Ein Haus in der Leberstraße in Berlin (Quelle: rbb/ Wolf Siebert)
Audio: Inforadio | 10.01.2018 | Wolf Siebert | Bild: rbb/ Wolf Siebert

Wohnungskäufer in Schöneberg kämpfen mit Bauträger - "Auf einmal reagierte keiner mehr"

Der Traum von der eigenen Wohnung kann auch zum Alptraum werden: In Berlin-Schöneberg sitzen Wohnungskäufer seit Jahren in einem Mehrfamilienhaus, das der Bauträger nicht zu Ende saniert hat - obwohl die Käufer dafür bezahlt haben. Von Wolf Siebert

2012 suchte Immobilienmakler Jörn Glawe nicht für andere, sondern für sich selbst eine Wohnung. Denn Glawe musste aus seiner Wohnung raus: "Ich wurde sozusagen gentrifiziert, und habe deshalb nach einer passenden Wohnung Ausschau gehalten."

Der Käufer der Immobilie Jörn G. (Quelle: rbb/ Wolf Siebert)
Jörn Glawe | Bild: rbb/ Wolf Siebert

Jörn Glawe arbeitete bei der Firma "Ziegert Immobilien" in Berlin. Laut Eigenwerbung "der größte Anbieter von selbstgenutztem Wohnraum in Berlin". Ziegert bekam damals ein interessantes Objekt in die Vermarktung: Verkauf von Eigentumswohnungen in einem Altbau aus der Gründerzeit, in Schöneberg am Gustav Müller Platz. Verkäufer war ein Bauträger, die Gustav Müller-Platz-Immobiliengesellschaft. Dahinter steckten der Berliner Dan Schneid und zwei Geschäftspartner aus Hessen. Glawe, heute 50 Jahre alt, fand das Projekt so gut, dass er eine der Wohnungen für sich selbst erwarb. Dabei vertraute er seinem Arbeitgeber: "Ich dachte eigentlich, dass im Hause Ziegert Bauträger auf Herz und Nieren geprüft werden, auch alle Schritte der Sanierung hinterfragt werden. So dass ich mich in Sicherheit wog und dachte: Da schlage ich auch zu."

Zweifel am Bauträger

Zweifel am Bauträger hatte der Immobilienkaufmann durchaus, denn er hatte gehört, dass es bei einem früheren Projekt Dan Schneids Probleme gegeben hatte, aber – so beruhigte er sich - die gibt es beim Bauen häufig. "Ich dachte: Na ja, auch wenn es stressig wird, Du bist ja an der Quelle", erzählt Glawe. "Und der wird sich ja wohl nicht trauen, ein Ding hinzulegen, das nicht funktioniert. Der will ja mit uns verkaufen, und man verkauft ja am besten, wenn man gute Qualität abliefert und alle zufrieden sind."

Glawe und Ziegert-Immobilien kümmerten sich um den Vertrieb der Wohnungen, die Planung der Umbauten und berieten die Käufer auch bei der Finanzierung. Der Bauträger sicherte den Käufern zu, die Wohnungen bezugsfertig zu sanieren und auch Haus und Hof bis Ende 2013 in Topzustand  zur Verfügung zu stellen. Aber bald erlebte Käufer Glawe, dass es auf der Baustelle immer wieder zu Verzögerungen kam.

Ein Verkaufsprospekt für Immobilien (Quelle: rbb/ Wolf Siebert)
Mit diesem Prospekt wurden die Wohnungen angepriesen. | Bild: rbb/ Wolf Siebert

Umzug in ein Geisterhaus

Aber Glawe musste aus seiner alten Wohnung raus, deshalb zog er Ende 2012 - wie vereinbart – in die neue Wohnung ein. Noch heute erscheint die Erinnerung daran wie ein Albtraum, ein Geisterhaus sei das gewesen: "Ich war der Einzige im ganzen Aufgang. Man muss sich einen kalten Dezembertag vorstellen mit Minusgraden." Seine Wohnung sei die einzige gewesen, in der Licht brannte, und in der es Heizung gab: "Aber auch nur, weil ich massiven Druck gemacht und mit den härtesten Konsequenzen gedroht hatte, wenn meine Wohnung nicht fertig wird."

