Das ICC bei Nacht. (Quelle: imago)
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Wirtschaftsausschuss berät Zukunft - Wie Mexikos Gold das ICC retten soll

Der Berliner Senat will bald mit der Suche nach einem Investor für das marode ICC beginnen. Wie abenteuerlich das werden kann, zeigte sich bei einer Anhörung im Abgeordnetenhaus: Da wurde ein romanreifer Rettungsplan vorgestellt. Von Sebastian Schöbel

"Ich bitte Sie, von Zwischenfragen abzusehen." Mit dem Selbstbewusstsein eines mit allen internationalen Wassern gewaschenen Geschäftsmannes leitet Dr. h.c. Udo Schuster seinen Vortrag im Berliner Wirtschaftsausschuss ein – und spätestens da muss allen Teilnehmern klar sein, dass hier gleich etwas Ungewöhnliches passiert. Tut es dann auch. Denn Schuster präsentiert eine vermeintlich ideale Lösung für ein Problem, das Berliner Politiker schon seit Jahren überfordert: Eine sinnvolle Verwendung zu finden für das Internationale Congress Centrum, kurz ICC.

Schusters Vortrag wird ein Feuerwerk aus State-of-the-art Hochtechnologie, modernsten Öko-Baustandards, der Wiederentdeckung einer verschollen geglaubten U-Bahnstation und exklusiver Finanzierungsmöglichkeiten. Mit mexikanischem Gold aus hanseatisch-glaubwürdigen Händen.

Nachkriegs-Ikone sucht Anschluss zum Heute

Seinen Auftritt könnte man jedoch auch als Auftakt einer Suche bezeichnen, die noch Nerven kosten wird. Eine Suche nach der glänzenden Nadel im stinkigen Investoren-Heuhaufen. Denn am Ende dieser denkwürdigen Anhörung im Berliner Abgeordnetenhaus wird vor allem eines klar: Dass das ICC eine komplexe, risikobehaftete Rettungsmission brauchen wird. Denn hier sucht eine Ikone der Berliner Nachkriegsgeschichte den Anschluss an ein Jahrhundert, in dem es eigentlich keinen Platz gibt für architektonische Träumerei oder bauliche Phantasie.

Einig sind sich Berlins Wirtschaftspolitiker zumindest in einem Punkt: Die Stadt braucht mehr Kongressfläche, so wie es die Branche seit Jahren fordert. Einen "dreistelligen Millionenbetrag" könne man verdienen, so der SPD-Abgeordnete Frank Jahnke, wenn man all die Events an Land ziehen würde, die man bisher an Metropolen wie London, Madrid oder Paris verliere. Rund 100 Kongresse und Veranstaltungen seien es, bestätigt Willy Kausch vom Kongressveranstalter K.I.T., "vielleicht sogar 120". Der Berliner Wirtschaft entgehe dadurch eine Summe von bis zu 500 bis 600 Millionen Euro im Jahr. Christian Andresen vom Gaststättenverband Dehoga sekundiert: 90 Prozent des Berliner Kongressgeschäfts werde von Hotels gestemmt. Jeder Geschäftsreisende gebe im Schnitt 200 Euro aus. Ein "Riesengeschäft", das Berlin da durch die Lappen gehe.

Angst vor Asbest wird gegen Berlin verwendet

Kausch rechnet vor: Allein der Onkologen-Kongress, den er in München im September veranstaltet, werde mit seinen 25.000 Teilnehmern inklusive Hotelübernachtungen bis 35 Millionen Euro Einnahmen generieren – die persönlichen Ausgaben der Damen und Herren Doktoren seien da noch nicht drin. Und als wisse er genau, wie sehr der Vergleich schmerzt, fügt Kausch hinzu: Hamburg mache es besser, da werde bald ein neues Kongresszentrum eingeweiht. "Berlin wird belächelt", sagt Kausch, weil man Großveranstaltungen wegen Platzmangels an andere Städte quasi verschenke.

