Annette Springsguth (Quelle: rbb/Jana Göbel)
Bild: rbb/Jana Göbel

Serie | Porträt Solo-Selbstständige - "Leben kann ich davon nicht"

In Brandenburg liegen Dienstleistungen, Großhandel und Unternehmensberater vorn bei den Solo-Selbstständigen. Menschen wie die Bioladen-Besitzerin Annette Springsguth, die in Frankfurt (Oder) alles versucht, um die Gründerphase zu überstehen. Von Jana Göbel

Große Fenster, herbstlich dekoriert, der Bio-Laden von Annette Springsguth ist nicht zu übersehen. Und die Karl-Marx-Straße in Frankfurt (Oder) ist eigentlich eine gute Lage. Dennoch kommen nicht genug Kunden. Vor zwei Jahren beschloss Annette Springsguth, sie will nicht mehr von Hartz IV leben. Gesunde Lebensmittel und Bioprodukte sollten ihre neue Lebensgrundlage werden. Seitdem steht sie sechs Tage in der Woche in ihrem eigenen Geschäft, vom frühen Morgen bis zum Abend.

Doch wie bei so vielen Existenzgründern, die Startphase ist die schwerste Zeit. Die Einnahmen können die festen Ausgaben für Ladenmiete und Wareneinkauf kaum decken. Wenn man Annette Springsguth nach ihrem Einkommen fragt, lacht sie nur. "Leben kann ich davon nicht." Sie esse, was im Laden nicht gekauft wurde. Mehr sei nicht drin.

"Dankbar für die Kunden, die kommen"

Es ist früher Morgen, sie hat gerade erst aufgeschlossen. Sie hat eine grüne Bio-Fahne rausgehängt und zwei Aufsteller mit Werbung für die Produkte aufgestellt: knallrote Granatäpfel, grüne Paprika, Brot, Mehl, Schokolade, Bio-Kosmetik. Das Sortiment ist breit. Nach einer halben Stunde kommt eine Kundin, dann lange wieder niemand. Es wäre schön, wenn mehr kämen, sagt Annette Springsguth. "Ich erwarte ja nicht, dass die Leute hier ihren kompletten Wochenendeinkauf machen. Ich bin dankbar für die Kunden, die kommen."

Wenn man Annette Springsguth zuhört, versteht man schnell, warum die Gewerbeanmeldungen seit Jahren zurückgehen. Die IHK Ostbrandenburg sagt zwar, es liege am Rückgang der Arbeitslosigkeit. Doch der Verband der Gründer und Selbständigen (VGSD) führt auch andere Ursachen an. Die Politik habe dafür gesorgt, dass sich die Bedingungen für Gründer und Selbständige zunehmend verschlechtern. Unterstützungen für Existenzgründer wurden gekürzt. Abgaben wurden erhöht. Es gebe mehr bürokratische Auflagen. Und es sei schwerer geworden, einen Kredit zu bekommen.

"Im Moment kann ich mir nicht viel leisten"

Annette Springsguth weiß, dass es dauert, einen Kundenstamm aufzubauen. Für die Gründerphase hätte sie ein Darlehen gebraucht. "Doch es war mir nicht möglich, einen Kredit von der Bank zu bekommen", erzählt sie. Ein finanzieller Puffer hätte ihr geholfen.

Manchmal schläft sie schlecht, weil sie in der Nacht noch rechnet, ob und wie es weitergehen soll. Sie denkt, dass ihr Bioladen sich irgendwann rentiert. "Im Moment kann ich mir nicht viel leisten", sagt sie, "aber ich bin stolz auf meinen Landen."

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Beitrag von Jana Göbel

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