U-Bahn-Zug der Bauart 79: Die BVG sucht nun dringenden Ersatz für die Züge (Quelle: Imago)
Bild: imago stock&people

Streit um Ausschreibung - Der BVG droht Ärger wegen 80 neuer U-Bahn-Wagen

Ab 2019 droht angeblich ein regelrechter U-Bahn-Notstand - davor jedenfalls warnt die BVG. Das Unternehmen hat Schäden an einer Baureihe entdeckt und braucht nun neue Wagen. Allerdings bedingt sich die BVG für die Bestellung einen Sonderweg aus. Von Bettina Meier

Wenn Fahrgäste ihre Tickets nicht bezahlen, ist das der BVG nicht egal – mit einem Werbevideo für das Berliner Verkehrsunternehmen werden Schwarzfahrer mit Humor aufs Korn genommen. Nun allerdings müsste sich die BVG eben solchen Spott gefallen lassen, weil sie selbst jahrelang nicht investiert hat, wo sie hätte Vorsorge treffen müssen. Zum Beispiel bei der Bestellung neuer U-Bahnwagen.

F79 macht nicht mehr lange

Das Unternehmen entschied, seine U-Bahnwaggons aus dem Jahr 1979 über die empfohlene Betriebsdauer hinaus einsetzen. Vor ein paar Jahren wurden darum 70 Wagen der Baureihe F79 dürftig repariert.

Doch die geplanten acht Jahre halten die Waggons nicht aus, ergab nun eine Instandhaltungsprüfung. BVG-Sprecherin Petra Reetz zeigt sich alarmiert: "Es sind Risse in den Böden, Risse in den Wänden, Risse an den Türen, es sind einfach: Risse." Die Folge seien Ausfälle von Wagen, die zu einer Einschränkung des U-Bahn-Verkehrs um zehn Prozent führen könnten. "Sehr viele Kurzzüge, Fahrplanänderungen und keine Reserven. Der U-Bahn-Verkehr in Berlin wäre schmerzlich getroffen."

BVG will Pflicht zu Ausschreibung umgehen

Ab dem Jahr 2019 müssen die Züge der Baureihe F79 wegen dieser nun festgestellten technischen Mängel von der Schiene. Diese Entscheidung der technischen Aufsichtsbehörde der Senatsverkehrsverwaltung ist endgültig. Das ursprüngliche Konzept der BVG, Neubestellungen zu verschieben und damit Investitionen zu sparen, ist also nicht aufgegangen und darum muss das Unternehmen schnell neue Züge kaufen.

Der millionenschwere Bestellumfang verpflichtet das Unternehmen, den Auftrag zum Bau der Wagen europaweit auszuschreiben. Das Ausschreibungsverfahren aber wäre umfänglich und dauert Monate, also Zeit, die die BVG nicht hat.

Die BVG greift nun zu einem Trick: Sie nennt ihre Order nun eine "Notfallbeschaffung" und vergibt einen Auftrag über 80 neue U-Bahn-Wagen ohne Ausschreibung an die Firma Stadler. Das Unternehmen arbeite bereits an einem anderen U-Bahnauftrag für die BVG und könne nach Erkenntnissen der BVG als einziges Unternehmen die nun nötige Zusatzbestellung auch pünktlich liefern.

Konkurrent Siemens droht mit Klage

BVG-Sprecherin Reetz begründet den Verzicht auf eine Ausschreibung damit, dass die BVG die Wagen aufgrund der aktuellen Schäden sehr schnell brauche, um seinen Beförderungsauftrag mit dem Land Berlin zu erfüllen. "In dem Vertrag ist ganz genau festgelegt, wie viele U-Bahn-Leistungen wir in welchem Jahr bringen müssen." Ab 2019 könne das Unternehmen diese Leistungen nicht mehr erfüllen, wenn bis dahin nicht die ersten neuen Züge da seien: "Und da sagen wir: Das ist wirklich eine Notlage."

Doch die Konkurrenz am Markt widerspricht und fordert, dass die BVG die europäischen Ausschreibungsregeln einhält. Immerhin habe dieser "Notauftrag" ein Volumen von 120 Millionen Euro. Auch der U-Bahnwagenhersteller Siemens will sich das nicht entgehen lassen, droht der BVG mit einer Klage vor der Vergabekammer, sagt Karl Peter Naumann. Er ist Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn: “Dann mahlen die Mühlen der Justiz, und das kann immer dauern, das wissen wir alle." Er empfiehlt den Streitparteien Gespräche, denn die Zeit dränge: "Wir haben keine Zeit, ein oder zwei Jahre Prozesse zu führen." Aus diesem Grund müssten BVG und Senat auf Wettbewerber wie Siemens zugehen und nach einer außergerichtlichen Lösung suchen.

