Eine Pflegerin kümmert sich um eine Seniorin (Quelle: rbb/Jan Wiese)
Video: Abendschau | 04.10.2018 | Tina Friedrich | Bild: rbb/Jan Wiese

Leiharbeit in der Altenpflege boomt - Pflegekräfte auf Pump

Keine Nachtschichten mehr, kein Einspringen am Wochenende, beste Bezahlung - mit paradiesischen Arbeitsbedingungen werben Leiharbeitsfirmen um Altenpflegekräfte. Die profitieren dabei vom Fachkräftemangel. Von Tina Friedrich und Jan Wiese

Laurin ist ausgebildete Pflegefachkraft, 21 Jahre alt, und hat, wovon viele in der Branche träumen: ein sehr gutes Einkommen, regelmäßig Urlaub, kaum spontane Einsätze in der Freizeit. Der Unterschied: Laurin arbeitet nicht fest in einem Heim, sondern als Leiharbeiter - in der Pflegebranche wird das "Leasing" genannt. Er wird dort eingesetzt, wo gerade Personalnot herrscht. Und das ist in der stationären Pflege derzeit eigentlich überall.

"Gerade für mich als junger Pfleger ist es gut, wenn ich viele verschiedene Einrichtungen kennenlerne und mich dadurch weiterbilde. Wenn ich dauerhaft in einem Heim oder auf einer Station bin, macht man irgendwann alles automatisch. Das ist bei mir noch nicht der Fall." Laurin ist seit wenigen Monaten mit der Ausbildung fertig und direkt in die Leiharbeit gegangen. Während seiner Praxiszeit hat er erlebt, unter welchem Druck Stammkräfte in Pflegeheimen stehen, wie oft sie ungeplant einspringen müssen in Wochenend- oder Nachtschichten - und wie wenig sie dafür verdienen. Darauf wollte sich Laurin gar nicht erst einlassen.

Der 21-jährige Laurin ist ausgebildeter Pfleger und arbeitet als Leiharbeiter in der Altenpflege. (Quelle: rbb/Jan Wiese)
Laurin ging nach seiner Ausbildung direkt in die Leiharbeit. | | Bild: rbb/Jan Wiese

Bis zu 10 Euro mehr pro Stunde

Er liegt damit im Trend: Bundesweit ist der Anteil an Zeitarbeitskräften in der Altenpflege in den letzten drei Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen, in Berlin hat er sich im gleichen Zeitraum sogar verdoppelt. Etwa fünf Prozent aller Altenpflegekräfte arbeiten hier als Leiharbeiter und es werden immer mehr: Im letzten Halbjahr 2017 ist ihre Zahl schneller gewachsen als im ganzen Jahr davor.

Mit Leiharbeit, wie man sie aus anderen Branchen kennt, hat Pflege-Leasing nichts mehr zu tun. Arbeitsverträge sind unbefristet, Sozialabgaben werden bezahlt und die Pflegekräfte bekommen von Anfang an deutlich mehr Geld als die Stammbelegschaft, manche bis zu 10 Euro mehr pro Stunde.

Die Leiharbeit bietet die Möglichkeit, den Beruf autonom und nach eigenen Vorstellungen auszuüben.

Peter Tackenberg, Deutscher Verband für Pflegeberufe

Leiharbeitsfirmen bieten Pflegekräften alles das, was viele in ihren Stammhäusern vermissen: Verlässlichkeit, Fürsorge, Anerkennung, gute Bezahlung, selbst gestaltete Dienstpläne, Mitsprache bei der Auswahl der Einsatzorte. Einige bieten Treue- oder Gesundheitsprämien, Dienstwagen, BVG-Ticket oder finanzierte Sabbaticals.

Dabei geht es gar nicht ausschließlich um Geld, beobachtet Peter Tackenberg vom Deutschen Verband für Pflegeberufe. Er sieht den aktuellen Boom auch als Protest gegen die Arbeitsbedingungen der Branche. "Viele Pflegekräfte suchen einen Ausweg aus der Personalmisere, und die Leiharbeit bietet die Möglichkeit, den Beruf autonom und nach eigenen Vorstellungen auszuüben." 

“Einfach keinen Bock mehr!”

