Monika Tschernoch führt hält trotz Fastfashion-Ketten auf der anderen Straßenseite ihr Nähgeschäft in der Rheinstraße, 20.02.2018. (Bild: rbb/Tobias Schmutzler)
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Audio: Inforadio | 22.02.2018 | Tobias Schmutzler | Bild: rbb/Tobias Schmutzler

Berliner Nähstube im Kampf gegen Billigmodeketten - "Nähen Sie mal ein T-Shirt – dann schätzen Sie auch die Arbeit"

Auf der Schloßstraße in Steglitz reihen sich Primark, H&M, New Yorker und Co. aneinander. Ausgerechnet hier steht die traditionelle Damenschneiderin Monika Tschernoch ihre Frau: Ihr Laden hat Zulauf - dank der boomenden Näh-Tutorials auf Youtube. Von Tobias Schmutzler

Eigentlich ist Monika Tschernoch eine ausgeglichene Frau, mit grauer Fönfrisur und einem Lächeln im Gesicht. Aber eines geht der gelernten Damenschneiderin ordentlich gegen den Strich: die vielen Billigklamottenläden in den Shoppingcentern. Schräg gegenüber von ihrer Ladentür, am Berliner Walther-Schreiber-Platz, prangt in hellblauen Buchstaben das Logo eines irischen Modegiganten: Primark.

"Primark ärgert mich als Händler", sagt Monika Tschernoch und blickt über die Straße. "Die Wertigkeit der Arbeit ist dort ja gar nicht gegeben." Den Kunden, die sich T-Shirts für zwei Euro kaufen, rät Tschernoch: "Nähen Sie mal ein T-Shirt! Dann schätzen Sie die Arbeit und auch das Material viel mehr."

Fast die einzige Alteingesessene, die sich die teuren Mieten noch leisten kann

Ihr Nähgeschäft liegt am südlichen Ende der Rheinstraße, an der Grenze zwischen Schöneberg und Steglitz. Zusammen mit dem Tabakhändler zwei Geschäfte weiter ist die Damenschneiderin die einzige Alteingesessene, die sich die teuren Mieten hier noch leisten kann.

In ihrem Laden begrüßt Monika Tschernoch zwei neue Kundinnen. Im Verkaufsraum, groß wie zwei Wohnzimmer, wartet eine ältere Dame mit ihrer Enkelin. Die 20-jährige Annika will sich von ihrer Oma ein Geburtstagsgeschenk machen lassen. "Wunderbar!", sagt Monika Tschernoch.

Nur zwei Mal hat Annika bisher genäht, sagt sie: "Ich hab' versucht, mir das mit Youtube-Videos und der Nähmaschine vom Nachbarn selbst beizubringen. Und das mir so viel Spaß gemacht, dass ich jetzt doch gern meine eigene hätte."

Mit Youtube-Tutorials hat die Schneiderin so ihre Erfahrungen

Junge Leute, die im Internet Videos übers Nähen gucken und dann Lust aufs Handwerk bekommen: Mit denen hat Monika Tschernoch so ihre Erfahrungen, erzählt sie. In letzter Zeit kämen häufiger junge Frauen vorbei, die sich das Nähen selbst beibringen wollen - vergeblich: "Und dann kommen sie hier in den Laden und sagen: 'Aber der Reißverschluss - auf Youtube hat die den so eingenäht, das krieg' ich nicht hin. Wie macht man denn das und das?'"

Monika Tschernoch seufzt: "Und dann zeig ich immer, wie's richtig geht - und dann sagen die immer: Dit is gar nich zu sehn im Internet! Da krieg ich 'nen dicken Hals", sagt sie lachend. Youtube ist Fluch und Segen für Monika Tschernochs Nähmaschinen- und Bügel-Center. Einerseits bekommt sie durch die Näh-Tutorials junge Kundinnen, die sonst vielleicht nie in ihrem Laden vorbeischauen würden. Die es satt haben, immer nur auswechselbare Billigmode zu tragen - und lieber auf bezahlbare Qualität setzen.

Monika Tschernoch führt hält trotz Fastfashion-Ketten auf der anderen Straßenseite ihr Nähgeschäft in der Rheinstraße, 20.02.2018. (Bild: rbb/Tobias Schmutzler)Tschernochs Laden ist gefüllt mit Stoffen und Garnen aller Art

"Ich sehe sofort, wenn jemand keine Ahnung vom Nähen hat"

Andererseits wäre die Schneiderin froh, wenn der Nachwuchs das Handwerk gleich richtig lernen würde – und nicht im Internet. "Der Nachteil ist, dass dort sehr viele Frauen sind, die überhaupt keine Ahnung haben. Ich als Fachmann sehe sofort, wenn da jemand was über Stoffe erzählt oder eine Naht näht, wenn der keine Ahnung hat." Tschernoch glaubt, in den Youtube-Filmen schleichen sich Leute ein, die nur mal irgendwo im Internet zu sehen sein wollen - und diejenigen, die was lernen wollen, seien dort an der falschen Stelle.

Das will Annika, die mit ihrer Oma da ist, besser machen. Bisher hat die Medizinstudentin für sich selbst Kosmetiktäschchen gebastelt. Aber in Zukunft will sie auch für ihre Freunde zur Nähmaschine greifen. "Ja, na ist doch schön", lobt Monika Tschernoch. "Wenn Sie dann Ihr Studium fertig haben, dann können Sie sich die nächste Maschine kaufen."

