Jemand entsperrt ein oBike mit einer Handy-App (Quelle: Li Mangmang / imago)
Bild: imago stock&people

Interview | Asiatische Leihräder für Berlin - "Datensammeln gehört offenbar zum Geschäftsmodell"

Warum sollen in Berlin Hunderte asiatischer Billigräder aufgestellt werden - obwohl es schon so viele Leihräder gibt und die Berliner zugleich als Leihrad-Muffel gelten? Martina Hertel vom Deutschen Institut für Urbanistik erläutert es im rbb-Interview.

rbb|24: OBike aus Singapur will im November 500 Leihräder in Berlin aufstellen, und auch die Anbieter Yobike, Mobike, Zenjoy oder Ofo wollen bald nachziehen. Was erhoffen sie sich hier in einer Stadt, in der es schon über 5.000 Leihräder gibt - die bislang noch nicht so richtig viel genutzt werden?

Das fragen wir uns auch. Das sind Firmen, die auf dem asiatischen Kapitalmarkt im großen Stil Geld eingesammelt haben – wir schätzen in Größenordnungen von rund sieben Milliarden Euro. Sie möchten nun ihr Kapital mehren. Wir gehen davon aus, dass sie dabei an den Nutzerdaten interessiert sind. Denn man muss sich per App registrieren, und die Nutzerdaten werden anschließend getrackt. Wir gehen davon aus, dass das deren Geschäftsmodell ist.

Was kann man denn mit diesen Daten anfangen?

Wenn man weiß, wo die Leute langfahren, kann man den Nutzern personalisierte Werbung schicken: Wenn du bei Zalando, H&M oder DM vorbeifährst, dann geh doch rein, denn da gibt es dies und das heute im Angebot. Wenn Nextbike, das von der Stadt Berlin gefördert wird, versuchen würde, so etwas zu machen, würde das Unternehmen einen Heidenärger mit dem Datenschutzbeauftragten bekommen.

Der oBike-Regionalmanager Marco Piu versucht, diese Zweifel zu zerstreuen. Er beteuert: Wir verkaufen keine Daten an Dritte.

Selbst wenn sie das nicht an Dritte verkaufen, sie können die Daten ja selber nutzen.

oBike will in Berlin günstigere Tarife anbieten als Nextbike und Lidl-Bike. Ist das nicht gut für den Wettbewerb?

Die Fahrräder, die Lidl-Bike und Nextbike anbieten, sind qualitativ relativ hochwertig. Sie haben eine Gangschaltung, sie sind robust, sie haben einen gesunden Standard. Diese chinesischen Fahrräder haben einen sehr einfachen, teilweise zweifelhaften Standard: Sie haben Vollgummibereifung, sie haben keine Gangschaltung und sind in hügeligen Städten gar nicht nutzbar. Und sie waren am Anfang auch viel zu klein. In München und Frankfurt hat oBike den Markt überschwemmt mit Fahrrädern, die in der Herstellung einen Bruchteil dessen kosten, was die Fahrräder der Konkurrenz kosten.

Trotz dieser niedrigen Kosten – werden es die asiatischen Anbieter in Berlin nicht besonders schwer haben? In Berlin wurden die Nextbike-Räder bislang im Schnitt weniger als einmal pro Tag ausgeliehen.

Das ist tatsächlich wenig im Vergleich mit etwa Hamburg. Dort werden Leihräder meines Wissens mehr als achtmal pro Tag ausgeliehen.  Das hängt auch damit zusammen, dass Berlin einen relativ hohen Fahrradbestand hat - viele Leute haben eigene Räder im Keller. Allerdings sind die Berliner Anbieter erst kurzer Zeit am Start, das System von Nextbike ist noch gar nicht richtig installiert. Da muss man schon nochmal die Chance geben, dass sich das System etabliert und die Leute wissen, wo die Stationen sind. Das passiert nicht über Nacht.

Nextbike wollte eigentlich über 700 Standorte in Berlin installieren, hat bislang aber nur rund 200 Standorte von den Bezirken genehmigt bekommen. Die Mühlen der Berliner Bürokratie mahlen eben langsam. Zu langsam?

Das ist ein typisches Problem. Auch in Nürnberg hat der Denkmalschutz wahnsinnige Auflagen gemacht. oBike aber kümmert sich bislang gar nicht um diese Abstimmungen. Die stellen ihre Räder einfach mitten in die Straßenlandschaft und sagen: Seht, wie ihr damit umgeht.

Berlin will das nicht zulassen – und hat oBike mitgeteilt, dass es bei jedem Bezirk, in dem es aktiv wird, eine Sondernutzungsgenehmigung beantragen muss. Was ist, wenn oBike oder andere Anbieter sich nicht daran halten?

