Verkehr auf der Friedrichstraßein Berlin (Quelle: imago/Jochen Tack)
Video: Abendschau | 08.12.2018 | Jana Göbel | Bild: imago/Jochen Tack

Massiver Leerstand - Ist die Friedrichstraße eine sterbende Prachtmeile?

Sinkende Umsätze, leere Läden, Kundenschwund – die Friedrichstraße ist das Sorgenkind unter den Berliner 1A-Lagen. Nach rbb-Informationen steht jedes vierte Geschäft leer oder wird frei. Die Einkaufsmeile verliert an Attraktivität. Lösungen sind gefragt. Von Jana Göbel

Evelin Brandt ist eine Größe in der Berliner Modewelt. Ihre Marke ist bei vielen Frauen bekannt für schicke und dennoch bequeme Alltagskleidung. Die Designerin hat mehrere Shops in Berlin, einen davon in der Friedrichstraße. "Wir merken, dass die Frequenz in der Straße deutlich zurückgegangen ist, und das macht sich auch beim Umsatz bemerkbar", sagt sie. Die Straße habe an Charme verloren, viele Geschäfte hätten aufgegeben.

Evelin Brandt (Quelle: rbb/Göbel)
Evelin Brandt | Bild: Brandt

Verfügbarkeit der Ladenflächen liegt bei 24 Prozent

Aktuelle Zahlen belegen den Niedergang der Friedrichstraße. Der international agierende Immobiliendienstleister Jones Lang LaSalle (JLL) erfasst regelmäßig Kundenströme und die Auslastung von Geschäftsflächen auf den 229 deutschen Highstreets – das sind die Top-Einkaufsmeilen.

Trotz Touristenboom und Bevölkerungswachstum in Berlin gingen die Kundenzahlen in der Friedrichstraße zurück. Die Verfügbarkeit liegt bei erschreckenden 24 Prozent und ist damit mehr als doppelt so hoch wie der deutsche Durchschnitt. Auf dem Abschnitt zwischen der Spree im Norden und der Leipziger Straße im Süden sind aktuell 30 Ladenflächen leer oder werden demnächst frei.

30 Shops in der Friedrichstraße stehen leer oder werden frei. (Quelle: rbb/Göbel)
Jetzt und demnächst leerstehende Geschäfte Friedrichstraße | Bild: JLL

"Alles falsch gemacht..."

Dieses Problem hatten wir früher nicht, sagt Dirk Wichner, JLL-Vermarktungschef Deutschland. "Noch vor wenigen Jahren kamen auf einen Laden vier Interessenten. Jetzt ist es umgekehrt, es gibt hier einen Kampf um Mieter." Die Ladenmieten würden seit längerem fallen und teilweise bei nur noch 100 Euro je Quadratmeter liegen. Zum Vergleich: Am Kudamm müssten Einzelhändler aktuell mehr als 300 Euro pro Quadratmeter zahlen. Trotzdem sei die Auslastung dort deutlich besser.

In der Friedrichstraße habe man alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, findet Wichner. Abweisende Glasfronten, schmale Gehwege, nichts lade zum Verweilen ein. Wichner spricht von aktiver Kundenvertreibung. Es fehlten Bäume, Bänke, Straßencafés, Freiflächen. "Wenn man alles im Netz kaufen kann, muss Shoppen mehr Spaß machen". Er empfiehlt für die Straße dringend eine Verkehrsberuhigung.

Friedrichstraße zur Fußgängerzone

Das will auch der Bezirksbürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel, Bündnis 90/Die Grünen: "Anfang der 1990er wurde bereits darüber diskutiert, aus der Friedrichstraße eine Fußgängerzone zu machen. Und ich bin sicher, das wäre die richtige Maßnahme." Der Straßenraum lade derzeit nicht zum Verweilen ein, begründet er: Die Bürgersteige seien zu schmal, die Autos würden zu viel Raum einnehmen. "Wir brauchen ein neues Verkehrskonzept. Wenn die Autos verschwinden würden, hätten wir in der Friedrichstraße sehr viel Platz für Maßnahmen, um die Straße attraktiver zu machen."

