Die Kinderärzte Steven Rohbeck (links), Andreas Knoblauch (rechts), rbb/Dominik Lenz
Audio: Inforadio | 22.06.2018 | Dominik Lenz | Bild: rbb/Dominik Lenz

Warum Kinderärzte in Potsdam Alarm schlagen - "Wir haben bis zu 120 Patienten pro Tag"

Potsdam ist die sprichwörtliche Made im Speckgürtel: Nirgendwo ist Brandenburg so wohlhabend, der Zuzug ist trotz explodierender Mietpreise ungebrochen. Doch unter der Oberfläche gibt es Probleme: Bei den Kinderärzten zum Beispiel. Von Dominik Lenz

Akutsprechstunde in der Kinderarztpraxis von Andreas Knoblauch und Steven Rohbeck am Potsdamer Luisenplatz. Die Stoßzeit ist vorbei, Knoblauch wirft einen kurzen Blick auf den Monitor. "Es ist 10:15 Uhr und wir haben bisher 45 Kinder behandelt, mit den unterschiedlichsten Erkrankungen."

Alltag in der Praxis. "Ganz normales Programm", sagt Knoblauch. Er teile sich die Arbeit mit seinem Kollegen Rohbeck auf: einer für das Akute, einer für die Vorsorge und die geplanten Behandlungen. "Wir haben insgesamt 11.000 Patienten in der Kartei", fügt Rohbeck hinzu. "Wir haben auch schon mal 120 Patienten am Tag, da kommt schon ein bisschen was zusammen."

"Wir haben auf jeden Fall zu wenige Kinderärzte"

Mittlerweile sind so viele Kinder zu versorgen, dass die Praxis keine neuen Patienten mehr aufnimmt. Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn auf dem Papier besteht in Potsdam sogar eine Überversorgung an Kinderärzten. Doch KV-Sprecher Christian Wehry räumt ein: "Gehen sie in mal in Potsdam auf die Straße und fragen sie eine junge Mutter, wie sie die kinderärztliche Versorgung einschätzt. Die wird ihnen ein anderes Bild zeichnen."

Die KV befragte die Kinderärzte und stellte fest: Offenbar gibt es tatsächlich eine Diskrepanz zwischen den nackten Zahlen und dem verzweifelten Ansturm auf die Praxen. Durch den Zuzug der letzten Jahre ist ein Platz beim Kinderarzt ein rares Gut, bestätigen auch die Eltern im Wartezimmer der Praxis Knoblauch-Rohbeck. "Wir haben auf jeden Fall zu wenige Kinderärzte", sagt eine junge Mutter. "Bekannte von mir, die jetzt Kinder bekommen, haben schon Schwierigkeiten", pflichtet ihr ein Vater bei.

Verzweifelte Eltern, Ärzte am Limit

Den Frust dieser Eltern bekommt Kinderkrankenschwester Mandy Schulz am Empfang ab. Fünf bis zehn Anrufer müsse sie am Tag enttäuschen. "Manchmal sind die Eltern schon entnervt", berichtet sie. "Die sind neu nach Potsdam gezogen und haben schon zehn Kinderärzte angerufen und immer wieder gehört 'können wir nicht, können wir nicht'. Da ist verständlich, dass die irgendwann sauer werden."

Akutfälle werden zwar immer behandelt und es gibt eine Warteliste, mehr gehe aber nicht, sagt Kinderarzt Steven Rohbeck. "Man muss irgendwo die Grenze ziehen, um die Qualität zu erhalten. Deswegen sind wir Ärzte geworden, wir wollen es vernünftig machen."

Wenn Eltern zum Problemfall werden

Die Kassenärztliche Vereinigung arbeite nicht nur mit völlig veralteten Zahlen, klagt sein Kollege Andreas Knoblauch, es fehle auch der Sinn für die Realität: Das Behandlungsspektrum sei größer geworden. Die neuen Medien tun ihr Übriges, weil der Aufklärungsbedarf der Eltern gestiegen sei. "Die Mitbehandlung der Eltern ist ein wichtiges Thema geworden", sagt er und grinst ein wenig. "Weil sie durch 'Doktor Internet' sehr 'aufgeklärt' sind. Da gibt es erheblich mehr Bedarf."

Immerhin: Laut Kassenärztlicher Vereinigung wird es ab Sommer eine neue Kinderarztpraxis in Potsdam geben. Nicht im Zentrum, sondern im Norden, wohin derzeit besonders viele junge Familien ziehen.

Beitrag von Dominik Lenz

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Neben dem extremen Ärztemangel haben wir ja auch noch den üblichen Verwaltungswahnsinn. Man kann schließlich ein krankes Kind im Kindergarten-/Grundschulalter nicht alleine zu Hause lassen, um Arbeiten zu gehen. Man muss ja zum Arzt gehen, um eine Kind-krank-Schreibung zu erhalten.

    Es gibt sogar Fälle, da braucht man erst wieder ein Gesundschreibung bevor das Kind wieder in die Kita kann. Dazu benötigt man vom Arbeitgeber für diesen Tag Urlaub (das Kind ist ja nicht mehr krank), um sich mit dem gesunden Kind in die Massen Kranker zu stellen, um die Gesundschreibung zu erhalten. Ansteckung vorprogrammiert.

  2. 4.

    Die Situation ist bestimmt für Eltern nicht einfach. Allerdings muss man nicht wegen jedem Schnupfen oder Husten einen Arzt aufsuchen. Man weiss doch, das kleine Kinder häufiger erkältet sind, oder?

  3. 3.

    Aber für den Aufbau einer Garnisonkirche stehen Millionen zur Verfügung! Ist das christlich?

  4. 2.

    Leider ist die Situation in Berlin nicht anders:-( als unsere Kinderärztin plötzlich aufhörte zu praktizieren, habe ich 35 Kinderärzte in ganz Berlin angerufen; leider ohne Erfolg!
    Mithilfe der KK meiner Kinder wurden diese in eine "Ersatzpraxis" aufgenommen- aber auch dort sind Wartezeiten von 2-3 Stunden normal.
    Schade,dass das deutsche Gesundheitssystem hier nicht reagiert! Kinder sind unsere Zukunft, aber SO überlegt man sich,ob ein weiteres Kind geboren werden soll....
    Leiden müssen auch die Kinderambulanzen,denn dort geht man hin,wenn mein keinen Kinderarzt mehr hat und das Kinde evtl. nur Husten und hohes Fieber hat. Alles negative Auswirkungen,über die sich scheinbar keiner Gedanken macht.

  5. 1.

    Seit unser Kinderarzt in Rente ist, stehen wir mit unseren beiden Kindern ohne Kinderarzt da. In Nuthe-Urstromtal gibt es keinen Kinderarzt. In Luckenwalde stehen zwar 2 Kinderärzte auf dem Papier, die sind aber beide zusammen nur 15 Stunden die Woche für kranke Kinder da (Sprechzeiten ohne Impfungen u.ä.). Das ist in Realität weniger als ein halber Kinderarzt für Luckenwalde und Umland! In den Sprechzeiten ist das daher eine gigantische Massenveranstaltung.
    Unsere Alternative lautet: a) selbst behandeln z.B. Schnupfen, b) im Notfall ins Krankenhaus und immer öfter c) private Ärzte aufsuchen und selbst bezahlen

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