Ein Flugzeug der Primera Air am Flughafen London Stansted (Quelle: PA Wire/Joe Giddens)
Bild: PA Wire

Billigflieger meldet Insolvenz an - Primera Air wird für Tegel zur Luftnummer

Nordamerika-Flüge ab Tegel zu billigsten Konditionen: Ende August sorgte Primera Air mit seinen Plänen für Furore. Nun ist das Unternehmen pleite. Die Berliner Flughäfen verlieren damit den dritten Partner innerhalb von zwei Wochen wegen Insolvenz. Von Oliver Noffke

Der dänisch-lettische Billigflieger Primera Air ist insolvent. Das teilte das Unternehmen überraschend auf seiner Internetplattform mit. Erst Ende August hatte die kleine Fluglinie - die zuletzt lediglich sieben Flugzeuge unterhielt - angekündigt, im kommenden Jahr Langstreckenflüge vom Flughafen Tegel nach Boston, Toronto und New York JFK anzubieten. Damit wären Lücken im Flugplan geschlossen worden, die das Aus von Air Berlin hinterlassen hatte. Doch daraus wird nun nichts, bereits am Montag fand der letzte Flug von Primera Air statt.

Rost an einem Flugzeug

In einer internen Mitteilung, aus der mehrere Medien zitieren, nennt das Management unter anderem einen teuren Schadensfall sowie verspätete Auslieferungen neuer Flugzeuge als Gründe für die Zahlungsunfähigkeit. Demnach soll an einem Flugzeug der Flotte Rost festgestellt worden sein, dessen Beseitigung zehn Millionen Euro kosten würde. Bei Airbus bestellte Flugzeuge seien zudem nicht wie versprochen geliefert worden. Airbus wollte diesen Vorwurf auf Nachfrage von rbb|24 nicht kommentieren. Liefertermine würden ausschließlich an Kunden kommuniziert.

Der Hamburger Luftfahrtexperte Cord Schellenberg glaubt, das Unternehmen war möglicherweise in juristischen Fragen nicht sonderlich versiert. "Wenn es nach kurzem Einsatz Rost an einem Flugzeug gibt, dann sollten die Verträge so aufgesetzt sein, dass der Leasinggeber für Ersatz sorgen muss."

Den Markt offenbar völlig unterschätzt

Das Aus von Primera Air ist auch ein Rückschlag für die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB). Das recht dünne Angebot an Fernzielen ab Berlin sollte durch Primera im kommenden Jahren spürbar ausgebaut werden. Mit Ticketpreisen von 149 Euro für einen Flug nach New York sorgte das Unternehmen im Sommer für Aufregung. Neben Berlin hatte Primera Air auch die Flughäfen in Frankfurt am Main und Madrid ins Auge gefasst.

Für diese Offensive sollte die Flotte massiv ausgebaut werden. Bei einem Leasing-Unternehmen waren 18 Flugzeuge vom Typ Boeing 737 MAX-9 bestellt worden. Das eigentlich für Kurz- und Mittelstrecken konzipierte Flugzeug hat in dieser Variante eine größere Reichweite und bietet bis zu 220 Passagieren Platz.

Große Gegner auf einem hart umkämpften Markt

"Primera hat wahrscheinlich auch unterschätzt, dass etablierte Wettbewerber auf die Strategie der extrem billigen Angebote auch anspringen", so Schellenberg. Kontingente für besonders günstige Tickets anzubieten, etwa nach New York, sei für große Fluglinien ein Leichtes. "Wenn nun Lufthansa oder andere Sonderangebote für unter 300 Euro anbieten, gilt das vielleicht für 20 Plätze in ihren Großraumfliegern, aber verbunden mit einem Markennamen. Für kleine Anbieter wie Primera sind 20 Plätze eine Menge."

Zudem müssten solche Ausweitungen im Angebot sehr langfristig geplant werden. "Üblicherweise tun sich europäische Airlines schwerer, neue Transatlantik-Verbindungen anzubieten als US-Anbieter." Das betreffe insbesondere Großräume wie etwa New York, sagt Schellenberg. "Ich muss ja nicht nur hier Tickets verkaufen, sondern auch in Amerika für Aufmerksamkeit sorgen, um die Rückflüge voll zu bekommen." In den USA buchen viele Kunden lieber mit bekannten Marken. Mit diesem Problem hatte auch schon Air Berlin zu kämpfen.

Flugzeuge und Personal sind knapp

Nach den Charter-Gesellschaften Small Planet aus Berlin und Azur Air aus Russland verliert die FBB mit Primera Air den dritten Partner innerhalb von zwei Wochen wegen Insolvenz - diesmal, bevor das Unternehmen überhaupt in Berlin den Flugbetrieb aufgenommen hat.

Derzeit kämpfen viele Airlines mit einer Knappheit an modernen und damit günstig zu unterhaltenden Flugzeugen. Personal ist ebenfalls schwer zu bekommen. Wachstumsstarke asiatische und arabische Airlines werben verstärkt um europäische Piloten. Gewerkschaften wie Verdi kritisieren zudem die Konditionen, zu denen viele Airlines Kabinenpersonal und Techniker suchen - und immer seltener finden.

Fragen zur Insolvenz von rbb|24 ließ Primera Air unbeantwortet.

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Das ist ja lustig - ich hatte damals die gleiche PM der FBB bekommen, da war von EWR die Rede
    http://berlin-spotter.de/neue-langstrecken-mit-primera/

    Auch hier ist am 30.8.2017 von Newark die Rede:
    https://www.aerotelegraph.com/primera-startet-nordamerika-fluege-ab-tegel

    JFK ist ja auch kein Lowcost-Airport und EWR eigentlich immer das Billigflieger-Ziel im Raum New York.
    Nun gut - aber unterm Strich gibt es ohne Primera nur Boston nicht als Ziel. HAtte ich ja schon geschrieben. Dafür kommt neu Philadelphia mit American im Sommer 2019 hinzu.

  2. 3.

    Sehr geehrter Berlinspotter,
    es waren Flügen Nach New York (JFK), Boston (BOS) und Toronto (YYZ) angekündigt. Die Website der Airline scheint mittlerweile weitgehend offline zu sein. Aber im Presseportal der FBB finden Sie nach wie vor die originale Pressemitteilung.
    https://www.berlin-airport.de/de/presse/presseinformationen/mitteilungen-archiv/2018/2018-08-30-primera-air-langstrecken/index.php
    MfG, die Redaktion von rbb|24

  3. 2.

    Meinen Informationen nach wollte Primera nach Newark (New Jersey) fliegen, nicht New York und schonmal gar nicht JFK. In den Pressemeldungen war damals immer von New York EWR die Rede (also Newark).
    Für Berlin entfällt damit eigentlich nur das geplante Ziel Boston. Nach New York EWR fliegt bereits United Airlines, nach JFK die Delta Air Lines und nach Toronto die Air Canada Rouge (jedoch nur im Sommerhalbjahr).
    Und ob ein Langstreckenflug in einer Boeing 737 nun so das Wahre ist, wage ich zu bezweifeln. Eher eine Sardinenbüchse.

  4. 1.

    Gut so, nicht noch mehr unsinnige Billigflieger

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