Der Schriftzug "Siemens" ist vor bunten Farben auf einem Smartphone zu sehen (Bild: dpa/Alexander Pohl)
Bild: imago/Alexander Pohl

Kommentar | Neuer Siemens-Campus in Berlin - Hier hat ein echtes Wunder stattgefunden

Dass Siemens seinen Innovationscampus in Berlin baut, ist ein großer Erfolg für die Stadt - und den rot-rot-grünen Senat. Regierung und Verwaltung haben wie eine gut geölte Maschine zusammengearbeitet. Warum klappt das nicht öfter? Von Sebastian Schöbel

Die Entscheidung von Siemens, seinen Innovationscampus für 600 Millionen Euro in Berlin zu bauen, ist ein großer Erfolg für die Stadt. Und damit auch für den rot-rot-grünen Senat: Das anzuerkennen sollte genauso möglich sein wie die Frage, warum es eigentlich nicht immer so laufen kann.

Wenn nun die Opposition trotzdem ein Haar in der Suppe sucht und findet, gehört das zum politischen Theater dazu. Zu langsam reagiert, zu hemdsärmelig verhandelt, zu viel Sorge um die denkmalgeschützten Gebäude in der Siemensstadt: Glaubt man den Äußerungen von CDU, FDP und AfD, hat der Senat die Sache fast in den Sand gesetzt; in Singapur, Shanghai oder Los Angeles hätten schon die Bagger mit dem Siemens-Logo bereitgestanden.

Ein Junge aus dem Wedding macht als Führungskraft einen Mega-Deal für Berlin

Dass die Pläne überhaupt erst Ende Juli öffentlich wurden, wird dabei gerne verschwiegen. Tatsächlich hat hier wohl ein echtes Wunder stattgefunden: Sämtliche relevanten Bereiche der Berliner Regierung und Verwaltung haben offenbar wie eine gut geölte Maschine zusammengearbeitet und Siemens vom Standort Berlin überzeugt. Siemens-Manager Cedrik Neike jedenfalls zeigte sich bei der Unterschrift unter dem Kooperationsvertrag ehrlich beeindruckt: Die Sache sei deutlich früher spruchreif gewesen, als es der Konzern gedachte hatte.

An Cedric Neike lässt sich dann auch die emotionale Seite dieses Mega-Deals erklären: Ein Junge aus dem Wedding, ausgebildet als Azubi bei Siemens in der Siemensstadt, holt als Führungskraft eines der größten Investitionsprojekte seines Arbeitgebers in die gemeinsame Heimat. Die Filmrechte sollte sich jemand sichern. Dann aber auch darauf achten, den stillen Abteilungsleiter Jochen Lang aus der Senatskanzlei prominent zu besetzen: Michael Müller wusste offenbar, warum er den hochaufgeschossenen, hageren Mann bei Bausenatorin Katrin Lompscher abgeworben hat. Beim Fußball würde man sagen: Erfolg beginnt mit der Kaderplanung.

Berlin macht offenbar jeden besser - auch Google

Wie ernst es Siemens mit seiner Drohung meinte, den Campus auch einfach international auszuschreiben, falls Berlin nicht spurt, werden wir vielleicht nie wissen: Die Stadt hat – trotz ihres Image als chaotischer Moloch – eine Fülle an Argumenten für sich zu bieten.

Manche Kritiker machen jetzt aber auch eine ganz andere Rechnung auf:

(Siemens Innovationscampus) – (Google Campus in Kreuzberg) = Null.

Nach dieser Logik ist der Erfolg mit Siemens nur der geglückte Versuch, nach dem vermeintlichen Desaster um den durch Proteste verhinderten Google Campus größeren wirtschaftlichen Schaden von Berlin abzuwenden.

Wer so denkt, verkennt, dass Siemens eigentlich nur bestätigt, dass Berlin weiter attraktiv für Investoren bleibt – selbst wenn sich der ein oder andere Konzern eine blutige Nase holt, weil die Berliner Zivilgesellschaft eben kritischer ist und schneller reagiert, als z.B. in manchen asiatischen oder amerikanischen Großstädten. Und dass Google sein Geld stattdessen in soziale Projekte pumpt, weil es die Leute im Kreuzberger Kiez besser finden, ist doch auch eine Bestätigung: Manche Konzerne sind vielleicht einfach nur lernfähig. Berlin macht jeden besser.

Selbst die Berliner Verwaltung ist durchaus zu Höchstleistungen in der Lage

Die Frage, die man nach dem Siemens-Erfolg eigentlich stellen sollte, lautet: Warum klappt sowas nicht öfter? Es ist schon bemerkenswert, wenn Wirtschaftssenatorin Ramona Pop mit der für sie typischen Direktheit sagt, die Berliner Verwaltung sei durchaus zu Höchstleistungen in der Lage, "wenn sie möchte und von einem Projekt begeistert ist".

Bestimmt fällt jedem Berliner und jeder Berlinerin mindestens ein Projekt ein, das Politik und Verwaltung dieser Stadt mindestens genauso begeistern kann wie der Siemens-Campus.

