Fahrgäste auf dem Bahnhof im brandenburgischen Briesen (Bild: dpa/Patrick Pleul)
Video: Brandenburg aktuell | 23.06.2018 | Tim Jaeger | Bild: dpa/Patrick Pleul

Berlin und Brandenburg - Ausbau der Schiene lässt auf sich warten

300.000 Brandenburger pendeln jeden Tag nach Berlin, 180.000 Berliner in die Gegenrichtung. Die Züge sind oft rappelvoll. Doch ein Ausbau ist nicht in Sicht: Berlin, Brandenburg, Bahn und Verkehrsverbund sind sich uneins. Von Johannes Frewel

Der Mauerfall liegt inzwischen fast 30 Jahre zurück, die Mauerschneise zwischen Berlin und Brandenburg existiert längst nicht mehr. Lücken bei S- und Regionalbahn gibt es aber weiterhin und das bremst die wirtschaftliche Entwicklung. Längst wandern mehr Unternehmen aus Berlin ab als zu. Leistungsfähige Regional- und S-Bahnen sind Voraussetzungen für Wachstum. Doch bei den Planungen für insgesamt acht Entwicklungsprojekte in der Region steht man auch fast drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall noch ganz am Anfang.

Im besten Fall komme man bis 2030 mit den Planungen voran, räumt Dirk Rompf ein, Vorstand der Bahn-Netztochter. "Bei Infrastrukturentwicklung müssen sie über das Jahrzehnt hinaus denken", sagt er. "Wir glauben, dass wir einen substantiellen Teil des Programms [bis 2030] absolviert haben werden - und dann wird es noch den ein oder anderen Nachläufer geben."

Brandenburg will nicht nur den Speckgürtel stützen

Allerdings geht es gar nicht so sehr um den Ausbau, sondern nur um die Stabilisierung des bestehenden Fahrplans. Die Vergrößerung des Streckennetzes ist technisch zwar grundsätzlich möglich, sie wird aber durch unterschiedliche politische Interessen behindert.

Brandenburg hätte wirtschaftliches Wachstum gern in Städten, die eine Autostunde von Berlin entfernt sind. Berlin will jedoch selbst für Unternehmen attraktiver werden und das Pendlerproblem aus dem Speckgürtel lösen. Werden im wachstumsstarken Speckgürtel Gleislücken geschlossen, muss Brandenburg dort Millionensummen zahlen, statt mit dem Geld Firmen in berlinferne Regionen zu locken, rechnet die märkische Infrastrukturministerin Katrin Schneider vor. "Ein Zugkilometer kostet ungefähr acht bis zehn Euro", so Schneider zu den Betriebskosten, die für jeden einzelnen Zug, den Brandenburg bestellt, anfallen. 2016 hatte das Land 31,5 Millionen Zugkilometer bestellt. Würde man nun 40 bis 50 Millionen einkaufen, koste das "40 bis 50 Millionen Euro pro Jahr. Das ist eine sehr große Summe", sagt Schneider.

Netz am Limit

Derweil kratzt der öffentliche Nahverkehr in der Hauptstadtregion bereits heute an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Und das Problem wird größer: Schon heute nutzen jeden Tag vier Millionen Menschen den Verkehrsverbund VBB. Hinzu kommt, dass die Berliner-S-Bahn ein massives Pünktlichkeitsproblem hat, kritisiert VBB-Chefin Susanne Henckel. "Es gibt zahlreiche Baustellen, einen Mangel an Triebwagenführern bei mehreren Eisenbahnunternehmen. Wir erfahren sehr kurzfristig, dass Linien nicht bedient werden oder Züge ausfallen."

Zwar würden diese Ausfälle auch nicht bezahlt, zudem drohen den Unternehmen Strafgebühren. Allerdings ist es für die Bahnbetreiber günstiger, die Strafen in Kauf zu nehmen, als die Probleme anzugehen. Und so werden auch weiterhin jeden Tag zehntausende Pendler zu spät zum Job kommen.

Stillgelegte Strecken

Nach den Recherchen des rbb in verschiedenen Quellen wurden im Jahr 1994 in Brandenburg noch 534 Bahnhöfe von Regionalbahnen angefahren, 36 waren bereits geschlossen. Die größte Schließungswelle gab es zwischen 1995 und dem Jahr 2000, in dieser Zeit wurden über 150 Bahnhöfe vom Bahnverkehr abgekoppelt. Im Jahr 2018 werden noch 335 Bahnhöfe angefahren, 239 sind keine Bahnstationen mehr.

