Kraftwerk Reuter in Berlin-Charlottenburg (Quelle: Arco Images/Schöning)
Audio: Inforadio | 10.12.2018 | Franziska Ritter | Bild: Arco Images/Schöning

Drei Kraftwerke in Berlin - Berlin zwischen Klima-Traum und Kohle-Tatsachen

Polen, Gastgeber des Klimagipfels, muss sich als Kohle-Hochburg viel Kritik anhören. Dabei gibt es auch auf deutscher Seite reichlich Kraftwerke: Berlin hat gleich drei - und das mitten in der Stadt. Von Franziska Ritter  

Am 24. Mai 2017 schaltete das Heizkraftwerk Klingenberg in Berlin-Rummelsburg seine Braunkohleanlage ab - eine Ära ging zu Ende. Allerdings ging es weiter im Kraftwerk, denn jetzt wird dort Erdgas verfeuert. Wasser wird erhitzt, drei Dampfturbinen treiben einen Generator an und erzeugen Strom.

Über den Abdampf wird außerdem heißes Wasser erzeugt und ins Berliner Fernwärmenetz eingespeist, wie Kraftwerksleiter Harald Flügel damals erklärte. Nach seinen Angaben stammt die Anlage aus den Jahren 1985/86. Die Dampfturbinen seien aber noch längst nicht am Ende ihrer Lebensdauer - "mit den umfangreichen Modernisierungsmaßnahmen werden sie auch in den nächsten zehn Jahren noch ihren Dienst tun", so Flügel.

Kraftwerk Klingenberg im Berliner Stadtteil Rummelsburg, Lichtenberg (Quelle: imago/Joko)
Kraftwerk Klingenberg | Bild: imago/Joko

Mitarbeiter wurden umgeschult

Rund 100 Millionen Euro hatte Vattenfall in Rummelsburg investiert, um die Anlage von Braunkohle auf Erdgas umzurüsten. Die beiden Schornsteine des Kraftwerks sollten dadurch im Jahr rund 600.000 Tonnen Kohlendioxid weniger in die Luft pusten. Gunther Müller, Vorstandschef von Kraftwerksbetreiber Vattenfall, feierte das als einen Meilenstein: "Wir werden unsere spezifischen CO2-Emissionen pro Kilowattstunde Wärme von rund 240 Gramm auf hundert Gramm reduzieren, also auf mehr als die Hälfte."

Doch der Energiekonzern sparte durch die Umstellung auf Erdgas nicht nur CO2 ein, sondern auch Arbeitsplätze. "Wir werden uns in den nächsten ein bis zwei Jahren schwerpunktmäßig mit Qualifizierungsprogrammen beschäftigen. Wir haben einen relativ hohen Altersdurchschnitt und werden sozialverträglich dem einen oder anderen Mitarbeiter die Möglichkeit geben, etwas früher in den Ruhestand wechseln zu können", sagte Kraftwerksleiter Flügel vor anderthalb Jahren.

Das Ziel: CO2-freie Fernwärme

Zuvor hatte der Energiekonzern am Standort rund 190 Mitarbeiter beschäftigt. Nun sind es nur noch 160, die in Rummelsburg - und in Marzahn gebraucht werden, denn dort baut Vattenfall ein neues Heizkraftwerk. Die Gas- und Dampfturbinenanlage solle 2020 ans Netz gehen und Stück für Stück die Energieversorgung des Berliner Ostens übernehmen, so Vorstandssprecher Gunter Müller. "Unsere neue Gas-und-Dampf-Anlage in Marzahn wird sozusagen das Arbeitspferd der Ost-Berliner Erzeugungsstruktur sein und die Anlage hier in Klingenberg wird dann mehr für die Mittellast, also für die besonders kalten Tage, in Betrieb gehen." Ehe sie 2025 ihr Lebenszeitende erreichen dürfte. Wie es danach in der Rummelsburger Bucht weitergeht, ist offen.

Gunther Müller und seine Kollegen aus dem Vorstand von Vattenfall denken laut über eine Gas- und Dampfturbinenanlage nach. Doch auch andere Technologien sind im Gespräch. Das Ziel ist klar: "Wir wollen die Gas- und Ölkessel, die hier noch sehr viel in der Stadt sind, ersetzen durch Fernwärme einerseits. Und andererseits aber unsere Fernwärme noch CO2-ärmer machen, als sie heute schon ist." Das langfristige Ziel sei es, dass die Fernwärme später mal ganz CO2-frei wird, so Müller.

Archiv: Das Kraftwerk Klingenberg in Rummelsburg, nach Plänen von Walter Klingenberg und Werner Issel 1925-27 errichtet (Quelle: picture-alliance/akg-images)Das Kraftwerk Klingenberg wurde 1925 bis 1927 in Berlin-Rummelsburg errichtet.

