Fleischregal im Supermarkt (Quelle: dpa/travelstock)
Video: rbb aktuell | 10.01.2018 | Martin Polansky | Bild: dpa/travelstock

Für Tierwohl, Umwelt und Klimaschutz - Umweltschützer fordern eine Halbierung des Fleischkonsums

Currywürste, Bouletten, Döner: Die meisten Menschen essen regelmäßig Fleisch. Viel zu viel, sagen Umweltschützer. In ihrem Fleischatlas fordern sie Maßnahmen, um Konsum und Produktion zu verringern. 

Die Deutschen sollten aus Sicht von Umweltschützern nur noch halb so viel Fleisch essen und die Tierbestände kräftig abbauen. Anders seien weder die Klimaziele noch mehr Tier- und Naturschutz zu erreichen. "Weniger und dafür besser ist die Losung", sagte der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, am Mittwoch bei der Vorstellung des "Fleischatlas 2018" in Berlin.

"Die Bundesregierung muss noch in diesem Jahr die Weichen für einen nachhaltigen Umbau der Tierhaltung stellen", so Weiger weiter. Weniger Fleischverbrauch liege im Interesse der gesamten Gesundheit der Bevölkerung. "Und lieber weniger Fleisch nutzen und gebrauchen und dafür pro Einheit mehr zu bezahlen, kommt allen zugute - sowohl Bauern als auch Verbrauchern."

Gefordert wird unter anderem eine verpflichtende Fleischkennzeichnung und eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse, wie sie durch große Güllemengen entstehen. Zum Ausgleich solle es mehr Fördermittel geben für einen ökologischen Umbau der Höfe. Mehr als zwei Rinder oder zehn Schweine pro Hektar solle ein Betrieb nicht mehr halten. Demzufolge müssten die Schweinebestände um mehrere Millionen Tiere sinken, besonders betroffen wären das westliche Niedersachsen und Westfalen.

"Qualvoll, umweltschädlich und ungesund"

Spitzenreiter bei der Anzahl der Großvieheinheiten sind demnach die niedersächsischen Landkreise Vechta mit 3,64 Einheiten pro Hektar und Cloppenburg mit 3,05 Einheiten. Für Brandenburg sehen die Umweltschützer keinen akuten "Abstockungsbedarf", also keine Notwendigkeit,  die Anzahl der Tier-Einheiten pro Quadratmeter zu senken.

"Qualvoll, umweltschädlich, ungesund und billig - das charakterisiert heute die industrielle Tierproduktion. Das muss sich dringend ändern. Zudem trägt kein anderer Sektor so massiv zum Verlust der Artenvielfalt, zur Zerstörung des Klimas, zur Überdüngung und zur Gefährdung unserer Gesundheit bei wie die industrielle Fleischproduktion", klagte der Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Barbara Unmüßig.

Brandenburg ist Geflügelland

Nach Branchenzahlen haben die Deutschen 2016 pro Kopf im Schnitt 59 Kilogramm Fleisch gegessen, etwa eineinhalb Kilogramm weniger als im Vorjahr, jedoch kaum weniger als zehn Jahre zuvor. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt höchstens die halbe Menge. Sie hält 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche für das richtige Maß - das wären etwa 16 bis 31 Kilogramm pro Jahr.

Zwar gibt es seit einigen Jahren einen Rückgang des Konsums. Auch die Zahl der Vegetarier ist auf rund vier Prozent gestiegen, zudem gibt es mehr sogenannte Flexitarier, die versuchen weniger Fleisch zu essen. Der Pro-Kopf-Verzehr bleibe aber weiterhin zu hoch, so die Bewertung. Brandenburg isst zum Beispiel viel Hühnchen: Laut Branchenverband essen 80 Prozent der Brandenburger mindestens einmal die Woche Geflügelfleisch, elf Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt. 

Das Thema Massentierhaltung sorgt immer wieder für Diskussionen in Brandenburg: 2016 haben mehr als 100.000 Menschen gegen Massentierhaltung unterschrieben. Als Kompromiss versprach die Landesregierung strengeren Tierschutz, 2018 soll er umgesetzt werden. Ein Jahr lang redeten Umweltschützer, Agrarexperten, Landwirte, Mäster darüber, wie sich das Leben in den Riesenställen verbessern ließe – ohne den Profit zu schmälern.  