Sara Abiona, die eigentlich anders heißt, steht beispielhaft für genau diese Pflegekräfte, die aus festen Anstellungen in die Leiharbeit fliehen. Sie arbeitet seit 20 Jahren in der Pflege, 12 Jahre davon als festangestellte Fachkraft. In diesem Frühjahr kündigte sie. "Ich habe für mich die Reißleine gezogen. Dieses ständige Angerufe und Eingespringe, darauf hatte ich einfach keinen Bock mehr. Es gab keinen Tag, an dem sich der Dienstplan nicht kurzfristig veränderte", beschreibt sie ihren Frust. Manchmal musste sie sieben Wochenenden hintereinander arbeiten. Diesem Druck, Dienste zu übernehmen, um die Kollegen nicht im Stich zu lassen, wollte sie sich nicht mehr aussetzen. "Ich bin doch keine Leibeigene!"

Seniorin Angelika Besch im Altenpflegeheim. (Quelle: rbb/Jan Wiese)
Für die Pflegebedürftigen seien die ständig wechselnden Gesichter "ein Desaster", sagt Pflegekraft Sara Abiona. | Bild: rbb/Jan Wiese

Dabei empfand Sara Abiona die Arbeit mit alten Menschen immer als sehr erfüllend. "Man kann richtig Spaß mit ihnen haben, tanzen, sich verkleiden, Rollstuhlrennen. Viele glauben, wenn sie im Altenheim sind, ist alles verboten. Aber das ist Quatsch. Und mit Kleinigkeiten wie einer Zigarette oder mal einem Glas Sekt kann man ihnen eine riesige Freude machen." Als langjährige Begleiter werden die Pflegekräfte für die alten Menschen zur Familie, sagt sie. "Wenn du gut mit den alten Menschen umgehst, dann kommt ganz viel zurück. Das ist so schön."

Video: Abendschau | 04.10.2018 | J. Wiese/T. Friedrich | Bild: rbb

Heime sind auf Leiharbeiter angewiesen

Das fehlt ihr heute als Leasingkraft. Nun schreibt sie zwar ihre Dienstpläne selbst, hat geregelte Wochenenden und kann häufiger Urlaub machen. Aber vertraut ist sie mit den Bewohnern der Heime, in denen sie arbeitet, nur, wenn sie häufiger an die gleiche Einrichtung verliehen wird. Laut Gesetz ist das für maximal 18 Monate möglich, danach müssen Leiharbeiter wenigstens für drei Monate in einem anderen Unternehmen arbeiten.

Für die pflegebedürftigen Bewohner bedeutet das: Ständig fremde Gesichter, die einen nackt sehen, ständig neue Hände, die einen waschen. “Für alte Menschen und vor allem für psychisch Kranke, ist diese Situation natürlich ein Desaster”, sagt Sara Abiona.

Für die pflegebedürftigen Bewohner bedeutet das: Ständig fremde Gesichter, die einen nackt sehen, ständig neue Hände, die einen waschen. “Für alte Menschen und vor allem für psychisch Kranke, ist diese Situation natürlich ein Desaster”, sagt Sara Abiona.

Christian Mannewitz, Geschäftsführer der gemeinnützigen FSE-Gruppe, die in Berlin unter anderem fünf Pflegeheime betreibt, würde seinen Bewohnern diese Momente gerne ersparen. Doch er kann seinen Personalbedarf derzeit nicht ohne Leasingkräfte decken. Das verursacht hohe Kosten. Für eine Arbeitsstunde muss ein Betreiber derzeit zwischen 30 und 60 Euro bezahlen, etwa zwei bis dreimal so viel wie die Pflegekraft verdient. "Pauschal kann ich es nicht sagen, aber ein Leasingeinsatz von drei bis fünf Prozent ist für jede Einrichtung ein Kostenfaktor."

Günstige Stammkräfte verzweifelt gesucht

Wie viele andere Heimbetreiber steckt auch er im Dilemma: Das Geld reicht nicht, um alle Pflegekräfte dauerhaft besser zu bezahlen. Die teure Leiharbeit muss die Lücken stopfen - denn am Ende spekuliert jeder Heimbetreiber darauf, vor allem ausreichend günstigeres Stammpersonal zu bekommen, um den Bedarf zu decken. Doch Fachkräfte suchen alle in der Branche - allein in der Altenpflege sind deutschlandweit rund 30.000 Stellen frei. Selbst Leiharbeitsfirmen, heißt es, stellen inzwischen fast jeden an, der sich bewirbt.

