Krankenhaus. Krankenschwestern transportieren eine Patientin mit dem Bett innerhalb der Krankenstation
Bild: imago/Jochen Tack

Datenauswertung - Kollegen auf Bestellung: Zeitarbeit in Berlin und Brandenburg

Berlin und Brandenburg melden einen Beschäftigungsboom. Damit steigt auch die Zahl der Zeitarbeiter. Mehr "Entliehene" werden in der Lagerwirtschaft eingesetzt, aber auch in der Pflege und bei der Kinderbetreuung. Manche wählen das Modell bewusst. Von Andrea Marshall und Götz Gringmuth-Dallmer

Zeitarbeiter werden inzwischen in vielen Branchen eingesetzt: sogar im Bundestag. Im vergangenen Sommer seien im deutschen Parlament insgesamt 30 Sekretariats- und Schreibkräfte einer Berliner Zeitarbeitsfirma zu Niedriglöhnen tätig gewesen sein, berichtet der "Stern".  

Zeitarbeiter, die vorübergehend zusätzlich zu den Festangestellten eingesetzt werden, fangen in der Regel Auftragsspitzen ab - wenn also außergewöhnlich viel zu tun ist und die Arbeit mit der üblichen Belegschaft nicht bewältigt werden kann. Dies galt im übertragenen Sinn auch für den Bundestag: Bei gleich vier Untersuchungsausschüssen fiel 2016 jede Menge Schreibarbeit an. Doch durch den Wechsel der Wahlperiode gibt es solche Ausschüsse momentan nicht. Und so fangen aktuell nur noch zwei Zeitarbeitskräfte im Bundestag Personalengpässe durch Krankheit oder ähnliches auf, wie die Verwaltung rbb|24 mitteilte.

Gute Konjunktur bringt auch mehr Zeitarbeit

Insgesamt arbeiten in Deutschland – in absoluten Zahlen – immer mehr Zeit- beziehungsweise Leiharbeiter. Waren es im Jahr 2013 rund 865.000 Beschäftigte, so stieg die Zahl 2016 auf knapp 991.000. Die Gewerkschaften befürchten, dass Unternehmen ihre Stammbelegschaft verkleinern und unter anderem durch die flexibleren und oft kostengünstigeren Zeitarbeiter ersetzen könnten. Um dies zu verhindern, gilt seit 1. April ein neues Gesetz (siehe Infokasten unten).

Doch von einem echten Trend zu mehr Zeitarbeit will die Professorin Elke Jahn vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nicht sprechen. Mit dem Wirtschaftsaufschwung sei die Gesamtzahl der Beschäftigten gestiegen, und der Anteil der Zeitarbeit daran habe sich kaum verändert, sagte Jahn rbb|24. Laut der Bundesagentur für Arbeit lag der Anteil 2013 bei 2,5 Prozent, im Jahr 2016 waren es 2,7 Prozent. Diese Angaben zeigen auch: Sehr weit verbreitet ist Zeitarbeit in Deutschland nicht.

"Im Aufschwung greifen Unternehmen stärker auf Zeitarbeiter zurück – als Puffer", erklärt die Arbeitsmarktexpertin Jahn den Anstieg. Außerdem sei der Markt für Facharbeiter leergefegt. Zeitarbeiter seien oft angelernte Kräfte, viele kämen aus der Arbeitslosigkeit, viele würden für Helfertätigkeiten eingesetzt. Das sei auch einer der Gründe für die große Lohnlücke zwischen Zeitarbeiter und Stammbelegschaft (siehe Infokasten unten).

Berlin knapp 40.000, Brandenburg 21.000 Zeitarbeiter

In Berlin waren 2016 insgesamt 38.460 Menschen als Zeitarbeiter beschäftigt, in Brandenburg waren es 21.141. Auch hier sind die absoluten Zahlen nur leicht gestiegen – aber das gilt auch für die Gesamtzahl der Beschäftigten. Die Quote der Zeitarbeiter an der Gesamtzahl der Beschäftigten liegt mit 2,4 Prozent (Brandenburg) bzw. 2,6 Prozent (Berlin) leicht unter dem Bundesdurchschnitt von 2,7 Prozent.