Investor Schuster soll die Probleme lösen können

Ein saniertes ICC könne das Kräfteverhältnis wieder zu Gunsten Berlins verschieben, meint Gustav Salffner. Der Berater, Ingenieur und Dozent hat mit seinen Studenten der Immobilienwirtschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft das ICC in einer Praxisübung durchkalkuliert und Nutzungskonzepte verglichen. Die Ausgangslage sei problematisch, sagt Salffner. Elf Prozent nutzbare Fläche habe der Riesenbau, "das ist ganz schlecht". Dazu kommen veraltete Technik und Sanierungsbedarf. Allein Modernisierung und Asbestentfernung würden 488 Millionen Euro kosten, so Salffners Fazit. Besonders bitterer Wermutstropfen: Ein Zuschussgeschäft von 13 Millionen Euro im Jahr würde das ICC für das Land Berlin trotzdem bleiben. "Weil es in der Regel so ist, dass man ein Kongresszentrum dieser Größe nicht rentabel betreiben kann", sagt Salffner.

Es sei denn, man hat einen Investor an der Hand. Einen wie Udo Schuster. Für den hat Salffner mit seinem Studententeam die ICC-Studie nämlich angefertigt und gleich auch noch Schusters Investitionsplan durchkalkuliert. Das Ergebnis fasst Experte Salffner so zusammen: "Liebe Leute, tut euch doch zusammen."

Womit er die Bühnen für Dr. h.c. Schuster bereitet. Und der stellt ein Konzept vor, das wie das Best-of der kühnsten Träume aller ICC-Befürworter klingt. Solarpanels, Fallwindturbinen, Geothermie und Fensterscheiben, die mit einer Folie Strom erzeugen, sollen das ICC in ein "Green Building" verwandeln. Dazu kommen LED-Lampen mit verschiedenen Farben. Oben drauf verspricht Schuster ein 5 Megahertz-Wlan, 100 Gigabit Videokonferenz-Netzwerk, G5-Mobilfunk-Beam, Theatertechnik nach Vorbild des Convention Centers in Doha (Katar) in sechs Sälen, eine hochmoderne Akustikanlage mit einem Dolby Atmos System wie in der Elbphilharmonie, 4D-Kino und TV-Studios für nationale und internationale Produktionen.

Man werde dadurch die Betriebskosten "so weit senken, dass ein Kosten-Nutzen-Verhältnis entstehen wird, was bisher nicht für möglich gehalten wurde", sagt Schuster.

Senat müsste Autobahndreieck Funkturm umbauen

Das war es noch nicht. Schusters Investor will das ICC zudem in einen "Campus" für junge Menschen verwandeln, die dort "Gastvorlesungen" oder "Spezialseminare" besuchen können. Dazu kommt noch ein neues Hotel auf dem Parkhaus mit Helikopterlandeplatz.

Besonderer Clou: Unter dem ICC will er außerdem noch den nicht ans Netz angeschlossenen U-Bahnhof Masurenallee/Messedamm in Betrieb nehmen. Der war einst als Station auf der verlängerten U2 gedacht, wurde aber nie gebaut und dient zurzeit als Lagerfläche. In dem Zuge müsse der Senat natürlich das Autobahndreieck Funkturm umbauen. Was aber möglich sei, wenn man die Rudolf-Wissell-Brücke überbaue, "bevor sie abgerissen werden muss". Wer sich nicht vorstellen könne, wie das gehen soll, sagt Schuster in herrischem Ton, solle ins "Entwicklungsland Thailand", nach Bangkok blicken: Da löse man Infrastrukturprobleme "mit Skytrains, die in 40 bis 50 Meter Höhe über die Stadt hinweg führen". Er könne den Berliner Politikern gerne Bilder zeigen, ätzt Schuster, "von meiner letzten Asienreise".

Für all das sei Schusters Investor bereit, 850 Millionen Euro zu investieren. "Wenn wir das möglich machen, sollte es für das Land Berlin ebenfalls möglich sein", so Schuster. "Asbestsanierung bereits inbegriffen", fügt Gustav Salffner hinzu, und stichelt ein wenig Richtung Senat: Allemal ein besseres Konzept als das, was das Land Berlin derzeit habe. Die Stadt könne das fertige, neue ICC dann von Schusters Investor mieten. "Aber nur unter der Voraussetzung, dass man uns die Freiheit lässt, das ICC innen so umzubauen, dass unser Nutzungskonzept komplett umgesetzt werden kann". Und das Land möge "mindestens 50 Prozent" der bereits eingeplanten Gelder für die Sanierung, gut 200 Millionen Euro, "auf ein Sichteinlagekonto" überweisen. Man wolle "als deutscher Investor in der Sache ICC der Stadt dienlich sein". Politik interessiere ihn nicht, so Schuster. "Als besorgter Bürger dieser Stadt bin ich ausschließlich an der Ziellösung der Sache interessiert."

