Internationales Congress-Centrum, ICC, Charlottenburg, Berlin. (Quelle: imago)
Audio: Inforadio | 03.11.2018 | Sebastian Schöbel | Bild: imago

FAQ | Investor für das ICC gesucht - Berlins Kongress-Raumschiff kommt auf den Markt

Bis Ende Februar 2019 können sich potentielle Investoren für das ICC an der Messe melden. Der einstige Gigant der deutschen Kongressbranche dämmert seit 2014 vor sich hin. Nun soll er wiederbelebt werden. Alles Wichtige im Überblick. Von Sebastian Schöbel

Der Senat nennt es einen "Höhepunkt der HighTech-Architektur in Deutschland", Kritiker sprechen von einem Millionengrab mit Autobahnanschluss: Gemeint ist das Internationale Congress Centrum, kurz ICC, am Dreieck Funkturm. Seit Jahren steht eines der größten Kongresszentren Europas leer - sieht man von der Zwischennutzung als Flüchtlingsunterkunft einmal ab. Sechs Gutachten wurden zum ICC bereits angefertigt, darunter eine sogenannte "Marktabfrage". Die endete damals allerdings mit dem Ergebnis, dass Investoren vor allem Pläne für ein neues Einkaufszentrum ablieferten - von denen es in Berlin aber schon recht viele gibt.

Nun startet das Land Berlin zusammen mit der Berliner Immobilienmanagement [bim-berlin.de] einen neuen Versuch: Gesucht wird ein Investor, der neben einem Nutzungskonzept auch bei der Sanierung mit einsteigt. Die ist dringend notwendig, und der Senat würde dafür 200 Millionen Euro zuschießen. Bis Ende Februar 2019 sollen interessierte Investoren ihre Angebote abgeben. rbb|24 hat die wichtigsten Fragen und Antworten zum ICC zusammengefasst.

Welche Ausmaße hat das ICC?

320 Meter lang, 80 Meter breit, 40 Meter hoch: Das ICC ist ein Koloss mit 252.424 Quadratmetern Bruttogeschossfläche - von der aber nur rund 23.000 Quadratmeter Nutzungsfläche sind. Das ICC verfügt über 80 kleine uns zwei große Säle.

Was will der Senat mit dem ICC machen?

Die rot-rot-grüne Koalition hat sich darauf festgelegt, dass das ICC wieder Kongresszentrum werden soll, denn dem Berliner Kongressmarkt fehlen Flächen, die Nachfrage von Veranstaltern ist groß. Deswegen soll im ICC eine "flexibel nutzbare" Fläche für Kongresse und Messen entstehen, die Platz für bis zu 8.000 Personen bietet.

Allerdings: Laut Ausschreibung ist es "ausdrücklich erwünscht, hier möglichst frei eine kongresskompatible Mischnutzung zu entwerfen und dieses bedeutende Gebäude in exponierter Lage zu neuem Leben zu erwecken". Möglich sind demnach auch ein Hotelneubau an der Stelle, wo zurzeit das ICC-Parkhaus steht.

Was soll laut Senat explizit NICHT aus dem ICC werden?

Wer Ideen für ein Bordell, ein Casino oder einen Großmarkt für Waffen hat, braucht sie beim Senat nicht einzureichen: Diese Verwendungen sind explizit ausgeschlossen. Ebenfalls unerwünscht sind Vorschläge für ein Einkaufszentrum - von denen gibt es in Berlin bereits sehr viele.

Was will die Opposition?

Die Oppositionsparteien CDU, FDP und AfD stimmen mit der rot-rot-grünen Koalition darin überein, dass das ICC wieder Kongresszentrum werden soll.

Die CDU fordert allerdings auch, dass das riesige Haus vom Messebetrieb abgekoppelt und durch eine eigene Betriebsgesellschaft geführt wird. Diese Gesellschaft soll erst die Sanierung durchführen und danach die Vermarktung des ICC übernehmen, um eine "ineffektive Zersplitterung von Zuständigkeiten" zu verhindern, so die CDU. So könne man auch die Ausgaben besser kontrollieren.

