Fahrgäste warten am 14.05.2018 am S-Bahnhof Halensee (Quelle: imago/Stefan Zeitz)
Audio: rbb Aktuell | 10.07.2018 | Interview mit Jens Wieseke (Fahrgastverband) | Bild: imago/Stefan Zeitz

Programm für mehr Pünktlichkeit - Verspätete S-Bahnen sollen ohne Halt durchfahren dürfen

Die Berliner S-Bahn will pünktlicher werden - und dafür ein Programm zur Qualitätsverbesserung starten. Es dürfte aber nicht jedem gefallen, wenn die Züge am Bahnhof haltlos vorbeirauschen. Der Fahrgastverband hat einen anderen Vorschlag.

Der Berliner Fahrgastverband hat das Programm der Berliner S-Bahn für mehr Pünktlichkeit scharf kritisiert. Das Konzept, dass verspätete S-Bahnen ohne Halt durchfahren dürfen, sei nicht kundenfreundlich, sagte Sprecher Jens Wieseke am Dienstag im rbb. Das Unternehmen gebe damit das Signal, dass mit der bisherigen Infrastruktur die Probleme nicht gelöst werden könnten, so Wieseke. Hier müsse der Bund als Eigentümer und die Länder Berlin und Brandenburg endlich was tun.

"Die Infrastruktur auf der Berliner Ringbahn ist seit 1944 ein Provisorium. Sie ist nicht an diesen Vollring-Betrieb, den wir heute fahren, angepasst worden", so Wieseke. "Dazu müsste im Bereich Westend eine dritte Bahnsteigkante gebaut werden, wo man dann verspätete Züge rausnehmen kann, wenn ein Zug zu große Verspätung hat." Auf diese Kante wartet der Verband seit 20 Jahren. Außerdem gebe es nicht genug Signale, dass mehr Züge fahren können.

Die Berliner Landeschefin der Linken, Katina Schubert, kritisierte den Vorschlag der S-Bahn ebenfalls. "Wenn das kein verspäteter und keineswegs witziger Aprilscherz sein sollte, sollte die Senatsverwaltung für Verkehr schnellstmöglich übernehmen", schrieb sie auf Twitter. So gehe es nicht.

Die Berliner S-Bahn plant offenbar ungewöhnliche Maßnahmen, um zuverlässiger und pünktlicher zu werden. Verspätete Züge sollen auf der Ringbahn an bestimmten Stationen ohne Halt einfach durchfahren, sagte S-Bahn-Sprecherin Sandra Spieker der rbb-Hörfunkwelle radioBerlin 88,8. Dadurch könnten sie Zeit aufholen, um in den regulären Fahrplan zurückzukehren, heißt es. Damit soll verhindert werden, dass übervolle Züge an jeder Station halten müssen und Verspätungen dadurch immer größer werden.

Die Möglichkeit, ohne Halt durchzufahren, soll für die Stationen Halensee und Hohenzollerndamm bestehen. Für Fahrgäste bedeutet das in diesen Fällen: Sie müssen umsteigen und auf die nächste Bahn warten. Wann das Projekt beginnt, will die S-Bahn erst am Mittwoch kommender
Woche verraten.

Außerdem sollen bei mehr Bahnen die Türen an den Bahnhöfen automatisch öffnen, damit es schneller geht. Auch das sei Teil eines Programms für mehr Pünktlichkeit, das am 18. Juli vorgestellt werden soll. Zuerst berichtete die "Berliner Zeitung".

Passagiere werden nicht richtig informiert werden können

Wie die Zeitung weiter berichtet, kann durch diese Maßnahme Zeit aufgeholt werden, um in den regulären Fahrplan zurückzukehren. Allerdings dürfte die Information der Fahrgäste schwierig werden, wird ein Beobachter zitiert, da die Passagiere nicht aus- oder zusteigen können. Die Zahl der Reisenden, denen das neue Verfahren helfe, werde aber deutlich größer sein.  

Die Berliner S-Bahn wird von einem Unternehmen der Deutschen Bahn betrieben. Im Verkehrsvertrag mit Berlin und Brandenburg ist dem Zeitungsbericht zufolge vorgesehen, dass mindestens 96 Prozent der S-Bahn-Fahrten als pünktlich registriert werden müssen, wobei Verspätungen von weniger als vier Minuten noch als pünktlich zu werten sind.

