Mitarbeiter von Air Berlin schwenken vor dem letzten Flug der Airline am 27.10.2017 auf dem Vorfeld vom Flughafen in München (Bayern) eine Air-Berlin-Fahne (Quelle: dpa/Matthias Balk)
Audio: Inforadio | 15.08.2018 | Johannes Frewel | Bild: dpa/Matthias Balk

Ein Jahr nach der Pleite von Air Berlin - Trüffelsuche im Aktenwust

Das Gros der zuletzt 8.000 Mitarbeiter von Air Berlin arbeitet längst woanders. Die Jobs von ein paar Dutzend von ihnen sind jedoch auf Jahre hinaus sicher - ausgerechnet wegen der Insolvenz. Johannes Frewel hat sie in der ehemaligen Konzernzentrale besucht.

Ein backsteinroter Bürohochhausriegel am Saatwinkler Damm unweit des Flughafens Berlin-Tegel – hier befand sich jahrzehntelang der Sitz von Air Berlin. Gut tausend Mitarbeiter planten bis zum Aus am 28. Oktober einst die Flüge im weltweiten Netz, stellten Flugzeugcrews zusammen und verwalteten die Airline. Börsennotiert war die Air Berlin PLC zwar in London, doch dort arbeitete nur etwa ein gutes Dutzend Angestellte. Der operative Teil, das rote Herz der Luftverkehrs KG, schlug in Berlin.

Seit der Insolvenz vor einem Jahr haben sich die Abwickler in den riesigen Büroetagen auf einen Teilbereich zurückgezogen. Die meisten Mitarbeiter sind gekündigt, die überwältigende Mehrheit hat längst einen neuen Job. Nur noch wenige der einst insgesamt 8.000 Air-Berlin-Angestellten bereiten sich in Transfergesellschaften auf den Jobwechsel vor.

Die Jagd im Blätterwald der Akten

Für eine kleine Zahl von Mitarbeitern hat sich indes wenig geändert. Sie haben lediglich einen anderen Auftrag: Wertschöpfung abseits des stillgelegten, hochdefizitären Flugbetriebs zugunsten der Gläubiger. Insolvenzverwalter Lucas Flöther setzt bei seiner Arbeit auf die fachliche Unterstützung der letzten Air-Berlin-Mitarbeiter. "Als Insolvenzverwalter ist man ja kein geborener Airliner", sagt er. "Natürlich bin ich immer darauf angewiesen, dass ich mir Wissen über die Branche und das Unternehmen zu eigen machen kann. Was eben auch in den Köpfen der Manager ist." Nur auf diese Weise könnten Vermögenswerte aufgestöbert werden, die den Gläubigern zugutekommen.

Ehemalige Mitarbeiter suchen in den archivierten Finanzunterlagen nach Außenständen, die im Chaos der letzten Air-Berlin-Wochen nicht mehr eingetrieben werden konnten. Sie sind auf der Jagd nach Verwertungserlösen, die sich in Aktenordnern und im digitalen Datenbestand des untergegangenen Konzerns verstecken.

"Wir haben heute noch knapp über 60 Mitarbeiter", verrät der Insolvenzverwalter. "Wir haben ein Kern-Team zusammengestellt". Diese Jobs sind so sicher wie wohl niemals zu Zeiten von Air Berlin. Denn bis zur endgültigen Abwicklung des Konzerns, der ehemals jährlich vier Milliarden Euro umsetzte, wird viel Zeit vergehen. Mit seinem Knowhow hilft auch der letzte Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann bei der Suche nach verborgenen Schätzen - jedenfalls noch. Zum Jahresende geht Winkelmann vorzeitig von Bord.

Klagen gegen ehemalige Geschäftsführer sind möglich

Die gesammelten Finanzunterlagen lassen sich nur mit Gabelstaplern bewegen. Mit Stretchtfolie gesichert, stehen braune Umzugskartons mit dem blauen Schriftzug einer bekannten Umzugsspedition aus Berlin-Neukölln auf Europaletten in vier Etagen übereinander. Darin der Inhalt der ehemaligen Büroschränke: Aktenordner und Papiere. "Bei einem Konzern dieser Größenordnung mit einem Milliardenumsatz steht noch viel Arbeit an", betont Flöther.

Die Ex-Air-Berliner suchen nach den Perlen im Nachlass: Rechnungen, die Air-Berlin-Kunden nicht mehr bezahlten. Kautionen, die das Unternehmen an Flughäfen irgendwo in der Welt zahlte und nie zurückbekam. "Das sind oft recht beträchtliche Vermögenswerte", sagt Flöther. Oft lassen sich die Ansprüche nicht mit einem Anwaltsschreiben allein lösen, dann wird geklagt. Möglicherweise auch bald gegen den ehemaligen Hauptgesellschafter Etihad, ehemalige Vorstände, Geschäftsführer oder Mitglieder von Unternehmensgremien.

In der Pleite sichert Air Berlin noch jahrelang Dutzende Jobs

Mit dem Verkauf von überlebensfähigen Teilen der Gesellschaft, der Versteigerung von Air-Berlin-Interieur und dem Eintreiben offener Forderungen wurden bereits Millionenbeträge erlöst. Geld, mit dem beispielsweise bereits etwa die Hälfte des KfW-Kredits zurückgezahlt werden konnte, mit dem die Bundesregierung ein geordnetes Ende des Flugbetriebs ermöglichte. "Die Höhe des Erlöses ist natürlich vertraulich", bügelt Flöther Fragen nach konkreten Zahlen ab.

Allerdings scheint das Geschäft im Auftrag der Gläubiger einträglich zu sein. "Wir wissen zum jetzigen Stand noch nicht genau, was kommt zum Schluss raus", dämpft Insolvenzverwalter Lucas Flöther Hoffnungen von Gläubigern. "Eine ganze Reihe von Verwertungsarbeiten stehen eben noch an." Die Detektivarbeit bei der Aufarbeitung der Buchhaltung sichert die letzten Jobs bei Air Berlin. Möglicherweise auf zehn Jahre über die Pleite der Airline hinaus.

Sendung: Inforadio, 15.08.2018, 6 Uhr

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Beitrag von Johannes Frewel

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