Die FDP und auch die AfD setzen sich zudem dafür ein, den unter dem ICC gebauten U-Bahnhof Messedamm zu modernisieren und an das BVG-Netz anzuschließen. Der U-Bahnhof war einst als Halt auf der heutigen U1 geplant, wurde aber nie in Betrieb genommen.

Ist das ICC rentabel?

Ein klares: Jein.

Das ICC allein wirft vermutlich keinen Profit ab, sondern fährt womöglich eher Verluste ein. 2014 hatte ein Gutachten des Senats ergeben: Lediglich die Umwandlung in ein Einkaufszentrum sei halbwegs wirtschaftlich. "Bei allen anderen Alternativen müssten zur Finanzierung seitens des Senats erhebliche weitere Mittel freigegeben werden", so die Experten im Jahr 2014.

Denn das Gebäude ist zwar riesig, doch nur rund 20 Prozent seiner Fläche sind nutzbar, der Rest sind Flure, Treppen oder Technikräume.

Dann aber gibt es noch die "Stadtrendite": Ein wirtschaftspolitisches Konzept, wonach der Nutzen eines Objekts für die gesamte Wirtschaft einer Stadt bewertet wird. Und da hat das ICC viele Vorteile. Es zieht vor allem "Premium-Touristen" an, also Geschäftsreisende, die deutlich mehr Geld ausgeben als normale Touristen. Experten rechnen mit gut 200 Euro und mehr am Tag. Dazu kommen etliche Firmen, die am Betrieb des ICC mitverdienen, vom Messebauer bis zur IT-Firma. Die Stadtrendite des ICC ist damit wieder positiv.

Was will die Messe Berlin?

Geht es nach Aufsichtsratschef Wolf-Dieter Wolf, kann das ICC weg. "Ich bin für den Abriss", hatte er 2017 der "Berliner Morgenpost" erklärt. "Wir müssen uns endlich mit wirtschaftlichen Lösungen beschäftigen."

Die landeseigene Messe GmbH hat das ICC jahrelang genutzt. Allerdings ist das Gebäude aufgrund seiner Größe, dem Mangel an nutzbaren Flächen und seines Zustands ein Zuschussgeschäft, deswegen möchte die Messe das ICC am liebsten loswerden. Allein der Leerstand kostet das Unternehmen derzeit rund zwei Millionen Euro im Jahr.

Ein saniertes ICC würde die Messe gerne nutzen, allerdings wohl nicht als Betreiber, sondern eher als ein Mieter von vielen. Der Berliner Senat aber sieht das etwas anders: "Die Berliner Messe wird sicherlich auch künftig beim ICC eine große Rolle spielen", so Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Das landeseigene Unternehmen soll im neuen ICC weiter Hauptnutzer bleiben.

Steht das ICC unter Denkmalschutz?

Der Senat sagt: Nein. Allerdingswurde dem ICC vom Landesdenkmalamt eine "herausragende geschichtliche, städtebauliche und künstlerische Bedeutung" zugemessen. Diese soll laut Ausschreibung von den Investoren berücksichtigt werden.

Im April hatte der inzwischen pensionierte Landeskonservator Jörg Haspel gegenüber rbb|24 allerdings erklärt: "De jure ist das ICC ein Denkmal, es erfüllt die Kriterien des Denkmalschutzgesetzes." Dass das ICC nicht in der Berliner Denkmalliste steht, spiele keine Rolle, sagte Haspel. In den einschlägigen Handbüchern sei es verzeichnet.

