Reinigungskraft arbeitet am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin (Quelle: imago/Gaertner).
Audio: Inforadio | 04.07.2018 | Jan Menzel | Bild: imago/Florian Gaertner

Betriebspanel 2017 - Zahl präkerer Beschäftigungen steigt in Berlin rasant an

In Berlin brummt der Arbeitsmarkt: Die Zahl der Beschäftigten hat deutlich zugenommen, ebenso wieder der Anteil sozialversicherungspflichtiger Stellen. Aber ganz so glänzend steht die Hauptstadt im Bundesdurchschnitt dann offenbar doch nicht da.

Trotz jahrelangen Aufbaus von Arbeitsplätzen und Fachkräftemangels wächst in Berlin der Anteil von Beschäftigten ohne eine unbefristete Vollzeitstelle. Im vergangenen Jahr waren 39 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse in der Hauptstadt atypisch [Definition siehe Kasten], lautet das Ergebnis des neuen Betriebspanel, die Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Mittwoch vorstellte.

Demnach arbeiteten 17 Prozent in Teilzeit, 13 Prozent hatten befristete Stellen, acht  Prozent wurden geringfügig beschäftigt, ein Prozent der Beaschäftigten sind Leiharbeiter. Die Zahlen sind Teil des Betriebspanels Berlin 2017, des Berliner Teils einer jährlichen deutschlandweiten Arbeitgeberbefragung die nun zum 22. Mal erhoben wurde. Insbesondere bei den befristeten Stellen liegt Berlin deutlich über dem Bundesdurchschnitt von acht Prozent.

Senatorin rügt befristete Verträge

Breitenbach kritisierte die Einstellungspolitik vieler Unternehmen. Die Betriebe klagten über Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen. Statt mit attraktiven Konditionen um Fachkräfte zu werben, seien 2017 mehr als die Hälfte (54 Prozent) der neuen Verträge nur befristet abgeschlossen worden - "Tendenz steigend, das passt nicht zusammen", sagte die Senatorin. Atypische Beschäftigung gebe es deshalb häufiger, "weil es in der Regel günstiger ist".

Breitenbach forderte die Arbeitgeber auch auf, mehr für Auszubildende zu tun. Zwar verfügten 49 Prozent der Berliner Betriebe über eine Ausbildungsberrechtigung, es würden aber nur 22 Prozent aller Betriebe tatsächlich Lehrlinge ausbilden. Gleichzeitig habe fast ein Drittel der Betriebe, die ausbilden wollen, für mindestens eine Lehrstelle keinen geeigneten Lehrling gefunden. Wer jedoch einen Ausbildungsplatz ergattern konnte, hat auch gute Chancen, übernommen zu werden.

DGB spricht von "hochproblematischer" Entwicklung

Der Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg, Christian Hoßbach, nannte diese Entwicklung hochproblematisch: "Eine befristete Anstellung bedeutet große persönliche Unsicherheit für die Beschäftigten und ist eine Hemmschwelle für ein selbstbewusstes Eintreten für die eigenen Rechte am Arbeitsplatz".

Der Berliner Senat hatte am Dienstag beschlossen, im öffentlichen Dienst und den landeseigenen Betrieben keine Arbeitsverträge mehr mit sachgrundloser Befristung
abzuschließen.

Tarifbindung nimmt rasant ab

Des Weiteren macht die Studie deutlich, dass es in Berlin immer weniger Arbeitsverträge mit Tarifbindung gibt. Demnach ist nur knapp ein Fünftel der Betriebe an einen Flächen- oder Haustarifvertrag gebunden. 46 Prozent aller Arbeitnehmer werden tarifgebunden beschäftigt, was einem Rückgang um zwei Prozentpunkte gegenüber 2016 entspricht. Damit hinkt Berlin dem Bundesdurchschnitt deutlich hinterher. (27 Prozent der Betriebe bezahlen bundesweit nach Tarif, wovon 54 Prozent aller Arbeitnehmer profitieren.)

