Berlin-Siemensstadt mit Siemens Niederlassungsleitung, Dynamo- und Schaltwerk (Quelle: imago/Jürgen Heinrich)
Audio: Inforadio | 31.10.2018 | Martin Adam | Bild: imago/Jürgen Heinrich

Reaktionen auf Innovationscampus in Berlin - Das sagen Anwohner und Mitarbeiter zu "Siemensstadt 2.0"

Auf einer Fläche von knapp einem Quadratkilometer will Siemens in Berlin-Spandau ein eigenes Wohn- und Arbeitsviertel schaffen. Das kommt bei Anwohnern in Siemensstadt nicht so gut an. Begrüßt wird die Entscheidung dagegen von Wissenschaft und Wirtschaft.

Siemens baut sich ein kleines Berliner Stadtviertel: Auf dem historischen Firmengelände in Spandau soll die "Siemensstadt 2.0" entstehen – mit Innovationscampus, Wohnungen, Geschäften und einer Schule.

Das Unternehmen werde in den kommenden Jahren "bis zu 600 Millionen Euro in eine neue Arbeits- und Lebenswelt" investieren, kündigte Konzernchef Joe Kaeser am Mittwoch in Berlin an. Es ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte von Siemens in Berlin. Damit würde der Weltkonzern zurück an seinen Geburtsort kommen. Wie reagieren Siemensstädter, Mitarbeiter, Wissenschaft und Wirtschaft auf die Großbaupläne von Siemens in Berlin?

Siemens-Mitarbeiter freuen sich über Investitionen

Vom 600-Millionen-Plan ihrer Chefetage haben die meisten Siemensianer schon gehört. Obwohl der Konzern nach wie vor Stellen in Berlin abbauen will, freuen sie sich über den angekündigten Zukunftscampus. "Selbstverständlich ist es gut, dass jetzt investiert wird – nachdem über längere Zeit in den meisten Werken abgebaut wurde", sagt ein Siemens-Mitarbeiter dem rbb. "Das ist eine Chance für den Standort", sagt ein anderer. "Wenn es Arbeitsplätze generiert, wunderbar", findet eine Mitarbeiterin. In den Straßen rund um das Siemens Dynamowerk in der Nonnendammallee sorgt der Campus-Plan aber auch für Verunsicherung.

Siemensstädter sind teils skeptisch

Viele Anwohner befürchten, die Investitionen in den Campus "Siemensstadt 2.0" könnten den Stadtteil aufwerten und damit auch teurer machen. "Die Mieten werden steigen", sorgt sich eine Anwohnerin. Eine andere kritisiert die teilweise jetzt schon hohen Mieten: "Da wo ich hinten am Siemensstadt-Schwimmbad wohne, kostet eine Zweizimmerwohnung schon über 1.000 Euro – ist das normal? Nee."

Doch auch hier wägen viele Siemensstädter ab und sagen: Wir können ja nicht stehen bleiben, neue Investitionen sind erst einmal gut. "Es ist ein Lichtblick für den Standort. Es war ja alles mal Siemens. Wenn hier mehr investiert wird, wird wahrscheinlich auch mehr Leben in den Bezirk kommen und es ist nicht einfach nur die Straße nach Spandau", so ein Anwohner. Eine Nachbarin hält die Pläne generell für eine gute Idee: "Die Mieten steigen ja überall."

TU Berlin lobt "wegweisende Entscheidung"

Siemensstadt 2.0 soll bis zum Jahr 2030 auf einer Fläche von 700.000 Quadratmetern entstehen und Arbeiten, Forschen, Wohnen und Lernen auf dem Areal vereinen. Angesiedelt werden sollen Forschungseinrichtungen, Fach- und Gründungszentren sowie Start-up-Firmen. Teil des Industrie- und Wissenschaftszentrums Berlin (IWCB) sind die Fraunhofer-Gesellschaft, die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung und auch die Technische Universität (TU) Berlin.

Die TU Berlin nannte die geplante Investition eine "wegweisende Entscheidung für Wissenschaft und Wirtschaft in Berlin". Diese bedeute für die ganze Metropolregion eine "echte Zukunftschance", erklärte TU-Präsident Christian Thomsen am Mittwoch. Im Industrie- und Wissenschaftscampus sollen über 70 Millionen Euro in gemeinsame Forschung investiert werden. Damit biete Berlin ein einzigartiges Entwicklungsfeld, "dass tausende Studierende, Forschende und Gründungsinteressierte aus der ganzen Welt anzieht und sicher dazu beiträgt, dass Berlin sich im harten internationalen Wettbewerb für solche Investitionen durchsetzen kann", so Thomsen.

