Audio: Kulturradio | 03.07.2018 | Vera Block
Bild: dpa/Müller

Bodyscan in 3D - Maßnehmen ganz ohne Anfassen

Maßgeschneiderte Mode, online bestellt? Hört sich eher schwierig an. Mittlerweile ist es aber Alltag, denn neue Technik macht das Maßnehmen nicht nur exakt, sondern auch ziemlich einfach. Das machen sich viele Labels zunutze. Von Vera Block

Man hört nichts, man spürt nichts, man sieht nichts. Nur vier schmale Edelstahlstäbe, im Quadrat arrangiert. Für ein paar Sekunden nimmt man in der Mitte Platz - und schon hat Hannes Thull eine detailgetreue Körperskizze in seinem Computer: "Mit dem Scan haben wir eine digitale Kopie vom Kunden und mit dieser Kopie können wir Qualitätsprüfung machen."

Hannes Thull hat 2017 ein Start-up gegründet, das das Label Hemdschneider betreibt. Er ist erst 28, aber schon vor Jahren auf den Geschmack gekommen, maßgeschneiderte Klamotten zu tragen. Zumal sie immer erschwinglicher werden, seit die Bekleidungsbranche Anfang der 2000er-Jahre diverse Körperscanner für sich entdeckt hat. Ob Laser, Infrarot oder Weißlicht - 3D-Scanner im Bekleidungsunternehmen sind mittlerweile durchaus üblich. Und etliche Schneidereien haben sich mit dieser Technik vor allem online etabliert. Meist kooperieren sie mit lokalen Läden, in denen sie ihre Körperscanner aufstellen. So kann sich die Kundschaft schnell vermessen lassen – und den Rest im Internet erledigen: von der Wahl des Schnittes bis zum Muster.

Polohemden sind oft eine Notlösung

Hannes Thull kam nach einer persönlichen Erfahrung auf die Idee, in das Geschäft  mit der digitalen Maßschneiderei einzusteigen: Sein Freund musste den passenden Anzug für die eigene Hochzeit in der Kinderabteilung suchen. Da beschloss Hannes Thull, Menschen mit unterschiedlichen Körpermaßen und Bedürfnissen zu gut sitzender Kleidung zu verhelfen. Und erlebte gleich mal eine Überraschung: "Ich habe mit übergewichtigeren Leuten gerechnet. Die werden aber relativ gut von der Konfektionspalette abgedeckt." Die Überraschungskunden seien die Sportler, sagt Thull: "Das ergibt schnitt-technisch auch absolut Sinn. Der Oberarm und das große Kreuz sind bei ihnen viel stärker entwickelt, als bei den ,normalen' Menschen."

Da sei die Gefahr groß, dass die Knopfleiste bei einem beherzten Atemzug aufspringt, sagt Hannes Thull schmunzelt. Und erklärt, dass die Vorliebe vieler Sportlerinnen und Sportler für Polo-Shirts rein praktische Gründe hat: "Das Einzige, was stilvoll noch irgendwie an ein Hemd rankommt, sind die Poloshirts."

3D-Druck – noch kostspielig, bald wirtschaftlich

Derzeit ist das digitale Vermessungsgeschäft eher männerorientiert. Das hänge mit der komplizierteren Geometrie der Frauen zusammen, sagt Hannes Thull. In Zukunft könnte sich aber auch das ändern. Denn nicht nur die 3D-Vermessung, sondern auch der 3D-Druck werden immer mehr von der Bekleidungsindustrie entdeckt. Accessoires lassen sich im 3D-Verfahren je nach Bedarf passgenau herstellen. Auch individualisierte Sport-T-Shirts oder Sneaker, aus dem 3D-Drucker, etwa von Adidas sind heute bereits Realität, wenn auch eine sehr kostspielige.

Bald gibt es auch 3D-gedruckte Maßschuhe

Hannes Thull hat auf seinem Arbeitstisch eine Art Schuhleiste liegen, allerdings mit Drähten und Elektroden versehen. Er tüftelt nämlich zurzeit an maßgeschneidertem Schuhwerk mittels 3D-Vermessung. In der Zukunft sieht er auch schon 3D-gedruckte Schuhe, allerdings gibt es da eine kleine Einschränkung: "Wir haben das Problem, dass wir unsere Füße dann in Plastik hüllen. Das betrifft auch die Kleidung. Wir haben ein paar Marken die nur Polyester verkaufen, die haben wahrscheinlich weniger Probleme."

Denn die 3D-Drucker können nur ein Kunststofffillament verarbeiten. Natürliche Fasern, etwa Baumwolle, lassen sich nicht als flüssiges Rohmaterial in einen 3D-Drucker füllen. Irgendwann, meint Hannes Thull, werden vielleicht neue, aus Holzfasern gewonnene Stoffe wie Tencel für die Herstellung der Kleidung im 3D-Verfahren genutzt werden können. Bis dahin stehen den Kunden mit Faible für gut sitzende Kleidung die Online-Maßschneider zur Verfügung und ihre 3D-Bodyscanner.

Maßgeschneiderte Mode für Menschen jenseits der Norm

Die neue Technik wird mittlerweile erschwinglich. Das erweitert die Reichweite der Modeindustrie auf Menschen mit Körpern abseits des Durchschnitts und ohne riesigen Geldbeutel. So fördert zum Beispiel das Telekom-Fashion-Fusion-Programm unter anderem ein belgisches Start-up Project Love, das mit 3D-Technologie Mode für Menschen macht, deren Körper nicht der Norm entsprechen. Die Prototypen sollen im Rahmen der Berlin-Fashion-Week vorgestellt werden.

Auch in Berlin bieten etliche Bekleidungsunternehmen den 3D-Service an. Ein großer Vorteil: Für gut sitzende Kleidung muss man weder teuer zahlen noch Stunden beim Maßschneider verbringen. Beim Anbieter Thullex reichen da ja zum Beispiel wenige Augenblicke.

Beitrag von Vera Block

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