Gleich drei Steinkohlekraftwerke stehen im Westen Berlins

Bis zum Jahr 2050 soll die Hauptstadt klimaneutral werden, also nur noch Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen. Dieses Ziel hat sich der Berliner Senat auf die Fahne geschrieben. Doch die Stadt sei davon noch weit entfernt, meint Oliver Powalla, der für ein Bündnis verschiedener Klimaschutz-Organisationen spricht, dem unter anderem Attac, Greenpeace und der Bund für Umwelt und Naturschutz angehören. Sie drängen auf einen möglichst schnellen Ausstieg aus der Kohle. "Die Energieversorgung in Berlin stammt quasi aus der fossilen Steinzeit, denn 96 Prozent von Strom und Wärme in Berlin stammen aus fossilen Quellen", sagt Powalla.

Die größten Dreckschleudern stehen im Westen der Stadt. Drei Steinkohlekraftwerke: Reuter, Reuter West und Moabit. Der Vattenfall-Konzern muss sich überlegen, wie er diese Anlagen bis 2030 umrüstet. "Dann wird ein wichtiger Punkt sicherlich die Power-to-Heat-Anlagen spielen, die wir hier verstärkt einbauen wollen, wo regenerativ erzeugter Strom nach dem Tauchsieder-Prinzip direkt in Wärme umgewandelt wird. Dazu werden wir demnächst die größte Anlage Deutschlands am Standort Reuter-West in Spandau bauen mit einer Leistung von über 100 Megawatt", erklärt Müller. Dafür soll der mit Steinkohle beheizte Block C spätestens 2020 stillgelegt werden. Für die anderen beiden Steinkohlekraftwerke liegen noch keine verbindlichen Pläne auf dem Tisch.

Gesundheitsorganisationen warnen vor Schadstoffen in der Luft

Die meisten Berliner haben sich an den Anblick der rauchenden Schornsteine und Kühltürme in ihrer Nachbarschaft gewöhnt. Doch die wenigsten wüssten, welche Schadstoffe sie da Tag für Tag einatmen, sagt Julia Gogolewska von der Health and Enviroment Alliance (HEAL), einem Dachverband europäischer Gesundheits- und Klimaschutz-Organisationen. "Es ist tatsächlich so, dass man die Schadstoffe nicht sehen und riechen kann und trotzdem sind sie da. Da kommen die Stickoxide an, die wir auch aus dem Straßenverkehr kennen, ebenso der Feinstaub. Dann haben wir gerade bei Kohlekraftwerken sehr viel von den Schwermetallen, die sich an die Partikel zum Beispiel dran heften können: Quecksilber, Arsen, Cadmium", so Gogolewska.

Das bekommen wir besonders an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung zu spüren: im Sommer oder im Winter, wenn eine Smogwolke über der Stadt hängt. Jeder Berliner atmet diese Schadstoffe ein. Tag für Tag, 24 Stunden. "Man weiß, dass es sich sehr auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt, dass Leute davon auch einen Herzinfarkt oder Schlaganfall bekommen können oder auch chronische Erkrankungen verstärkt werden. Man weiß, dass es eine Verbindung zu Diabetes inzwischen gibt", sagt Gogolewska.

Statistisch gesehen 4.000 Todesfälle im Jahr

Gogolewska und ihre Kollegen vom WWF und anderen Umweltschutzorganisationen haben analysiert, welche Gesundheitsfolgen die Luftverschmutzung für die Bürger der EU-Staaten hat. Anhand eines Computermodelles berechneten sie, wie stark die ausgestoßenen Schadstoffe unsere Lungen belasten. "Dadurch konnten wir ausrechnen, dass die deutschen Kohlekraftwerke - sowohl Braunkohle als auch Steinkohle - zusammen für mehr als 4.000 Todesfälle verantwortlich sind jedes Jahr", sagt Gogolewska.

Damit sei Deutschland der zweigrößte Verursacher in Europa. "Wir werden nur von den polnischen Kraftwerken übertroffen", sagt Gogolewska. Durch die Mittellage in Europa sei Deutschland gleichzeitig das am stärksten betroffene Land. "Wir bekommen von Polen noch viele Schadstoffe ab, denn diese Schadstoffe machen einfach nicht an den Ländergrenzen Halt", sagt Gogolewska.

Sendung: Inforadio, 16.12.2018

Beitrag von Franziska Ritter

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Antwort auf [Night] vom 16.12.2018 um 06:48
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8 Kommentare

  1. 8.

