Entwurf für ein Hochhaus von Sauerbruch Hutton am Alexanderplatz (Quelle: Lexigon)
Video: rbb|24 spät | 19.10.2018 | H.Bettermann / J.Kersten | Bild: Lexigon

450 Millionen für Hochhausturm am Alex - Büros mit Aussicht statt Ballermann im Neonlicht

Ein Biergarten und mehrere Billiggeschäfte sollen am Alexanderplatz einem neuen Hochhausturm weichen. Hauptsächlich wird das Gebäude Büroflächen bieten, erstmals seit Jahrzehnten sollen auch wieder Menschen auf dem Alex wohnen können. Von Oliver Noffke

Der Himmel über Berlin wird am Alexanderplatz ein Stück zugebauter: Das Berliner Architektenbüro Sauerbruch Hutton hat einen Wettbewerb zur Gestaltung eines neuen Hochhausprojekts ebenda gewonnen. Nun sollen die Pläne soweit ausgearbeitet werden, dass der Auftraggeber - das französische Immobilienunternehmen Covivio - im kommenden Jahr einen Bauantrag stellen kann. Ende 2019 soll der Baugrund vorbereitet werden. "Im Frühjahr 2020 wollen wir beginnen, die Baugrube auszuheben", sagte Norman Weichhardt, der den Bau als Projektentwickler begleiten soll.

Das Gebäude besteht aus einem 130 Meter hohen Büroturm, der durch eine vertikale Fuge wie zweigeteilt wirkt. Die beiden Seiten werden farblich verschieden gestaltet, was die optische Teilung weiter verstärkt. Der Sockel wird 36 Meter hoch und gibt dem Platz erstmals nach Norden einen Abschluss. Seine Weite oder - je nach Sichtweise - Leere wird dem Ort dadurch ein Stück weit genommen. Die Fassade des Sockelgebäudes soll von einem Raster aus Sandsteinelementen durchzogen werden, womit die Architekten Nachbargebäude wie das Berolinahaus zitieren wollen. Ob dieser Sockel im fertigen Zustand so edel wirken wird, wie das Kaufhofgebäude oder doch eher billig wie der Saturnbau auf der anderen Seite, muss sich zeigen. Für Berliner Verhältnisse wollen die Franzosen eine gewaltige Summe investieren: Covivio rechnet mit Kosten von etwa 450 Millionen Euro. Das sind etwa 200 Millionen Euro mehr, als Strabag in den Bau des Upper Wests am Bahnhof Zoo gesteckt hat.

Bevor der Keller gebaut wird, müssen die Leichen weg

Darin inbegriffen ist auch der Teilabriss des derzeitigen Sockels vom Park Inn. Mehrere Billigbekleidungsgeschäfte werden weichen, genau wie der Ballermann-Biergarten, der derzeit das Grundstück mit Neonlicht flutet. Der Hotelbetrieb soll während der Bauarbeiten möglichst wenig gestört werden, obwohl der Abriss auch die Lobby und das Restaurant des Park Inns betreffen wird.

Der Erdaushub könnte vergleichsweise einfach gelingen. Zwar gibt es in der Nähe des Baugrundstücks einen U-Bahntunnel, dieser grenzt aber nicht direkt an und liegt auch nicht unter einem Betonbunker. Dieses Problem verzögert den 150 Meter hohen Hines-Turm, der hinter dem Saturn entstehen soll, bereits seit mehreren Jahren. Allerdings befindet sich wohl eine Grabstelle aus dem 16. oder 17. Jahrhundert im Boden. "Dabei handelt es sich um Leute, für die es auf einem nahegelegenen Friedhof keinen Platz gab", sagte Weichhardt auf einer Pressekonferenz am Freitag. "Stattdessen hat man diese Leichen, salopp gesagt, über eine Mauer entsorgt. Und da liegen sie heute noch."

Wohnen auf dem Alexanderplatz

Die Fertigstellung ist für 2023 anvisiert. Dann soll der Alexanderplatz erstmals seit Jahrzehnten wieder als Wohnadresse dienen. Etwa 500 Menschen sollen zur Miete wohnen können. Eigentumswohnungen wird es nicht geben. Sozialwohnungen auch nicht. Covivio-Manager Marcus Bartenstein bezeichnete Sozialwohnungen "an dieser prominenten Stelle" als "das falsche Zeichen". Stattdessen soll zu marktüblichen Preisen vermietet werden. Als Ziel wurden etwa 15 Euro pro Quadratmeter genannt. Die Wohnungen sollen zwischen 20 und 100 Quadratmeter groß sein.