Die langfristige Entwicklung in Berlin und Brandenburg zeigt jedoch ein drastischeres Bild: In den zehn Jahren zwischen 2007 und 2017 hat sich die Zahl der Leiharbeiter mehr als verdoppelt. Es gibt in der Region zudem viele Menschen, die in anderen Formen prekärer Beschäftigung arbeiten, zum Beispiel mit befristeten Arbeitsverträgen, in Minijobs oder als Solo-Selbständige.

   

Mitarbeiter von Amazon suchen am 28.11.2013 im Logistikzentrum Amazon in Brieselang (Brandenburg) die bestellten Artikel für die Kunden heraus. (Quelle: dpa)Besonders in der für Brandenburg so wichtigen Logistikbranche werden viele Beschäftigte als Zeitarbeiter angestellt.

Lagerwirtschaft hat die meisten Zeitarbeiter

Die Branche "Verkehr und Logistik" beschäftigt die meisten Zeitarbeiter in der Region. In Brandenburg waren das 2016 insgesamt 7.930 Menschen, vor allem in der Lagerwirtschaft - eine Steigerung um 72 Prozentpunkte seit 2014. In Berlin lag die Zahl bei 6.551 (plus 34 Prozentpunkte).

Möglicherweise hat dieser Anstieg mit der Ausweitung des Onlinehandels zu tun, sagt Andreas Splanemann von der Gewerkschaft Verdi. Auch die größere Zahl von Liefer- und Bringediensten könnte eine Rolle spielen. Deren Mitarbeiter werden nach Lagertarif bezahlt und nicht nach Einzelhandelstarif (den die Gewerkschaft fordert).  

Ähnlich viele Zeitarbeiter - Platz zwei - sind in Berlin in kaufmännischen Dienstleistungen, im Handel, Vertrieb und Tourismus beschäftigt. In diesen Bereich fallen auch die Gastronomie sowie Büro- und Sekretariatstätigkeiten.

   

Ein Metallarbeiter bei Fräsarbeiten (Bild: colourbox)

Metallwirtschaft stark verteten

In Brandenburg werden nach der Verkehrs- und Logistikbranche Zeitarbeiter vor allem in der Metallbearbeitung sowie beim Metallbau und der Schweißtechnik eingesetzt. Ihre Zahl stieg zwischen 2014 und 2016 von 2.449 auf 3.220 (plus 31,5 Prozentpunkte).

   

Gesundheit und Soziales legt zu

Die prozentual höchste Steigerung in Brandenburg findet sich aber bei Tätigkeiten aus dem Bereich "Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung". Gab es hier 2014 nur 143 Leiharbeiter, so waren es 2016 schon 815, ein Anstieg von fast 470 Prozentpunkten. Diese Arbeitskräfte waren 2016 vor allem im Bereich Erziehung/Sozialarbeit/Heilerziehungspflege tätig sowie in der Kranken- und Altenpflege.

"Pfleger wollen selbst bestimmen, wie sie eingesetzt werden"

Das Plus bei der Zeitarbeit in Krankenhäusern und der Alten- bzw. Hauskrankenpflege habe mit der zunehmend geforderten Leistung und der Arbeitsbelastung zu tun, erklärt Meike Jäger von der Gewerkschaft Verdi. Stationen seien unterbesetzt, die Belastung steige - es komme zu gehäuftem "Dropout". "Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist erschöpft – es gibt zu wenig Nachwuchs, der Wettbewerb um Fachkräfte ist enorm", sagt Jäger.