Sendung: Inforadio, 31.10.2018, 15:40 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

6 Kommentare

  1. 6.

    Nicht nur Wähler vergessen offenbar schnell...

    Bislang hat Siemens alle Senate und Bezirkspolitiker über den Tisch gezogen. Für die Siemensianer ist es zu spät, mal sehen was die Zukunft den Siemensstädter bringt und ob die vollmundigen Versprechen eingelöst werden.

  2. 5.

    Der Unterschied ist derjenige, dass bei den angeführten Berufen die Trennung aus der Sache selbst resultiert, hier aber, bei den behördlichen Zuständigkeiten, allein aus der "Denke" in Form gemachter Gesetze und der Ausbildung der Verwaltungshochschulen.

    Die Analogie wäre eher diejenige, dass Sie beim Aufsetzen einer Photovoltaikanlage zeitgleich auch den Dachdecker hinzurufen müssten, der die Tragfähigkeiten des Daches kontrolliert, den Architekten, mit dem Sie beim Hausbau in Verbindung standen und den Steuerbeamten, der den Wert Ihres Hauses zeitnah und unverzüglich neu einschätzt.

  3. 4.

    Der Autor jubelt vorschnell unkritisch.
    Erstens: Zunächst einmal schafft Siemens hier hunderte! Arbeitsplätze ab! Es ist beschämend, dass der Autor das überhaupt nicht erwähnt. Es geht nicht nur um die hunderte Menschen im Berliner Siemens Dynamowerk, die jetzt gerade mit der die typischen höflichen Bitte von Siemens konfrontiert sind, ihren Arbeitsplatz aufzugeben. Fragt sich der Autor eigentlich auch, was mit den Menschen aus dem Siemens Schaltwerk geschehen wird? Auf deren Gelände wird sich mehr verändern, als hier so manchem bewusst ist. Zu Recht machen sich die Menschen dort Sorgen um ihren Arbeitsplatz.

    Dann hören wir nichts davon, ob und falls ja, wieviel wertvolle SIEMENS-Arbeitsplätze entstehen? Siemens-Arbeitsplätze entstehen momentan zu hunderten / tausenden im Ausland, wo entstehen sie hier über das Maß hinaus, dass im Moment in Deutschland und Berlin zertstört wird?

    Siemens plant, was dem Konzern Miet-Einkünfte einbringt.

  4. 3.

    "Dass die Kompetenz an der Schreibtischkante aufhört und an der nächsten Schreibtischkante ein neuer und anderer Antrag" ich verstehe ja das Grundempfinden, aber man geht auch nicht zum Heizungsinstallateur wenn man eine Photovoltaikanlage auf seinem Dach haben will. Jeder hat seine Kompetenzen und seine Nicht-kompetenzen.

  5. 2.

    Top! Genau dieses konstruktive Beharren erwarten wir auch bei der Nachnutzung TXL. Dann sind zwei unweit entfernten Standorte in Berlin mit Innovation, Bildung und Wohnen INNERHALB der Stadt und damit für machen erreichbar verfügbar gemacht. Steht dann die Dresdner Bahn, kann man auch schnell am BER sein, der ausserhalb der Stadt liegt. Durch #tegelschliessen und #SiemensCampus werden Potenziale auch für Studierende der Stadt freigesetzt, die uns allen einen großen Schub verleihen werden. Gut gemacht!!

  6. 1.

    Im Grunde genommen wäre dasjenige, was jetzt da im sehr Großen abgelaufen ist, Vorbild für das massenhaft zu tätigende "Kleine": - Wieviel Behörden muss ein Mensch kontaktieren, um sein Anliegen voranzubringen, soweit es nicht haargenau in die Kompetenz nur einer einzigen Behörde passt? Dass die Kompetenz an der Schreibtischkante aufhört und an der nächsten Schreibtischkante ein neuer und anderer Antrag zu stellen sei, kennt jeder aus eigener Anschauung. Es geht nicht darum, die Kompetenz zu vergessen, sondern sie übergreifend im Zusammenspiel zu nutzen. Zum Wohl von Bürgern und manchmal sicher auch für Firmen, so wie hier.

    Sind Behörden vermögend genug, um aus dem Außerordentlichen, was hier genannt ist, etwas vom Ablauf her Ordentliches zu machen?



Das könnte Sie auch interessieren

Prinz William und Kate zusammen mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller in Berlin im Jahr 2017 (Quelle: imago/ Madeleine Ratz)
imago stock&people

Touristen in Berlin und Brandenburg - Ein Brite kommt selten allein

Die Zahl der Touristen, die jedes Jahr nach Berlin und Brandenburg reisen, steigt seit Jahren. Doch wer kommt da eigentlich? Briten sind bei einem Trip in die Hauptstadt ganz vorne mit dabei, Chinesen vor allem im Herbst - alle Touri-Fakten im Überblick. Von Mara Nolte