Upcycling gab es schon in den Sechzigern

In den nächsten Tagen kann die Studentin nochmal vorbeikommen, für einen kostenlosen Einstiegskurs. Dann zeigen ihr die Inhaberin oder eine ihrer beiden Mitarbeiterinnen im Nähmaschinen-Center alle wichtigen Handgriffe.

Mit der neuen Maschine kann Annika auch ihre alten Sachen zu neuen umschneidern. Monika Tschernoch liebt dieses "Upcycling" – das heute so heißt, "weil ja nun alles amerikanisch ist", sagt sie. Denn über das Upcycling ist auch sie zum Nähen gekommen. In den Sechzigern hat sie ihre Ausbildung zur Damenschneiderin gemacht.

Monika Tschernoch führt hält trotz Fastfashion-Ketten auf der anderen Straßenseite ihr Nähgeschäft in der Rheinstraße, 20.02.2018. (Bild: rbb/Tobias Schmutzler)Tschernoch an ihrem Lieblingsgerät der Stickmaschine

"Das war immer mein Traum, schon als Kind." Damals hat ihre Oma an der Tretmaschine gesessen und für Monika Tschernoch Kleidchen aus den alten Sachen ihrer Geschwister genäht. "Ich sah dann immer aus wie eine kleine Puppe und hab mich wohlgefühlt mit meinen neuen Sachen", sagt sie.

"Eine Menge Männer kommen in die Nähkurse"

Der verspielte Klingelton des Ladentelefons reißt sie aus den Erinnerungen. "Pfaff Nähmaschinen, Tschernoch, guten Tag." Eine Kundin klagt über technische Probleme mit ihrer Maschine. Monika Tschernochs telefonische Diagnose ist schnell und präzise: "Die Maschine muss gebracht werden zur Überprüfung – weil sie 240 Volt in den Leitungen haben, dass da nix passiert!", warnt die Damenschneiderin.

Die Reparatur ist ein wichtiges Geschäft für Monika Tschernoch. Mit Hosenflicken, Stickarbeiten und allem anderen kommt sie auf 600 Kunden im Monat. Am Wochenende gibt die Schneiderin auch Nähkurse - und da kommen nicht nur Frauen: "Wir haben auch Männer in den Kursen, eine ganze Menge sogar."

Den ersten Mann im Nähkurs hatte Tschernoch vor zwanzig Jahren. "Der hat das aus Stressabbau gemacht, weil er in der Kindernothilfe gearbeitet hat. Da hat er böse Dinge erlebt, oder traurige – und dann hat er sich ein Sakko bei mir genäht", sagt sie lächelnd.

Im Land der tausend Garne

"Heiße Höschen" dank der Stickmaschine

Monika Tschernochs Lieblingsgerät ist die Stickmaschine. Mit dem lilafarbenen Automat erfüllt die Schneiderin fast jeden Kundenwunsch: Ein gestickter Buchstabe kostet für Kunden zwei, ein Stickmuster zehn Euro. Gerade liegt ein Topflappen unter der Nadel, der mit einem Baummuster bestickt werden soll.

Ihre zwei Zentimeter langen Fingernägel stören Monika Tschernoch nicht bei der Arbeit. Auf einem kleinen Computerbildschirm rechts oben an der Maschine sieht sie: Das Stickprogramm für den Topflappen dauert noch zwei Minuten. Die meiste Arbeit macht die Maschine automatisch, nur hin und wieder muss Monika Tschernoch einen neuen Faden einlegen. Dann rattert das Gerät wieder weiter – mal langsamer, mal schneller.

Bei der Gelegenheit erinnert sich die Schneiderin mit einem Augenzwinkern an einer ihrer "sensibleren" Aufträge: "Einmal hab ich heiße Höschen bestickt: Da kam eine junge Dame, die sehr verliebt in ihren Schatz war. Deshalb hab ich das Wort 'Schätzchen' mit einem Herzchen auf ein Herrenschlüpferchen gestickt."

Monika Tschernoch führt hält trotz Fastfashion-Ketten auf der anderen Straßenseite ihr Nähgeschäft in der Rheinstraße, 20.02.2018. (Bild: rbb/Tobias Schmutzler)Stoffe in allen Farben des Regenbogens

"Alles, was Sie mit den Händen erfühlen, geht übers Gehirn"

Ihre Stammkundschaft hat sich Monika Tschernoch in 22 Jahren mühsam erarbeitet. Mit leeren Regalen hat sie angefangen. Heute hängen überall an den Wänden Hunderte Garne in allen Farben, Reißverschlüsse, Dutzende Baumwoll- und Jersey-Stoffe. "Sie schalten total beim Nähen ab", lobt sie ihr Handwerk. "Alles, was Sie mit den Händen erfühlen, geht übers Gehirn. Und das ist, finde ich, was ganz Wichtiges."

Selbst wenn noch ein Dutzend Modeketten mehr, mit den billigen Waren von der Stange, in die Nähe ihrer Schneiderstube ziehen: Monika Tschernoch würde weiternähen – oder sticken. Die jungen Nachwuchsnäherinnen und -näher, die den Wert der Handarbeit gerade wiederentdecken, hat sie dabei auf ihrer Seite.

Beitrag von Tobias Schmutzler

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1 Kommentar

  1. 1.

    Herrlich, dass es sowas gibt ------ "Auf den Leib geschneidert"

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