Symbolbild: Elbphilharmonie und Hubschrauberlandeplatz der königlich-dänischen Marine. (QUelle: imago/Hauke Hass)Hubschrauberlandeplatz und hochmoderne Akustikanlage wie in der Elbphilharmonie?

Gold von der "mexikanischen Dame"

Schuster, der mit seiner Projektentwicklungsfirma PMP die Immobilienfirma Jetro vetritt, bewirbt sich schon seit 2015 als potentieller ICC-Investor beim Senat. Bisher erfolglos: Wirtschaftssenatorin Ramona Pop lehnte ein persönliches Gespräch ab. Anders als der Regierende Bürgermeister Michael Müller: Den habe er in dessen Wahlkreisbüro getroffen, so Schuster, und mit seinem Plan habe er "voll auf seiner Linie" gelegen.

Woraufhin SPD-Politikerin Ina Czyborra nur eine Frage hat: Wer ist der mysteriöse Investor, den Schuster vertritt? "Die Gesellschaft, für die Sie hier sitzen, verfügt über ein Eigenkapital von einem Euro, wenn ich das richtig sehe." Harald Wolf von den Linken verweist auf die ebenfalls angegebene Muttergesellschaft von Schusters Unternehmen, die in London registriert ist. "Mit 100 Euro" Stammkapital, so Wolf. Dass die Finanzierung mit "mexikanischen Goldbonds einer mexikanischen Dame" erfolgen solle, basierend auf Unterlagen "von vor der Finanzkrise" und ohne Bestätigung einer Bank leuchte ihm auch nicht ganz ein, sagt Wolf. Das einzig konkrete an seinem Plan sei der Vorschuss, den das Land Berlin zahlen soll, so Wolf weiter. "Vielleicht können Sie dazu was sagen, um meine Zweifel an der Seriosität ihres Vorhabens zu zerstreuen".

Ein Ex-Thyssen-Krupp-Mitarbeiter als Investor

Schuster versucht aufzuklären. Das mit dem Stammkapital "macht man so", versichert der Geschäftsmann. Er sei ja auch nur der Projektmanager seines Investors. "Das hat noch andere Vorteile, die ich hier nicht zu erörtern habe."

Aus "wir" wird dann ein Hamburger Investor namens Heiner Groth, ehemaliger Thyssen-Krupp-Mitarbeiter und "Führungskraft in der Managementetage". Der habe in seiner Zeit bei Thyssen-Krupp die nötigen "Verbindungen" aufgebaut und dadurch "die Möglichkeit erhalten, 25 Goldbonds des mexikanischen Staates für Infrastrukturprojekte in Europa nutzen zu dürfen". Das mit der Vorleistung des Landes sei doch klar: "Jeder private Investor braucht Sicherheit", sagt Schuster. Er wolle auch kein Geld, sondern nur eine Garantie, dass man zusammenarbeiten wolle. "Das ist die Eintrittskarte für das Geschäft auf dem internationalen Kapitalmarkt."

Firma mit Sitz im Märkischen Viertel

Ob der Berliner Senat diese Eintrittskarte löst, wird sich wohl erst in ein paar Monaten zeigen. Das Interessenbekundungsverfahren für ICC-Investoren wird noch vorbereitet. Wirklich überzeugt von Schusters Vortrag scheinen Senat und Abgeordnete nach fast zwei Stunden Anhörung allerdings noch nicht zu sein. Der selbstbewusste Berliner Geschäftsmann hätte es allerdings nicht weit, um sie noch einmal darauf anzusprechen: Seine Firma, die den 850-Millionen-Deal umsetzen soll, hat ihren Sitz laut Google-Suche in einem Wohnhaus im Märkischen Viertel.

Beitrag von Sebastian Schöbel

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8 Kommentare

  1. 8.

