Mit einem Zollstock wird an einem der Hauswand anschaulich gemacht, wie dünn die Wärmedämmung an den Gebäuden im Kosmosviertel ist. (Quelle: rbb/ Peter Schmidt)
Video: zibb | 13.04.2018 | Jana Göbel | Bild: Peter Schmidt

Berliner Kosmosviertel - Tausende Mieter sollen für falsche Wärmedämmung zahlen

30 Prozent Einsparung bei den Heizkosten soll eine Sanierung von knapp 2.000 Wohnungen im Berliner Kosmosviertel bringen. Doch die Wirkung der Dämmung ist nach rbb-Informationen kaum messbar. Trotzdem sollen die Mieter draufzahlen. Von Jana Göbel

1.900 Wohnungen im Berliner Kosmosviertel sollen Schritt für Schritt energetisch saniert werden (rbb|24 berichtete) – doch viele der Bewohner in dem Plattenbauquartier am südlichen Rand der Stadt wissen nicht, wie sie die damit einhergehende Mieterhöhung aufbringen sollen.  

Mieterhöhung um 124 Euro

Das Haus, in dem Katrin Gassan wohnt, wird für das Gerüst vorbereitet. Vor Kurzem hat sie die Ankündigung für eine Mieterhöhung erhalten. Wenn alles so kommt, wie es in dem Schreiben steht, müsste sie künftig monatlich 124 Euro mehr für ihre Wohnung im Kosmosviertel zahlen – und damit mehr als 30 Prozent des Einkommens für die Miete ausgeben.

Die neue Fassade der Gebäude im Kosmosviertel sollte die Energiekosten um ein Drittel senken. (Quelle: rbb/Göbel)
Wohnblock im Kosmosviertel | Bild: rbb/Göbel

Sechs Wohnblöcke sind hier schon energetisch saniert. Dabei wurde ein relativ neues Dämmverfahren angewendet. Im Unterschied zum üblichen, etwa 20 Zentimeter dicken, Wärmeverbundsystem wurde mit sogenanntem Dämmputz isoliert. Der Vorteil: Er ist nicht brennbar und weniger dick - besonders für die Sanierung denkmalgeschützter Häuser wäre das interessant. 30 Prozent der Heizkosten sollen damit eingespart werden können.

Der Baustoffhersteller Proceram erhält für die Entwicklung des Herstellungsverfahrens 447.000 € Fördermittel vom Bundesforschungsministerium. Ebenfalls gefördert wird das Fraunhofer-Institut mit 329.000 €, weil es die Entwicklung des Verfahrens begleitet. Vom Fraunhofer-Institut stammt auch eine Studie, welche besagt, der Dämmputz mindere den Wärmeverlust am Gebäude um ein Drittel. Allerdings war die Dämmung bei den Messungen sechs Zentimeter dick.

Zu dünn aufgetragen

Eine Dicke von sechs Zentimeter Dämmputz wurde im Kosmosviertel aber oft nicht erreicht. Mietaktivisten haben 50 Stichproben-Messungen vorgenommen. Demnach schwankt die Stärke zwischen zwei und 5,9 Zentimeter. Dem rbb liegt ein vertrauliches Gutachten zur energetischen Sanierung im Kosmosviertel vor. Darin heißt es: "Die Materialdicke ist zu dünn. Stellenweise ist die Schicht lediglich 1 cm … dick." Man könne die Maßnahme nicht als energetisch sinnvoll bezeichnen. Das Gutachten wurde von der zuständigen Wohnungsbauverwaltung in Auftrag gegeben. Die Mieter selbst wussten davon bisher nichts. Viele wunderten sich allerdings, warum die teure Dämmung kaum etwas brachte.

Bestätigend liegen dem rbb exemplarisch Energieverbrauchsdaten aus einem der Wohngebäude im Kosmosviertel vor. Verglichen wurden die Jahre 2011 bis 2016. Bis 2014 war das Haus ungedämmt. Die Jahre 2015 und 2016 waren mit neuer Wärmedämmung. Temperaturbereinigt – das heißt, Extreme wurden herausgerechnet – ergab sich eine Einsparung von sechs Prozent im Jahr 2015 und von drei Prozent im Jahr 2016. Die Quelle der Daten ist seriös und dem rbb bekannt. Bei den anderen sanierten Häusern sei es ähnlich.

