Auf einer Absperrung in Fürstenwalde prangt Graffiti zum Thema Glück. (Bild: imago/Sascha Steinach)
Video: Brandenburg Aktuell | 21.06.2018 | Thomas Bittner | Bild: imago/Sascha Steinach

Umfrage: Fühlt sich Brandenburg abgehängt? - So schlimm kann die Mark nicht sein

In Brandenburg ist nichts los, vor allem der ländliche Raum gilt als abgehängt. Heißt es jedenfalls. Doch die Brandenburger selbst sehen das gar nicht so. Gleich verteilt ist die Zufriedenheit allerdings nicht, Probleme gibt es durchaus. Von Sebastian Schöbel  

Der größte Brandenburg-Fan aller Zeiten, Theodor Fontane, schrieb einst über seine märkischen Mitmenschen: Sie seien zwar "gesunden Geistes und unbestechlichen Gefühls", aber leider "ohne rechte Begeisterungsfähigkeit und vor allem ohne rechte Liebenswürdigkeit." Weniger poetisch ausgedrückt: Die Märker sind meistens schlecht gelaunt und meckern viel. Ein Image, das sich aus Fontanes Zeit bis in die Gegenwart gerettet hat.

Dabei ist die Stimmung der Brandenburger im Jahr 2018 gar nicht so mies, wie gemeinhin vermutet wird – trotz der vielen Widrigkeiten, mit denen man vor allem im ländlichen Raum der Mark zu kämpfen hat. Laut einer aktuellen Umfrage von infratest dimap im Auftrag des rbb, haben gut drei Viertel der Brandenburger nicht das Gefühl, in einer Region zu leben, die benachteiligt ist.

Das Alter, das Geschlecht oder die Bildung spielen dabei keine Rolle: Egal ob alt oder jung, männlich oder weiblich, mit Hauptschul-  oder Universitätsabschluss, nur jeder vierte Gefragte gab an, in einer Region zu leben, die er oder sie als abgehängt empfindet.

Am zufriedensten sind laut Umfrage die Unterstützer der Grünen: 91 Prozent von ihnen sind überzeugt, ihre Heimatregion sei nicht abgehängt. Eine Erklärung dafür könnte das Ergebnis der letzten Bundestagswahl sein: Die mit Abstand meisten Stimmen sammelten die Grünen im boomenden Berliner Speckgürtel ein, vor allem in Potsdam. Am unzufriedensten zeigten sich Wähler der AfD: Jeder dritte ihrer Unterstützer meint, in einer benachteiligten Region zu leben. Auch hier hilft der Blick auf die letzte Bundestagswahl: Am erfolgreichsten war die AfD in Gemeinden fernab der Hauptstadtregion, vor allem im Südosten Brandenburgs.

Der entscheidende Unterschied zwischen Zufriedenen und Unzufriedenen ist also weniger die Biografie, sondern die Geografie: Wo man in Brandenburg wohnt, spielt eine wichtige Rolle. Je näher der Brandenburger an Berlin herankommt, desto zufriedener ist er. 93 Prozent der Gefragten im Berliner Speckgürtel gaben an, keine Benachteiligung ihrer Region feststellen zu können. Jenseits des Speckgürtels aber steigt der Unmut, ein Drittel der Menschen hier meint, abgehängt zu sein.

Am wichtigsten ist den Menschen laut Umfrage die ärztliche Versorgung – und hier gibt es offenbar jede Menge Unmut in der Bevölkerung. 41 Prozent aller Befragten in ganz Brandenburg gab an, heute weniger Ärzte im Umkreis zu haben als noch vor zehn Jahren. 28 Prozent meinen, es habe sich nichts geändert - also auch nicht verbessert. Der große Unterschied: Im Speckgürtel meinen knapp 40 Prozent der Befragten, die Versorgung sei eher besser geworden - während im Rest Brandenburgs fast die Hälfte der Befragten genau das Gegenteil sagen.

Zweite Priorität der Märker ist der Öffentliche Personennahverkehr – nicht verwunderlich in einem Bundesland, in dem täglich 300.000 Menschen nach Berlin pendeln. Die Landesregierung in Potsdam hat das erkannt und investiert allein in diesem Jahr 36 Millionen Euro in die Bahninfrastruktur. Wohl nicht ohne Grund: Nur jeder Dritte Brandenburger meint, die Situation des ÖPNVs habe sich verbessert. 28 Prozent meinen sogar, die Lage habe sich verschlechtert seit 2008.

Shopping scheint hingegen gar kein Problem zu sein, jedenfalls nicht für die Mehrheit der märkischen Kunden. 62 Prozent sagen, sie haben heute mehr Möglichkeiten als vor zehn Jahren. Wobei auch hier der Speckgürtel den Rest des Bundeslandes abhängt: 75 Prozent meinen, das Angebot habe sich verbessert, im Rest Brandenburgs sagen das nur 56 Prozent der Befragten.

Was Menschen im Speckgürtel wichtig ist

Was Menschen jenseits des Speckgürtels wichtig ist

Insgesamt zeigt die Umfrage von infratest dimap, wie sehr der Speckgürtel dem Rest Brandenburgs schon enteilt ist: Wer hier lebt, hat im Schnitt deutlich seltener das Gefühl, abgehängt zu sein. Das Ärzteangebot wächst, die Infrastruktur wird erweitert, es gibt mehr Schulen und Kitas, mehr Kultur, mehr Einkaufsmöglichkeiten. Im Rest Brandenburgs aber sieht es anders aus: Deutlichen Zuwachs scheint es nur bei den Einkaufszentren, Supermärkten oder Drogerien zu geben. In fast allen anderen Bereichen, die im täglichen Leben wichtig sind, beklagen die Bürger Stagnation oder gar einen Rückgang - bei Ärzten, Behörden, sogar Kneipen und Gaststätten.

Nur über eine Sache jammern Speckgürtel und ländlicher Raum gleichermaßen: die Post. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, der Service habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Was die Post selbst auf Nachfrage von rbb|24 nicht ganz nachvollziehen kann: Man erfülle den gesetzlichen Auftrag, dass alle 1.000 Meter ein Briefkasten und alle 2.000 Meter eine Filiale stehe. Wobei letzteres auch ein Lottoladen mit Briefannahmestelle sein kann, die Post selbst hat schon seit Jahren keine eigenen Filialen mehr.

Theodor Fontane hätte diesen Ärger vielleicht nachvollziehen können. Schon um das Jahr 1845 beschwerte er sich in seiner Erzählung "Zwei Post-Stationen" über die "deutsche Postschnecke", die Ende des 19. Jahrhunderts das Rennen gegen die Eisenbahn verlor. Weil sie langsamer war, natürlich. Was Fontane mit der Figur des Postkutschers Jochen unterstreicht: Der ist selten nüchtern und schläft während der Nachtfahrten schon mal seinen Rausch aus - woraufhin ihm regelmäßig die Pferde stehen bleiben und die Kutsche Verspätung hat.

Beitrag von Sebastian Schöbel

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