Im vergangenen Jahr betrug die Quote demnach 94,7 Prozent, heißt es im Qualitätsbericht des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB). 2016 lag der Anteil bei 95,5 Prozent.

Verspätete S-Bahnen müssen fast eine Stunde warten

Das Qualitätsprogramm, das am 18. Juli vorgestellt wird, ist nicht das erste. S-Bahn-Chef Peter Buchner hatte den Posten auf dem Höhepunkt der S-Bahn-Krise 2009 übernommen und bereits mehrere solcher Pläne ausgearbeitet – zuletzt für den Ring. Nun wolle das Unternehmen erneut einen weiteren Millionenbetrag ausgeben, um besser zu werden, hieß es.

Der 37 Kilometer lange Ring gehört zu den am stärksten genutzten S-Bahn-Strecken in Berlin und dauert rund 60 Minuten. Verspätungen könnten den Verkehr erheblich aufhalten. Ein S-Bahner sagte dem Blatt: "Wird nicht bald eingegriffen, können die betroffenen S-Bahnen den Verkehr aufhalten." Derzeit sei es häufig so, dass solche Züge ihre Fahrt erst mal beenden und warten, bis sie in wieder ihre Fahrplanlage zurückkehren könnten. Das könne 50 oder 55 Minuten dauern – je nachdem, wie groß die Verspätung war.  

Sendung: radioBerlin 88,8, 10.07.2018, 8.45 Uhr  

Kommentar

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99 Kommentare

  1. 99.

    Es gab ja seinerzeit entsprechende NS-Planungen, bspw. resultierend daraus die Viergleisigkeit des Bhf. Grunewald. Allerdings wäre auch die Stadt eine ganz andere geworden, siehe Pläne zur Welthauptstadt Germania.

    Ich empfinde derartige großspurige Vorschläge, wie sie seinerzeit der NS-Zeit entsprangen und die Vorschlagenden das nicht mehr wissen, als schlichtweg untauglich. Das betrifft abgeschwächt auch das oftmals gepriesene Vorbild China, zuweilen auch Russland oder irgendein anderes autokratisches Land.

    Was aber m. E. sehr wohl verlangt werden kann, das ist die Seriösität des Betriebes. Sprich: dass alles getan wird, um hausgemachte Störungen zu vermeiden. Dem ist aber nicht so. Vielmehr werden hausgemachte Störungen billigend in Kauf genommen.

  2. 98.

    Für Express-Züge bräuchte man viergleisige Überholstellen, die es nicht gibt. Die New-Yorker U-Bahn ist fast im gesamten Netz viergleisig, da kann man das machen.

  3. 97.

    Und wo sollen diese "Expresszüge" die regulären Züge überholen? Auf der Stadtbahn verkehren die S5, S7, S3 und S9.
    Nehmen wir laut Ihrem Beispiel mal die Linie S7 (Ahrensfelde - Potsdam). Fahrtdauer beträgt ca. 1h15min.
    Wo sollen die Expresszüge andere Überholen. Dies könnte man nur durch massive Umbaumaßnahmen an der Infrastruktur realisieren. Kosten in Milliarden höhe.

    Denke dies wird sich nicht realisieren lassen, denn der Kosten- Nutzenfaktor würde in keinem Verhältnis beieinander liegen.

  4. 96.

    Bei den Ideengebern dieses Vorschlages vermisse ich diesbezüglich jeglichen Realitätsbezug. Vermutlich fahren sie selber nicht S-Bahn und lassen sich mit dem Firmen-PKW chauffieren, natürlich auf Kosten der Fahrgäste und Steuerzahler.

  5. 95.

    Wie wäre es stattdessen mit folgendem Vorschlag:
    In regelmäßigen Abständen fahren (zumindest auf den längsten Linien) Expresszüge, die (vom Startbahnhof mal abgesehen) nur zweimal halten: Einmal in der Mitte und dann an der Endstation.
    Wie bei Fahrstühlen in hohen Gebäuden wären so jene, die es besonders weit haben, auch mitunter besonders schnell am Ziel.

  6. 94.

    Ich finde die Idee gut! Wenn ich in zum Beispiel in Halensee aussteigen will und früh genug informiert werde, kann ich eine Station früher aussteigen und die nächste Bahn nehmen, die in einem solchen Fall ja keine fünf Minuten später folgen müsste. Und nachdem die überfüllte, verspätete Bahn dann eine Station ausgelassen hat, läuft der ganze Verkehr flüssiger.