Einen Vorgeschmack auf eine Verwandlung zur Fußgängerzone gibt es am Samstag vor dem 3. Advent. Von 13 bis 15 Uhr wird die Friedrichstraße für den Autoverkehr gesperrt. Dann ist mehr Platz zum Bummeln, und das sogar ohne Autolärm.

Die Friedrichsstraße hat an Attraktivität verloren. (Quelle: rbb/Göbel)Leerstehendes Geschäft

Kudamm ist vor Jahren das Comeback gelungen

Evelin Brandt will mit ihrem Laden in der Friedrichstraße bleiben. Unabhängig von einer Verkehrsberuhigung müssten die Läden sich jetzt zusammenschließen und mit Aktionen und Verschönerungen um Kunden werben. Dem Kudamm sei damit vor Jahren das Comeback gelungen. "Im Gegensatz dazu gibt es an unserem Ende der Friedrichstraße nicht einmal eine Weihnachtsbeleuchtung."

Sendung: Abendschau, 08.12.2018, 19:30 Uhr

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Antwort auf [Bäcker] vom 15.12.2018 um 14:23
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29 Kommentare

  1. 28.

    Ich habe immer nur zahlungskräftige Klientel mit dem Auto beobachtet. Die bleibt bei einer Fußgängerzone weg.

  2. 27.

    Die Autos müssen da raus. Das ist doch klar. Es ist doch überhaupt nicht nachzuvollziehen, warum im Herzen von Berlin die Autos mehr Platz haben als alle andere zusammen. Wer fährt denn zum Shoppen mit dem Auto zur Friedrichstraße? Die Touristen und Passanten steigen aus der U und Sbahn!

  3. 26.

    Man sollte vielleicht mal einen Blick in unsere Nachbarländer und ihre Flaniermeilen werfen. In der Kopenhagener Einkaufs Strasse gibt es einen wunderbaren Mix zwischen Teuer und Preiswert. Neben dem Louis Vuitton Shop gibt es Mango und Zara und ein Stückchen weiter darf es dann auch Chanel sein. Ähnlich ist es in Göteborg und auch in Oslo. So hat jeder der dort bummelt, eine tolle Auswahl in jeder Preislage. Ein bunter Mix, der für alle das bummeln zum Vergnügen macht.

  4. 25.

    Die Kaufkraft geht am Ku'Damm flanieren, und wer da alles per Auto bekommt, in Exklusivläden hofiert wird, wer braucht denn da noch eine Friedrichstr.-dublette mit außerdem fehlenden Marken.
    Schon allein zur Friedrichstrasse zu gelangen schreckt ab.
    Man möchte Parken und Shoppen und nicht km-weit laufen. Die Friedrichstrasse ab "Unter den Linden" Richtung Oranienburger ist einfach nur schmutzig und verwahrlost.
    Die andere Richtung Leipziger Str. geht noch, aber bis auf drei Geschäfte gibt es dort nichts Exklusives an Marken.
    Wenn man alle richtig machen möchte, sollte man gerade die motorisierten Einkäufer nicht vergraulen.
    Aber es scheint ein neuer Fehler in Sichtweite: Eine reine Fußgängerzone.

  5. 23.

    Hab ich was verpasst? Wann war die Friedrichstraße denn jemals eine „Prachtmeile“?!?

  6. 22.

    Liebe Redaktion,

    das Aufmacherfoto ist toll: Man denkt gleich, in der Friedrichstraße herrsche permanent Verkehrschaos und ein irrer Durchgangsverkehr. Zu sehen ist allerdings die Ecke Leipziger Straße, und die vielen Autos, die man sieht, fahren auf der Leipziger (quer) oder wollen gerade auf diese einbiegen (das staut sich) oder aus dieser abbiegen.