Eine weitere Neuerung für den Alexanderplatz ist, dass es sich bei Covivio nicht um einen reinen Investor handelt. Die Franzosen wollen sich nach der Fertigstellung auch um Betrieb und Vermietung kümmern. Das Projekt lediglich zu entwickeln und dann möglichst noch vor Beginn der Bauphase gewinnbringend weiter zu verkaufen, sei nicht das Ziel.

Stattdessen verfolgt Covivio ein Konzept, dass es so am Alexanderplatz noch nicht gibt. Neben Wohnen und Arbeiten soll es auch eine Art Co-Working-Club mit Dachterrasse geben. Die soll dann den Bewohnern offen stehen und zielt anscheinend auf sehr gut verdienende Kreative. Zudem soll den Bewohnern ein begrünter Innenhof über der dritten Etage zur Verfügung stehen. In den Keller soll ein Supermarkt-Discounter einziehen. Im Architekten-Werbesprech wurde das Mischkonzept des Baus am Freitag mehrfach als "vertikale Stadt in der Stadt" bezeichnet. Kulturangebote irgendwelcher Art wird es in dieser Stapelstadt allerdings nicht geben.

Neues Hochhaus am Alexanderplatz von der Ecke Karl-Marx-Allee und Otto-Braun-Straße aus gesehen (Quelle: Luxigon)Das neue 130 Meter hohe Covivio-Hochhaus am Alexanderplatz von der Ecke Karl-Marx-Allee und Otto-Braun-Straße aus gesehen (Quelle: Luxigon/Sauerbruch Hutton)

Wand aus massiven Scheiben statt zackiger Krone?

Bereits seit mehr als 25 Jahren verfolgt Berlin Pläne, am Alexanderplatz Hochhäuser zu bauen. Bisher fehlten allerdings immer finanzkräftige Bauherren. 1993 gewann der Architekt Hans Kollhof mit seinem Konzept einer "Stadtkrone". Dieser Entwicklungsplan sah 13 bis zu 150 Meter hohe Türme vor, die sich nach oben verjüngen - eben wie Zacken. Der rot-rot-grüne Senat hat sich von dieser Idee allerdings ein Stück weit entfernt und will bei 130 Meter deckeln, wenn für höhere Bauten noch keine Genehmigung erteilt wurde.

Diese Entscheidung beeinflusst maßgeblich das Design potenzieller Hochhäusern. Da die Bauherren das erlaubte Flächenlimit dennoch ausschöpfen wollen werden, ist damit zu rechnen, dass am Alexanderplatz große Quader oder Scheiben mit flachen Dächern entstehen. Statt der Stadtkrone könnte insbesondere an der Nordwestecke des Platzes in einigen Jahren eine massive Wand aus Glas und Beton entstehen. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sieht diese Gefahr allerdings nicht. "Die Hochhäuser stehen ja nicht alle in einer Richtung, sondern werden jeweils zueinander verdreht." Stünde eine Hochhausscheibe parallel zur Alexanderstraße, würde die nächste quer dazu platziert, sagte sie. "So ergänzen die sich und damit eröffnen sich aus jeder Himmelsrichtung immer wieder Räume, die wieder den Himmel freigeben oder den Fernsehturm."

Französischer Bauherr könnte Nachbarn überholen

Sauerbruch Hutton hat sich mit einem Entwurf, der an die klassische Moderne erinnert, gegen das Schweizer Büro Diener & Diener durchgesetzt. Im Juli waren bereits sieben weitere Entwürfe aussortiert worden, die teils weitaus wagemutigere Visionen für diesen Bau hatten. Das norwegische Büro Snøhetta hatte etwa einen geschwungenen Bau vorgeschlagen, der an eine Skisprungschanze erinnert, war aber ebenso in der ersten Runde gescheitert, wie die Berliner Architekten von Barkow Leibinger, deren Gebäude aus versetzt gestapelten Quadern bestand.

