Mehrere Kühe stehen auf der Weide der Agrargenossenschaft Freiwalde/Schönwalde (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Audio: Inforadio | 14.11.2017 | Marie Asmussen | Bild: rbb/Marie Asmussen

Reportage | Viehdiebstahl in Brandenburg - Mit Betäubungspfeil und Strick auf Jagd

Es klingt nach Wildwest, ist aber Realität in Brandenburg: Manchen Bauern wurden bereits zum wiederholten Mal Rinder gestohlen. Wie auf einer Weide bei Freiwalde im Spreewald. Die Täter waren von der Vorgehensweise her Profis. Von Marie Asmussen

Mario Kraft ruft und die Herde setzt sich in Bewegung. 110 Rinder kommen anmarschiert: Kühe, Kälber und ein stattlicher Deckbulle. So ähnlich war das auch am Morgen nach dem Diebstahl, erzählt Agraringenieur Mario Kraft. Beim routinemäßigen Herden-Check wurde allerdings schnell klar, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Bei der Kontrolle lag ein totes Tier auf der Koppel. "Das war der erste Hinweis, dass was nicht stimmt", erzählt Mario Kraft. "Und bei der weiteren Kontrolle der Herde lief dann eine Färse [Anm. d. Red.: ein geschlechtsreifes weibliches Rind, das noch keine Kälber zur Welt gebracht hat] an uns vorbei, die einen Strick um den Hals hinter sich her zog." Beim weiteren Inspizieren sind die Mitarbeiter der Agrargenossenschaft dann auf die ersten Pfeile getreten.

Agraringenieur Mario Kraft steht mit Kühen auf der Weide (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Mario Kraft hat mit einem Kollegen die Betäubungspfeile auf der Weide gefunden. | Bild: rbb/Marie Asmussen

Diebe wurden wohl gestört

Mario Kraft ist bei der Agrargemeinschaft Freiwalde/Schönwalde (Dahme-Spreewald) für die Rinder, für die Milchkühe im Stall und für die Mutterkühe samt Nachwuchs draußen im Freien verantwortlich. Bis in den November hinein leben die Kühe mit ihren Kälbern auf der Weide. Die Weide dieser Herde liegt weit ab vom Dorf am Ende eines Feldwegs, in Hör- und Sichtweite der Autobahn 13 Berlin-Dresden.

Von einer Raststätte haben die Diebe die Herde womöglich entdeckt und dann ausgekundschaftet, wie sie mit einem Transporter nachts rankommen an die Tiere. Dabei haben sie einen holprigen Waldweg gefunden, den viele Einheimische als Zugang zur Weide gar nicht kennen. Beim Verladen der Beute müssen sie gestört worden sein.

Polizei geht von Profis aus

Denn normalerweise hinterlassen Viehdiebe keine Spuren - bis auf die Abdrücke der Lkw-Reifen. Liegen gebliebene Pfeile und Stricke deuten auf einen überstürzten Aufbruch hin. Sonst würden wahrscheinlich auch noch mehr als acht Kälber fehlen. Beim Landeskriminalamt geht man in diesem und in anderen Fällen von organisierten Profi-Banden aus, sagt die Sprecherin der Behörde, Karina Schulter.

So eine große Anzahl von Tieren könne nicht allein verladen und ausgesucht werden, so Karina Schulter. "Wir vermuten zudem, dass es sich dabei um Täter mit Fachkenntnissen handelt aus dem Bereich der Landwirtschaft. Das sieht man an den sehr schnellen Verladevorgängen und an der Auswahl der Tiere."

Soko "Koppel" untersucht Vorfälle

Bei Freiwalde hat man gezielt Jungrinder mitgenommen, die gerade groß genug waren, dass sie ohne Muttermilch auskommen konnten. In einem anderen Fall in Baruth (Teltow-Fläming) wurden Anfang Oktober 56 Kälber gestohlen. Ein Tier ließen die Diebe zurück, weil es krank war – dies konnte nur ein Profi erkennen.

Seit März übernimmt in Brandenburg die Sonderkommission "Koppel" solche Fälle. Die Soko wurde eingerichtet, nachdem die Zahl der Viehdiebstähle im Land stark angestiegen war. So wurden laut Innenministerium bis November dieses Jahres mehr als 200 Rinder gestohlen. 2016 waren es 180 Rinder.

Ein Hinweisschild mit Aufschrift "Wertvoller Rinderbestand" steht auf dem Geländer der Agrargenossenschaft Freiwalde/Schönwalde (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
Es gibt auf dem Gelände der Agrargenossenschaft Hinweisschilder, die Diebe offenbar nicht abschrecken. | Bild: rbb/Marie Asmussen

Verkauf von Tieren mit Ohrmarke in EU nicht möglich

Bis jetzt konnten die Beamten aber noch keinen Täter stellen und noch keinen Fall aufklären. Die Tatorte befinden sich fast immer in der Nähe der polnischen Grenze oder dicht an der Autobahn. Die Brandenburger Soko arbeitet mit polnischen Kollegen zusammen, denn man vermutet, dass die Diebe aus Osteuropa kommen, wahrscheinlich jenseits von Polen.