Seit dem 31.03. 1995 wurden in Brandenburg insgesamt 48 Strecken stillgelegt. als erstes traf es die Verbindung von Dahme nach Uckro auf einer Länge von 13 Kilometern. Die Strecken sind zwischen ein und 33 Kilometer lang, mehr als die Hälfte (26) kürzer als zehn Kilometer. Die längsten Strecken sind Peitz - Grunow (33 km), Sperenberg - Jüterborg (31 km) und Fürstenberg (Havel) - Templin (30 km).

Liste der stillgelegten Strecken

Link zu Quelle: Eisenbahn-Bundesamt

Beitrag von Johannes Frewel

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Das Hauptproblem besteht darin,das in den 90er Jahren zuviel Infrastruktur zurückgebaut wurde.
    Und dieser Fehler ist aus heutiger Sicht schwer korrigierbar.Jetzt fängt man wieder an Anlagen neu zu
    errichten welche früher mal vorhanden waren.......

  2. 5.

    Da wohnste 500 m von Westberlin im Speckgürtel - und die Anbindung ist mau! Mit Bus (3 mal die Stunde) rein zum U-/S-Bahnhof, wo eine Bahn fährt oder auch nicht (!), kostet nach Berlin rein ein Vermögen (ABC, anderes Bundesland!) und dauert doppelt so lange wie mit dem Auto.
    Mit dem PKW zum U-/S-Bahn-Endpunkt: keine P&R-Parkplätze. Aber auch keine im Kaff oder außerhalb, wenn man weiter weg wohnt und den Bus zur S-Bahn nähme, kein P&R-Parkplatz. Oder mit Rad zur U-/S-Bahn. Das ist dann abends geklaut. Weil ein Jungspund lieber mit geklautem Rad ins Kaff fährt als auf den Bus zu warten...

    Und mit dem PKW: noch immer nur zwei Straßen rein nach Berlin, wie direkt nach Grenzöffnung! Endlos-Stau. Alles quält sich durch die Wohngebiete. Tempo 30 fördert nur den Stau - wegbleiben tut deswegen keiner, weil es keine Alternativen gibt zum PKW von "Auswärts".

    Eine endlose Katastrophe. Abgehängt, 500 m hinter der ehem. Staatsgrenze....

  3. 4.

    Wie stellt sich Brandenburg das denn vor? Firmen werden in die von Berlin weit entfernten Städte gelockt und die Menschen ziehen hinterher ohne Anbindung durch den Öffentlichen Nahverkehr? Das funktioniert vielleicht wenn es nicht genug Arbeit gibt..z.Zt. ist es aber umgekehrt.
    Kann Berlin sich nicht andererseits daran beteiligen, dass die Verbindung zum Speckgürtel verbessert wird? Kann man sich letztendlich nicht zusammensetzen und eine faire Lösung für beide finden, anstatt alles zu blockieren? Ich dachte da sind erwachsene Menschen an der Regierung.

  4. 3.

    Wenn die Bahn es nicht hinbekommt alle Bahnhöfe halbwegs pünktlich zu bedienen, dann sollte man vielleicht ein Landeseigenes unternehmen gründen, dass den Job übernimmt. Die Brandenburger Eisenbahn oder so. Man kann ja mit ein paar Strecken anfangen und dann sich vergrößern.

    Ansonsten zu Bernd:

    Meiner Ansicht nach sollte es ein Gesetz geben, dass es den Arbeitgebern verbietet Arbeitnehmer zu sanktionieren, die wegen dem ÖPNV zu spät kommen. Die Nutzung des ÖPNV ist gesellschaftlich erwünscht und trägt zur Entlastung von Umwelt und des Verkehrs bei und zur Schonung der Resourcen. Wenn die Gesellschaft sich das so wünscht, dann solte sie sich auch schützend vor jene stellen, die sich schützend vor die Umwelt stellen.

    Wenn jemand wegen der Nutzung des ÖPNV zu spät kommt, soll jede Abmahnung, jede Künigung unwirksam sein, jedes Anschnauzen vom Chef illegal und gerne auch bußgeldbewehrt sein. Das ist gesetzestechnisch machbar.

  5. 2.

    Und da wundert man sich über Landflucht und voller werdende Städte. Die jetzigen Zustände waren schon vor Jahren erkennbar und passiert oder vorgeplant wurde nichts. Und das wird noch schlimmer, wenn das ÖPNV Netz in Berlin weiter verbessert und ausgebaut wird und Brandenburg, wie bisher, nur zuguckt.

  6. 1.

    Erst neulich habe ich beinahe mwinwn Job verloren, da die S Bahn wieder ausfiel. Sowas scheint aber kein Hirsel vom Senat zu interessieren!

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