Solange dieses Dilemma besteht, müssen die Pflegekräfte eben selbst die Initiative ergreifen, sagen Sara Abiona und Laurin Happe. Nicht mehr alles hinnehmen, was im Pflegesystem in den vergangenen Jahren schief gelaufen ist - und sich notfalls eben durch den Wechsel in die Leiharbeit wehren. Sara Abiona ist sich sicher: Sie will nie wieder zurückgehen in eine feste stationäre Einrichtung.

 

Sendung: Inforadio, 04.10.2018, 06.00 Uhr

Beitrag von Tina Friedrich und Jan Wiese

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    "Der Kirche überlassen.. Kein Förderndes Interesse"...
    Die beiden grossen Kirchen haben mit Diakon und Caritas eine viel zahl von Einrichtungen, im Bereich der stationären und ambulanten Pflege, aber eben auch viele andere. Die Kirche hält mir ihren Lohnzahlungen nach AVR(Tarifvertrag) und ihren, so habe ich es erfahren, "guten" Arbeitsbedingungen und verschiedenen auch politischen Aussagen zur Pflege ein Förderndes Wohlbefinden für die Mitarbeiter in diesem Bereich. Ich kann Ihre kritik nicht nachvollziehen!

  2. 11.

    Es geht nicht darum, KEINE Schichten am Wochenende, etc. mehr machen zu wollen, sondern verlässlich und mitbestimmend seine Zeit zu planen. Ich zum Beispiel habe mein Studium über Jahre nur durch Arbeiten an Wochenenden, Feiertagen und im Nachtdienst finanziert. Kein Krankenhaus und kein Heim hatten mir einen solchen Dienstplan als Angestellter angeboten.
    Freiberufler und Leasingkräfte helfen mit, die Versorgung trotz Pflegekräftemangel aufrecht zu erhalten. Sollen die
    Kollegen lieber in die Schweiz, Österreich, Norwegen, Niederlande,...gehen? Ist es für die zu kleine Stammbelegschaft besser, wenn sie die "beliebten" UND "unbeliebten" Schichten abdecken muss?

  3. 10.

    Wie kommen Sie darauf, dass es sich um "Hilfsarbeiter" handelt? Der Begriff an sich klingt schon reichlich respektlos.
    Die externen Kräfte sind sehr oft deutlich besser qualifiziert und erfahrener als die meisten Kollegen, die man vor Ort in den Einrichtungen antrifft.
    Sie dürfen als Leasingkraft bis zu 18 Monate am Stück in ein und dieselbe Einrichtung gehen. Die Fluktuationsrate ist bei den Festangestellten vielerorts höher.

  4. 9.

    Es geht doch viel mehr darum, das die falschen Personen auf dem falschen Stühlen sitzen.
    Wenn in einem Heim Ehrlichkeit, Harmonie und Struktur herrscht, dann wäre die Fluktuation nicht so stark und es müssten keine Hilfsarbeiter von einer Zeitarbeitsfirma eingesetzt werden.
    Da unser Staat dieses Gewerbe - Dienstleistungsverhältnis über jahrzehnte der Kirche überließ / die kirche aber kein förderndes interesse hatte, sind wir jetzt an einem Punkt der kaum zu retten ist!
    Demographischer Wandel wird mit Flüchtlingspolitik kompensiert
    Unser Minister für Gesundheit äußert das wir alle 4 Stunden wöchentlich mehr arbeiten sollen (da er keine 8000 Pflegekräfte stellen kann)
    Und wir dürfen weiter warten das unser Land reagiert statt agiert.
    Da hängt noch so viel mehr mit daran.... aber ändern können wir nur dann was, wenn sich jeder bewusst machen würde, warum das alles entstanden ist.

  5. 8.

    Und was passiert dann mit der Stammbelegschaft, wenn die Lesing-Kräfte sich die besten Schichten aussuchen dürfen? Sie bleiben auf den unbeliebten Nacht- Feiertags- und Wochenendschichten sitzen, was zu noch mehr Frust führt... Das kann doch auch keine Lösung sein.

  6. 7.

    Leider setzt sich dieser Trend auch in Krankenhäusern durch. Langjährige Pflegekräfte kündigen und fangen in Leasing-Firmen an.
    Mehr Geld, keine Schichtdienste und überwiegend freie Wochenenden. Und die Chefs schauen zu....... Hauptsache der "Laden" läuft.
    Das feste Personal in den Kliniken muss endlich besser bezahlt werden.

  7. 6.