    Apropos Leipziger Straße: Die wurde doch von der DDR zur "Prachtmeile" ausgebaut, wenigstens im östlichen Teil. Gaaanz breit, ganz viele Geschäfte, Bäume, Platz zum "Flanieren", für Bänke, Straßencafés, supi-dupi-Aufenthaltsqualität. Wieviele Leute "bummeln" dort? Oder "shoppen" gar? Und wieviele Läden stehen da leer? Und wenn wir weniger Autoverkehr wollen, weshalb ist der Baubeginn der seit fast dreißig Jahren geplanten Tram durch die Leipziger immer noch nicht absehbar?

  7. 21.

    "Als erste Fußgänger Zone in der Berliner Mitte wäre die Friedrichstraße eine optimale Aufwertung und die richtige Adresse dafür. "

    Wo liegen denn Ihrer Meinung nach Rathausstraße und Alexanderplatz? Kurz vor Sibirien?

    (Übrigens sehr anheimelnde Fußgängerzonen mit hoher Aufenthaltsqualität. Vor allem abends.)

  8. 20.

    Die Friedrichstraße war nie eine "Einkaufsmeile" - das haben die Medien nach 1990 erzählt -, sondern vor dem Zweiten Weltkrieg eine Vergnügungsmeile. Ziemlich schmal war sie schon immer. Das hätte man eben beim Wiederaufbau (wie mal geplant) verändern müssen. Das wollte man nicht. Dafür wurden die Einkaufsklötze samt der "Passage" im zweiten Kellergeschoss gefeiert. Und nun?

    Ich empfehle einen Ausflug zum Kurfürstendamm. Zur Steglitzer Schloßstraße. Oder, noch schlimmer, nach Unter den Linden. Auch nach 19/20 Uhr, wenn fast alle Läden zu sind. Gespenstisch, erst recht wenn es um die Zeit schon dunkel ist. Man stelle sich vor, dies wären - wie immer mal wieder gefordert - Fußgängerzonen. Dann würden diese Straßen vermutlich zu No-Go-Areas verkommen.

    Aber schön für die Medien: Spätestens drei, vier Jahre nach der Eröffnung der Fußgängerzone kann man dann die ersten Berichte machen über die Verwahrlosung, die notwendigen Umgestaltungen usw.

  9. 19.

    Ich sehe zu jeder Tages- und Nachtzeit die Friedrichstrasse voll von Fussgängern, mehr als die Hälfte sicher Touristen. Eigentlich das, was eine Einkaufsmeile ausmachen würde. Aber natürlich gehört zum erfolgreichen Verkauf auch ein das Publikum ansprechender PREIS für die angebotenen Waren. Und wenn ich mir die Läden dort so anschaue, schliesse ich daraus, dass dort bitte stündlich so an die 20 Millionäre vorbeischauen, die den Geschäften dort auch mit ihren Einkaufen die Bezahlung der exorbitanten Mieten erlauben. Wir haben also in Berlin wohl eigentlich einen akuten Millionärsmangel...
    Das Gejammere über den Niedergang scheint mir also eher ein Gejammer der verspekulierten Ladenbesitzer und der verzockten Vermieter zu sein. Meine Trauer hält sich in Grenzen. Vielleicht kommen nach der Ernüchterung die bezahlbaren Läden zurück und nicht nur die Touristenfallen.

  10. 18.

    Mir ist nicht so ganz klar wie man die Friedrichstraße als "Prachtmeile" bezeichnen kann? Eng, hässlich und ohne Bäume.

  11. 17.

