Kathrin Balke steht vor ihrem Dieselfahrzeug (Bild: rbb|24)
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Video: rbb|24 | 31.10.2018 | Naomi Donath | Bild: rbb|24

Interview | Dieselskandal und Musterfeststellungsklage - "Mein Wutpegel ging immer höher"

Mit Musterfeststellungsklagen können ab sofort Verbraucherschützer vor Gericht ziehen. Am Ende könnten durch solche Mammutprozesse zehntausende Verbraucher profitieren. Die Volkswagen-Fahrerin Kathrin Balke aus Zehlendorf ist eine davon.

rbb|24: Frau Balke, Sie haben sich vor vier Jahren einen Volkswagen Sharan mit Dieselmotor gekauft – auch weil die Technologie damals als noch als sauber und effizient galt. Mittlerweile sind alleine in Deutschland zehntausende VW-Besitzer vom Abgasskandal betroffen. Wie erging es Ihnen?

Kathrin Balke: Die Geschichte begann im August dieses Jahres. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) schickte mir ein Schreiben, dass das Zwangsupdate [Software-Update, das nach Angaben der Hersteller die Abgaswerte verbessern soll. Anm. d. Redaktion] gemacht werden muss. Ansonsten würde das Auto stillgelegt werden. Es gab eine Frist von vier Wochen, um den Nachweis zu erbringen. Am 12. September habe ich mich dann schweren Herzens zum Zwangsupdate durchgerungen – und damit gefühlt einem eigentlich technisch einwandfreien Auto "den Todesstoß" gegeben. An das KBA und den Landkreis musste ich dann den Vollzug des Zwangsupdate melden. Etwa 50 Kilometer und zwei Tage später hatte ich mit meinem Auto die erste "Erscheinung".

Was meinen Sie damit?

Die Lüftung des Motors wurde nach dem Abstellen so laut, dass ich dachte, ich fahre einen Panzer. Ich habe Angst bekommen. Man kennt sein Fahrzeug und dann macht das so komische Geräusche. Sicherheitshalber habe ich das Ganze auf Video aufgenommen. Dazu kommt, dass mein Auto im Leerlauf jetzt höhertourig ist und nicht so laufruhig, wie ich das vorher von meinem VW kannte. Die Start-Stopp-Automatik springt nicht immer an. Diese Automatik aber war mit ein Grund, warum ich mich für dieses Auto entschieden habe – auch um den Abgasausstoß an der Ampel und den Verbrauch zu verringern. Jetzt verbraucht mein Auto durchschnittlich einen halben Liter Diesel mehr als zuvor. Ich habe den Verbrauch immer gut im Auge und dokumentiere die Tankfüllung. Seit dem Update habe ich eigentlich immer Angst, dass irgendwo ein Warnlämpchen blinkt, das Auto stehenbleibt und ich auf den Abschlepper warten muss.

Verunsicherung nach einem Zwangsupdate, das Sie als Verbraucherin veranlassen mussten - da ist der Ärger nicht weit.  

Als der Termin für das Update anstand, war ich wütend. Wegen der Zeitinvestition und darüber, dass ich mich als Verbraucher, um so etwas kümmern muss. Ich habe ein Fahrzeug im guten Glauben gekauft hat und bin nun in der Bringpflicht. Es gab auch Ärger wegen eines Mietfahrzeuges. Am Telefon hatte man mir ein Ersatz von abends bis zum nächsten Tag zugestanden, weil ich Pendlerin von Berlin nach Brandenburg bin. Dann hieß es: Brauchen Sie nicht, dauert nur anderthalb Stunden. Die habe ich dann bei VW gesessen, gewartet und der Wutpegel ging immer höher.

Warum?

Manche wundern sich vielleicht, worüber ich mich beschwere. Das Auto läuft sauber. Aber die innerliche Anspannung, dass was passieren könnte, und die ich vorher nicht hatte, frustriert mich. Als Verbraucher bin ich sauer, dass man so ein gutes Produkt kaputt machen kann. Immer wenn ich an VW-Schildern vorbeifahre, habe ich Wut im Bauch – auch wenn der Händler nichts dafür kann. Der große Konzern Volkswagen hat den Fehler gemacht und die Betroffenen müssen das ausbaden. Ich bin wütend auf den Konzern, der Betrug begangen hat, um politische Grenzwerte einzuhalten und seine Fahrzeuge verkaufen zu können. Wütend bin ich auch auf die deutsche Politik. Ich fühle mich enteignet, weil mein Fahrzeug eigentlich keinen Wert mehr hat. Und die Politik tut nichts, um mich zu unterstützen.

Haben Sie überlegt, rechtlich gegen Volkswagen vorzugehen?

