Fotos von der Baustelle der EUGAL-Leitung in Brandenburg /Foto: rbb/Inforadio/Th.Rautenberg
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Audio: Inforadio | 02.11.2018 | Thomas Rautenberg | Bild: rbb/Inforadio/Th.Rautenberg

Reportage | Eugal in Brandenburg - Rohr für Rohr entsteht die Erdgas-Pipeline

Millimeterarbeit unter freiem Himmel: Ab Ende 2019 soll die Eugal-Pipeline russisches Erdgas von der Ostsee nach Tschechien und damit quer durch Brandenburg transportieren. Thomas Rautenberg hat sich angesehen, wie die Leitung gebaut wird.  

Zu den Pipeline-Bauern geht es nur im Geländewagen – kilometerweit über offenes Feld, häufig durch knöcheltiefen Sand. Der Projektleiter Steffen Kranz von der Firma Gascade, die die Leitung baut und betreiben wird, sitzt am Steuer. Mehrfach am Tag nimmt er den Weg über den Acker. Es geht zu einem Rohrlagerplatz in der Nähe von Kienbaum (Oder-Spree): " Rohrlagerplätze sind unterwegs an strategischen Punkten angelegt, um die Rohre zwischenzulagern", erklärt Kranz. 

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Bauleiter Steffen Kranz zeigt den Trassenverlauf | Bild: rbb/Inforadio/Th.Rautenberg

Verantwortlich für 60 Kilometer Trasse

47.000 Stahlrohre haben die Transporter in den vergangenen Wochen und Monaten an die künftige Trasse gebracht. Sie verläuft von Lubmin bei Greifswald ganz im Norden über Kienbaum und Baruth (Teltow-Fläming) in Brandenburg bis nach Deutschneudorf, einem Ort in Sachsen an der deutsch-tschechischen Grenze. Insgesamt 480 Kilometer Rohrleitung, zwei Drittel davon in Brandenburg.

Der Bauleiter Steffen Kranz ist verantwortlich für rund 60 Kilometer Trasse: Der Landkreis Märkisch-Oderland ist sein Revier: "Die Lagerplätze sind für uns Dreh- und Angelpunkte. Wo wir jetzt hinfahren, dort werden die Rohre stationär gebogen. Das macht man, um den Rohrverlauf dem Geländeverlauf besser anzupassen. Damit erspart man sich in der Konsequenz eine Menge Tiefbauarbeiten."

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Auf der Baustelle: Kräne legen die Rohre bereit | Bild: rbb/Inforadio/Th.Rautenberg

Die Verarbeitung der Rohre ist Schwerstarbeit

Hinter einer Bergkuppe wandelt sich das Bild. Vorbei ist es mit der Ruhe: Bagger und Planierraupen fahren hin und her, Kräne wuchten die riesigen Stahlröhren von einem Stapel und legen sie neben einer Biegemaschine ab. Die Dimension der Rohre ist beeindruckend. Die Wände bestehen aus knapp zwei Zentimeter dickem Stahl: "Die sind so 1,40 Meter im Durchmesser, das Standardrohr ist etwa 18 Meter lang und wiegt 15 Tonnen", sagt Kranz.

Die Verarbeitung der Rohre ist Schwerstarbeit, selbst für die Technik. An der Biegemaschine hat David Busse das Sagen. Der 35-Jährige ist Biegemeister und hat schon in ganz Europa auf Pipeline-Baustellen gearbeitet. Für die kommenden zwei Jahre ist er in Kienbaum am Werk. Busse gibt ein Zeichen – das nächste Rohr wird von einem Kran Zentimeter für Zentimeter seitlich in die Biegemaschine geschoben.

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Mit diesem Rohr geht es um die Kurve | Bild: rbb/Inforadio/Th.Rautenberg

Mehr als 100 Pipeline-Bauer arbeiten in Kienbaum

Die Hydraulikzylinder bewegen sich, an der einen Seite wird das Rohr nach oben gebogen. Aus 18 Meter Stahlrohr wird peu à peu eine stählerne Banane. Alles sieht so leicht aus, dabei ist es Filigranarbeit, bei der rein gar nichts dem Zufall überlassen wird.

Die Pipeline muss dem Geländerelief so genau wie möglich folgen. Das macht es später für die Grabenbauer leicht, die Rohre in einer exakt einheitlichen Tiefe zu verlegen. Der Vermesser hat jeden Bogen nach unten, nach oben oder zur Seite vorgegeben, erklärt Busse.

130 Leute aus mehr als zehn Nationen arbeiten derzeit auf der Baustelle bei Kienbaum. In einigen Wochen werden die Gräben ausgebaggert, in denen die zusammengeschweißten Rohre verschwinden. Dann werden es doppelt so viele Pipeline-Bauer sein. Auch wenn es etwas chaotisch aussieht, es laufe ganz gut, sagt Bauleiter Steffen Kranz: "Wir liegen im Zeitplan. Die Witterung ist so, dass wir es gut aushalten. Insofern ist alles gut."

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Die Rohre werden zu einer Leitung verbaut | Bild: rbb/Inforadio/Th.Rautenberg

"Die Hälfte der Haushalte heizt mit Gas"

Eugal – der Begriff steht für "Europäische Gasanbindungsleitung". Drei Milliarden Euro investiert die Firma Gascade in die neue Trasse. Sie kassiert dann von den Versorgungsunternehmen, die ihr Gas durch die Rohrleitung pumpen.

