Aufzeichnung der Sensoren eines autonomen Autos
Bild: Fraunhofer FOKUS

Tests für autonomes Fahren in Berlin und Brandenburg - Autonome Autos fahren nicht zu schnell

Ein autonomes Fahrzeug braucht kein Lenkrad mehr - ein Eingreifen des Menschen ist unerwünscht. Autonom fährt ein Auto sparsamer und hält sich an die StVO. Von der autonomen Tram zum Lkw-Zugverband werden solche Systeme in der Region getestet.

 

Berlin ist eine Stadt der Autofahrer: 1,3 Millionen Autos gibt es in der Hauptstadt. Das macht 350 Fahrzeuge pro 1.000 Einwohner. Tendenz steigend. Das sorgt nicht nur dafür, dass alle Berliner Autofahrer rund 44 Stunden im Jahr im Stau stehen, sondern auch für sehr viele Abgase, die Klima und Gesundheit schädigen. Wie aber könnte der Verkehr in Großstädten wie Berlin in Zukunft besser fließen? Darüber machen sich auch die Forscher vom Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme (FOKUS) in Charlottenburg Gedanken. Dr. Ilja Radusch, Leiter des Smart Mobility Labs, forscht mit seinem Team zum autonomen Autofahren.

Dr. Ilja Radusch
Dr. Ilja Radusch

Die größte Herausforderung für autonome Fahrzeuge sieht er darin, mit anderen Verkehrsteilnehmern zurechtzukommen. Fußgänger, Radfahrer und auch Autofahrer verhalten sich oft unberechenbar: "Nicht alle halten sich immer an die Straßenverkehrsordnung", so Radusch. Am besten wäre es, wenn alle Autos auf den Straßen autonom fahren würden. Dann könnten die Fahrzeuge untereinander kommunizieren. Unfälle würden so vermieden, Verkehrsräume besser genutzt und am Ende durch gedrosseltes Tempo auch die Abgase reduziert. Autonome Autos fahren nämlich immer nur so schnell, wie sie auch dürfen.

Die Maschinen werden nach Meinung von Ilja Radusch menschlichen Fahrern bald überlegen sein. "Großer Vorteil der Maschine: Die wird nie müde!", so Radusch. Noch aber müssen die autonomen Autos am Fraunhofer Institut FOKUS diese Überlegenheit lernen. Das klappt nur mit vielen tausend Fahrstunden. Auf einer Teststrecke zwischen Ernst-Reuter-Platz und Brandenburger Tor lässt Oliver Sawade, Forschungsgruppenleiter am Smart Mobility Lab, die mit Technik vollgepackten Autos des FOKUS ihre Runden drehen. Kameras und ein Laser bringen die Daten ins Fahrercockpit. "Das Auto tastet die Umgebung komplett einmal um das Fahrzeug herum ab – 360 Grad", so Sawade. Aus Sicherheitsgründen muss dabei immer noch ein Fahrer hinter dem Steuer sitzen. Notfalls muss er eingreifen.

Wenn der Computer demnächst das Steuer übernimmt, wird die Herausforderung laut Oliver Sawade eine andere sein – die Kommunikation zwischen den Autos. Mit dem neuen Mobilfunknetzstandard 5G, der bis 2020 kommen soll, könnte sich diese erheblich verbessern. "Das heißt, wir können dann endlich um die Ecke schauen", so Sawade. So können Unfälle vermieden werden, denn die Anwendungen und Systeme mit 5G können fast in Echtzeit reagieren, ohne langes Warten.

Easy Mile Bus
Autonom fahrender Minibus

Allerdings sorgen autonom fahrende Autos allein noch nicht dafür, dass sich die Anzahl der Fahrzeuge auf den Straßen der Stadt reduziert. Dr. Ilja Radusch hat auch hierfür schon eine Vision: das Zusammenwachsen von öffentlichem Personennahverkehr und Individualverkehr. "Ein Zwischending aus großem Bus und kleinen Auto, einen People Mover, so nennen wir das für zehn bis zwölf Leute", so Radusch.

Ein ähnlicher Bus fährt in Berlin bereits, elektrisch und autonom: der Easy Mile Bus. Seit Dezember 2017 dreht er auf dem Euref-Campus in Schöneberg auf einer 1,5 Kilometer langen Strecke seine Runden. Der autonome Bus gilt in dünn besiedelten Regionen Brandenburgs als Vorbild. Er könnte irgendwann die Busse in den Regionen Brandenburgs ersetzen, wo es immer weniger Fahrgäste gibt. Im Oktober dieses Jahres beriet die Kommission zur Zukunft der ländlichen Entwicklung erstmalig ein derartiges Vorhaben.

Erste autonome Tram der Welt in Potsdam

Auch die Verkehrsbetriebe Potsdam setzen auf autonome Fahrzeuge. Jedoch nicht auf der Straße, sondern auf der Schiene. Im September fuhr die erste autonome Straßenbahn der Welt testweise durch Potsdam. Wie autonome Autos nutzt auch die Bahn Fahrerassistenzsysteme mit Kameras und Radarsensoren. Sie erkennen Hindernisse auf der Strecke und bringen das Fahrzeug eigenständig zum Halten. Im Fahrautomaten der Bahn ist außerdem ein bestimmtes Streckenprofil programmiert. Es legt Start, Ziel und Geschwindigkeit fest.

LKW Platooning

Auch in der Logistik könnte autonomes Fahren bald Realität werden. Die Forscher vom FOKUS sehen das sogenannte Lkw-Platooning, bei dem mehrere Laster einen Zugverband bilden, als sinnvollen Einsatz des autonomen Fahrens an. Auf einer Teststrecke des Flughafens BER in Schönefeld testet der Lkw-Hersteller MAN gemeinsam mit DB Schenker derartige Fahrverbände. Ein Fahrer fährt vor, die anderen Autos fahren autonom hinterher. Das spart auch Treibstoff, weil der Luftwiderstand geringer ist. Im Abstand von nur 15 Metern sollen die Laster dann über die Autobahnen rollen und so auch weniger Platz einnehmen.

Dr. Ilja Radusch geht davon aus, dass amerikanische Hersteller bereits in den nächsten Jahren völlig autonom fahrende Fahrzeuge auf den Markt bringen werden. Lenkräder werden diese dann nicht mehr haben – damit der Mensch auf gar keinen Fall eingreifen kann.

Beitrag von Judith Rhode