    Berlin tut sich schwer mit dem Ausstieg aus den fossilen Energien. Grund ist der Lobbydruck. Ich sah gestern ein PR-Plakat der Erdgas-Lobby, die doch tatsächlich von einem guten Signal für das Klima schwadroniert und auf die Erdgas-Energie verweist mit einem Plakat wo blauer Himmel aus den Schloten steigt. Das ist nicht übertrieben, das ist einfach die blanke Unwahrheit. Greenwashing in Höchstform. Genauso wie die PR-Kampagne von Exxon Mobile am Berliner Hauptbahnhof in Riesenplakaten zufällig genau vor dem Klimagipfel in Polen. Zwei umweltverschmutzende Technologien (Erdöl und Ergas) werden uns als "grün" verkauft, obwohl sie in Wirklichkeit unser Klima verpesten! Ich erwarte von der Politik, dass sie souverän und im Interesse der Bürger handelt und sich von solchen Aktionen nicht blenden lässt.

  2. 7.

    Dass CO2 Bestandteil des Stoffwechsels aller Lebewesen ist, und ohne diese Substanz kein Leben möglich wäre, entnehmen Sie bitte jedem Schulbuch Biologie. :)

    Dass Rauchgasfilterung aller kohleverbrennenden Anlagen nach dem letzten Stand der Technik Pflicht ist, entnehmen Sie bitte dem Bundesimmissionschutzgesetz. Dieses gilt im Westen seit 1974, im Osten seit 1990. https://de.wikipedia.org/wiki/Bundes-Immissionsschutzgesetz

    Seit den frühen 1990er Jahren ist das in ganz Deutschland Stand der Dinge. Die Folge ist, dass wir seit genau dieser Zeit keinen Smogalarm mehr hatten. Das ist direkte Wirkung des obigen Gesetzes. https://de.wikipedia.org/wiki/Smog#Wintersmog_in_Deutschland

    "Klimawandel sei nicht durch den Menschen verursacht" Darüber diskutiere ich nichtmal, so egal ist es mir. Aber auch wer daran glaubt wird nicht behaupten, dass eine Erwärmung um ein Bruchteilchen eines Grädchens irgendwen umbringt.

  3. 6.

    Aha... Dann belegen Sie mal Ihre Aussagen. Aber bitte mit objetkiven Quellen. ABER falls Sie meinen,, der Klimawandel sei nicht durch den Menschen versursacht, dann antworten Sie bitte nicht. Weil dann eine Diskussion für mich sinnlos ist.

  4. 5.

    Jedes Zitat im Text ist als solches gekennzeichnet. Wir stellen keine Behauptungen als Fakten dar. Herzliche Grüße aus der Redaktion!

  5. 4.

    Zu kritisieren ist hier der RBB, der Behauptungen einer Ökolobby als vermeintliche Fakten darstellt. Auch ist hier die Vermischung der Themen zu kritisieren. CO2 ist kein Schadstoff, sondern eine natürliche und lebensnotwendige Substanz wie Wasser. Davon stirbt niemand, egal ob man nun an "menschengemachten Klimawandel" glaubt oder nicht. Gesundheitliche Schäden können dagegen von Giftstoffen entstehen, von denen bei Kohleverbrennung auch sehr viele frei werden (können). Das Problem ist aber seit ca 30 Jahren gelöst, denn die meisten dieser Schadstoffe werden auf unbedenkliche Konzentrationen gefiltert. Von den Abgasen europäischer Kohlekraftwerke stirbt deshalb schon lange niemand mehr. Das Gegenteil zu behaupten grenzt an Desinformation.

  6. 3.

    Universität in Israel
    - Forscher verwandeln Kot in Kohle

    Also Kohle ist noch nicht vom Tisch

  7. 2.

    Auf welchen Annahmen basiert denn dieses Computermodell von Frau Gogolewska, die laut ihrem LinkedIn-Profil einen Master in 'Change Management' besitzt, und dem WWF? Irgendeine aufsehenerregende Zahl ohne die konkreten Modellannahmen zu veröffentlichen, ist unseriös.
    Wer immer noch den Mythos der gut bezahlten Jobs in der EE-Branche in Deutschland verbreitet, hat wohl nicht die Insolvenzen in der Solarunternehmen mitbekommen, die auch noch kräftig Subventionen bekommen haben. Oder nach Auslauf der staatlichen Förderung unrentabel werdende Windkraftanlagen. Die Kohleindustrie ist für die Menschen lukrativer, sonst würden sie längst woanders arbeiten.

  8. 1.

    Vattenfall wollte die dreckigen Kohlebuden nicht umsonst los werden. Die haben erkannt wo die Zukunft liegt. Das kann man von Kretschmer, Woidke, Luschet und Haseloff nicht behaupten. Für ihr Versagen soll jetzt der Bund (Steuerzahler) aufkommen. Das jetzt auch Schüler der Politik Dampf machen ist nur zu begrüßen, denn es geht um ihre Zukunft.
    Das Gejammer über Arbeitsplatzverluste in der Kohle ist nur vorgeschoben, der Kumpel kann selbst entscheiden ob er Hartz IV will oder gutes Geld in der EE Branche verdienen will.

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