Und es wurde nicht besser, erinnert sich Jörn Glawe, die Zustände blieben chaotisch: "Es gab keine Baubesprechung, es fand alles mehr auf Zuruf statt, Baumaterial wurde im Baumarkt gekauft, für einen Bauträger aus meiner Sicht absurd. Teilweise musste ich mein eigenes Material selber bezahlen, damit es weiterging."

Bauleistungen im Wert von circa 580.000 Euro noch nicht erbracht

Die Wohnungskäufer waren alarmiert, und Glawe informierte seinen Arbeitgeber. Der habe schon Ende 2012 die Notbremse gezogen, sagt Ziegerts Kommunikationsberater Andre Schlüter. Man habe den Vertriebsprozess gestoppt und Kontakt zu dem Bauträger aufgenommen: "Die Taktik war absolut hinhaltend: Es werde schon. Es gab nichts Verbindliches, nichts worauf sie irgendwas hätten bauen können."

Per Mail räumte Schlüter später ein, dass Ziegert bis zum Frühsommer 2013 Wohnungen im Haus verkauft hat. Im Herbst 2013 war dann absehbar, dass das Gemeinschaftseigentum nicht bis Ende des Jahres fertig werden würde. Denn der Bauträger hatte Bauleistungen im Wert von circa 580.000 Euro noch nicht erbracht, Leistungen, die die Wohnungskäufer bereits bezahlt hatten.

Und gebaut wurde dann nicht mehr, sagt Käufer Jörn Glawe, denn es seien keinerlei Gelder mehr dagewesen, um die Sanierung fortzusetzen: "Die Gelder sind abgeflossen, von den Gesellschaftern abgeführt worden auf andere Baustellen, wir wissen es nicht. Auf einmal reagierte keiner mehr."

Gemeinschaftseigentum ist immer noch nicht fertig

Mittlerweile waren die anderen Wohnungseigentümer auch eingezogen. 2016 ließen sie die vereinbarten und bereits bezahlten Balkons anbauen. Und dafür mussten sie noch einmal in die Tasche greifen, denn zu diesem Zeitpunkt war die Immobiliengesellschaft schon lange zahlungsunfähig.

Das Insolvenzverfahren ist bis heute - 2018 - nicht abgeschlossen, die Fertigstellung von Haus und Gemeinschaftseigentum sind auch dadurch blockiert. Darunter leiden alle Käufer, zum Beispiel Sabine Schilling aus Hamburg: "Mir wird es zum Verhängnis, dass ich die noch fehlenden Leistungen noch mal bezahlen muss." Das gesamte Gemeinschaftseigentum fehle noch, sagt sie: "Aufzüge sollen noch gebaut werden, Treppenhäuser, Hof, Fassade, Keller. Das ist noch eine Menge Arbeit und noch eine Menge Geld, das da in die Hand genommen werden muss."

Noch ein Reinfall in der Marburger Straße

Jörn Glawe, der inzwischen bei Ziegert Immobilien gekündigt hat, fragt sich, warum Ziegert auch nach der Pleite am Gustav Müller-Platz weiter mit Dan Schneid zusammengearbeitet hat, obwohl Glawe gewarnt hatte.

Vor eineinhalb Jahren sei ein Objekt in der Marburger Straße mit scheinbar den gleichen Personen realisiert worden, bei dem sich Dan Schneid allerdings im Hintergrund gehalten habe. "Ich frage mich, wie man man solche Leute noch immer ins Spiel bringt. Man hätte ihm damals nicht mehr vertrauen und keinesfalls mit ihm zusammenarbeiten dürfen."

