Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Lucas Flöther (Quelle: dpa/Sebastian Willnow)
Audio: Johannes Frewel, Inforadio, 08.08.2018, 6:00 Uhr | Bild: dpa/Sebastian Willnow

Interview | Air-Berlin-Insolvenzverwalter Flöther - "Ich werde Ansprüche gegen Etihad geltend machen"

Der Bund bekommt möglicherweise mehr von seinem Millionen-Kredit an Air Berlin zurück als bisher angenommen. Das stellt Insolvenzverwalter Lucas Flöther im Interview in Aussicht. Er prüft zurzeit, wer noch Schulden bei Air Berlin hat.

rbb: Herr Flöther, wenn Sie zurückschauen, wann sind Sie zum ersten Mal mit Air Berlin geflogen, wann zum letzten Mal? Gibt es persönliche Erinnerungen die Sie an diese Airline haben?

Lucas Flöther: Also ehrlich gesagt, wann ich zum ersten Mal mit Air Berlin geflogen bin, weiß ich gar nicht mehr. Zum letzten Mal, das kann ich gut sagen: Das war relativ zeitnah zur Insolvenzantragstellung, kurz davor. Da kam ich mit meiner Familie aus dem Urlaub aus Mallorca zurück.

Können Sie sich noch an den Flug erinnern?

Ich kann mich noch an den Flug erinnern und natürlich an das rote Herz und an das Logo und an auch die Uniformen. Das ist, glaube ich, noch bei allen, die mit Air Berlin geflogen sind, ziemlich präsent.

In welchem Zustand war das Unternehmen, als die Insolvenzverwaltung durch Sie startete?

Am 15. August letzten Jahres begann zunächst die sogenannte Eigenverwaltung. Da wird zunächst kein Insolvenzverwalter bestellt, sondern ein sogenannter Sachwalter. Der Sachwalter hatte die Aufgabe, die Geschäftsführung zu überwachen. Erst nach Ende des Verkaufs wurde das Verfahren in ein Regelinsolvenzverfahren umgewandelt - und da bin ich dann zum Insolvenzverwalter bestellt worden. Sie fragen, wie die Situation im August 2017 war?: Air Berlin hatte kein Geld, um die Löhne der Mitarbeiter zu bezahlen, kein Geld für Kerosin, für die Wartung der Flugzeuge, für Zahlungen der Miet- und Leasingraten. Auch das ist kein Wunder. Deswegen hat Air Berlin in den Vorjahren ganz drastische Verluste eingefahren. Dieses Geld fehlte im August letzten Jahres, weil Etihad nicht mehr bereit war, die Verluste auszugleichen.

Die Bundesregierung ist damals eingesprungen, hat mit einem Millionenkredit geholfen. Wobei hat denn dieser Kredit tatsächlich geholfen?

Es war Sommer, Hochsaison. Millionen von Urlaubsreisenden überall auf der Welt wären gestrandet, festgesessen. Ohne Geld in diesem sogenannten Grounding - so heißt das in der Airlinesprache, der sofortigen Stilllegung - hätte man die Mitarbeiter sofort freistellen müssen. Es wäre das absolute Chaos entstanden, auch für die Gläubiger. In diesem Fall wäre auch ein Verkauf der Airline noch nicht mal mehr in Teilen möglich gewesen. Insofern hatte der Kredit die Fortführung des Unternehmens, das Weiterfliegen, ermöglicht. Das hat, glaube ich, allen Beteiligten, nicht zuletzt den Gläubigern und den Kunden, den Reisenden geholfen.

Es war eine große Summe: 150 Millionen Euro. Weshalb war Air Berlin letztlich nicht mehr zu helfen?

Ein Erhalt von Air Berlin als Ganzes stand meines Erachtens im Insolvenzverfahren nie zur Debatte. Das wäre sicherlich auch illusorisch gewesen. Wesentliche Teile der Airline waren stark defizitär, wie zum Beispiel die Langstrecke. Deswegen war es oberstes Ziel, die überlebensfähigen Teile von Air Berlin auf Investoren zu übertragen und dadurch zu erhalten. Das ist übrigens das Geschick eines jeden Arztes, dass er schaut, welche Teile des Patienten, des Krisen-Unternehmens sind erhaltenswert und welche nicht.

Zu meiner Arbeit gehört auch Haftungsansprüche gegen Geschäftsführer, gegen Vorstände, gegen Organe geltend zu machen.

Was ist denn aus diesen 150 Millionen Überbrückungskrediten der Bundesregierung geworden?

Ich kann natürlich zu den Details und zu Zahlen öffentlich nichts wirklich konkretes sagen. Aber: Wir haben natürlich dieses Geld genutzt um weiterfliegen zu können, um die Braut sozusagen schön zu machen, um damit dann auch überlebensfähige Teile zu verkaufen und zu verwerten zugunsten der Gläubiger. Wir haben es damit geschafft, auch Verwertungserlöse zu erzielen und bereits einen großen Teil des Darlehens zurückzuführen. Wir werden sehen. Die Verwertung ist ja noch nicht abgeschlossen. Es kann also sein, dass auch weitere Teile des Darlehens zurückgeführt werden können.