"In der Folge haben die Beschäftigten erkannt, dass sie bei Leiharbeitsunternehmen viel besser bestimmen können, wie, wann und gegebenenfalls sogar wo sie eingesetzt werden; sie können sich sozusagen die Dienste nach ihren Präferenzen aussuchen - zum Beispiel lieber Nachtdienste, nur vormittags, keine Onkologie oder ähnliches." Dies habe in den letzten zwei oder drei Jahren dazu geführt, dass auch qualifizierte Fachkräfte ihre Arbeitszeit beim Hauptarbeitgeber reduziert hätten, um bei einem Leiharbeitsunternehmen ergänzend zu den von ihnen gewünschten Zeiten zu arbeiten.

"Sie arbeiten sozusagen arbeiten mit Stand- und Spielbein", sagt Jäger. Dies scheine sich auch zu rechnen: "Wir bekommen Berichte, dass man mittlerweile mit dem ergänzenden Teilzeitjob ein höheres Einkommen erzielen kann als wenn man Vollzeit beim Hauptarbeitgeber arbeiten würde. Da sich die Betrachtung meist nur auf das Gehalt und nicht aus die sonstigen sozialen Leistungen bezieht, mag das stimmen."

Symbolbild: Ein Erzieher liest Kindern aus einem Buch vor. (Quelle: imago/epd)Die Zahl der Zeitarbeiter bei den Erziehern und Betreuern hat sich in Brandenburg ungefähr verdoppelt.

Mehr Kinderbetreuung in Zeitarbeit

Ein Anstieg der Zeitarbeit in der Berufsgruppe Erziehung/Sozialarbeit/Heilerziehungspflege zeigt sich auch, wenn man sich die längerfristige Entwicklung seit 2013 anschaut. Das belegt eine Auswertung der Bundesagentur für Arbeit für rbb|24. Waren es im März 2013 in Berlin noch 662 Zeitarbeitskräfte, so lag die Zahl vier Jahre später bei 1.301. In Brandenburg stieg die Zahl im selben Zeitraum von 226 auf 302.

Der Anstieg ist laut Arbeitsagentur überwiegend auf eine höhere Beschäftigung von Kinderbetreuern und –erziehern in Zeitarbeit zurückzuführen.

Andreas Splanemann von der Gewerkschaft Verdi sieht dahinter den starken Kostendruck, den Kindertagesstätten, die von öffentlicher in private Trägerschaft überführt wurden, ausgesetzt seien, sowie den massiven Fachkräftemangel.

Die Berliner Bildungsverwaltung erklärte auf Anfrage, gerade angesichts des Fachkräftemangels sollten feste und unbefristete Einstellungen vorgenommen werden. Der Senat, der die Erzieher der Berliner Schulen einstellt, tue genau das. Für das Personal der Kitas seien die Eigenbetriebe sowie die einzelnen Kita-Träger verantwortlich.

Arbeitnehmerüberlassungsgesetz

Neue Regeln zur Dauer und zu Lohnunterschieden

Seit dem 1. April gilt ein neues Gesetz für Leiharbeiter: Sie dürfen im Normalfall nur noch 18 Monate am Stück in einem Entleihbetrieb bleiben. Danach muss eine dreimonatige Unterbrechung erfolgen. Allerdings gibt es Ausnahmen von dieser Regel.

Im Schnitt verdienen Leiharbeiter 1.300 Euro weniger als andere Vollzeitbeschäftigte, geht aus einer Anfrage der Linken-Bundestagsfraktion von 2016 hervor - eine Lohnlücke von 42 Prozent. Allerdings: Die Qualifikation von Zeitarbeitern liegt häufig auch unter der der anderen Angestellten, und die Tätigkeiten unterscheiden sich (mehr Helfertätigkeiten).

Seit dem 1. April gilt deshalb: Geringere Entlohnung nach den Tarifen der Zeitarbeitsbranche ist nur noch in den ersten neun Monaten der Arbeitnehmerüberlassung möglich. Nach neun Monaten müssen Zeitarbeiter dasselbe bekommen wie die Stammbelegschaft ("Equal Pay"). Viele bleiben aber gar nicht so lange.

Beitrag von Andrea Marshall und Götz Gringmuth-Dallmer

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