Sendung: Inforadio, 28.11.2017, 08.27 Uhr

Beitrag von Bettina Meier

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

14 Kommentare

  1. 14.

    einfach nur hässlich...die neue U-Bahn....am schlimmsten innen....zu hell....und die vielen Monitore...nichtssagend ...nur die Bahnhöfe,keine Anschlüsse zu anderen Verkehrsmitteln in der Anzeige..wozu braucht man alle 3 m diese Monitore....
    Es gibt sicherlich andere Hersteller von U-Bahnen ,die wesendlich schönere Züge bauen..oder hat die BVG wieder alles in Grund und Boden gespart bei der Ausstattung der Züge.

  2. 13.

    Ich habe schon vor Jahren vorausgesagt, dass diese Situation eintreffen würde. Das war auch gar nicht schwer, denn das Problem der Wagenknappheit besteht schon seit Jahren. Davon kann die BVG nicht allen Ernstes überrascht worden sein.

  3. 12.

    Wir sind mit diesen neuen schmalen Waggons, die wohl Kleinprofil heißen, auf der U5 gefahren. Ich konnte es fast nicht glauben. Eine gestalterische Katastrophe. Eng, dazu völlig knallweiß überbelichtet. Massenhaft leuchtende Kästchen mit der Zielanzeige, die keine Haltepunkte, sondern tatsächlich nur den Endbahnhof ausweisen. Was soll das? Das gesamte Design könnte auch von 1985 sein. Berlin - der internationale Hotspot, innovativ, StartUp-Stadt usw. - ein echt schlechter Witz ist die Neuanschaffung fürs Image der ach so hippen deutschen Hauptstadt. Und schauen Sie doch mal nach München - da wurden auch neue U-Bahn-Waggons bestellt. Die sind deutlich bemühter gestaltet und zumindest heutiger als das Berliner Modell. Deren Hersteller ist übrigens SIEMENS. Meine Lieblingsansage in solch pragmatischen Fällen: Hässlich kostet auch Geld! Und wer hat denn diese Notlage zu verantworten mit deren Ergebnis noch nachfolgende Generationen rumfahren dürfen? Den Filz dahinter kann man nur erahnen.

  4. 11.

    Der bestehende Auftrag an Stadler umfasst die Baureihe IK für das Kleinprofil der Berliner U-Bahn. Die Baureihe F79, die in diesem Fall ausgetauscht werden muss, fährt allerdings im Großprofil. Deswegen handelt es sich um einen eigenen Auftrag, der eigentlich europaweit ausgeschrieben werden müsste.
    Die BVG handelt wahrscheinlich auch in eigenem Interesse, wenn sie den Auftrag an Stadler vergibt, erstens weil sie mit diesem Unternehmen bereits zusammen arbeitet und gute Erfahrung mit der Baureihe IK gemacht hat und zweitens weil die Züge so zueinander kompatibel gebaut werden können, sodass keine erneuten Schulungen für die Fahrzeuge nötig sind.

  5. 10.

    1. Siemens schafft es nicht pünktlich die neuen ICE 4 zu liefern ( über 3 Jahre Verzug)
    2. Sie haben Verzug bei einem Großauftrag über Doppelstock Züge die sie der Fa. Stadler streitig gemacht haben.
    3. Hat Siemens überhaupt ein Model was FERTIG entwickelt ist, auf die Bedürfnisse der BVG abgestimmt ist und auch mit den älteren Zügen in Traktion fahren kann??
    4. Kann Siemens irgendein Fahrzeug bis 2019 Liefern?
    Die BVG möchte auch keinen Bunten Fuhrpark haben.

    Das treibt die Kosten für Reparaturen und Schulungen etc. in die Höhe was sich wieder auf die Fahrkosten übertragen könnte.

    Also JA zu Stadler!!!!

  6. 9.

    Handelt es sich hier nicht lediglich um die Änderung des Umfangs eines bestehenden Auftrags, der durch Ausschreibungen bereits abgesichert ist?

    Warum sollte ein und dieselbe Sache ein zweites Mal ausgeschrieben werden müssen?

    Und was hindert Siemens daran, von sich aus ein Konkurrenzfähiges Angebot zu machen, einschließlich Garantien für Preis, Instandhaltungskosten sowie Lebensdauer der Fahrzeuge, unterlegt durch Bankbürgschaft samt Sicherungsfonds?