Der prominente Standort beflügelte in der Vergangenheit bereits die Fantasie anderer Architekten. So hatte der Berliner Architekt Christian Speelmanns 2015 vorgeschlagen an dieser Stelle die neue Landesbibliothek unterzubringen und so ein breites Kulturangebot an den kommerzlastigen Alexanderplatz zu holen. Sein Entwurf sah zudem einen 150 Meter hohen Wohnturm vor, dessen gläserne Außenhaut an die geometrischen Verschachtelungen der alten DDR-Fassade des Galeria-Kaufhofs erinnerte.

Sollte der märkische Sand unter dem Ballermann-Biergarten am Alexanderplatz frei von Überraschungen bleiben, könnte Covivio seinen Turm weitaus zügiger fertigstellen, als andere Projekte in der Umgebung, die bereits seit Jahren immer wieder verschoben werden.

Investorenträume für eine Ost-Berliner Betonwüste

Sendung: Abendschau, 19.10.2018, 19.30 Uhr

Beitrag von Oliver Noffke

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7 Kommentare

  1. 7.

    Covivio kauft nicht nur Häuser auf und schraubt die Mieten in die Höhe (meistens ungerechtfertigterweise), sondern wandelt diese Mietwohnungen jetzt auch berlinweit in Eigentumswohnungen um. Irgendwie muß dieses Hochhausprojekt ja finanziert werden. Schade das das hier nicht erwähnt wird.

  2. 6.

    Lüscher und Lopscher - eine Katastrophe für Berlin! Frau Lüscher, erinnern Sie sich noch an den Bürgerworkshop in 2015/16. Erinnern sie sich an den Senatsbeschluss in 2016 der aus dem Workshop erging? Ja, genau! 9 Türme von MINDESTENS 150m sollten gebaut werden! 150m und NICHT NIEDRIGER wurde extra aus ästhetischen Gründen festgelegt. Und was was machen Sie jetzt? Sie ignorieren den Bürgerwillen und dessen Entscheidung aus 2016! Und wieseo das alles? Weil eine Senatorin, die im Geiste in der DDR und ihrer Platten am Alex stehengeblieben ist, das so will. Weil ein Haus (Interhotel aus 1970, heute ParkInn) und ein DDR-Fernsehturm aus 1969 noch immer als Leitbild herhalten sollen. Wie irre und rückwärstgewandt ist das in der Hauptstadt der Bundesrepublik! Schauen Sie nach Frankfurt/M. (Projekt Four) oder nach New York (Projekt Hudson Yard). Das sind die "Kronen" einer Stadt. Ihre 130m Türmchen reichen vielleicht für Essen oder Bochum. Aber gewiss sind sie einer Stadt wie Berlin unwürdig!

  3. 5.

    Großartig! Wohnungen sollten bevorzugt an stark befahrenen Straßen gebaut werden. Dann haben die Anwohner wenigstens einen Grund zu klagen (vor Gericht zur Not sicher auch mit Unterstützung der PR-technisch perfekten "Deutschen Umwelthilfe").

  4. 4.

    Der Alex ist und bleibt seit dem Mauerfall ein Drecksloch. Keiner macht dort mal richtig sauber. Überall liegen Unrat und Essensreste herum, sogar mang den Imbissbuden, ein Fall für das Gesundheitsamt und die Leute kaufen sich dort noch was zu essen (lecker), einfach widerlich. Die Tower werden die Gegend nur noch verschlimmern.

  5. 3.

    Auch ich hätte mir moderne mutige Architektur gewünscht. Kein provinzielles DDR Retrodesign. Auch sind 130 Meter Höhe einfach nur lächerlich und Platzverschwendung. Vielleicht klappt es ja in der City West.

  6. 2.

    Covivio kauft momentan die Kieze auf und erhöht die Mieten ohne Grund, wieso wird das hier nicht zumindest am Rande angesprochen?

  7. 1.

    Ich versteh es nicht, wie schaffen es die Architekten, ein häßliches Gebäude nach dem anderen am Alex zu bauen? Die beiden Türme im Video sehen aus wie die Plattenhochhäuser an der Leipziger Str anno 1970, designtechnisch heute schon 50 Jahre überholt.

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