Studentische Hilfskräfte der Universitäten demonstrieren in Berlin für eine eine Lohnerhöhung und einen angemessenen Tarifvertrag. (Quelle: imago/Krause)
Audio: Inforadio, 16.01.2018, 06:10 Uhr | Bild: imago/Krause

Seit 17 Jahren keine Erhöhung - Berlins studentische Beschäftigte treten in den Streik

Kurz nach dem Millenium gab es die letzte Erhöhung: Am Dienstag treten die studentischen Beschäftigten in Berlin in den Streik. Sie fordern mehr als die 10,98 Euro pro Stunde. Die Arbeitgeber finden: In Berlin wird immer noch richtig viel gezahlt. Von Tobias Schmutzler

Sophie studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität, zurzeit nimmt die 25-Jährige Kurs auf ihren Master.  An ihrem Fachbereich hat sie einen Job als studentische Hilfskraft - zehn Stunden pro Woche arbeitet sie für einen Stundenlohn von 10,98 Euro. Angemessen sei das nicht, sagt sie, denn erstens könne sie davon nicht ihr Studium finanzieren, und außerdem sei der Lohn seit 17 Jahren nicht erhöht worden. Das entspreche einem Lohnverfall von 30 Prozent: "Das bedeutet einfach faktisch, dass ich dreißig Prozent weniger Geld hab als Leute, die 2001 meinen Job hatten."

Ihren richtigen Namen möchte Sophie nicht veröffentlicht sehen. Sie hat bei Forschungsprojekten geholfen, zum Beispiel Literatur recherchiert und Interviews abgeschrieben. Und ihre Bachelorarbeit hat sie über Arbeitskämpfe geschrieben.

"Ich geh streiken, weil der Eindruck sich aufdrängt, dass die Kampagne diesen Druck dahinter braucht", sagt sie. Den Hochschulen müsse klargemacht werden, dass die Beschäftigten ernst meinten: "Bisher hat man in ihren Angeboten nicht den Eindruck, dass sie uns ernst nehmen."

Arbeitgeber weisen Vorwürfe zurück

Diesen Vorwurf weist Claudia Pfeiffer zurück. Sie führt seit einem Jahr die Verhandlungen für die Hochschulen für den Kommunalen Arbeitgeberverband Berlin. Ihr letztes Angebot schlugen die Gewerkschaften Mitte Dezember aus: "Wir haben eine Erhöhung um fast 14 Prozent angeboten: nämlich ab 1. Januar 2018 auf 12,13 Euro, was ja schon mal ein richtiger großer Schritt ist – und dann weitere Schritte bis 2022 auf 12,50 Euro." Das sei ein gutes Angebot, meint Claudia Pfeiffer. Schließlich müssten den Stundenlohn alle Unis in Berlin bezahlen können – die FU, die HU und die TU genauso wie die vielen kleinen Hochschulen.

"Berlin ist das einzige Bundesland, was einen Tarifvertrag für studentische Hilfskräfte hat", sagt Pfeifer. Und der Stundenlohn sei mit 10,98 Euro vergleichsweise sehr hoch: "Bei den anderen Hochschulen in der Bundesrepublik ist der Stundenlohn sehr viel geringer."

Außerdem haben die Berliner Unis angeboten, acht statt sechs Wochen den Lohn weiterzuzahlen, wenn jemand krank ist - und die Urlaubstage auf dreißig zu erhöhen.

TU will ab 2018 mehr zahlen

Das sei immer noch zu wenig, finden die Gewerkschaften. Verdi und GEW wollen 14 Euro Stundenlohn, der in Zukunft dynamisch an die Entwicklung im öffentlichen Dienst angepasst werden soll. Selbst damit wären die studentischen Mitarbeiter im Vergleich günstig für die Hochschulen, sagt Masterstudentin Sophie, die in der Bezahlung vor allem ökonomisches Kalkül sieht: "Leute, die zum Beispiel in der Verwaltung arbeiten, fühlen sich wahrscheinlich auch zum Teil davon betroffen, dass die Hochschulen uns als billige Arbeitskraft-Alternativen in der Verwaltung einsetzen – und damit hauptamtliche Stelle einsparen, die sie deutlich höher entlohnen müssten."

Mit rund 8.000 Beschäftigten sind die Studenten eine der größten Personalgruppen an den Hochschulen. Darüber, dass sie mehr Lohn bekommen sollen, sind sich Arbeitgeber und Gewerkschaften einig. Und an einer Hochschule gibt es schon Bewegung: Die TU hat einseitig angekündigt, ab 2018 12,50 Euro zu zahlen – erstmal ohne Tarifvertrag.

Sendung: Inforadio, 16.01.2018, 6:10 Uhr

Beitrag von Tobias Schmutzler

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ein weiteres Beispiel, das die These vom "Aufstieg durch Bildung" ad absurdum führt! Eine Frechheit, wie staatliche Stellen mit ihren Fachkräften umgehen, das gilt auch für Honorarkräfte (Musikschullehrer) und sogar Angestellte des Bundestages (Fahr-bereitschaft, die von Subunternehmen prekär beschäftigt werden)!

  2. 3.

    "Seit 17 Jahren keine Erhöhung" - Finde das immer lustig, wenn das Märchen vom "reichen Deutschland" immer noch mal aufgewärmt wird. Was ich früher in Relation gesehen noch als Studentin verdient habe, hätten heute viele gern. Löhne stehengeblieben + Lebenshaltungskosten rauf = Gerede vom "reichen Deutschland" plus immer weniger Akademikerkinder, weil die Leute heute mehr für weniger in der Tasche arbeiten müssen.

  3. 2.

    Studentisch Beschäftigte sind versteckte Arbeitslose. Sie dienen nur dazu Arbeitskosten zu senken.

  4. 1.

    Der zitierte Vergleich von Frau Pfeifer mit den Hochschulen in anderen Bundesländern ist so nicht haltbar. Ich habe 2006 an der TU Darmstadt in Hessen als HiWi bereits 12€ / Stunde verdient. Mit Inflationsausgleich wären das in 2018 schon 15,21€. Von wesentlich geringer kann da keine Rede sein...

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