Wie groß ist der oft beschworene Fachkräftemangel wirklich? (Quelle: imago/dpa)
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Interview | DIW-Forscher zu Fachkräftemangel - "Wirtschaftsverbände wollen sich wichtigmachen"

Wie groß ist der oft beschworene Fachkräftemangel wirklich? DIW-Experte Karl Brenke sagt im Interview: Die Zahlen würden insgesamt größer gemacht, als sie tatsächlich seien. Aber an manchen Stellen fehle es in Berlin und Brandenburg wirklich an Fachkräften.

rbb|24: Herr Brenke, was ist überhaupt eine Fachkraft?

Karl Brenke: Eine Fachkraft ist jemand mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Dazu kommen in den meisten Berufen soziale und kommunikative Fähigkeiten. Nehmen Sie die Pflege: Da kann man nicht jeden einstellen. Die Altenpfleger müssen natürlich auch auf die Alten eingehen können, also ein gewisses soziales Verständnis mitbringen.

Leiden wir unter Fachkräftemangel?

Niemand behauptet ernsthaft, dass es einen flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland gibt. Das würde ich auch für Berlin und Brandenburg verneinen. Natürlich gibt es Engpässe, aber die unterscheiden sich nach Berufen und Regionen. Einen Fachkräftemangel haben wir zum Beispiel in der Pflege oder bei den Lehrern.

Aber die Wirtschaftsverbände sprechen doch von Millionen unbesetzten Stellen in ganz Deutschland...

Die Zahlen werden größer gemacht, als sie sind. Es gibt genügend Leute für die offenen Stellen. Diese Diskussion über den Fachkräftemangel hat das Problem, dass sie so tut, als wäre eine Mauer um Deutschland herum. Es gibt einen offenen europäischen Arbeitsmarkt – ich kann jederzeit Arbeitskräfte aus den Nachbarstaaten holen. Ich jedenfalls habe noch nie gesehen, dass die Ladenöffnungszeiten reduziert wurden, weil die Arbeitskräfte fehlen. In der Bauwirtschaft zum Beispiel hat man den drohenden Engpass gut aufgefangen, indem man Arbeitskräfte aus anderen EU-Ländern geholt hat. Hier hat man jetzt das Phänomen, dass trotz dieses Booms die Lohnstückkosten sinken.

Warum schlagen die Wirtschaftsverbände dann Alarm?

Die wollen sich wichtigmachen - und sie müssen natürlich ihre Existenzberechtigung nachweisen. Das machen sie durch solche Studien. Natürlich versucht man auch, die Politik dazu zu animieren, dass sie die Grenzen öffnet: Wenn das Arbeitskräfteangebot steigt, bleiben die Arbeitskräfte billig.

In welcher Branche würden Sie noch von einem Fehlalarm sprechen?

Die sogenannten Ingenieure zum Beispiel. Da sind genug da. Aber klar, je mehr desto besser. Deshalb wird über Fachkräftemangel geklagt, das treibt die jungen Leute in die Studiengänge. Man kann das ja gegenrechnen: Wie viele werden ausgebildet, wie viele gehen in Ruhestand? Dann legt man noch einen Mehrbedarf für die gute Konjunktur oben drauf und kommt zu dem Ergebnis: Wir haben genug.

Was muss getan werden, um den Fachkräftemangel in den Branchen zu beseitigen, in denen es wirklich einen gibt?

Das hängt vom Berufsfeld ab. Bei den Pflegern zum Beispiel wird man nicht umhin kommen, die Bedingungen zu verbessern: höhere Löhne zum Beispiel. Das wird jetzt ja zum Teil auch schon gemacht. Wenn man den Beruf aufwertet, wird man auch die Arbeitskräfte über kurz oder lang finden. Bis es soweit ist, kann es natürlich eine Verzögerung geben – die Leute müssen ja erstmal ausgebildet werden. Bei den Lehrern zum Beispiel hat man schlichtweg nicht ausgebildet. Das rächt sich jetzt.

Wo fehlen die Fachkräfte der Zukunft?

Die Gesellschaft altert. Die nachwachsenden Alterskohorten werden kleiner. Nicht nur das: Ein wachsender Anteil geht in die akademische Ausbildung. Wir werden ein Problem bekommen bei den Berufen, die im dualen Ausbildungssystem gefragt sind. Zum Beispiel Industrieschlosser, Mechatroniker und Elektriker. Bei diesen Berufen könnte es knapper werden. Aber gerade die regionale Politik kann da ansetzen: Man muss schon in der Schule anfangen, die Jugendlichen an die Berufe heranzuführen.

Wie ist die Perspektive für Berlin und Brandenburg?

In Berlin haben wir das große Problem des Lehrstellenmangels. Hier muss die Politik mehr Druck auf die Unternehmen ausüben. In Brandenburg ist noch immer das Lohnniveau das Problem: Das liegt immer noch 20 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Um gute Leute bezahlen zu können, müssen die Unternehmen Geld verdienen – und dafür müssen sie vor allem innovativer werden. Da kann die Politik relativ wenig machen.

Das Interview mit Karl Brenke führte Maximilian Horn.

Sendung: Inforadio, 26.11.2018, 08:20 Uhr

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    da melden sich die richtigen zu wort^^
    jahre wurde nicht ausgebildet,mieser lohn,chefs die zum kot...sind,arbeitszeiten jenseits von gut und böse!
    das geht nur im osten!wie wäre es mit angemssener bezahlung wen man schon fachkräfte sucht?jahre lang wurde zugeschaut wie die fachkräfte richtung altbundesländer abwandern und von der ihk cottbus kommt so ein blödsinn.
    tja, wer nicht lernen will.dumm,dümmer..ih

    ps:warum sollte ich mir im lauschigen cottbus arbeit suchen,wenn der einsatzort eh in den altbundesländern liegt?
    gibts da keine arbeitslosen mehr?ich könnt ihnen jetzt erklären warum das so ist,aber das wissen sie wohl am besten;)
    da geht keiner für das geld arbeiten...

  2. 2.

    Danke für das ehrliche Interview! Und man bedenke,der Mann ist vom DIW.

  3. 1.

    Wichtigmachen?

    Von einem herbeigeredeten Phänomen kann man nicht sprechen, wenn sich in der Region Südbrandenburg die Zahl der Schulabgänger binnen 6 Jahren auf etwa die Hälfte verringert.
    Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die rentenbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden, deutlich. (Der Anteil von über 55-jährigen in der Bevölkerung lag 2006 bei 34% und 2016 bei 42%).

    Und laut unserer jüngsten Konjunkturumfrage reagieren Unternehmen auf den Fachkräftemangel durchaus leider auch mit der Ablehnung von Aufträgen und der Verringerung von Öffnungszeiten. Wobei diese Reaktionen eher im ländlich geprägten Raum sichtbar sind.

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