Geforscht wird zu 3D-Druck und künstlicher Intelligenz

Laut Thomsen sollen gemeinsam Lösungen für aktuelle Themen "wie neuartige Materialien und Beschichtungen sowie additive Fertigungsverfahren wie 3D-Druck oder der digitale Zwilling" entwickelt werden. Drei neue TU-Professuren sollen diese Zukunftsthemen auch langfristig in Forschung und Lehre vorantreiben.

Als Forschungsschwerpunkte auf dem künftigen Campus nannte Siemens außerdem dezentrale Energiesysteme, Elektromobilität, Industrie 4.0, das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz und Datenanalyse. Zur möglichen Zahl neuer Arbeitsstellen äußerte sich Kaeser nicht konkret.

Gewerkschaften und Wirtschaft begrüßen Stärkung des Industriestandorts Berlin

Die Gewerkschaft IG Metall begrüßte die Siemens-Pläne. "Wir freuen uns über diese Entscheidung", sagte Klaus Abel, Erster Bevollmächtigter der Gewerkschaft in Berlin. Auch die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg zeigten sich erfreut. "Das ist eine sehr gute Nachricht für den Industriestandort Berlin", erklärte Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck.

Siemens hat seine Zentrale seit 1949 in München, Gründungsort ist Berlin. Im Bezirk Spandau entstand ab 1900 der nach dem Unternehmen benannte Stadtteil Siemensstadt mit Fabriken und Werkssiedlungen. Das Gründungskonzept der Siemensstadt im Jahr 1897 habe bereits darin bestanden, Arbeiten, Forschung und Wohnen zu vereinen, sagte Siemens-Chef Kaeser am Mittwoch. Der neue Campus "Siemensstadt 2.0" entsteht auf dem Gelände, auf dem sich das alte Dynamowerk und das Schaltwerk befinden. In Berlin beschäftigt Siemens zurzeit 11.400 Mitarbeiter.

Sendung: Inforadio, 31.20.2018, 18.00 Uhr

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20 Kommentare

  1. 20.

    Welche technologischen Fortschritt meinen Sie? Also ich sehe nur ausländische Hardware, Produkte und Software am Start. Außer SAP, aber die kommen ja nicht aus Berlin.

  2. 19.

    Was wird aus den mehr als 3000 Mitarbeiter und den Produktionsstätten. Bilder Zeigen das der Bereich vom Schaltwerk komplett zugebaut wird zwischen Straße am Schaltwerk und Nonnendammallee. Wieviele Campus Bezirke brauchen wir noch, Adlershof, Siemensstadt, Tegel wenn er denn mal schliesst. Die Arbeitsplätze die dort entstehen sollen werden definitiv Überwiegend an andere unternehmen vermietet. Aber Siemens wird dort keine 3000 Mitarbeiter mehr haben. Der Staat mach immer mehr die Stadt Berlin zum Dorf Bonn.

  3. 18.

    Als Siemensianer freue ich mich sehr über die Investition. Es ist eine Chance die Berlin bekommen und besser umsetzen sollte als den BER. ABER hat einer der vielen Lobsinger oder Reporter mal das Gelände genauer angesehen? Ich glaube nicht. Weil dann würde man sehen: Upps das Gelände ist bebaut, da arbeiten ja Menschen. Ja einige tausend und die sind jetzt unsicher, weil ihre Arbeitsplätze bzw. Hallen sind nicht mehr zu sehen. Sie völlig überrascht worden und haben jetzt viele Fragen.
    So gut wie alles ist, die Kommunikation ist eine Katastrophe. Ich hoffe sie bekommen schnell Antworten und dann ran an Siemensstadt 2.0

  4. 17.

    Warum denn nicht positiv an das Thema “Siemensstadt 2.0” heran gehen?
    So eine Maßnahme gibt auch der Firma Siemens AG das Recht hier zu zeigen, dass so wichtige Aspekte, wie Nachhaltigkeit, Sozialverträglichkeit, innovatives Gedankengut, Verantwortung füreinander, Chancen für Minderheiten einbauen, etc.- auch dem Elitären Normalismus Platz geben, wie auch dem Experiment mit großer Überzeugung hier für der gesunden und vernünftigen Mischung Platz einräumen!
    Ganzheitlich und Gemeinsam der Welt und den Kritikern zeigen, dass es geht, sich gemeinsam an die Aufgaben und Lösungen auf den Weg zu machen!
    Ja, es gehört auch Mut und Enthusiasmus dazu, großes zu erreichen auch wenn das manchmal falsch interpretiert wird.
    Ich bin ein Freidenker der den Entscheidungsträgern das erforderliche Maß an Großzügigkeit und Wagemut zu traut aber auch erwartet.
    Dann kann’s ja losgehen!