Positiv wird in dem Bericht hervorgehoben, dass es in Berlin ein überdurchschnittlich hohes Beschäftigungswachstum festgestellt werden konnte. Demnach gibt es insgesamt 1,7 Millionen beschäftigte Arbeitnehmer, 1,4 Millionen dieser Beschäftigungen sind seien sozialversicherungspflichtig. Die Zunahme gegenüber 2016 entspreche 4 Prozent und ist damit doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Von dieser Entwicklung profitieren auch die Brandenburger Landkreise, die an Berlin angrenzen.

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    ...traue keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast... oder wie war das?

  2. 5.

    Genau, ich wünsche mir eine rosarote Welt in der Einhörner leben, ein Schlaraffenland, wo Wein und Geld in Strömen fließen. Sorry, aber falls Sie es noch nicht mitbekommen haben: Unsere Welt ist deutlich komplizierter, die globalisierte Welt sowieso. Alle unsere Segnungen, die wir hier im Land zum Glück genießen, müssen auch bezahlt werden. Dafür müssen sie erst mal erarbeitet werden, nicht durch Firmen, nein, durch Arbeiter und Angestellte. Die werden immer mehr belastet. Und die gesamte Politik ist der Meinung, das könne man noch unendlich so weiter treiben. Man kann das sicher auch weiter auf die Firmen verlagern, dann sind die Arbeitsplätze aber ganz schnell im Ausland. Beschäftigen Sie sich mal mit der Firma Opel - teuer, ineffektiv, verkauft, bald ganz tot.
    Dass etwas gegen prekäre Arbeitsstellen getan werden muss, ist ein anderes Blatt. Ich will auch nicht mit meinen Steuern Firmen stützen, die ohne diese Ausbeutung gar nicht existieren könnten. Da liegt der Skandal!

  3. 4.

    @Jörg @Lars Blümel
    Die Medien bestimmen die Themen und damit auch die Diskussion. Daher sollte man die Schuld nicht bei den normalen Bürgern suchen.
    'Die Anstalt' hat dieses Jahr dazu eine interessante Sendung gebracht.

    Es gibt in diesem Land so viel anzupacken.

  4. 3.

    Solange die Mehrheit der Wähler ausschließlich den vermeintlichen epochalen Themen rund um die Asylfrage hinterher hechelt, und nicht begreift, das ihr Frust genau durch den sozialen Abstieg, der in dieser Arbeitsmarktpolitik und ihren Mechanismen liegt, verursacht wird, wird sich wohl nicht viel ändern. Solange das Märchen noch geglaubt wird, das Minderheiten die sozialen Systeme zerstören, und diese für sonst was verantwortlich sind, kann die neoliberale Politik munter weiter machen. Es wird Zeit, sich um das wirklich wichtige zu kümmern, gerechte Löhne und Verträge, bezahlbares wohnen und angemessene Versorgung und Pflege im Alter.

  5. 2.

    Die Einstellung des Senats, seine und die Mitarbeiter der landeseigenen Betriebe nach Tarif zu bezahlen, ist eine löbliche Ausnahme. Die kommunalen Cottbuser Betriebe z.B. haben den Arbeitgeberverband schon lange verlassen und bestätigen damit den allgemeinen Trend in unserem Land. DAS sollte das Thema in der Öffentlichkeit sein: die rasante Wandlung auf dem Arbeitsmarkt: weg von sicheren Arbeitsplätzen hin zu befristeten tariffreien Verträgen, das systematische Umverteilen von unten nach oben. Berlin hinkt daher nicht den anderen Bundesländern hinterher, in Wahrheit ist es leider genau anders herum. Aber die Leute arbeiten sich lieber an Flüchtlingen, Plastiktrinkröhrchen und Lastenfahrrädern ab.

  6. 1.

    Vielleicht sollte man mal eine ungeschönte Statistik aufstellen, in der nur die Arbeitnehmer aufgenommen werden, die halbwegs von ihrer Arbeit leben können. Kein Wunder, dass man sinkende Arbeitslosenzahlen bejubelt, wenn jeder, der auch nur einen minimalen, nicht ausreichenden Lohn erhält bei der Arbeitslosenzählung rausfällt.

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