    Was läuft hier falsch? Manchmal komme ich mir in Berlin vor, als lebe ich in Bukarest.
    Ist irgendwann ein Bauprojekt am Start, ziehen korrupte Funktionäre das Geld ab, und es wird teurer und kaum finanzierbar. Und nichts wird fertig. Wo leben wir eigentlich?
    Berlin hat nicht einmal mehr Geld für simpelste landeseigene Ausbesserungsarbeiten.
    Hm, wieso bettelt eigentlich die Deutsche Hauptstadt eines der reichsten Länder wegen irgendetwas?
    Reichen der Hauptstadt nicht 4 Millionen Einwohner, wie viel Geld braucht die Hauptstadt denn noch um landeseigene Gebäude zu sanieren? Brauche wir 40 Millionen Einwohner um ein Bauwerk zu Ende zu bringen.
    Hey das kann man mit dem Asbest sowieso auch kaputt reden, ich würde mal zu gerne Gebäude der 80/90 er wie die Berliner Philharmonie anbohren, da sind zeitgerecht bestimmt Tonnen von Asbest reingeschüttet worden, weil es zu damaliger Zeit keine "Sau" interessiert hat und Uso war.

  2. 7.

    Danke für die kenntnisreichen Hinweise, das hilft bei der Einordnung sehr weiter. Oft lässt sich das nämlich gar nicht alles so schnell überprüfen.

    MfG
    Sebastian Schöbel

  3. 3.

    Frappierend, wie da sehr wohl erwachsene Männer wie phantasierende Schuljungs agieren: Vielleicht kann da noch neben der U-Bahnstation, die offenbar über Halensee hninausführen sollte, noch ein Fernbahnhalt Westbahnhof integriert werden, sozusagen als leichte Verschwenkung sowohl der Wannseer Strecke als auch der Spandauer Strecke, die erst jenseits des ICC auseinandergehen könnte ...

    Auf ein paar Kleinigkeiten kommt es ja nicht an, um das ICC zu retten ...

    Genauso unvermittelt wie das ICC mit der unmittelbaren Umgebung ist, genauso unvermittelt sind diese Vorhaben und Ideen. Das ICC ist ein Bau, der sich nicht entscheiden kann, ob es ein Gebäude oder eine Maschine sein soll. In der arabischen Wüste hätte das Ding ja noch einen spezfischen Wert, in der dicht bebauten Berliner Umgebung, soweit sie etwas von sich hält, nicht.

  4. 2.

    Da die Gelder Berlins begrenzt sind und Berlin schon genug kostspielige Prestigeprojekte hat, plädiere ich dafür anstatt wieder so ein Angeber-Protzbau sollte das Geld in die Breite investiert werden, Soll konkret heissen die städtischen Wohnungsbaugesellschaften sollen die Mittel bekommen um in der Breite Wohnraum zur Verfügung zu stellen, etwa durch Zukäufe oder durch Neubau. Wenn sich das ICC rechnen würde, egal in welcher Form, würde das ein privater Investor allein (oder im Verbund mit anderen) stemmen können.

    Ausserdem sehe ich nicht das Problem, wenn München oder Hamburg die Kongresse bekommen. Hamburg und München sind Teil unseres Landes und nicht unser Feind oder so was. Wenn dort schon die Infrastruktur besteht, dann soll sie auch dort genutzt werden. Und wenn so unbedingt ein Kongresszentrum her muss, dann geht es sicher auch billiger als in das schrottreife ICC aber-hunderte von Millionen zu werfen.

  5. 1.

    "5 Megahertz-Wlan, 100 Gigabit Videokonferenz-Netzwerk, G5-Mobilfunk-Beam"

    Also gaaanz langsam:
    * 5 "Gigahertz"-WLAN. Hat jeder, auch in allen Messehallen nebenan. Wahrscheinlich auch der Typ zu Hause auf seinem Fritzbox.
    * 100 GBit braucht man da nicht, kriegt man nicht verkauft. Außerdem hat die ICC bereits Glasfaseranschluss von der Messe/Telekom. Ob da Video oder sonst was durchgeht ist egal, Glasfaser bleibt Glasfaser.
    * "5G" Mobilfunk. Es gibt kein G5-Treffen der Mobilfunkanbieter. Alle Messehallen haben eine eigene Mobilfunkzelle, also auch nichts neues.

    Als Techniker aus dem Bereich kann ich sagen: wer mit solchen Begriffen rumwirft will nur angeben, es steckt nichts dahinter.

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