Gemälde der alten Siemensstadt
Video: Abendschau | 21.12.2018 | Dorit Knieling | Bild: rbb/ Michel

Berliner Politik besichtigt Siemensstadt - Zurück in die Zukunft in Spandau

Mit der "Siemensstadt 2.0" soll im Berliner Nordwesten ein ganz neues Stadtquartier entstehen. Das hat der rot-rot-grüne Senat mit Siemens kürzlich vereinbart. Nun waren Spitzenvertreter der Politik zu einer ersten Besichtigung dort. Von Sebastian Schöbel

Mit Pieps- und Lichtsignalen gibt die futuristische Ratsche bekannt: Schraube korrekt angezogen, Vorgang registriert und Daten in die Cloud hochgeladen. Bei Siemens in Spandau legen Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher am Freitag nacheinander mit einem High-Tech-Werkzeug Hand an. Die drei Politiker schrauben begeistert an einer hypermodernen, gas-isolierten Vakuum-Schaltanlage: weltweit einzigartige Technik - gebaut in Berlin.

Das Display im Griff und der LED-Ring am Kopfende des Geräts leuchten auf, die Ratsche vibriert leicht. In der hochmodernen Fertigung in den Werkshallen von Siemens kann man ihn sehen, den Arbeitsplatz der "Industrie 4.0": In klinisch reinen Fertigungshallen stehen Frauen und Männer in smarter Werkstattkleidung an blitzblanken Maschinenteilen, umringt von Monitorwänden auf denen virtuelle Modelle jeden Arbeitsschritt anzeigen, dokumentieren und auswerten.  

Es ist der bislang konkreteste Eindruck davon, was der "Innovationscampus" beziehungsweise die "Siemensstadt 2.0" sein wird: ein hochmoderner Arbeitsplatz, an dem sich Siemens vor allem auf sehr spezielle Bereiche konzentrieren will, sagt Siemens-Vorstand Cedrik Neike. "Die gesamte Energieerzeugung und -verteilung, Energiespeicher und - automatisierung, E-Mobilität und Signaltechnik."

Tafel mit dem Ausbau des zukünftigen Siemenscampus im Berliner Westen (Quelle: rbb/ Michel)
Karte des Entwicklungsgebietes "Siemensstadt 2.0" | Bild: rbb/ Michel

Eine alte Idee, neu entdeckt

Und drumherum, auf 70 Hektar in der Siemensstadt, soll ein ganzes neues Viertel entstehen: Mit Platz für Start-ups, Forschungseinrichtungen, Schulen, Erholungsangebote, ein Hotel und 200.000 Quadratmeter Wohnraum.

"Campus" heißt das Konzept im 21. Jahrhundert und wird gerade als Stadtmodell der Zukunft gefeiert. Dabei wurde es von Konzernen wie Siemens schon im 19. Jahrhundert praktiziert, als Arbeiter- und Industrieviertel in einem gebaut wurden, so wie die Siemensstadt eben. "Das ist nicht ganz neu", sagt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Heute, über 100 Jahre später, würden wieder alle darüber sprechen. "Aber keiner weiß so genau, wie es geht."

Denn im Campus von Siemens sollen nicht, wie einst, schlichte Werkswohnungen neben die Fabrikhallen geziegelt werden. Es geht um ein ganzheitliches Konzept, so heißt es, das Wohnen und Arbeiten sozial- und umweltverträglich vereinen soll - und zwar am besten hinter den denkmalgeschützen Resten der Industrie 1.0. Damit sei die Siemensstadt 2.0 das derzeit spannendste städtebauliche Projekt in Berlin, so Lüscher. "Weil die Industriearchitektur zur DNA Berlins gehört, und weil es weltweit eine der interessantesten Aufgaben ist, aus ehemaligen Industriearealen gemischte Quartiere zu entwickeln."

Blick vom Siemensgebäude in Berlin auf das Gartenfeld, wo der zukünftige Siemens Campus entstehen soll (Quelle: rbb/ Schöbel)
Blick auf das nördliche Siemensgelände: Hier soll der Campus entstehen | Bild: rbb/ Schöbel

Elite-Wissenschaftler für die nächste Industrierevolution

Die Umsetzung wird allerdings viele Jahre dauern, bis 2030, und sie soll Siemens gut 600 Millionen Euro kosten. Die öffentliche Hand wird laut Insidern etwa das Dreifache beisteuern müssen: für den Ausbau des Personennahverkehrs - allem voran mit der reaktivierten Siemensbahn zwischen Gartenfeld und Jungfernheide -, für den Breitbandanschluss, für den Straßenausbau und für vieles mehr.

Auch das entsprechend ausgebildete Personal darf nicht fehlen. Aber in Sachen Wissenschaft und Forschung habe Berlin ja gerade erst seinen Spitzenplatz in der bundesweiten Exzellenzinitiative unter Beweis gestellt, sagt der Regierende Bürgermeister Müller. "Das ist ganz wichtig, gerade auch für solche Investitionen wie die von Siemens, dass das wissenschaftliche Umfeld stimmt."

er Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) steht mit Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Bündnis90/Die Grünen) neben dem Siemens-Vorstandsmitglied Cedrik Neike (R) auf dem Dach eines Siemens-Verwaltungsbebäudes und lässt sich über den künftigen Siemens-Innovationscampus informieren (Quelle: rbb/ Michel)
Lüscher, Müller, Pop und Neike (von l.n.r.) | Bild: rbb /Michel

Start im Februar 2019

Erste Schritte hin zur Siemensstadt 2.0 sind auch schon gemacht: Die Senatskanzlei von Müller hat gemeinsam mit dem Unternehmen eine Steuerungsgruppe mit mehreren Arbeitsbereichen eingesetzt, so wie auch schon in den vorhergehenden Verhandlungen mit Siemens.

Im Februar oder März soll zudem schon einmal ein "Mini-Campus" eröffnen. Am historischen Dynamowerk an der Nonnendammallee will Siemens zusammen mit der Technischen Universität, dem Fraunhofer Institut und der Bundesanstalt für Materialforschung einen Industrie- und Wissenschaftscampus eröffnen. Hier soll unter anderem an neuen Produktionsmaterialien, elektrischen Antrieben und dem 3D Druck geforscht werden.

Danach solle der erste Schritt zum großen Siemenscampus gleich nebenan folgen, sagt Siemens-Manager Neike. "Der städtebauliche Wettbewerb wird im April, Mai gestartet." In dem werde definiert, was genau Siemens mit dem Campus vorhat und wie man den Charakter der Siemensstadt sowohl erhält als auch weiterentwickelt.  

Bürger sollen dem Campus einen Namen geben

Damit wird dann auch endlich ein konkreter Plan für die Siemensstadt 2.0 auf dem Tisch liegen - diesen Plan gibt es nämlich bislang noch gar nicht.

Genauso wenig wie einen Namen: "Innovationscampus" und "Siemensstadt 2.0" sind nämlich nur Arbeitstitel, sagt Cedric Neike. Wie der neue Stadtteil am Ende heißen soll, wolle man mit den Berlinern gemeinsam entscheiden.

Beitrag von Sebastian Schöbel

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