Ein Verkäufer schiebt Kisten durch das Dong Xuan Center in Berlin-Lichtenberg (Quelle: imago/koall)
Audio: Inforadio | 20.11.2017 | Marie Asmussen | Bild: imago/koall

Dong Xuan Center an der Herzbergstraße - Vietnams blühende Landschaft im Lichtenberger Industriegebiet

Textilien, Nippes oder asiatische Lebensmittel – der Dong Xuan Markt in Lichtenberg hat sich zu einem Klein-Vietnam in Berlin entwickelt. Und er wächst weiter. Sogar spezielle Steuerberater und Anwälte sind dort zu finden. Von Marie Asmussen  

Dong Xuan ist vietnamesisch und bedeutet "blühende Wiese". Dong Xuan Center heißt auch der riesige Asia-Markt im Industriegebiet von Berlin-Lichtenberg. Wer von der Herzbergstraße durch eine schmale, unscheinbare Toreinfahrt geht, landet unerwartet auf einem riesigen Areal. Große Leichtbauhallen stehen nebeneinander, alle nach demselben Muster eingerichtet. Von einem schmalen, endlos langen Gang zweigen rechts und links die schlichten, fensterlosen Verkaufsräume ab. In ihnen gibt es fast alles: vom glitzernden Plastik-Weihnachtsbaum "made in China" über Herrenhosen für sieben Euro das Stück, regalmeterweise bunte BHs, billigstes Spielzeug bis hin zu authentischen Spezialitäten für die vietnamesische Küche.

Große Halle im Dong Xuan Center aus der Vogelperspektive fotografiert (Quelle: imago/koall)
Große Hallen, riesige Flächen für das Lichtenberger Mini-Vietnam | Bild: imago/koall

Olaf kauft ein - seine Frau lässt sich die Nägel verschönen

Olaf ist hier Kunde. Er betreibt in Hamburg einen Laden für Kleider und Souvenirs. Ein- bis zweimal im Monat kommt der Kaufmann nach Lichtenberg, um sich mit Waren einzudecken. Heute guckt er nach Puppen und Schals. Die würde er wohl auch in Hamburg kriegen, aber nicht zu diesem Preis. Seine Bestellung wird ihm zugeschickt. Diesen Service findet der Hamburger super. Seine Frau lässt sich gerade die Fingernägel schick machen. Nagelstudios gibt es im Dong Xuan Center fast noch mehr als Friseure.

 

Ein Nagelstudio im Dong Xuan Center (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Eines von vielen Nagelstudios im Center | Bild: rbb/Marie Asmussen

Längst zieht der Großhandelsmarkt auch Privatkunden an – wie Paul. Der Student ist zum ersten Mal hier und braucht ganz viel doppelseitiges Klebeband, das es auf diesem Markt billig geben soll. Martina aus Marzahn kommt öfter her und kauft preiswerte Kleidung, auch für ihre Kinder. Das schmucklose Ambiente stört sie nicht. Schließlich will sie hier nicht wohnen, sondern nur einkaufen.

Nguyen Van Hien (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Besitzer Nguyen Van Hien will noch weiter expandieren. | Bild: rbb/Marie Asmussen

Nguyen Van Hien will noch eine Nudelfabrik bauen

Bis zur Wende hatte der VEB Elektrokohle seinen Sitz hier. Im Jahr 2003 kaufte Nguyen Van Hien das weitläufige Gelände. Der heute Sechzigjährige hatte zu DDR-Zeiten als Vertragsarbeiter beim Baukombinat Ost in Potsdam gearbeitet. Nach der Wiedervereinigung blieb er, machte sich als Einzelhändler selbstständig und gründete schließlich das Dong Xuan Center. Mittlerweile besteht es aus acht Hallen, aber Van Hien will noch weiter expandieren: "Wir haben geplant, hier noch eine Halle zu bauen und auch eine Nudelfabrik. Für Spezialnudeln, die wir zurzeit aus Vietnam oder aus China kaufen müssen." Mit diesen Nudeln aus Lichtenberg sollen vietnamesische Restaurants in ganz Europa beliefert werden

Tourguide Minh Nguyen Huu (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Minh Nguyen Huu zeigt Interessierten das Center. | Bild: rbb/Marie Asmussen

Führungen für Touristen

Im Dong Xuang Center arbeiten schätzungsweise 1.500 Berliner Vietnamesen: in Handelsgeschäften, Restaurants, Friseursalons, Nagelstudios oder als Tourguide, wie Minh Nguyen Huu. Der Student bietet regelmäßig Führungen durch das Center an. Für Touristen, interessierte Berliner, für Firmenbelegschaften und demnächst auch für eine Schülergruppe mit Leistungskurs Wirtschaft. Der Vater des jungen Mannes war einst als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen und ist als Händler in Berlin geblieben: "Meine Eltern leben von dem Center. Sie sind selbständige Textilverkäufer auf dem Wochenmarkt, kaufen ihre Ware hier bei den Großhändlern und verkaufen sie an andere Kunden weiter."

