Produktion von Spreewaldgurken bei der Obst & Gemüseverarbeitung "Spreewaldkonserve" (Quelle: dpa/Jochen Zick)
Audio: Inforadio | 01.12.2018 | Franziska Ritter | Bild: dpa/Jochen Zick

Arbeitsmarkt Berlin/Brandenburg - Diese Jobs sind durch Automatisierung bedroht

Maschinen bedrohen unsere Jobs. Auch in Berlin und Brandenburg gibt es Tätigkeiten, die bald komplett von computergesteuerten Maschinen übernommen werden könnten. Aber es gibt Möglichkeiten, die Technik zu übertrumpfen. Von Johanna Siegemund

Tina B. ist eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Job. Als Steuerfachangestellte arbeitet sie in einem Büro in Berlin-Charlottenburg und kümmert sich besonders um die Buchhaltung, prüft Steuerbescheide, tippt Belege ab und sortiert sie ein. Tina B. wäre auch weiterhin zufrieden mit ihrem Job, wenn er nicht jederzeit ersetzt werden könnte. Und zwar vollständig – von einer Maschine.

Viele Branchen sind durch die Automatisierung bedroht: In der Zukunft könnten 14 Prozent der Berliner und 20 Prozent der Brandenburger ihre Jobs verlieren. Das zeigt eine Analyse des Instituts für Arbeitsmarktforschung. Verlieren würden sie ihre Jobs an Computer oder computergesteuerte Maschinen, die nach dem Stand der technischen Entwicklung schon heute in der Lage sind, deren Tätigkeiten auszuüben.

Berlin als sicherer Arbeitgeber

Für Arbeitnehmer in Berlin ist das Risiko mit 14 Prozent relativ gering. Das hat mehrere Gründe. Die Berufe, die besonders von der Digitalisierung betroffen sind, sind in der Hauptstadt deutlich seltener vertreten. Dazu gehören etwa "Fertigungsberufe" und "fertigungstechnische Berufe", wie Modellbauer, Buchbinder oder auch Qualitätskontrolleure -  Branchen, wie sie Baden-Württemberg prägen, aber nicht die deutsche Hauptstadt.

Rund 1,1 Millionen Berliner arbeiten im Dienstleistungssektor. Besonders die Jobs in der hier stark vertretenen Tourismusbranche und im wissenschaftlichen Bereich sind geprägt von der menschlichen Interaktion und Kreativität – und damit ziemlich sicher vor maschinellem Ersatz.  

Spezialisierung als Schutz

Und noch eine Grunderkenntnis liefern die Arbeitsmarktforscher: Je besser ausgebildet der Arbeitnehmer, desto sicherer sein Beruf. Experten, also Arbeitnehmer mit Hochschulstudium, wie sie die vier Berliner Universiäten jährlich zu Tausenden auf den Markt spülen, sind in der Regel nicht zu ersetzen - und quasi immun gegen diese Art des Strukturwandels. Deswegen legt auch das Institut für Arbeitsmarktforschung allen anderen Arbeitnehmern Weiterbildungen nahe.

Das gilt besonders für Helfer und Fachkräfte: Je mehr Routinen ihre Arbeit prägen, desto höher ist auch die Möglichkeit, durch einen Roboter ersetzt zu werden. Aber auch hier gibt es Ausnahmen: Die Küchenhilfe in der Großküche wird weniger betroffen sein, als beispielsweise der Steuerberater, dessen Lohnsteuerklärungen wohl irgendwann von Algorithmen übernommen werden.

Das Berufsbild des Steuerberaters sei deswegen "dynamisch", sagt Simon Beyme vom Steuerberaterverband Berlin-Brandenburg. Zwar würden in Zukunft weniger Steuerberater händisch Steuererklärungen ausfüllen, aber eine steuerliche und betriebswirtschaftliche Beratung brauche man auch im digitalen Zeitalter. Dabei geht es besonders um die Unterstützung bei steuerlichen Pflichten und auch Hilfe beim Umgang mit der digitalen Software.

Brandenburg liegt im Bundesdurchschnitt

Auch in Brandenburg gilt: Je mehr fertigungs- und fertigungstechnische Berufe es gibt, desto höher ist das Risiko von Robotern ersetzt zu werden. Mit seinen Industriezentren liegt Brandenburg deswegen mit 20 Prozent Automatisierungspotenzial eher im Bundesdurchschnitt. Die kreisfreien Städte allerdings, die zumindest in Brandenburg einen deutlich geringeren Anteil an solchen Branchen verzeichnen, zeigen ein geringeres Risiko: Potsdam hatte 2013 sogar das bundesweit kleinste Automatisierungspotenzial.  