Sie haben damals auch erstmals Kontakt gehabt mit den Mitarbeitern. Wie haben Sie die Stimmung im Unternehmen damals erlebt?

Air Berlin - die Marke kannte in Deutschland jedes Kind. Natürlich haben sich die Mitarbeiter mit dem Unternehmen identifiziert, sie standen natürlich hinter dem Unternehmen. Sie haben sich aber bei so einem Schritt sehr viele Sorgen gemacht um ihre Arbeitsplätze. Hinzu kam, dass die Gesellschaften des Air-Berlin-Konzerns schon seit Jahren unter erheblichem Druck standen. Das hat natürlich Spuren hinterlassen bei den Mitarbeitern. Damals war es zunächst Aufgabe eines Sachverwalters, später des Insolvenzverwalters, sie auch aufzuklären, dass sie zum Beispiel durch die Zahlung des Insolvenzgeldes keinen Schaden nehmen können. Wir mussten versuchen, weiterzufliegen. Wir haben dann versucht, in Mitarbeiterversammlungen möglichst viel Transparenz zu schaffen, damit wir die Arbeitnehmer motivieren können.

Es hieß in der Endphase von Air Berlin, 80 Prozent der Mitarbeiter hätten gute Jobchancen bei Konkurrenzunternehmen. Was ist eigentlich daraus geworden? Wir wissen, dass heute alle Airlines sowohl Kabinenpersonal als auch Piloten suchen ...

Das ist tatsächlich so. Es gibt leider keine belastbaren Zahlen, also keine exakten, gerichtsfesten Nachweise. Denn es konnten nur solche ehemaligen Arbeitnehmer erfasst werden, die sich arbeitslos gemeldet haben, und es sind viele direkt in neue Arbeitsverhältnisse gewechselt. Aber was wir hören aus dem Markt, was auch die Behörden zum Teil bestätigt haben, ist, dass nahezu alle gekündigten Arbeitnehmer wieder Beschäftigung gefunden haben. Das hat natürlich auch sehr geholfen, dass zur Überbrückung eine Transfergesellschaft eingerichtet worden war, um die Arbeitnehmer in neue Jobs zu vermitteln. Da geht unser Dank an die Politik und an das Land Berlin. Das hat uns sehr geholfen.

Lässt sich beim derzeitigen Stand des Verfahrens eigentlich schon überschauen, wer als Gläubiger wahrscheinlich auf seinen Forderungen gegen Air Berlin sitzen bleibt und wer eher nicht?

Alleine die Zahl der Gläubiger ist noch offen. Wir rechnen mit Gläubigern von weit mehr als einer Million. Auch das ist relativ einzigartig in einem Insolvenzverfahren. Wir haben es bislang noch nicht geschafft, alle Gläubiger zu erfassen. Wir können momentan noch nicht mal die abschließende Höhe der Verbindlichkeiten von Air Berlin sagen. Da finden auch weiterhin gerichtliche Prüfungstermine statt, wo dann im Insolvenzverfahren die Forderungen der einzelnen Gläubiger Stück für Stück geprüft werden.

Eine Million Gläubiger - wie kommt diese hohe Zahl zusammen? Sind das Ticketkäufer, die sagen: "Wir möchten gerne einen Teil unserer Ticketskosten wieder zurück"?

Genau. Das sind vor allen Dingen auch Ticketkäufer, die nicht abgeflogene Tickets haben. Die also ein Ticket gekauft haben, aber den Flug nicht mehr antreten konnten wegen der zwischenzeitlich erfolgten Einstellung des Flugbetriebs.

Manager Thomas Winkelmann kam von der Deutschen Lufthansa, war bei Eurowings beschäftigt und schließlich der letzte Chef von Air Berlin. Zum Jahresende soll er seinen Chefposten bei der ehemaligen Air Berlin verlassen. Sein vorzeitiger Abschied geht wahrscheinlich mit einem Gehaltsverzicht beinher. Bedeutet das nun neue Hoffnung für Gläubiger, die dieses Geld unter sich aufteilen können?

Tatsächlich kommen die Einigung mit Herrn Winkelmann über seinen vorzeitigen Abschied und sein Verzicht auf einen Teil seines vertaglich vereinbarten Gehalts den Gläubigern von Air Berlin zugute. Dieser Teil steht dann den Gläubigern der Insolvenzmasse zur Verfügung. Da wir jedoch mit Herrn Winkelmann Stillschweigen über die Konditionen und die Höhe dieses Teils, der der Masse zufließt, vereinbart haben, kann ich Ihnen leider auch über die Höhe der Summe nichts Konkretes sagen.

Zu Ihren Aufgaben gehört es, im Insolvenzverfahren offene Forderungen von Air Berlin gegen andere Unternehmen geltend zu machen. Worum geht es dabei?

