Eine Rolle Marzipan liegt neben Mandeln auf einem Tisch. (Bild: Colourbox)
Audio: Radioeins | 05.10.17 | Hamid Djadda und Franziska Giffey im Gespräch mit Tom Böttcher und Marco Seiffert | Bild: Colourbox

Marzipan aus Berlin - Wie ein Neuköllner Unternehmer auf die Marzipan-Idee kam

In Neukölln wird seit 160 Jahren Marzipan hergestellt. Inzwischen sind es 20.000 Tonnen pro Jahr - nur weiß das kaum einer. Der Unternehmer Hamid Djadda will das ändern und mit seinem Geschäft auch abgehängten Jugendlichen im Bezirk helfen.

Kunstvolle Blechschilder, Immobilien, die Sanierung der Avus-Tribüne, persische Delikatessen - Hamid Djadda verdient sein Geld mit sehr unterschiedlichen Dingen. Über zu wenig Arbeit konnte sich der Berliner Unternehmer noch nie beklagen. Aber dann hörte er einen Vortrag der Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey und kam auf die nächste Idee.

Die SPD-Politikerin sprach von den Problemen an den Schulen ihres Bezirks, von den niedrigen Abitur-Abschlussquoten: In Neukölln sind es 30 Prozent, in Steglitz-Zehlendorf 70. "Diese Differenz kann man nicht durch den Intelligenz-Quotienten erklären. Da dachte ich: Man muss was machen", sagt Djadda am Donnerstag bei Radioeins. Und er machte was - und zwar mit Marzipan.

Hamid Djadda, Unternehmer und Gründer der Marzipankonfekt-Marke „OHDE Berlin“
Im damaligen Persien geboren, in Hamburg aufgewachsen, in San Francisco studiert - sein neuester Weg führte Hamid Djadda nach Neukölln. | Bild: radioeins/Klippel

Gewinne sollen in Stiftung für Schule fließen

Lübeck mag Marzipan-Hauptstadt sein, aber auch in Neukölln haben sie Erfahrung mit der quietschsüßen Mandelmasse. Seit mehr als 160 Jahren wird sie in dem Bezirk produziert, zwei Firmen bringen momentan ungefähr 20.000 Tonnen auf den Markt - allerdings nur Marzipan-Rohmasse.

Die kleinste Packung wiegt 12,5 Kilo - das ist weit zu wuchtig für den Laden an der Ecke. Das weckte Djaddas Unternehmergeist: Seit wenigen Monaten nun hat er eine kleine Firma in der Neuköllner Schinkestraße, sein "Ohde Marzipan" lässt er in kleinen, edel verpackten Portionen herstellen. Das Besondere: Mit den Erlösen aus diesen teuren Süßigkeiten will der in Hamburg aufgewachsene Geschäftsmann Neuköllner Jugendlichen helfen. "Das Geld kommt von mir privat, ich verdiene an der Firma nichts", sagt Djadda. 51 Prozent der Gewinne flössen in eine Stiftung, 49 Prozent an die Mitarbeiter. "Die Stiftung soll eine Schule in Neukölln fördern, damit die Abiturquote erhöht wird."

2.600 Schüler ohne Abschluss pro Jahr

Dass es Bedarf dafür gibt, steht außer Frage: Pro Jahrgang verlassen etwa 2.600 Schüler und Schülerinnen in Neukölln ihre Schule ohne Abschluss. Das entspricht 14 bis 16 Prozent, ein für Berlin überdurchschnittlicher Wert, sagt Franziska Giffey.

Um dagegen anzukämpfen, sei Bildung von Anfang an unabdingbar. Außerdem müsse der Bezirk Kindern und Jugendlichen viel Hilfe geben, zusätzlich zu dem, was deren Mütter und Väter leisten. "Manchmal müssen wir sogar Eltern-Ersatz spielen, weil die Eltern das allein nicht können. Da ist jede Form der Unterstützung zur normalen schulischen Bildung absolut notwendig und sinnvoll", sagt Giffey.

Knapp sechs Euro die Packung - das können sich in Neukölln wenige leisten

Das Geschäft mit dem Neuköllner Marzipan ist eine Möglichkeit, ein klein wenig zusätzliches Geld in bessere Bildungsmöglichkeiten fließen zu lassen. Im November will Hamid Djadda seinen ersten "Ohde"-Shop eröffnen, allerdings im nobleren Berliner Westen, genauer in der Uhlandstraße, also dort, wo es Kunden gibt, die sich seine hochwertige Ware auch leisten können. In Neuköllns Problembezirken werden wohl nur wenige knapp sechs Euro für ein bisschen Marzipan erübrigen könne. 

Franziska Giffey hofft trotzdem auf einen Flagship-Store in ihrem Bezirk. "Wenn Sie in irgendeinen Tourismusladen kommen, was finden Sie? Lübecker Marzipan. Ich find das gut, wenn das aus Neukölln kommt." Djadda lässt seine Süßigkeiten übrigens mit dem Wappen von Friedrich Wilhelm I. verzieren - der preußische König hatte vor 270 Jahren die ersten böhmischen Glaubensflüchtlinge aufgenommen, ihnen Land, Arbeit sowie Bildung ermöglicht. "Wissen Sie, was daraus entstanden ist? - Soviel positive Dinge. Das Thema ist heute ja sehr akut - und das fand ich sehr inspirierend", sagt Djadda.

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Knut Elstermann in der radioeins Dachlounge
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Antwort auf [Marzipanfan] vom 06.10.2017 um 09:36
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7 Kommentare

  1. 7.

    Natürlich viel Erfolg, aber an das Niederegger Marzipan kommen Sie nicht heran - NIE!!!

  2. 6.

    Heute wurde uns ein Präsent zum Nikolaus geschenkt - OHDE Marzipan aus Neukölln- herrlich anzusehen die kleinen Köstlichkeiten und noch viel mundiger auf der Zunge. Herrn Djadda ist nur zu wünschen,das sein Projekt mit viel Erfolg gekrönt wird. Der Preis ist gegenüber anderen Mitbewerbern bei solchen Naschereien gerechtfertigt, auch weil er einem guten Zweck dient.

  3. 5.

    Ab wann und wo kann man das Ohde Marzipan kaufen? Ich bin auf der Suche nach einem außergewöhnlichen Mitbringsel für deutsche Kollegen, die schon seit einigen Jahren im Ausland im Nahen Mittleren Osten arbeiten.

  4. 4.

    Lieber Marzipanfan,

    unser OHDE Marzipan ist objektiv hochwertiger, da wir ein wesentlich höheren Mandelanteil einsetzen (62%). Sie schmecken dadurch mehr Marzipan und weniger Zucker.

  5. 3.

    Man kann diesem Mann nur viel Glück wünschen und hoffen dass seine Rechnung aufgeht.

  6. 2.

    Komisch nur,dass sich so viele Menschen im "Problembezirk"
    Neukölln so viele hochwertige und sehr teure Autos leisten können,aber keine
    6€ für Marzipan übrig haben.

  7. 1.

    Das wäre ein Fortschritt, wenn man z.B. Am Flughafen als Souvenir Berliner Marzipan kaufen könnte, falls es genau so gut ist, wie Lübecker.

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