Ziegerts Kommunikationsberater Andre Schlüter räumt ein, man habe die Warnungen gekannt. Aber man habe eben nicht zweifelsfrei gewusst, dass Dan Schneid tatsächlich an diesem Projekt beteiligt war.

Wegen Betrugs angezeigt

Die Marburger Straße 5 ist ein opulenter Altbau in Kudammnähe. Hier sollten im Dachgeschoss Eigentumswohnungen verkauft werden. Inzwischen hat ein Käufer Dan Schneid wegen Betruges angezeigt: Schneid soll ihn um den Kaufpreis geprellt haben. Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass es ein entsprechendes Strafverfahren gibt. Und ein weiteres wegen Insolvenzverschleppung. Auch Ziegert Immobilien möchte von Schneid Geld bekommen – für entgangene Provisionszahlungen. Bislang ohne Erfolg, wie Andre Schlüter berichtet: "Wir hatten keinen Ansprechpartner: Dan Schneid ist verschwunden, wir wissen nicht, wo er ist."

Schlüter fordert deshalb jetzt den Gesetzgeber auf, den Zugang zum Bauträgerbusiness besser zu regeln, damit mehr auf Qualifikation und Qualität geachtet wird: "Jeder kann ein Bauträgerunternehmen gründen und dort mit großen Summen tätig werden. Und er ist damit unmittelbar für die größte Investition der meisten Menschen in Deutschland verantwortlich."

Angst vor Wohnungsverlust

Käufer Jörn Glawe meint allerdings, Ziegert hätte bei der Zusammenarbeit mit Schneid wachsamer sein müssen. Viele Menschen hätten jetzt Angst, ihre Wohnung zu verlieren.  

Auch Sabine Schilling macht sich Sorgen: "Ich fühle mich da übervorteilt. Und ich  hoffe, dass ich meine Wohnung nicht verliere bei dem Versuch, dieses Gemeinschaftseigentum mit zu bezahlen, was da noch aussteht."

Dan Schneid war an mehreren Immobiliengesellschaften beteiligt, mehrere gingen in Insolvenz. 2015 musste er Privatinsolvenz anmelden.  

Beitrag von Wolf Siebert

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Mir Respektlosigkeit zu unterstellen, während alle anderen Foristen voller Schadenfreude und Häme über Menschen herziehen, die sich fürs Leben mit Hypotheken belastet haben und nun in Schwierigkeiten stecken ist sehr aussagekräftig.
    In diesem Kiez konnte man bis weit in die 2000er Jahre als Mieter für sehr kleines Geld die eigene Mietwohnung erwerben.
    So auch in unserem Haus. Wer das gemacht hat, wurde ausgelacht - denn nur Dumme belasten sich für Jahre mit Hypothekenzahlungen bei so günstigen Mieten und überall erhältlichem Wohnraum. Eine beachtliche Zahl Berliner ist innerhalb kürzester Zeit immer wieder umgezogen um sich zu verbessern, vergrössern, seine Wünsche zu erfüllen ohne mehr Miete bezahlen zu müssen. Diese Tatsache bezeichne ich als Mietschlaraffia. Diese Zeiten sind vorbei, ob man es nun gut findet oder nicht.

  2. 7.

    Mir stellt sich hier die Frage: Wie kann man nur so blauäugig sein und im Vorfeld für nicht geleistete Arbeit Geld bezahlen.
    Als Angestellter einer Maklerfirma müsste man sich doch auskennen. Es ist zwar nicht schön, aber Mitleid kann ich hier nicht empfinden.

  3. 6.

    Tja, Kampfkaninchen, ich kenne den Kiez leider sehr gut und kann mir mein Urteil erlauben. Und Ihr komisches Argument von wegen "Mietschlaraffia" zeugt von etwas Abgehobenheit und Respektlosigkeit Mietern gegenüber oder sind Sie auch so jemand, der sich anmaßt, durch Erwerb von Wohnungseigentum einen Kiez aufzuhübschen weil der ja vorher so ungepflegt war? Leider hatten Mieter keine Wahl und wurden entweder Zwangsentmietet, verdrängt oder Dank Sanierung gekündigt. Die Berliner sind mitnichten Leute, die viel verdienten, Berlin war eine Arbeiterstadt, aber was wissen Sie schon von dieser Stadt...