Das sind oft ganz beträchtliche Vermögenswerte. Etwa eine Kaution, die Air Berlin in irgendeinem Flughafen dieser Welt geleistet hat. Sie können sich vorstellen: Gerade wenn das international im Ausland stattfindet, ist es nicht immer nur mit einem einzelnen Brief getan, diese Ansprüche geltend zu machen. Auf der anderen Seite gehören dazu aber auch Haftungsansprüche gegen Geschäftsführer, gegen Vorstände, gegen Organe, die ein Verwalter geltend zu machen hat - aber eben auch Ansprüche gegen Gesellschafter. Dazu bedarf es der Aufarbeitung der Buchhaltung. Bei einem Unternehmen dieser Größenordnung könnte es auch Jahre dauern, diese Unterlagen zu durchforsten und daraus dann detektivisch solche Ansprüche herzuleiten.

Hauptgesellschafter von Air Berlin war Etihad. Gibt es da noch Ansprüche die realistischerweise geltend gemacht werden können? Es gab ja dann ein Prüfverfahren.

Wir haben da auch eine ganze Reihe von Gutachten von renommierten Experten eingeholt und kommen zu dem Ergebnis, dass man mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auch Ansprüche gegen Etihad geltend machen kann. Das werde ich tun.

Was bleibt für Sie als Insolvenzverwalter künftig noch zu tun? Ist ein rasches Ende absehbar? Werden Sie Weihnachten durch sein oder ist das weit gefehlt?

Das ist weit gefehlt. Gerade die Durchsetzung von Forderungen im Ausland ist ein sehr langwieriger Prozess. Parallel dazu muss ja auch die Buchhaltung aufgearbeitet werden, um überhaupt erst einmal Ansprüche zu identifizieren. Wir gehen davon aus, dass das Insolvenzverfahren von Air Berlin noch mehrere Jahre andauern könnte, wir schätzen, etwa bis zu zehn Jahre. Das ist aber auch bei einer Konzerninsolvenz dieser Größenordnung keine Ausnahme, sondern die Regel.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Bei diesem Text handelt es sich um eine leicht gekürzte Fassung eines Interviews, das Johannes Frewel für Inforadio geführt hat.

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Dem kann ich nur zustimmen ! Sehr viele Mitarbeiter die jahrzehntelang bei Air Berlin gearbeitet haben, sitzen immer noch ohne eine Perspektive und mit grossen finanziellen Sorgen zu Hause! Darüber wird nirgends berichtet. Es wird immer nur geschrieben, dass über 80% einen neuen Arbeitsplatz gefunden haben. Aber zu welchem Preis? Es wird Zeit, dass darüber klar und deutlich in der Presse berichtet wird!

  2. 5.

    Es stimmt nicht das viele ex
    AIRBERLINER wieder Arbeit gefunden haben! Ganz viele haben große Probleme-gerade alleinerziehende Mütter und auch Cockpit findet nicht so schnell einen neuen Job und somit müssen düse Top Arbeitskräfte ins Ausland!.
    Statt das wir zu ausgehandelten Konditionen übernommen wurden bei Eurowings-müssten wir uns auf unsere eigenen Flzgzeuge und Slits neu bewerben! Und auch daher hat Eurowings jetzt Probleme ihre Flugstrecken Angebot auch durchzuführen! Ein abgekartetes Soiel von Lh und der Bundesregierung! Und ich weiß wovon ich rede -nach 33 Jahre Fliegerei nun arbeitslos! Am 15.8. ist Jahrestag der Insolvenzverkündung! Das ist wirklich ein trauriger Tag!! Aber wir ex AIRBERLINER kämpfen weiter für die Wahrheit und die Gerechtigkeit

  3. 4.

    Verzeihung, uns ist ein Fehler passiert. Das Interview war - wie Ihnen richtig aufgefallen ist - eigentlich noch nicht bereit zur Veröffentlichung. Wir korrigieren gerade.

  4. 3.

    "Deswegen hat er Berlin in den Vorjahren ganz drastische Verluste eingefahren und das Geld fehlte im August letzten Jahres, weil Etihad nicht mehr bereit war, die Verluste auszugleichen."
    er=Air?!

  5. 2.

    Sehr interessanter Artikel. Nun bitte noch einmal Korrektur lesen und die ganzen Schreibfehler ausmärzen! Ist ja nicht zum Aushalten!!!

  6. 1.

    "Der Steuerzahler muß nicht bezahlen" sagte Merkel in einem Interview mit vier Youtubern am 16.08.2017.

    << Merkel beschwichtigte. Die Risiken seien gering, "sonst hätten wir den Kredit gar nicht geben dürfen". Mit "großer, großer Wahrscheinlichkeit" müsse der Steuerzahler nicht dafür aufkommen. Die Regierung habe sich den Überbrückungskredit sehr gut überlegt. Recherchen von WDR und NDR zeigen jetzt: Die Regierung hat die Risiken des Kredits verharmlost. Gemessen an Merkels eigenen Worten stellt sich gar die Frage, ob der Bund überhaupt hätte einspringen dürfen.>>

    https://www.tagesschau.de/wirtschaft/niki-airline-bundesregierung-101.html

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