  7. 8.

    "Empfohlene Betriebsdauer" ist lustig: Sie tun so, als wären dreißig Jahre für U-Bahn-Wagen, die fast ihr ganzes "Leben" vor der Witterung geschützt im Tunnel verbracht haben, eine lange Zeit.

    In Wahrheit ist es kurz. In Berlin fahren viele U-Bahn-Wagen herum, die älter sind. Das Problem mit der Serie von 1979 ist, dass sich dort die Wagenkästen als weniger haltbar erwiesen haben als gedacht. Das trifft wohl auch auf andere Serien aus jener Zeit zu.

    Das Problem der BVG ist, dass sie schon heute - MIT den F79 - einen akuten Fahrzeugmangel hat, was sich bereits an ständigen Ausfällen oder Verkürzungen von Zügen äußert. Eine der viele Folgen der Politik unter Wowereit, als die Stadt kaputtgespart wurde und der Senat viele Dinge einfach so laufen ließ. ohne wirklich an Morgen zu denken.

  8. 7.

    Wenn es mal nur die BVG wäre wo der Senat schwere Fehler gemacht hat. Schauen wir uns doch die Ausschreibung der S-Bahn an. Große Ankündigung das mehr Wettbewerb stattfinden soll bei der S-Bahn und dann dieses Chaos. Wenn Berlin eine AG wäre dann hätten die Aktionäre diesen Vorstandsvorsitzenden Müller schon längst entlassen. Berlin ist eben nicht nur zweitklassig sondern schon Fünfklassik.

  9. 6.

    Rotzfrech kommt weiter! Oder? Wo lässt der U-Bahnwagenhersteller Siemens bauen? Ist es Tschechien? Indien? Siemensstadt darf sich nun einen neuen Namen suchen. Siemens ist bestimmt nicht billiger - denke an die Gier und die unersättlichen Aktionäre. Stadler in Berlin hat seine Berechtigung und sichert Arbeitsplätze. BVG, gibt es noch Sigrid Evelyn Nikutta? Der Name fällt in der letzten Zeit auffallend wenig, ja gar nicht auf. Ist die Dame schon bei der Deutschen Bahn? rbb?

  10. 5.

    Es ist doch auch eine " Notfallbeschaffung". Sicher hätte die BVG eher beginnen müssen neue Fahrzeuge zu beschaffen. Man hätte ja auch bei der Ausschreibung und dem Vergabeprozedere auf die Bremse drücken können, aber man hätte das geplant. Hier sind tatsächlich Parallelen zur S - Bahn erkennbar. Allerdings hat Siemens auch gesagt das sie nicht schnell neue Züge bauen können! Damit sind sie m.E. raus!

  11. 4.

    Wenn man mit Schmiergeld die Aufträge nicht bekommt, dann mit Klagen?
    Siemens sollte seinen Vorstand aufräumen, bevor sie 'rum jammern. Dann benehmen die Damen und Herren sich vielleicht wieder wie ein Industrieunternehmen und nicht wie ein Hedgefonds.

  12. 3.

    Siemenes sollte mal ganz ruhig bleiben. Wer will den grad tausende von Stellen in
    Deutschland streichen??? Stadler baut seine Züge in Berlin-Pankow und damit
    siond auch wieder deutsche Arbeitsplätze gesichert.

    Interessant wäre doch mal zu wissen, ob Siemens auch die U-Bahnen zu dem Preis
    von Stadler bauen kann und auch zum bestimmten Zeitpunkt. Ich glaube nicht.

    Wenn die BVG seit Jahren mit Stadler gute Ergahrungen gemacht und das Preisangebot
    von Stadtler auch stimmt - warum nicht. Von europaweiten Ausschreibungen halte ich bei
    etlichen Vergaben überhaupt nix.

  13. 2.

    Ne europaweite Ausschreibung würde eh Stadler gewinnen. Die haben nicht ohne Grund die letzte U-Bahn-Ausschreibung in Berlin gewonnen. Siemens ist ein Riesenkonzern mit Abermilliarden an Gewinnen und hat diesen Auftrag nun wahrlich nicht nötig. Ausserdem schmeisst Siemens seine Leute auch raus wenn sie Gewinn machen. Einfach weil sie das können.

  14. 1.

    Na mal sehen ob der RBB da auch ne Sondersendung zu bringt. Ach nein, das passiert nur wenns bei der S-bahn schief läuft.

Das könnte Sie auch interessieren