Rund 10.000 Leihfahrräder des Anbieters Obike stehen am 10. Juli 2018 in einer Lagerhalle in Barsbüttel (Quelle: Daniel Bockwoldt / dpa)
Video: zibb | 11.07.2018 | Rainer Unruh | Bild: dpa

"Ohne jegliche Garantie" - Nach Insolvenz: Obikes werden schon im Netz verschleudert

Der Leihradanbieter Obike hat in Singapur Insolvenz angemeldet. Der Vertriebspartner kommt nicht hinterher, die in Berlin und anderen Städten abgestellten Räder einzusammeln – bietet die ausrangierten Leihräder auf seiner Homepage aber jetzt schon zum Kauf an. Von Robin Avram

Eine Woche nach der Insolvenz des auch in Berlin aktiven Leihradanbieters Obike bietet das Unternehmen Umzug-24 neue und ausrangierte Obikes bereits zum Kauf an. "Die Auswahl ist begrenzt und leider ohne jegliche Garantie", heißt auf der Homepage. Die "Robusten und Witterungsbeständigen O-Bikes" (sic) könnten zu "fairen Preisen" abgeholt werden.

Wie hoch der Preis pro Obike ist, war nicht in Erfahrung zu bringen, entsprechende Nachfragen von rbb|24 ließ Umzug-24 am Mittwoch unbeantwortet. 

Umzug-24 war von Obike mit der europaweiten Verteilung und Wartung der Leihräder - zu Spitzenzeiten immerhin 30.000 Stück - beauftragt worden. Doch wie ein Mitarbeiter von Umzug-24 Spiegel online sagte, gehörten der Firma nun die Räder – als Ausgleich für ausstehende Zahlungen. Nun versucht das Unternehmen offenbar, die silbergelben Drahtesel schnell zu Geld zu machen.

"Sicherheit: Vollgummi-Reifen" und "Benutzung: Korb" wirbt ein Piktogramm.

Auf ebay-Kleinanzeigen tauchte auch schon ein Obike auf, der private Verkäufer aus Berlin-Tempelhof will 100 Euro dafür. Ein Schnäppchen ist das keineswegs. Die Herstellungskosten der asiatischen Billigräder sollen laut Medienberichten bei unter 50 Euro pro Rad gelegen haben.   

Sreenshot der Seite Umzug-24.de, auf der Obike zum Kauf angeboten werden (Bild: umzug-24.ch)
Mit dieser Anzeige versucht Umzug-24, die Obikes zu Geld zu machen | Bild: umzug-24.ch

Senat droht: Bezirke räumen notfalls die Räder ab

Obike selbst ist komplett abgetaucht. Die auf der Website angegebene Telefonnummer ist nicht mehr zu erreichen, auch eine PR-Agentur, die bisher die Kommunikation mit den Medien übernahm, arbeitet nicht mehr für das Leihrad-Startup aus Singapur. Für die Behörden ist Obike schon länger nicht mehr greifbar. "Wir hatten seit April keinen Kontakt mehr mit Obike", sagt Matthias Tang, Sprecher der Berliner Verkehrsverwaltung rbb|24. Und droht schon mal: Wenn es hart auf hart kommt, müssten die Ordnungsämter der Bezirke die Räder abräumen und versuchen, sich die Kosten dafür von Obike erstatten zu lassen.

Mindestens 180 der einst 700 Obikes stehen noch in Berlin herum, das ergab kürzlich eine Auswertung der Obike-App durch den Bayerischen Rundfunk. Es könnten aber auch viel mehr sein, denn die App zeige viele Räder, die herumstehen, gar nicht mehr an. Die App funktioniere nicht mehr richtig, das mache die Ortung der Räder schwierig, klagt auch Umzug-24.