Am Ende stehen die Durchleitungsgebühren auf der Rechnung aller Verbraucher. Eine notwendige Investition, sagt der Gascade-Sprecher George Wüstner. Die innereuropäische Förderung sei rückläufig, Gas müsse über weite Strecken, herangeholt werden, beispielsweise aus Russland. "Etwas die Hälfte aller Haushalte heizt immer noch mit Gas", sagt Wüstner.

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George Wüstner von Gascade vor der Biegemaschine | Bild: rbb/Inforadio/Th.Rautenberg

Wird die Pipeline am Ende zum Rohrkrepierer?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kam dagegen in einer aktuellen Studie zu dem Ergebnis, dass sich der deutsche Gasverbrauch bis zum Jahr 2050 um 73 Prozent reduzieren könnte. Neue Versorgungsleitungen, wie die geplante Nordstream 2 durch die Ostsee oder auch die Eugal könnten damit wirtschaftlich buchstäblich zum Rohrkrepierer werden.

Diese Gefahr sieht der Gascade-Sprecher Wüstner für Eugal nicht - sagt er: "Die Eugal ist so gebaut, dass sie überall im europäischen Gasnetz angedockt wird. So kann das Gas in die eine wie in die andere Richtung fließen. Die Leitung ist im Grunde wie eine Drehscheibe."

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Ein letztes Ausrichten vor dem Schweißen | Bild: rbb/Inforadio/Th.Rautenberg

Eugal kann theoretisch also in alle Richtungen Gas liefern. Praktisch wird sie aber gebaut, damit noch mehr russisches Gas auf direktem Wege von der Ostsee bis nach Tschechien kommt. Und das ist ein Problem. Polen und die Ukraine rebellieren. Sie fürchten, dass die alte Trasse, die über ihre Territorien verläuft, von Russland abgeschaltet werden könnte. Dann drohen für sie Milliardenverluste bei den Transitgebühren.

Die Vereinigten Staaten wiederum drängen mit Flüssiggas auf den europäischen Markt. Da ist ihnen die russisch-deutsche Nordstream 2 ein Dorn im Auge. Und Dänemark hat der Querung seiner Territorialgewässer vor Bornholm noch immer nicht zugestimmt. Ungeachtet dessen werden mit Nordstream 2 in der Ostsee und Eugal in Märkisch-Oderland bereits stählerne Tatsachen geschaffen.

Ein unangenehmes Pfeifen liegt über dem Areal

Wir fahren vom Rohrlagerplatz weiter zur eigentlichen Pipeline-Baustelle. Ein unangenehmes Pfeifen liegt über dem Areal. An dicken Ketten trägt ein Kran zwei große Metallringe, die auf die Enden zweier benachbarter Rohre gedrückt werden. "Da sind Spulen um die Rohrenden gelegt. Die sollen sich erhitzen und werden deshalb mit hochfrequentem Strom durchflossen. Deswegen kommt das Pfeifen zu Stande. Zum Schweißen brauchen wir eine Vorwärmtemperatur von 100 Grad, um die Qualität der Schweißnaht sicherstellen zu können", sagt der Bauleiter Kranz.

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In 20 Minuten läuft die Schweißflamme um das Rohr | Bild: rbb/Inforadio/Th.Rautenberg

In einem Jahr muss der erste Pipeline-Strang fertig sein

Der Vorarbeiter prüft die Rohrenden immer wieder mit einem Thermometer. Sobald 100 Grad erreicht sind, geht alles ganz schnell: Die Metallringe werden gelöst, der Kran schwenkt sie zur Seite. Letztes Ausrichten der Rohre. Die Enden passen exakt zueinander. Dann senkt ein zweiter Kran bereits das Zelt mit dem Schweißroboter ab. "Das muss alles schnell gehen, damit die Temperatur erhalten bleibt", erklärt Kranz.

Knapp 300 Meter Rohrleitung werden so an einem Tag verschweißt. Wenn die Baustelle richtig in Gang gekommen ist und noch mehr Spezialisten da sind, wird das Tagesziel bei etwa 700 Metern Pipeline liegen. Verlegt wird später alles in einem Rutsch, solange bleibt die Trasse wie eine Raupe in der Gegend liegen.

Ende 2019 muss der erste Strang der Eugal-Leitung fertig sein, ein Jahr später der zweite. Ein ambitionierter Zeitplan also für die Pipeline-Bauer, denn die Gaslieferverträge sind bereits geschlossen.

Bau der EUGAL-Leitung in Brandenburg
Diese Rohre sind schon gebogen und bereit für den Verbau | Bild: rbb/Inforadio/Th.Rautenberg

Dieser Beitrag ist leicht gekürzt und überarbeitet. Die Originalversion können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören. 

Beitrag von Thomas Rautenberg

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Jaja, Wirtschaftssanktionen gegen Russland erweitern, weil auf der Krim der Minsker Vertrag nach wie vor gebrochen wird, aber eine Pipeline mit und für Russland bauen. Wie doppelzüngig, unehrlich und menschenverachtend, Hauptsache Geld.

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