    In der Nachwendezeit war der Bahnhof Friederichsstraße eine coole gemütliche Zone mit Straßenleben und richtig leckeren Freßbuden von kleinen Gewerbetreibenden. Jetzt ist alles zugebaut. Es herrscht wie geplant der Totentanz der (Möchtegern-)Oberschicht und der Rollkoffer-Nomaden. Zufällig war ich gestern erstmals seit langen ganz kurz da, um in den Galeries Lafayette französische Lebensmittel einzukaufen. Das vorige Mal habe ich in bestimmten Marken-Geschäften versucht, mit und für meine Tochter spezielle Sandalen zu kaufen. Aber in dieser ganzen Totentanz-Straße gibt es keine Kinderklamotten, auch nicht in Läden, die an anderen Standorten welche haben.

  12. 16.

    Die Friedrichsstraße war nie eine Prachtmeile und wird es auch nie sein. Ich mußte lange überlegen wann ich das letzte mal dort war. Das war so 1984-im Smalcalda-Laden; eine Bohrmaschine kaufen. Als ich das Foto mit dem dichten Verkehr sah war mir klar, dass so Abschreckung funktionieren muss. Kein Baum; alles eng wie in NY ohne Lichtreklame. Wir mögen es behaglicher; auch ohne Abgase-eine Fußgängererlebniszone mit hoher Komunikationsdichte. :-) Tourismus ? Wenn ich das immer lese wird mir doch bewußt, dass die meist von weit her mit dem Flieger kommen und das bedeutet tonnenweise Abgase in der Hochatmosphäre. ( So steht es doch fast täglich in der Zeitung ) Macht die Stadt so, dass es noch viele Jahrzehnte so bleiben kann.

  13. 15.

    Die DDR hatte da noch Zukunftsvisionen, sie war Ende der 80er Jahre gerade damit beschäftigt, aus der Friedrichstraße eine Prachtmeile zu basteln, indem die östlichen Fassaden um viele Meter hätten zurückgesetzt werden sollten, um somit Platz für Licht und Bäume zu schaffen. Aber nein, wenn's um Städtebau geht versteht die BRD nur Gründerzeit (sprich alles düster eng und zugemauert). Jetzt hat man des Salat: Klötze treffen auf Verkehr treffen auf Massentourismus, und die Atmosphäre ist schrecklich.

  14. 13.

    Touristen, die mit dem Billigflieger nach Berlin kommen, sind sicher nicht die Klientel, die in den überteuerten Geschäften einkaufen.

  15. 12.

    Wer nur auf die Rollenkoffer-Leute setzt, ist falsch beraten. Diese Läden gibt es in Berlin, München, Paris, Madrid, Buenos Aires, Kapstadt und NY. Und sie sehen überall gleich aus, austauschbar. Brauche ich selber was, geh ich nach Steglitz. Will ich den "alten Westen" spüren, geh ich Richtung Europa Center/Kantstraße. Will ich bummeln, Cafe besuchen oder Klamotten für mich selber kaufen, geh ich bestimmt nicht in einer Straße suchen, wo es aussieht, als hausen dort nur Versicherungen, Maklerbüros oder Banken...

    Und nein, keine der "laufenden" Einkaufsmeilen ist eine Fußgängerzone. Läuft auch so.

    Lasst also einfach dort Versicherungen, Banken oder Makler einziehen, fertig. Das gleiche gilt für mindestens die Hälfte aller Malls. Ich brauche die Hose nur einmal, die Pfanne auch. Und wenn es nur noch Straßen wie die Friedrichstraße gibt, kauf ich es eben online.

  16. 11.

    Denke ich an alte Zeiten, sehe ich noch die schönen Cafés u. Restaurants wo man im Sommer draußen saß und den Passanten beim Flanieren zusehen konnte. So war der Kuhdamm einmal. Die Friedrichstraße ist nur noch ein kalter Ort. Sehr schade eigentlich.

  17. 10.

    Kein Wunder bei den Mieten,
    bei den Preisen der Ware,
    keine Parkplätze und wenn teure Parkplätze,
    Baustellen noch und nöcher,
    weder gemütliche Verweilflächen und Cafes,
    kurz gesagt : Versagen der Stadtplaner auf der ganzen Linie.

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