    Dann sind wir uns also einig, wie die Kosten entstehen. Und dann sehen wir, dass die Arbeitskosten für Leasing sich nicht sehr von den Arbeitskosten eines direkt beim Heim angestellten unterscheiden - sofern das Heim oder der Pflegedienst seine Angestellten vernünftig oder gar nach einem guten Tarif bezahlt. Einen zusätzlichen "Schnitt" möchte auch der Heimbetreiber bzw. dessen Geldgeber/ Eigner erreichen.
    Mein Eindruck ist, dass sich über die Leasing-Kosten vor allem diejenigen Pflegeunternehmen beschweren, die ihre eigenen Angestellten bislang
    a) unterhalb des mittlerweile üblichen Branchenniveaus bezahlen und
    b) diesen unverhältnismäßige Arbeitsbedingungen zumuten.
    Insofern hat die Abstimmung mit den Füßen (endlich) auch in diesem Bereich begonnen. Die Leasingfirmen bieten mit ihren Gehältern und Arbeitsbedingungen eine Blaupause für das, was sich in der Branche insgesamt bezügl. Entgelten und Bedingungen ändern muss. Meiner Meinung nach ein berechtigtes Niveau.

  8. 5.

    Danke für Ihr Feedback! Der Satz mit den 30-60 Euro bezog sich genau auf das, was Sie vorgerechnet haben: Mit Sozialabgaben und allen anderen Kosten, plus Schnitt für die Leiharbeitsfirma, entstehen für den Heimbetreiber pro Arbeitsstunde Leasing heute etwa 30-60 Euro Kosten. Dieses Geld bekommt die Leiharbeitsfirma, die dann der Pflegefachkraft einen Stundenlohn von 18-22 Euro brutto bezahlt.

  9. 4.

    Teil 2:
    Persönlich finde ich es problematisch, wenn Pflegekräfte gleich nach der Ausbildung in den Leasingbereich gehen.
    Meiner Meinung erfordert diese Art der Tätigkeit eine hohe fachliche und soziale Kompetenz und viel Erfahrung.
    Dass es grundsätzlich immer besser ist, wenn man immer von denselben Pflegekräften versorgt wird, halte ich auch für diskussionswürdig. Gehetzte und dauergestresste Stammpflegekräfte, die sich zudem um überbordende Dokumentationspflichten kümmern müssen, sind nicht automatisch besser als kompetente und zugewandte (und ausgeruhte, zufriedene, ordentlich bezahlte,..) Kollegen von außerhalb.
    Problematisch wird es, wenn die Stammbelegschaft zu sehr schrumpft und auch, wenn durch den Pflegekräftemangel nicht ausreichen qualifizierte und erfahrene Leasingkräfte in Bereiche geschickt werden, wo sie überfordert sind. (alles erlebt, z.B. Altenpfleger, frisch examiniert in die Heimbeatmung entsandt)

  10. 3.

    Sehr geehrte Frau Friedrich, Herr Wiese,
    " Für eine Arbeitsstunde muss ein Betreiber derzeit zwischen 30 und 60 Euro bezahlen, etwa zwei bis dreimal so viel wie die Pflegekraft verdient." Das stimmt so nicht. Sie dürfen natürlich nicht den Stundenlohn mit dem Entgelt pro Stunde für das Leasing vergleichen. Sie müssen die gesamten Arbeitskosten eines Angestellten mit dem Preis für das Leasing vergleichen. In den Kosten für externe Anbieter sind neben dem Stundenlohn noch Arbeitgeberanteile Sozialversicherung, diverse Umlagen, Berufsgenossenschaft, Urlaubsanspruch, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Aus- und Weiterbildungskosten, usw. enthalten. Eine angestellte Fachkraft mit 15 - 18 € Stundenlohn kostet den Arbeitgeber 30 - 35 €.
    Wahr ist, dass im Pflegebereich das Arbeiten als Leasingkraft sowohl lukrativer als auch von den Arbeitsbedingungen her vorteilhafter ist.

  11. 2.

    Naja, aus dem Artikel geht hervor, dass sich erstens die Arbeitsbedingungen erheblich unterscheiden, zweitens dass sich dieses Modell auf die gesamte Branche bezogen, nicht umsetzen lässt. Was bleibt ... der Mittelweg, oder höhere Sozialabgaben.
    Schaun wa mal ...

  12. 1.

    na mensch wenn alle in die leiharbeit gehen geht’s ja qualitativ endlich wieder bergauf in den pflegeheimen
    sind alle pflegekräfte auf einmal hochmotiviert weil
    die für 3000€ netto unter gleichen arbeitsbedingungen arbeiten müssen. so ein quatsch

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