"Wir gehen auch davon aus, dass diese Tiere wieder nach Osteuropa verbracht werden, weil ein Verkauf von mit Ohrmarken versehenen Tieren hier in Deutschland und auch in der EU nicht möglich ist", sagt Karina Schulter. Denn die Tiere sind erfasst und die würden dann identifiziert und der Diebstahl natürlich festgestellt werden, so die Sprecherin.

Rinder bekommen gefälschte Papiere

Die Rinder der Agrargemeinschaft Freiwalde/Schönwalde tragen - wie es für alle ihre Artgenossen in der EU vorgeschrieben ist – Ohrmarken. Sie sind also zu identifizieren. Die hier von der Weide gestohlenen Kälber allerdings nicht mehr, sagt Mario Kraft.

"Die Kripo hat die Ohrmarken etwa einen Kilometer hinter der Koppel im Wald gefunden, sauber ausgetrennt. Wir haben die Serien abgeglichen, es waren komplett nur unsere Ohrmarken von den Tieren, die gefehlt haben", so Mario Kraft. Die Mitarbeiter der Agrargenossenschaft gehen davon aus, dass den Tieren "eine neue Identität in irgendeiner Form", also mit gefälschten Papieren, geschaffen wurde.  

Bei Freiwalde hat die Soko "Koppel" Spuren gesichert und eine Wildtierkamera aufgehängt. Die Täter könnten ja noch mal wiederkommen. Die Beamten haben auch Tipps gegeben, wie man das Vieh draußen besser schützen kann. Etwa indem man die Einfahrten zur Weide mit großen Sandhaufen versperrt. Für Mario Kraft ist das keine Lösung.

"Wenn ich hier einen Sandhaufen hin schütte, fahre ich da durch den Zaun. Es kam dann mal der Vorschlag vom Präventionsteam, eventuell Erdwälle oder Gräben anzulegen. In einem Natur- und Landschaftsschutzgebiet ist das gar nicht machbar", so Kraft. Des weiteren "sind wir nicht Eigentümer aller Flächen, die wir beweiden. Wir sind auch nur Pächter. Und wer soll das bezahlen?"

Ein Hinweisschild mit Aufschrift "Diebstahlschutz DNA" steht auf dem Geländer der Agrargenossenschaft Freiwalde/Schönwalde (Quelle: rbb/Marie Asmussen)
In diesem Jahr wurden in Brandenburg mehr als 200 Rinder gestohlen. | Bild: rbb/Marie Asmussen

Kein Verlass auf den Deckbullen

Als Laie erwartet man vielleicht, dass der imposante Deckbulle auf seine Herde aufpasst. Tut er aber nicht, sagt Mario Kraft. Der wird nur böse, wenn ihm jemand den Rang streitig macht. "Aber die Herde verteidigen, das machen die weiblichen Tiere. Die verteidigen ihre Kälber. Da sind die Bullen außen vor." Die Kühe haben die Diebe nicht angegriffen, weil ihre Kälber betäubt waren und deshalb nicht vor Angst brüllen konnten.

Der Agrargemeinschaft ist jetzt zum ersten Mal Vieh gestohlen worden. Maschinen sind dort schon häufig vom Hof verschwunden, wie etwa Radlader oder auch mal ein Traktor und andere Gerätschaften. Der Gesamtschaden dafür beträgt 250.000 Euro. Verglichen damit erscheinen die verschwundenen Kälber im Wert von 7.500 Euro als ein Klacks - finanziell. Mario Kraft und den anderen Mitarbeitern des Betriebes macht der Kälberverlust emotional aber mehr zu schaffen, als wenn Technik geklaut wird. Das sind schließlich lebendige Tiere, mit denen man täglich zu tun hatte. Die Versicherung hat den Schaden schnell ersetzt. Aber für die Zukunft fehlen die Rinder jetzt.

"Die männlichen hätten wir wohl gemästet, vielleicht auch den einen oder anderen zur Zucht behalten. Kommt drauf an wie sie sich entwickelt hätten", so Kraft. "Aber das ist eigentlich der Teil der Herde, der wirtschaftlich ist: die abgesetzten Kälber, die ich dann vermarkten kann, in welcher Form auch immer. Und die sind jetzt weg."

Melkfrauen leben in Angst

Weil der Hof der Agrargemeinschaft immer wieder von Dieben heimgesucht wird, sind Mario Kraft und sein Chef eine Zeitlang abwechselnd nachts Streife gegangen. Wohl war ihnen dabei nicht und auf Dauer konnten sie das auch nicht durchhalten. Denn tagsüber müssen sie ja arbeiten wie immer. Jetzt sind wieder die beiden Melkfrauen die ersten, die früh um halb fünf auf die Betriebsanlage kommen.

"Die fahren schon relativ vorsichtig mit dem Auto erstmal eine Runde auf dem Hof. Früher sind sie gelaufen. Die haben dann geguckt, ob irgendwelche Kühe kalben und ob alle Ställe zu sind. Heute fahren sie mit ihrem Auto – aus Angst!"

 

Beitrag von Marie Asmussen

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Herdenschutzhunde für Rindtiere - die gibt es auch.

  2. 1.

    Hoffentlich wird bei dieser "Soko Koppel" auch nach möglichen Maulwürfen gegraben. Soll ja Leute geben, die kein Vertrauen mehr in die Polizei haben.

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