche Auswirkungen hat dieses Modell auf den Arbeitsmarkt?

Diese Firmen in Silicon Valley nutzen die Technologie, Software und Algorithmen, um so viele Menschen wie möglich los zu werden. Das erhöht zwar den Profit der Unternehmen, aber das geht für die Volkwirtschaften in Amerika oder Deutschland nach hinten los. Denn diese Volkswirtschaften hängen zu 70 Prozent vom Konsum der Verbraucher ab. Aber wenn es nicht genügend Leute mit ausreichend Geld in der Tasche gibt, um es für die vielen schönen Konsumprodukte auszugeben, dann kommt du in eine Rezession.

Wenn du zu Facebook oder Google gehst, dann hast du ein paar Leute, die dort angestellt sind. Aber dann hast du Hausmeister und Putzkräfte, die wieder für eine andere Firma arbeiten und das sind quasi Vertragsarbeiter. Und diese Jobs sind furchtbar. Es gibt also eine Polarisierung zwischen guten und schlechten Jobs.

Warum haben diese schlechten Jobs zugenommen?

Um diese Entwicklung zu verstehen, müssen wir zurück in das Jahr 2008/09. Wir hatten einen globalen wirtschaftlichen Kollaps, bei dem viele Arbeitsplätze verloren gingen. Vor allem die mit dem guten mittleren Einkommen, die sozialversicherungspflichtig waren. Die dafür neu entstanden sind, das sind schäbige Jobs, mit Teilzeit – oder befristeten Verträgen. Und Solo-Selbständige, wie es hier in Deutschland heißt. Diese Jobs haben keine Sozialversicherung.

Wie ist die Situation dieser "Solo-Selbständigen"?

Nur ein Beispiel: Es gibt das US-Unternehmen upwork, das ist eine online-Arbeitsvermittlung, bei der Auftraggeber eine Riesenauswahl an Berufen haben. Du kannst also auf diese Plattform gehen und sagen: Ich will einen Grafikdesigner. Und dann siehst du Grafikdesigner aus aller Welt. Ein Deutscher will vielleicht 40 Euro die Stunde, ein Amerikaner will 35 Dollar und dann gibt es jemand von Thailand oder Indien und der will nur 2 Euro die Stunde.

Und du kannst sehen, wie die verlangten Stundenlöhne immer weiter runter gehen. Es ist ein Wettlauf, der am Boden endet, wo Arbeitskräfte aus Deutschland mit den Arbeitskräften in Indien konkurrieren für die gleiche Arbeit.

Was bedeutet es, wenn diese Jobs immer mehr zunehmen?

Das sind alles Jobs für Solo-Selbständige, für die der Auftraggeber keine Krankenversicherung zahlt. Und das unterminiert unser Sozialsystem, das wir in den letzten 50 bis 60 Jahren geschaffen haben.

Und dann gibt es noch die andere Seite. Sagen wir, du bist Deutscher und erledigst einen Job für einen Auftraggeber aus den USA. Aber dein Auftraggeber in den USA meldet dein Honorar nicht bei den deutschen Finanzbehörden. Und du weißt, dass er es nicht tut.  Wirst du diese Einnahmen angeben? Und je mehr Leute das machen, also auch die Steuer hinterziehen, umso schwächer wird die Basis für den Sozialstaat. Das Geld geht verloren für Bildung, die Energiewende, öffentlichen Verkehr und anderen Dingen, von denen der Sozialstaat abhängig ist.

Wie reagieren die deutschen Politiker auf diesen Trend?

Sie ignorieren das Problem. Deutschland hatte gute Arbeitsmarktzahlen. Es wurden viele Vollzeitstellen geschaffen und deshalb sagen sie: In diese Richtung geht die Wirtschaft. Aber wenn du zurückschaust, dann ist der Anteil an Vollzeitstellen seit dem Jahr 2000 gesunken.

Was muss passieren, damit Festangestellte und Freiberufler den gleichen Zugang zum Sozialsystem haben?

Wir müssen ein persönliches Sicherheitsnetz schaffen. Jeder Arbeiter in Deutschland, egal wie er arbeitet, ob solo-selbständig oder mit Minijob, mit Werkvertrag oder befristeten Vertrag, Festangestellter, in Teilzeit, Leiharbeiter. Wer dich anstellt oder dich unter Vertrag nimmt, muss auch einen Beitrag für dein Sicherheits-Konto zahlen. Dadurch kann man erreichen, dass die Leute abgesichert sind.

Auf der anderen Seite kann sich auch das Verhalten der Arbeitgeber ändern. Jetzt nehmen sie statt einen Festangestellten drei selbständige Teilzeitarbeiter und sparen eine Menge Geld. Aber mit dem Sicherheitskonto würde man dann sagen: Du willst drei selbständige Teilzeitarbeiter nehmen, das ist ok. Aber du kommst nicht um die 25 bis 30 Prozent Lohnkosten für die Sozialversicherung herum. Das wird dann nicht mehr passieren, dass sich die Arbeitgeber diese Kosten sparen können. Und so nehmen wir ihnen den Anreiz weg, die Leute in diesen schäbigen Jobs zu beschäftigen. Und so schaffen wir in dieser Hinsicht gleichwertige Jobs.

Das Gespräch führte Ute Barthel, Redaktion Investigatives und Hintergrund

Solo-Selbstständige im Porträt

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 2.

    Die seit über einem Jahrzehnt fortschreitende Flexibilisierung der Arbeitswelt ist doch in den meisten Fällen nur eine Umverteilung von unten nach oben. Wer sich zum Beispiel Top-Steuerberater leisten und diverse Abschreibungsmöglichkeiten nutzen kann hat den Vorteil, aber bei den meisten Leuten ist das nicht der Fall.

  2. 1.

    Noch ein richtiges Handwerk erlernen bedeutet mehr Sicherheit.Die IT Branche ist zwar im Kommen aber bringt nur wenigen etwas.
    Niemand möchte mehr Verantwortung übernehmen.Scheinselbständigkeit ist nur Zeit auf Raten.Viele Menschen glauben damit besser dazustehen.

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