Das Resultat: In München warten sie schon seit drei Monaten darauf, dass Obike wie versprochen seinen Radbestand auf 1.000 Stück reduziert. Stattdessen verstopfen immer noch 3.000 Obikes die Straßen. Umzug24-Chef Firat Kural beteuert, er wolle sich nun bald mit den deutschen Städten, in denen Obikes stehen, in Verbindung setzen. Bislang habe man nur in Rotterdam, Zürich und Wien Räder eingesammelt.

Radschwemme über Nacht in München

Vermissen wird Obike in Deutschland wohl kaum jemand: Im Spätsommer 2017 kam das Start-Up nach Deutschland, wollte unbedingt schneller sein als seine chinesischen Konkurrenten Mobike und Ofo - und leistete sich von Anfang an grobe Schnitzer. Erst überschwemmte Obike München über Nacht mit Rädern, ohne vorher mit den Behörden gesprochen zu haben. Dann leisteten sich die Asiaten ein böses Datenleck, durch das Namen und Telefonnummern von Kunden offen im Netz standen. Vertrauen weckte das alles nicht.

Knapp bei Kasse war Obike wohl schon länger. Seit acht Monaten warten 10.000 fabrikneue Obikes in einer Lagerhalle in Schleswig-Holstein darauf abgeholt zu werden. Mit der Miete für die Räume ist Obike schon lange im Rückstand. Das sind alles keine gute Nachrichten für Obike-Kunden. Denn die mussten 79 Euro Kaution berappen, bevor sie Obikes ausleihen konnten. Die Chancen, dieses Geld wiederzusehen, sind wohl sehr gering.

Konzentrationsprozess im Leihrad-Markt

Nicht nur wegen der offenkundigen Management-Fehler kommt das Scheitern von Obike für Branchen-Experten nicht überraschend. "Weltweit ist ein Konzentrationsprozess bei den Leihrädern im Gange", sagt Tilman Bracher vom Deutschen Insititut von Urbanistik (difu) rbb|24. Möglich, dass noch weitere der mittlerweile sieben Leihrad-Anbieter pleite gehen, die Berlin in Windeseile mit inzwischen rund 20.000 Leihrädern geflutet haben.

Denn verdienen lässt sich mit dem Leihrad-Geschäft noch nichts. "Seit unserem Start in Deutschland verzeichnen wir ein stetiges Wachstum", teilt der weltweite Marktführer Mobike auf Nachfrage zwar mit. 10.000 Räder allein in Berlin hatten die Chinesen angepeilt. Ob der Leihrad-Riese auch kostendeckend arbeitet, will man jedoch lieber nicht verraten.

Um Mobike muss man sich aber trotzdem gewiss keine Sorgen machen. Kürzlich verleibte sich der chinesische Online-Gigant Meituan Mobike ein - und zahlte dafür rund 2,3 Milliarden Euro. Über Meituan bestellen 310 Millionen Chinesen Essen, buchen Hotels oder bestellen Friseure zu sich nach Hause. "Ich denke, es geht denen darum, die Kunden zu bekommen", vermutet Branchen-Experte Bracher die Pläne hinter der Mobike-Übernahme. "Und den Kunden kann man dann nächstes oder übernächstes Jahr über die App viele, viele andere Dinge verkaufen."

Sendung: zibb, 11.07.2018, 18:30 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

6 Kommentare

  1. 6.

    Ich würde gerne 1bis 2 Defekte Räder abkaufen(Wohnhaft in München)Wo kann ich mich melden?

  2. 5.

    Man sehe sich mal diese beeindruckenden Fotos aus China an, dann kann man erahnen, welche Fahrrad-Berge auch auf uns zukommen bei fehlender Regulierung:
    https://www.theatlantic.com/photo/2018/03/bike-share-oversupply-in-china-huge-piles-of-abandoned-and-broken-bicycles/556268/

  3. 4.

    Verschleudert? Geschenkt ist noch zu teuer, was will man mit dem fabrikneuen Sperrmüll?

  4. 2.

    da ist das falsche Video verlinkt bitte korrigieren

  5. 1.

    Video passt nicht zum Beitrag

Das könnte Sie auch interessieren