  4. 5.

    Hätte in diesem Fall nicht eigentlich die Makler- und Bauträgerverordnung (MaBV) angewendet werden müssen? Sprich: Zahlung nur in vorher definierten Schritten nach erfolgtem Baufortschritt oder alternativ vollständige Vorauszahlung gegen Bankbürgschaft?
    Mir ist es ein Rätsel, wie jemand so blauäugig sein kann, eine Baustelle zu erwerben und diese im Voraus zu bezahlen, auf das Versprechen hin, dass diese dann saniert würde. Solche Leute kaufen auch im Internet gegen Vorkasse. Tut mir leid, aber in dem Fall kann ich irgendwie kein Mitleid entwickeln. Zu prüfen wäre aber, ob die Maklerfirma eine Mitschuld trägt.

  5. 4.

    An meine Vorkommentatoren:
    Ich wohne in der Nähe und weiß nicht, wer dort zuvor gewohnt hat, ob er/sie vertrieben wurde oder sich den Auszug hat vergolden lassen und maße mir deshalb - im Gegensatz zu Ihnen - kein Urteil an. Was ich weiß ist, dass sehr viele Gebäude in der Umgebung vor wenigen Jahren noch komplett sanierungsbedürftig waren. Die Fassaden grau und dreckig, die Heizungsanlagen alt, Fenster und Dächer alt, oftmals Ofenheizung und mancherorts noch Toiletten im Treppenhaus. Billig wars über Jahrzehnte und was hat es gebracht? Wurde die Mietersparnis in Bildung, Ausbildung, in Ideen, Vorsorge oder Eigentumsbildung investiert? Manche haben das gemacht. Die sind heute der Feind der ES MUSS ALLES BLEIBEN WIE ES FRÜHER WAR - Fraktion, die die Mietschlaraffia-Zeit nicht genutz hat. Die sind in Berlin die Lautesten, in den Medien, Foren und im Senat. Ich hoffe, dass die Eigentümer diese schwere Zeit überstehen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

  6. 3.

    Eine runde Mitleid: OOOHH.
    Nun weiß Herr Glave wenigstens am eigenen Leib, wie es den Leuten mit der ganzen Immobilienspekulation geht.
    Vielleicht wirds an der Zeit sich dagegen zu engageren?

  7. 2.

    Sehr viele Internita im Artikel

    da wird sich "Otto Normalverbrauchr" kaum drüber aufregen
    besonders,weil viele aif sog. "Immobilöienmakler" reingefallen sind
    da heisst es doch :
    "Wer andern eine Grube gräbt..............................."

  8. 1.

    Mir tun nur die leid, die vor den Eigentümern dort wohnten und vertrieben wurden. Jeder nachfolgende Gentrifzierer in Form von Eigentümern sollte für Eventualitäten genug Geld auf der Seite haben, bzw. das Investitionsvolumen so planen um Ausfälle kompensieren zu können - daher kann ich für einen Makler, der mit Gentrifizierung sein Geld macht und jetzt selbst vom Verlust dieses Wohnraums betroffen ist, kein echtes Mitleid empfinden.
    Ist dieser Mensch in irgendeiner Form annähernd emphatisch? Ich kann dies mir kaum vorstellen, denn bevor Leute verrieben werden, sollte jeder überlegen, nicht für das Geld, das für die Vertreibung von Menschen eines Kietzes aufgewandt werden soll, ein Haus zu bauen anstatt der Stadtvertreibung noch größeren Vorschub zu leisten. Ein evtl. Einwand mit "Stadtnähe" wäre zu einfach.

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