Ja. Leider fehlen mir die finanziellen Mittel, und ich weiß aus anderen Zusammenhängen: Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei. Hinter einem Großkonzern stehen ganz andere finanzielle Mittel und die Betroffenen, die geklagt haben, werden gerne in die Zweite Instanz gezerrt. Damit ist das finanzielle Risiko zu groß.

Stellvertretend für Zehntausende Dieselfahrer reichen Verbraucherzentralen am Donnerstag eine Musterfeststellungsklage gegen VW ein. Es geht um Schadenersatz für die Betroffenen des Diesel-Skandals. Erwarten Sie sich davon größere Chancen?

Irgendwie ist das alles ein Trojanisches Pferd: Meine Ansprüche werden nicht vor dem Konzern durchgesetzt, sondern es geht nur um die Feststellung, dass der VW-Konzern betrogen hat. Und dann muss ich nochmals zivilrechtlich klagen. Das ist eine Hilfe, und das Prozessrisiko vor irgendwelchen Landgerichten sinkt, wenn man auf diese Musterfeststellungklage verweisen kann. Deshalb habe ich mir den 1. November fest im Kalender vermerkt und werde mich als Betroffene im Klageregister vermerken lassen. Ich bin zumindest froh, dass endlich was passiert, weil es nottut. Freude sieht anders aus. Ich würde die Zeit lieber zurück drehen.

Was würden Sie sich als Wiedergutmachung von VW wünschen?

Nach drei Jahren kann man sich nichts mehr wünschen. Der Drops ist gelutscht. Viele Sachverhalte sind aus inzwischen Fakt, die Fahrverbote für Diesel kommen und ein Wiedergutmachungswille war aus meiner Sicht nie zu erkennen. VW kann nichts mehr revidieren ohne das Gesicht zu verlieren. Jeder, der beispielsweise auf die Umstiegsprämie für einen neuen VW eingeht, hat die Tragweite nicht begriffen. Das ist wieder eine Subventionierung der Automobilindustrie. Ich würde ein gut eingefahrenes, wertvolles Fahrzeug abgeben gegen eines, bei dem ich auch nicht weiß, ob es nächstes Jahr auch noch fahren darf. Mein Diesel ist grundsätzlich eigentlich gar nichts wert.  Ich habe versucht, das Auto bei einem anderen Hersteller in Zahlung zu geben – der Verkäufer hat nur mit dem Kopf geschüttelt.  Ich kann es noch privat versuchen, um mir ein neues Auto anzuschaffen. Und das wird 100 Prozent kein Volkswagen mehr. Auch der Rest der Familie kauft keinen VW oder Audi mehr.

Frau Balke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Dominik Wurnig, rbb|24, führte das Interview.

 

Die wichtigsten Fragen zur Musterfeststellungsklage

  • Was ist das für eine Klage?

  • Können alle Dieselfahrer mitmachen?

  • Wie funktioniert die Musterfeststellungsklage?

  • Was kann dabei rauskommen?

  • Habe ich ein Risiko, wenn ich mich melde?

  • Wie groß sind die Chancen auf Erfolg?

  • Wie lange dauert es, bis die Dieselfahrer Geld sehen, wenn die Verbraucherzentralen gewinnen?

  • Wie hoch könnte der Schadenersatz sein?

  • Wie ist der Stand bei anderen Kundenklagen zum Diesel-Skandal?

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Auch ich bin sauer, dass mein gerade mal 5 Jahre alter Touran aufgrund des verbauten BlueMotion-Diesel nichts mehr wert ist und werde mich sicherlich der Musterfeststellungsklage anschließen. Wenn man allerdings wirklich konsequent ist, dann reicht es hier nicht VW allein den schwarzen Peter zuzuschieben. Wie nach und nach herauskommt, haben alle Autohersteller im In- und Ausland geschummelt und die Kunden hinters Licht geführt. Welche Marke ich da noch kaufen kann, ist mir bis heute wirklich unklar.

  2. 2.

    Na, dann mal her mit den Beweisen. Sie sagen, "die" Politiker seien korrupt. Sie wissen schon, dass dies üble Nachrede ist, oder? Wer hat wen "gekauft"? Butte bei die Fische. Nennen Sie bitte Namen und Beträge.

  3. 1.

    "Ich fühle mich enteignet, weil mein Fahrzeug eigentlich keinen Wert mehr hat. Und die Politik tut nichts, um mich zu unterstützen." Die Politiker sind von der Automobilindustrie gekauft. Die deutsche Automobilindustrie ist auch immer wieder, die wieder und wieder niedrigere Schadstoffgrenzen politisch verhindert. Es ist also so, dass die deutsche Automobilindustrie nicht einmal die von ihr selbst mitgestalteten Grenzwerte einhält. Dazu muss man aber auch mal klar sagen, dass der Diesel eben keine saubere Technologie ist und nie sein wird, "Updates" hin oder her.

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