Fleisch benötige zu viel Agrarland, klagen die Autoren

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr in Deutschland 27,1 Millionen Schweine, 12,4 Millionen Rinder, 1,8 Millionen Schafe und 41 Millionen Legehennen gehalten. Dabei entstanden laut Fleischatlas 208 Millionen Kubikmeter Gülle, Jauche und Gärreste, mit denen Weiden und Äcker gedüngt wurden. Anschaulich verglichen entspricht die Gülle-Jauche-Menge etwa 83.000 Olympischen Schwimmbecken.

Für kein anderes Konsumgut der Welt wird laut der Analyse so viel Land benötigt wie für die Herstellung von Fleisch und Milch. Obwohl nur 17 Prozent des Kalorienbedarfs der Menschheit von Tieren stammt, benötigten sie 77 Prozent des Agrarlands. Ein am Mittwoch vorgestellter "Fleisch-Rechner" zeigt auf, wie viele Tierleben der Fleischkonsum kostet und wieviel Wasser, CO2 und Antibiotika durch weniger Verzehr eingespart werden können.

Bauernverband verspricht Besserungen

Der Bauernverband bekräftigte, dass die Landwirtschaft die Erzeugung klimaschonender machen wolle. Dazu sollten unter anderem Düngemittel mit neuer Technik sparsamer eingesetzt und deutlich mehr Gülle in Biogasanlagen verwertet werden, wie eine am Mittwoch vorgelegte neue Klima-Strategie des Verbands vorsieht. "Wir stehen zu unserem ehrgeizigen Ziel, die Emissionen an Treibhausgasen aus der Landwirtschaft um 30 Prozent bis 2030 gegenüber 1990 zu senken", sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied.

Bernhard Krüsken vom Deutschen Bauernverband ist gegen eine "Gülle-Abgabe", die Bauern zusätzlich belasten würde. "Wir haben gerade ein neues Düngerecht, eine neue Düngeverordnung, die das Prinzip der bedarfsgerechten Düngung festschreibt. Und in sofern sollten die Nährstoff-Überschüsse gar nicht erst entstehen. Und sie dann zu bepreisen, das macht vielleicht haushaltspolitisch Sinn aber in der Sache führt uns das nicht weiter."

Ein zentrales Problem der industriellen Tierhaltung sei die Güllebelastung der Böden und des Grundwassers, schreiben die Böll-Stiftung und der BUND in ihrem Bericht. Veröffentlicht wird der Fleischatlas seit 2013 von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung und der Zeitung "Le Monde Diplomatique".

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 3.

    Irgendwann schreiben uns die Leute noch vor mit welcher Hand wir uns den Hintern putzen sollen/müssen/dürfen.
    Mein Fleisch- und Wurstkonsum wird sich nicht verringern und auch nicht erhöhen.
    Ich esse grundsätzlich das was mir schmeckt bzw auf was ich Appetit habe.

  2. 2.

    Die Strukturen sind langlebig und sie überdauern sämtliche politische Wechsel: Von der SPD zur CDU, CDU-FDP, SPD-Grüne und SPD-CDU: Die größten Vieheinheiten befinden sich in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg. Entlang der so bezeichneten "Futtermittelstraße" B 69 haben US-Amerikaner schon gleich nach dem Krieg die entsprechenden großindustriellen landwirtschaftlichen Strukturen geschaffen, die bislang keiner anzutasten wagte.

    Eher schon, dass der "reibungslose Wachwechsel" zwischen den Ministerpräsidenten Kubel und Kasimier 1976 nicht klappte, weil vermutlich jemand aus Vechta oder Cloppenburg dem ausersehenen Nachfolger nicht die Stimme gab und dem überraschend aufgestellten Ernst Albrecht zu Amt und Würden verhalf ...

  3. 1.

    Ich lasse mir von niemandem die Fleischbissen im Mund zählen.Es wird ja immer verrückter.Ich lasse mir weiter das Fleisch schmecken,in meiner Wahl der Menge.

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