In Teltow-Fläming könnte schon heute fast ein Drittel der Beschäftigten durch Maschinen ersetzt werden. Zu erklären ist das besonders durch den großen Anteil der Beschäftigten im Logistikbereich und verarbeitendem Gewerbe. Dennoch ist es dazu noch nicht gekommen - zumindest nicht im großen Stil.  

FAQ: Strukturwandel in Berlin und Brandenburg

  • Was ist das Substituierbarkeitspotenzial?

  • Wie wird das Substituierbarkeitspotenzial berechnet?

  • Gibt es regionale Unterschiede?

  • Wie sicher ist mein Job?

Eine vorsichtige Entwarnung

"Das Substituierbarkeitspotenzial sagt lediglich etwas über die technische Machbarkeit aus", sagt Katharina Dengler vom Institut für Arbeitsmarktforschung. Die Zahl der Lager- und Transportarbeiter ist in den letzten Jahren trotz hohen Risikos sogar gestiegen. Das liegt auch an der Organisation in den einzelnen Unternehmen: "Beispielsweise lohnt es sich für einen Unternehmer nicht zu substituieren, wenn eine Maschine – um Produkte oder Dienstleistungen in der gleichen Qualität und Menge herzustellen – teurer ist als die menschliche Arbeit."

Doch in vielen Arbeitswelten ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Anschaffung automatisierter Maschinen günstiger ist als die Einstellung von Menschen. Deshalb müssen sich die Berufsbilder weiterentwickeln, genauso wie die Arbeitnehmer selbst. Die Anzahl an gefährdeten Jobs ist in Berlin und Brandenburg in den letzten drei Jahren gestiegen, weil sich die Technik schneller weiterentwickelt hat als die Berufsbilder.

Tina B. ist keine real existierende Person, sie soll nur ihren Berufsstand versinnbildlichen, der vor großen Umbrüchen steht. Viele Arbeitnehmer in Berlin und Brandenburg, die als Steuerfachangestellte arbeiten, werden sich weiterbilden müssen. Zum Beispiel zur Fachassistenz für Rechnungswesen und Controlling. In zwei Jahren soll es eine neue Weiterbildungsmöglichkeit geben, Arbeitstitel "Fachassistenz für Digitalisierung". Denn nur weil Daten erfasst werden, sind sie noch lange nicht kompatibel mit den Systemen der Steuerberater – und dazu braucht man dann trotz Digitalisierung Hilfe von der Steuerfachangestellten.

Beitrag von Johanna Siegemund

Kommentar

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Antwort auf [Berliner] vom 26.12.2018 um 00:18
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8 Kommentare

  1. 6.

    Gestern gab es solchen Fachkräftemangel, daß unbedingt Millionen Migranten kommen mußten, um uns zu retten. Heute sind die Jobs der Fachkräfte in Gefahr, wegen Digitalisierung. In Brandenburg? Nee ne. Mal sehen, welche Sau morgen durch's Dorf getrieben wird.

  2. 5.

    Um Ihren Unmut etwas zu dämpfen, ich habe aus bestimmten Anlass hier im Forum meinen Namen mit Zubehör ausgestattet. Nur um Ihnen einen Gefallen zu tun, werde ich diese Schreibweise nicht ändern, sorry. Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest und ein gesundes neues Jahr.

  3. 2.

    Dagegen spricht eindeutig der gestrige Beitrag am Mittwoch in „ Plusminus“ . Zwar wird es vermehrt Roboter gesteuerte Maschinen geben, doch laut Aussage von Unternehmen wird wieder mehr in Deutschland produziert und nicht mehr in China. Die seit Jahren ausgegliederten Bereiche kommen wieder zurück. Dazu werden auch Menschen benötigt und das ist auch gut so. Doch wie heißt es so schön: Klappern gehört nun einmal zum Geschäft.

  4. 1.

    Im öffentlichen Dienst ist leider anders, da bleibt die Welt stehen. Da wird noch richtig per Hand gearbeitet und es gibt dafür dann auch Personal, die das prüfen und weitere die das kontrollieren und wieder weiter die die Zettelchen eintippen, in alte Software natürlich, bis es dann vielleicht mal jemand bearbeitet...

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