Zudem hat das Architekten-Ehepaar Ralf Schüler (inzwischen verstorben) und Ursulina Schüler-Witte bis heute ein Urheberrecht am ICC. Dieses sei sehr weitreichend, heißt es nun der der Senatsausschreibung, und "lässt Änderungen nicht allgemein zu". Große Änderungen an der markanten Fassade oder im Innenbereich könnten dadurch schwieriger werden.

Was kostet die Sanierung?

Das ICC ist schadstoffbelastet - auch wenn in den vergangenen Jahren heftig darüber gestritten wurde, wie hoch diese Belastung tatsächlich ist. Deswegen hat der Senat bereits 200 Millionen Euro für die Instandsetzung des ICC zurückgestellt. Der Bedarf wurde allerdings bereits 2011 auf rund 330 Millionen Euro geschätzt. Inzwischen ist die Rede von bis zu 500 Millionen Euro.

Ist Asbest im ICC verbaut worden?

Jahrelang hieß es, das ICC sei "asbestverseucht". Ob das stimmt, ist allerdings fraglich. "Wir haben beim Bau des ICC keinen Spritzasbest verwendet, sondern Kafko", hatte der ehemalige ICC-Ingenieur Heinz Oeter einst im Interview mit der "Berliner Morgenpost" erklärt. Oeter war für die Stahlkonstruktion des Gebäudes verantwortlich. Kafko hat asbestähnliche Eigenschaften und ist ebenfalls feuerhemmend, allerdings ist es nicht gesundheitsgefährdend. Die ICC-Architektin Ursulina Schüler-Witte bestätigte 2015 in einem Buch, dass im ICC kein Asbest eingesetzt wurde - aus Kostengründen.

In der aktuellen Ausschreibung schreibt der Senat nun allerdings: "Aufgrund der festgestellten Astbest- und anderer Schadstoffbefunde wird eine Schadstoffsanierung des Gebäudes erforderlich. Diese muss den eigentlichen Sanierungs- und Umbaumaßnahmen vorausgehen."

Beitrag von Sebastian Schöbel

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um eine Antwort zu verfassen.

Antwort auf [Helene] vom 04.12.2018 um 10:01
Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

2 Kommentare

  1. 2.

    Etwas mit/für den Sport draus machen? (Indoor-Kletterwelt o.Ä.)
    Motorsportmuseum? (Passt doch da an die Avus)
    Irgendwas "mit Autos"? Mobilitätsforschungszentrum?
    Angesichts des "Raumschiffs": irgendwas "Spaciges"?

    Es ist ja eine echte Ungegend da, aber vielleicht lässt sich doch noch eine Attraktion draus machen.


  2. 1.

    Wenn das Denkmalwert haben soll, dann passt ja das Eingangs-Foto dieses Beitrages wie die Faust auf´s Auge zum ICC: eine unwirtliche, einseitig auf ein einziges Verkehrsmittel zugeschnittener Stadtraum, in dem zu Fuß Gehende Randfiguren und Radfahrende garnicht vorkommen.

    Das ist der "Geist" des ICC und seines Umfeldes.

    Vielleicht lässt sich die Radfahrspur über die Neue Kantstraße und die Masurenallee wieder zurückbauen, um das "Feeling" der 1970er Jahre wiederzubekommen, dass Radfahrende ihr Gefährt wieder treppab, treppauf zu tragen hätten?

    Entschuldigung für meinen Zynismus beim Letztgenannten, manchmal bleibt mir doch nichts anderes übrig bei solchermaßen Argumentation.

Das könnte Sie auch interessieren

Junge Designerin in ihrem Büro (Quelle: Imago/Vitta Gallery)
Imago/Vitta Gallery

Start-up-Szene Berlin - Vorteil Gründerin

Die meisten Start-ups sind in Männerhand. Dabei gibt es viele Gründe für Frauen, selbst ein Unternehmen zu gründen, sagen die, die das bereits getan haben. Auch wenn es noch einige überkommene Vorurteile gibt, an denen gerüttelt werden muss. Von Annika Krempel