  5. 16.

    Da sind Politiker wie ihre meisten Wähler, sie vergessen sehr schnell.

    Wie ich bereits schon sagte, mal sehen ob sich Müller wieder über's Ohr hat hauen lassen.

  6. 15.

    "Industriestandorts Berlin" ha ha ha
    "wie neuartige Materialien und Beschichtungen sowie additive Fertigungsverfahren wie 3D-Druck oder der digitale Zwilling" gibt's doch alles schon

  7. 14.

    Bei diesem Unternehmen gab es doch vor ein paar Monaten noch Stellenabbau in Berlin. Und Siemens verhindert aktuell gerade die Bestellung von U-Bahnen bei der BVG. Tolles Unternehmen!

  8. 13.

    Fragt sich nur für wen das "sensationell gute Nachricht(en)" sind. Für so Immobilienspekulaten wie sie bestimmt.

    "Manchmal glaube ich, dass bestimmte Kreise in Berlin erst dann zufrieden sind, wenn der letzte hochwertige Arbeitsplatz vernichtet ist und jeder in Berlin SGBII-Leistungen bezieht."

    Aha, DAS schreibt der, der Hartz IV Empfänger schon mal in Ghettos stecken wollte und vorschreiben wollte wer Kinder bekommen darf?

    Es wird sich zeigen ob Siemens sozialverträglich baut oder Gentrifizierung betreibt. Wenn ich mir die Firmenpolitik des Hr. Kaeser so angucke dann haben die Siemensstädter das schlimmste zu befürchten. Außerdem möchte ich erinnern wie massiv Siemens hochwertige Arbeitsplätze vernichtet hat. mal sehen ob sich auch diesmal Hr. Müller übers Ohr hat hauen lassen.

  9. 12.

    Da ist leider was Wahres dran. Bislang haben wir Spandauer die Erfahrung gemacht Siemens nicht trauen zu dürfen und auch sonst haben wir mit den sog. Investoren nicht die besten Erfahrungen gemacht. Ob "Spandauer Tor" (DIBAG)oder Herlitz.
    Aber es passt zu Siemens, dem Immobiliengroßhändler mit angeschlossener (aber immer kleiner werdender)Werkbank Wohnungen bauen zu wollen. Mal sehen ob sich auch diesmal Hr. Müller übers Ohr hat hauen lassen.

    Für die Siemensianer kommt jede Hilfe zu spät und die Siemensstädter dürften bange in die Zukunft blicken.

  10. 11.

    Wir brauchen nicht noch mehr Campusse mit nicht arbeitenden Dauerstudenten. Fehlinvestition.

  11. 10.

    Ich hoffe, die Menschen können sich noch an München erinnern. Dort ist ein nobles Wohnviertel ISAR SÜD entstanden. Die Hofmannstraße in München war einstSiemens-Arbeitsplatz pur. Die Siemensianer haben um ihre Arbeit gekämpft. Die Arbeitplätze waren verloren. Siemens Immobilienspekulation.

    München: erst 50.000, dann 40.000 dann nur noch 7.000 Siemens-Arbeitsplätze, dann habe ich mir das nicht mehr angeschaut.

    Berlin: 27.000, 25.000 heute vielleicht noch 11.000 Siemensarbeitsplätze. WEr hat die genaue Zahl?

  12. 9.

    Alles eine gute Idee und auch die vielen neuen Wohnungen. Bitte nur nicht vergessen, die Infrastruktur zeitgleich bereitzustellen. Dort genau so wie in der Wasserstadt. Reaktivierung und Verlängerung der Siemensbahn zum Ring.

  13. 8.

    Hallo Sebastian,

    Sie sind leider nicht richtig informiert. Im Moment gehen die letzten hochwertigen Arbeitsplätze in Deutschland verloren, auch und gerade in Siemensstadt. Das ist zum Haare raufen. Haben Sie sich darüber nicht informiert?
    Die Arbeitsplätze, von denen Sie sprechen, sind momentan nur imaginär.

  14. 7.