Sechs Wohnblöcke wurden im Kosmosviertel bisher wärmegedämmt, die Energieeinsparungen sind gering. (Quelle: rbb/Göbel)
Das Kosmosviertel liegt in Alt-Glienicke im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick. | Bild: rbb/Göbel

Der Eigentümer der 1.900 Wohnungen ist Helmut Hagemann, ein älterer Herr aus München. Er hat das Quartier in den 1990er Jahren erworben und seitdem nicht viel an den Gebäuden gemacht. Es ist offensichtlich, dass eine Instandhaltung der Blöcke erforderlich ist.  Zur Qualität der Dämmung im Kosmosviertel will sich Hagemann aber nicht äußern. Auch Proceram reagierte nicht auf die Fragen des rbb.

Mieterverein protestiert gegen Unverhältnismäßigkeit

Wenn die Dämmung fast nichts bringt, so wie bei etlichen Nachbarn im Viertel, will Katrin Gassan dafür nicht 124 Euro im Monat zusätzlich bezahlen. Beim Berliner Mieterverein erfuhr sie, dass sie die Maßnahme nicht ablehnen könne – wenn der Eigentümer bei der Ankündigung alles richtig gemacht habe. Grundsätzlich könne er die Kosten für energetische Sanierungen komplett auf die Miete drauflegen, erklärt Anwältin Regina Haberland, und zwar jährlich elf Prozent der Gesamtmaßnahme. Nach neun Jahren wären die Ausgaben für die Dämmung eigentlich abbezahlt. Doch die erhöhte Miete bliebe weiter bestehen. Gegen diese Unverhältnismäßigkeit protestiere der Mieterverein seit Jahren.

Die Anwältin macht Katrin Gassan allerdings Mut: Ihre Sanierungsankündigung von 2016 sei unwirksam. Zum einen sei eine Frist überschritten worden. Zum anderen seien Instandhaltungskosten und eventuelle Fördergelder nicht herausgerechnet worden.

Das Haus von Katrin Gassan soll 2018 energetisch saniert werden. (Quelle: rbb/Göbel)
Katrin Gassan soll monatlich 124 Euro mehr zahlen. | Bild: rbb/Göbel

"Und wenn später, wie bei den Nachbarn, die Arbeiten nicht ordentlich gemacht werden?", fragt Katrin Gassan. Dann könne man die Mieterhöhung im Nachhinein anfechten, erklärt Anwältin Regina Haberland. Man müsse dann allerdings beweisen, dass die Arbeiten so mangelhaft ausgeführt wurden, dass der Energiespareffekt nicht eintritt. In solchen Fällen hätten Mieter das Recht, die Sanierungs-Unterlagen beim Vermieter einzusehen und einen Gutachter mit der Überprüfung zu beauftragen. Für Mitglieder des Berliner Mietervereins würde dies vermittelt werden können. Notfalls müsse auch vor dem Amtsgericht gestritten werden.

Für Katrin Gassan ist das wieder einmal ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, nachzuhaken. "Man muss sich nicht alles gefallen lassen", sagt sie.

Beitrag von Jana Göbel

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Es ist schade wie wenig die zuständigen Abteilungen im Staatsdienst gegen solche, nachweislich falschen Abrechnungen der Verantwortlichen Firmen unternehmen und wie es scheinbar leicht ist, mit Fördergeldern andere zu betrügen... Der Steuerzahler und somit doppelt die Mieter sind die Leid- und Lasttragenden...

  2. 3.

    es hat sich in meinen Kommentar ein Fehler eingeschlichen. Natürlich muss der erreichte u-Wert nicht 0,024 W/m²K, sondern nur 0,24 W/m²K sein. Sorry für die 0 zuviel

  3. 2.

    Ganz einfach: der eingesetzte Wärmedämmputz hat einen lambda-WErt von 0,028 W/m²K. Um bei einer energetischen Sanierung den von der EneV geforderten Wert von 0,024 W/m²K zu erreichen, müsste er in einer Dicke von 11 cm aufgetragen werden. Schon 6 cm sind viel zu wenig. Daher:
    Haben Hausbesitzer, Planer und Handwerker die EnEV verletzt - was mit einem Ordnungsgeld von 50.000 € geahndet werden kann. Bitte diese Info an die Hausbewohner weitergeben. Danke.

  4. 1.

    Bei der Mietzahlung 30% der bisherigen heizkosten pauschal abziehen, wenn sie sonst gleich bleiben würden.

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