  7. 93.

    Hallo,
    Der Ringverkehr ist sehr störanfällig und in anderen Städten wurde er aufgegeben.
    Kann man den Ring nicht in einen Nordteil und einen Südteil aufteilen. Also Züge in West-Ost-Richtung und umgekehrt fahren dann je nach Linienführung
    Der Ringverkehr ist sehr störanfälligeinen Umweg über die Nordhälfte und andere Züge einen Umweg über die Südhälfte des Ringes.

  8. 92.

    Hallo,
    Kann man den Ring nicht in einen Nordteil und einen Südteil aufteilen. Also Züge in West-Ost-Richtung und umgekehrt fahren dann je nach Linienführung einen Umweg über die Nordhälfte und andere Züge einen Umweg über die Südhälfte des Ringes.

  9. 91.

    ...lasst doch einfach die Fahrpläne für die Ringbahn weg... > Problem gelöst.

  10. 90.


    Das ist Klippschulenniveau und tiefer. Normal denkende Menschen mit einigermaßen Schulbildung würden auf einen solchen Unfug überhaupt nicht kommen.
    Arme S-Bahn! Es war mal ein vorbildliches Verkehrssystem, das seinesgleichen gesucht hat hat.
    Vielleicht sollte man Haltestellen und Bahnhöfe generell abschaffen und die Fahrgäste gleich mit dazu. Zusätzlich wird eine Fahrpauschale über die Steuer erhoben, damit Manager, die solche blöden Ideen haben, auch dafür bezahlt werden werden können.
    Wenns nicht so traurig wäre, könnte man nur noch lachen. So bleibt nur noch heulen!

  11. 89.

    Das neue „Konzept“ bei der S-Bahn passt ja mal so richtig zur Politik von RRG, die Menschen in dieser Stadt vom Auto weg hin zum ÖPNV zu bringen!
    Dazu kommt dann noch, dass z.B. auf der U7 die Taktzeiten von 3 auf 4,5 Minuten verlängert wurden bzw. Werden sollten(las ich vor einigen Monaten)um - man glaubt es kaum - pünktlicher zu werden. Bei volleren Bahnen dauert das Ein- und Aussteigen ja nicht länger als bei weniger vollen... Ob es tatsächlich umgesetzt wurde, weiß ich nicht. Ich bin vor einem Jahr nach 30 Jahren ÖPNV hier schweren Herzens aufs Auto umgestiegen.

    Es gibt so viele Beispiele auf diesem Planeten, wie ÖPNV auch in großen Städten funktionieren kann. Warum schaut man da nicht mal vorbei und lernt? Ich würde gerne in nicht überfüllten, klimatisierten Bussen und Bahnen entspannt zur Arbeit fahren. Ich bin sogar bereit, dafür entsprechend zu zahlen ;-). Aber bis dahin...

  12. 88.

    man muß erst mal die Ursache einer Verspätung suchen.Wenn der Zug von A nach B eine richtige Fahrzeit bekommt dann sollte er pünktlich kommen.Also bei 30 Stationen sollten mindestens 35 Minuten eingeplant sein.Da ich aber nicht weiss wie die Fahrplangestaltung geregelt wird bin ich als Aussenstehender nicht in der Lage mir ein Urteil zu erlauben.Nicht immer gleich meckern.

  13. 87.

    Diese Idee ist bestenfalls fragwürdig.
    Manche Fahrgäste kommen dadurch schneller ans Ziel, andere müssen auf den jeweils nächsten (?) Zug warten, der dann eventuell proppenvoll ist.
    Allein schon der Gedanke, dass man schneller irgendwo hinkommt, weil man irgendwo anders einfach nicht mehr hinfährt, erscheint albern: Ist es neuerdings die Aufgabe der Nahverkehrsanbieter, irgendwo NICHT hinzufahren?
    Wo sind die Gleichmacher, wenn sie sich ausnahmsweise mal nützlich machen könnten?
    Statt radikale und streitbare Neuerungen einzuführen, sollte man sich bei BVG, VBB & Co. mehr auf das Feintuning konzentrieren:
    Saubere, technisch einwandfreie Fahrzeuge und Stationen, Sicherheitsmaßnahmen (u. a. mehr entsprechendes Personal), umfangreichere Informationsmöglichkeiten, funktionierende Kartenlesegeräte, Barrierefreiheit, bessere Planung von Bauarbeiten... all das erscheint mir wesentlich wichtiger als ein "Unterschlagen" von Haltestationen.