    Ich hoffe, die Menschen können sich noch an München erinnern. Dort ist ein nobles Wohnviertel ISAR SÜD entstanden. Die Hofmannstraße in München war einstSiemens-Arbeitsplatz pur. Die Siemensianer haben um ihre Arbeit gekämpft. Die Arbeitplätze waren verloren. Siemens Immobilienspekulation.

    München: erst 50.000, dann 40.000 dann nur noch 7.000 Siemens-Arbeitsplätze, dann habe ich mir das nicht mehr angeschaut.

    Berlin: 27.000, 25.000 heute vielleicht noch 11.000 Siemensarbeitsplätze. WEr hat die genaue Zahl?

  15. 6.

    Der Campus wird wohl ein hoch und dicht gebautes Etwas, von dem Herr Kaeser noch nicht einmal sagen kann oder will, wieviel Arbeitsplätze Siemens dort schaffen wird, auf dem Friedhof der jetzigen Arbeitsplätze der Siemensianer.

    Warum müssen die Menschen dort ihren Arbeitsplatz und damit Lebensunterhalt verlieren? Ein Campus auf diesem Gelände sollte den Menschen, die jetzt dort arbeiten, den Arbeitsplatz und damit den Lebensunterhalt sichern.

    Das Gelände ist für Berlin sehr wertvolles Industriegelände mit Produktion. Man sollte hier hauptsächlich diese Arbeitsplätze schaffen. Wir werden sie eine Tages benötigen.

  16. 5.

    Sie wollten die Meinung der Betroffenen hören: Campus auf dem Friedhof der Arbeitsplätze der Siemensianer
    Ich sage es auch hier noch einmal: Im Ausland schafft Siemens momentan tausende Arbeitsplätze. Hier vor Ort,die Plätze, die andere anmieten sollen, um dem Konzern Einnahmen (Miete und Vekauf) zu verschaffen. Arbeitsplätze sollen dann die Anmietenden schaffen. Im Ausland verkündet Herr Kaeser, wieviel Arbeitsplätze er schafft. Hier findet er keine Antwort auf die Frage, die ihm zum Campus Berliner gerade gestellt wurde.

    Haben Sie schon ein Modell gesehen, was dort gebaut werden soll? Wie dicht, wie hoch, wieviel und wo? Dass wird Ärger geben.

    Und klar, die TU Professoren freuen sich, aber wir müssen es bezahlen, wenn da die Herren mehr Spielwiese haben. Einkünfte bringt da erst einmal gar nichts, während hier in Siemensstadt wertvolle Einnahmen für die Menschen auch viele Arbeiter, die dort ihren Arbeitsplatz verlieren und auch für Berlin verloren gehen.

  17. 4.

    Es ist doch wirklich zum Haareraufen. Da gibt es eine sensationell gute Nachricht aus Siemensstadt, und sofort kommen Leute und haben Angst vor Verdrängung. Das Mietrecht ist sehr zu Gunsten der Mieter gestaltet, Erhöhungen sind nur sehr moderat möglich, so dass kein alteingesessener Mieter etwas zu befürchten hat.

    Manchmal glaube ich, dass bestimmte Kreise in Berlin erst dann zufrieden sind, wenn der letzte hochwertige Arbeitsplatz vernichtet ist und jeder in Berlin SGBII-Leistungen bezieht.

  18. 3.

    Die Zusage des Senates zur Forderung nach "40 Minuten zum BER" begrüße ich.

    Denn, dann muss die "alte Siemensbahn" wieder in Betrieb gehen.
    Wenn diese Linie wieder in Betrieb geht, kann man sie gleich nördlich verlängern, über das Gelände des bisherigen TXL führen und einen Anschluss von Tegel herstellen.
    Dann wären viele neue und alte "Wohngebiete" ohne PKW angeschlossen.
    Kann der Senat diese Chance mal nutzen ?
    Ich hoffe es.

  19. 2.

    Klar, die Wissenschaftler riechen Geld: Drittmittel. Die Anwohner indes sollten sich nichts vormachen: die meisten von ihnen werden wegziehen müssen.

  20. 1.

    Die Siemensstadt 2.0 wird ganz bestimmt keine Sozialsiedlung wie die Fuggerei in Augsburg sein! In Silicon Valley, New York, Paris, London, Hong Kong, Singapur usw. kann schon seit geraumer Zeit kaum jemand die Mieten mehr bezahlen! Berlin wird sich dem internationalen Preis-Niveau angleichen! Auch jeder technologische Fortschritt hat seinen Preis!

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