Wenn der Bezirk sich klar dazu bekennt, und Anbieter sich nicht daran halten, dann hat der Bezirk das Recht, die Räder abzuräumen. Es ist natürlich die Frage, ob das Bezirksamt schnell genug ist, die Räder abzuräumen, bevor die Anbieter sie selbst umverteilen. Das könnte ein Katz-und Maus-Spiel werden. Die große Frage, die im Raum steht, ist zudem: Warum gehen die asiatischen Anbieter nicht in die kleineren Städte - da, wo wir sie wirklich bräuchten, weil die kleineren Städte von sich aus zu wenig Geld haben, ein Verleihsystem mit Fördergeldern aufzubauen?

Sie meinen also auch zum Beispiel nach Brandenburg?

Genau, es gibt da eine Reihe von kleinen Städten, die sie wahrscheinlich mit Kusshand nehmen würden. Wir sagen den asiatischen Anbietern deshalb: Bitte geht in die Provinz, da wo es nicht so viel mit öffentlichen Geldern aufgebaute Verleihsysteme gibt. Aber das passiert nicht. Stattdessen verstopfen die Billigräder große Städte, die ohnehin schon enorme Flächenprobleme haben.

Was kann denn Berlin dagegen tun, dass S-Bahnhaltestellen künftig nicht überquellen vor bunten Verleihrädern verschiedenster Anbieter?

Viele asiatische Städte hatten genau dieses Problem. Sie haben deshalb das geofencing, also feste, digitale Zonen eingeführt. Nur innerhalb dieser Zonen können die Fahrräder ausgeliehen oder abgegeben werden. Wer sich nicht daran hält, der erhält eine Geldstrafe und das Rad wird von der Stadt abgeholt. Das wäre die Weiterentwicklung einer physischen Station auf digitalem Wege. In Berlin sollten solche Zonen nicht auf dem Bürgersteig, sondern im Straßenraum liegen.

Das klingt technisch anspruchsvoll. Da fehlt mir ein bisschen der Glaube, dass Berlin das hinbekommt.

(lacht). Das haben Sie jetzt gesagt, nicht ich.

Das Interview führt rbb|24-Redakteur Robin Avram

Beitrag von Robin Avram

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Unglaublich, es ist schade, dass so viele Rohstoffe und Arbeitseinsatz verkommen sollen. Die Fahrräder sollten verschenkt werden - ich würde gern eines davon nehmen.

  2. 3.

    Die ersten oBikes stehen jetzt am Kudamm. Die App klappt einwandfrei, lediglich die Räder sind gewöhnungsbedürftig: klein, harte Bereifung und keine Gangschaltung - aber für die letzte Meile ausreichend. Bleibt zu hoffen, dass es Shared Bikes bald auch außerhalb des S-Bahn-Rings gibt.

  3. 2.

    Gerne würden wir einige Missverständnisse klären. Die Räder sind TÜV-geprüft und entsprechen allen Anforderungen der Straßenverkehrsordnung. Die Ausstattung ist für die Nutzung in der Stadt vorgesehen und für kurze bis mittlere Distanzen abgestimmt. Zudem setzt oBike die Geofencing Funktion bereits ein. In Absprache mit den Städten werden „Verbotszonen“ eingerichtet. Wenn der Nutzer sein Rad dort abstellt, wird er über die App informiert. Tut er dies trotzdem, wird die Fahrt beim nächsten Mal teurer. Widerrechtlich abgestellte Räder werden von unserem Partner umgestellt. Wir sind aktuell in Gesprächen mit zahlreichen Kleinstädten, die sich auf die Einführung eines Bike-Sharing-Service freuen. Hier möchten wir betonen, dass wir in Berlin mit 700 Rädern starten – die Stadt also nicht „überfluten“. Zudem gehört das Datensammeln nicht zu unserem Geschäftsmodell. Wir machen kein Geld mit Daten und verkaufen diese auch nicht weiter.

  4. 1.

    Ich frage mich insbesondere, warum wir eine vom Steuerzahler finanzierte kostenintensive Forschung zum Thema Fahrradverleihsysteme benötigen ! Ansonsten Frau Hertel, warum entsteht an jeder Ecke ein neuer Supermarkt, obwohl bereits eine offensichtliche Sättigung der Nachfrage eingetreten ist ? Na, kommen sie drauf ? Zugegeben, das Georg-Orwell-Szenario hört sich da natürlich viel besser an, gut dass sie das für uns erforscht haben. In einem Punkt kann ich ihnen aber recht geben, Fahrräder in Berlin nerven, egal ob geliehen oder Eigentum, solange keine klaren Regeln zur Eingliederung in den Straßenverkehr gegeben sind respektive umgesetzt werden, helfe ich ihnen mit im großen Kampf gegen die bösen Fahrradverleihsystem ...

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