Fahrschule für Berliner Vietnamesen im Dong Xuan Center (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Anwälte, Steuerbüros oder Fahrschulen: Lichtenberg sei die Hauptstadt der Vietnamesen, so Nguyen Van Hien. | Bild: rbb/Marie Asmussen

Anwälte, Dolmetscher und Fahrschulen für Vietnamesen

Anfangs gab es in den Hallen fast nur vietnamesische Kundschaft. Längst kommen auch Deutsche her. Die einen sind auf Schnäppchenjagd, die anderen wollen spezielle asiatische Lebensmittel kaufen. Das Dong Xuan sei mittlerweile nicht nur ein Handelszentrum, auch Kulturveranstaltungen fänden statt. "Hier treffen sich Gruppen von Vietnamesen, die aus derselben Region kommen. Hier werden Hochzeiten gefeiert", sagt Minh Nguyen Huu. Außerdem haben sich viele Dienstleister angesiedelt mit Angeboten für Vietnamesen: Anwälte, Steuerberater und Dolmetscher haben sich in Büros auf dem Gelände niedergelassen. Auch vietnamesische Fahrschulen werben hier mit Plakaten für ihre Dienste. Das Konzept funktioniert, die Warteliste mit Händlern, die sich hier einmieten wollen, ist lang.

Ruine des Kulturhauses VEB Elektrokohle (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Das ausgebrannte Kulturhaus soll wieder aufgebaut werden. | Bild: rbb/Marie Asmussen

Der Wildwuchs soll weg

Auf dem Parkplatz kurven Autos umeinander, Fußgänger müssen sich vor an- und abfahrenden Lieferwagen in Acht nehmen. Vieles hier scheint improvisiert und wild gewachsen. Das soll sich nun ändern. Nguyen Van Hien, Chef des Dong Xuan Centers, hat ein Kreuzberger Planungsbüro beauftragt, das Gelände zu entwickeln und zu verschönern – inklusive der alten Gebäude des einstigen VEB Elektrokohle.

Van Hien will die Altbauten wiederbeleben. Das denkmalgeschützte einstige Laborgebäude ist schon zum schicken Hotel umgebaut. Das Kulturhaus nebenan sieht dagegen alles andere als schick aus. Nach einem Brand – dem zweiten nach dem Großfeuer in einer Lagerhalle auf dem Gelände – musste der Mittelteil des Gebäudes mit dem großen Saal abgerissen werden. Was übrig geblieben ist, macht einen ausgesprochen trostlosen Eindruck, findet Nguyen Van Hien: "Es sieht zur Zeit nicht schön aus. Das macht mich ein bisschen traurig. Wir finden keine Baufirma. Wir wollen so schnell wie möglich sanieren."

Auch die Kultur soll ihren Platz bekommen

Der Aufbau hätte schon längst in Gang sein sollen, doch bei der derzeit boomenden Konjunktur, wollte bisher niemand den Auftrag übernehmen, sagt der Architekt René Krüger vom beauftragten Planungsbüro Plus4930. Aber Krüger ist optimistisch: "Wir sind jetzt wieder in der Phase der Verhandlung mit Anbietern und sind guten Mutes, dass wir Ende diesen Jahres oder im ersten Quartal 2018 dann wirklich beginnen können."

Dann soll neben Handel und Gewerbe auch die Kultur hier endlich einen Platz bekommt. Das neue alte Kulturhaus solle so etwas wie das Herzstück werden in der wachsenden Asia-Town, mit Bühne und einem großen Saal – wie früher, "wo alles Mögliche hier stattfand: von der Jugendweihe über die Feier von diversen Parteitagen bis hin zu Einschulungen." Nicht zu vergessen: das legendäre Konzert der West-Berliner Band Einstürzende Neubauten im Dezember 1989.

DXC Masterplan (Plus4930 Planungsgesellschaft/René Krüger)
Das Bebauungskonzept für das Dong Xuan Center, entwickelt vom Planungsbüro Plus4930. | Bild: Plus4930 Planungsgesellschaft/René Krüger

Im wiederaufgebauten Kulturhaus sollen auch Messen stattfinden, Seminare für Existenzgründer, Konferenzen, Kunstausstellungen und Konzerte. Nicht nur für die vietnamesische Community sondern für alle interessierten Menschen in Lichtenberg, dem Bezirk, der für den Gründer des Dong Xuan Centers so etwas wie die zweite Heimat geworden ist: "Lichtenberg ist die Hauptstadt der Vietnamesen in ganz Deutschland, nicht nur in Berlin." Nguyen Van Hien sagt das mit einem gewissen Stolz auf seine Stadt und auf das, was er hier geschaffen hat. Dann greift er seine Aktenmappe. Er muss weiter – zum nächsten wichtigen Termin.

DXC Kulturhaus Dach (Quelle: Plus4930 Planungsgesellschaft mbH/René Krüger)
Visionär: So könnte es künftig aussehen. | Bild: Plus4930 Planungsgesellschaft mbH/René Krüger

Beitrag von Marie Asmussen, Inforadio

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Schon beeindruckend. Weiter machen.

  2. 1.

    Herzlichen Glückwunsch! Ich erinnere mich noch an die Nachwendezeit und die integrationsfeindlichen Innenministerkonferenzen, die durchsetzten möglichst viele (auch vietnamesische) "Vertragsarbeiter" mit ihren Familien aus der ehemaligen DDR abzuschieben.

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