  14. 86.

    20 Sekunden pro Halt? Wenn die S-Bahn das schaffen würde, wäre sie schnell wie ein geölter Blitz und hyperpünktlich. Nein das sind 1 - 2 Minuten und die benötigte Zeit kann erheblich schwanken, z.B. wenn ein Rollstuhlfahrer eine Rampe benötigt, oder wenn auf eingleisigen Strecken ein Gegenzug abgewartet werden muss. Es hängt wohl auch sehr vom Gemüt der Fahrer ab, ob sie den Zug zügig abfertigen, oder eher behäbig vorgehen.

  15. 85.

    Da werden die Fahrgäste gleich doppelt angeschmiert:

    - Zum einen ist der Zug verspätet
    - Und dann fährt er auch noch an dem Bahnhof vorbei, wo man eigentlich aussteigen will

    Da ist Ärger mit den Fahrtgästen geradezu vorprogrammiert.
    Wer denkt sich so eine Schnapps-Idee aus?

  16. 84.

    Im Winter frieren die Weichen ein, im Sommer dehnen sich die Gleise und gegen Verspätungen sollen Züge an einigen Bahnhöfen durchfahren.
    Was macht die Bahn mit ihrem Gewinn von 2,15 Mrd. aus dem Jahr 2017?
    Investitionen ins Streckennetz und die Neubeschaffung von Zügen können es scheinbar nicht sein.
    Vielleicht sind es Drogen, zur Verdrängung von Problemen und die Idee der Durchfahrt an Bahnhöfen.

  17. 83.

    Zum Motto der S Bahn
    „Kommen Sie wann Sie wollen, wir fahren wann wir wollen“ gesellt sich jetzt auch noch „Steigen Sie ein wo Sie wollen, wir halten wo wir wollen“ - interessant und irgendwie passend.

  18. 82.

    Zu Anita:
    Die hier beschriebene Situation(Strausberg) erlebe ich häufig auf einer Buslinie im Außenbezirk dieser Flächenstadt. Da heißt es auf halber Strecke aussteigen, weil die Fahrer wegen immenser Verspätung umdrehen müssen und Pause haben, etc. D.h. warten auf den nachfolgenden Bus, ca.5 bis 20(!) Minuten (Verspätung wegen Baustelle, Falschparker, etc.). Und wenn man Pech hat, ist es der "falsche" Nachfolger, weil sich die Linie dann noch gabelt und man auf einen weiteren Anschlussbus warten muss. 2 mal umsteigen bei einer Expressbuslinie!! Gesamtfahrzeit dann ca. 20 bis 30 Minuten länger bei regulär 1 Stunde Arbeitsweg.
    Leider gehört auch die S-Bahn dazu, deren Ausfallerscheinungen ich auch alle kenne, aber dann noch durchfahren, umsteigen ,zurückfahren...geht gar nicht. Notbremse? War auch mein erster Gedanke, ist aber nicht zielführend.
    Verlass dich auf Bus und Bahn und du bist verlassen!
    Hallo Fahrrad, hallo Auto!

  19. 81.

    Juristisch wäre das in der Tat eine Abwägungsfrage: Die Bahn und auch die Berliner S-Bahn AG hat ja Fahrplanaushänge, die faktisch eine Fahrplangarantie darstellen. Auf jeden Fall wird damit geworben. Diese Fahrplangarantie, auf die sich der Kunde verlassen können muss, kann nicht so ohne weiteres ausgehebelt werden. Denn es sind ja nicht unübersehbare, von der Bahn AG isolierte Ereignisse, die zu den genannten Verspätungen führen, sondern es ist Ausfluss der Politik der Bahn AG und ihrer Tochter selbst, die zu den Verspätungen führen.

    Im Wesentlichen liegen die Probleme in der Vernachlässigung der Instandhaltung zwecks Kosteneinsparung.

    Mithin ist zu entscheiden, ob die Fahrplangarantie aufrechterhalten wird und wieder eine vorbeugende Instandhaltung einkehrt, die ihren Namen verdient oder ob die vernachlässigte Instandhaltung weiterhin Platz greift und die Fahrplanangaben mitsamt der Stationshalte ein unverbindliches Angebot darstellen.

    Was bislang niemand so gesagt hat.

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