Illustration: Ein Paar beim koche, die Uhren gehen anders (Quelle: Imago/ Nila Aye)
Bild: Imago/ Nila Aye

Glosse | Flächendeckendes Phänomen - Wenn die Backofenuhr sechs vor Zwölf anzeigt

Chronische Zuspätkommer hatten zuletzt eine gute Ausrede: In Deutschland gehen Millionen Uhren mehrere Minuten nach - sie ticken langsamer als sie sollten. Betroffen sind vor allem Backöfen. Die Spur führt in den Balkan. Von Oliver Noffke

Die Rückseite einer Berliner S-Bahn ist ein Anblick, der mir nicht unbekannt ist. Seit Mitte Januar kam es mir allerdings so vor, als käme ich öfter zu spät, als eh schon üblich. Jetzt bin ich mir sicher. Denn meine Backofenuhr geht nach. Und zwar exakt sechs Minuten.

Wochenlang war dadurch meine gesamte Morgenroutine ruiniert. Noch halb schlafend beim Frühstück schaue ich natürlich lieber auf die idiotensichere digitale Backofenuhr statt auf das hübsche aber analoge Ziffernblatt an meinem Arm. Elektrische Geräte genießen schließen per se eine höhere Glaubwürdigkeit, wenn sie nicht nur die Zeit anzeigen, sondern auch Pizza backen oder Milch anbrennen können – wenn sie also von einer Aura der Gefahr umgeben werden. Morgens ist die Backofenuhr zudem glaubwürdiger als ein Wecker, der, sagen wir mal, drei Snooze-Runden braucht, bevor er seinen Zweck erfüllt hat.

Auch Sabines Backofen ist betroffen

Mit diesem Problem bin ich nicht allein. Meine Kollegin Sabine musste in letzter Zeit auch öfter zur S-Bahn rennen. Ihre Backofenuhr geht ebenso nach. In Sabines Familie hat das sogar schon zu Diskussionen geführt. Der Sohn kam ständig scheinbar zu früh zum Abendessen. Sabine befürchtete, der Ofen sei hinüber. Und der Ehemann ist eigentlich seit Tagen mit nichts anderem beschäftigt, als sämtliche Uhren im Haus neu einzustellen. Damit sie ebenso falsch gehen, wie die Digitaluhr am Backofen. Denn die ging nicht nur nach. Sie ging immer wieder ein Stückchen mehr nach.

Wie man das heute so macht, habe ich diese spannende Entwicklung in meinem Leben sofort über eine weithin bekannte Social-Media-Datenkrake mit der ganzen Welt geteilt. Kurz darauf meldete sich Lieve aus Antwerpen, die ich vor einigen Jahren beim Schnapstrinken auf einer Hochzeit kennengelernt hatte. Seither pflegen wir die schöne Tradition, an Geburtstagen Katzenvideos hin und her zu schicken - was an dieser Stelle allerdings etwas zu weit führt. Jedenfalls hat sich auch Lieves belgische Backofenuhr dazu entschlossen, sechs Minuten hinterher zu hinken.

Wenn unkontrolliert Strom entnommen wird, sieht man das am Backofen

Die Backofenuhren von Sabine, Lieve und mir haben eines gemeinsam. Sie beziehen ihren Takt von der Frequenz des Stromnetzes. Beträgt die 50 Hertz, dann beträgt eine Backofenuhrenminute exakt 60 Sekunden. In den 25 Ländern, die zum synchronisierten Bereich Kontinentaleuropa des Verbands Europäischer Übertragungsnetzbetreiber, kurz ENTSO-E, gehören, lag die Frequenz in den Stromnetzen in den vergangenen Wochen allerdings etwas niedriger.  

Diese Länder nehmen an einem gemeinsamen Strommarkt teil und haben sich verpflichtet, kontinuierlich eine bestimmte Menge Strom in die Stromnetze einzuspeisen. Serbien ist Teil dieser Gemeinschaft. Die Gebiete des Nachbarlands Kosovo gehören aber nicht offiziell dazu, seit vor zehn Jahren die Unabhängikeit von Serbien ausgerufen wurde.

Der kosovarische Netzbetreiber KOSTT hat nun zugegeben, seit Januar unkontrolliert und ohne Genehmigung Energie aus dem Synchronbereich Kontinentaleuropa entnommen zu haben. Da in diesen Monaten meist mehr Energie verbraucht wird, weil etwa mehr geheizt wird und öfter Plätzchen gebacken werden, konnte Serbien die entstandene Energie-Lücke nicht schließen. Die Folge: Seit Januar lag die Frequenz in den beteiligten Stromnetzen durchschnittlich bei 49,996 Hertz statt den vereinbarten 50. Dadurch dauert eine Backofenminute schon mal 61 Sekunden. Da es zwischen den Stromnetzen einen Austausch gibt, dürfen einzelne Länder kurzfristig von diesem Wert nach unten oder oben abweichen. Denn andere können das ausgleichen, heißt es in einer Mitteilung von ENTSO-E. Geschieht das aber dauerhaft und ohne Ausgleich, lassen sich diese Abweichungen vom Backofen ablesen. Selbst wenn der in Pankow angeschlossen ist.

Vieles im Leben gleicht sich ja eh aus

Dass die Backofenuhr falsch geht, weil einfach so Strom abgezapft wird, ist natürlich ärgerlich. Seit dem 3. März macht die Firma KOSTT das auch nicht mehr, hat sie versprochen. Es gibt aber auch durchaus erfreuliche Aspekte an dieser Geschichte. Dank meiner Backofenuhr fühle ich mich gerade so richtig europäisch. Bei einem Studienfreund aus Kopenhagen blinkt es gerade in der Küche genauso falsch wie bei mir. Lieve und ich haben uns endlich mehr mitzuteilen als Katzenvideos. Vielleicht fahren wir ja bald gemeinsam in den Urlaub. Warum nicht mal nach Serbien? Sabine darf natürlich auch mit.

Was sicher gut wäre, denn sie sagt oft schlaue Sachen. Etwa, dass sich vieles im Leben von selbst ausgleicht. Zwar nicht unbedingt die Frequenz in den Netzen des Verbands Europäischer Übertragungsnetzbetreiber. Die geklaute Zeit habe ich aber schon zurückbekommen. Als ich neulich die Batterien meiner Armbanduhr am Alexanderplatz wechseln ließ, glaubte der Uhrenmacher, dass sein Radio die Zeit falsch anzeigt. Dabei hatte seine Kollegin den Fehler längst korrigiert. Seither geht meine Armbanduhr exakt sechs Minuten vor. Am nächsten Tag habe ich zwar wieder die S-Bahn abfahren sehen. Ich war aber eh eine Bahn zu früh am Bahnsteig.

Sendung: Inforadio, 09.03.2018, 06.50 Uhr

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 3.

    Das ist ja interessant - meine Backofenuhr geht auch seit einiger Zeit falsch.

  2. 2.

    Was lernen wir daraus?

    Jedem seine eigene Atomuhr im Keller! ;-)

  3. 1.

    Bei mir war es die Mikrowelle. Aber super, dass es dafür eine Erklärung gibt.

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