Wartende U-Bahnfahrgäste auf einem Bahnsteig am 10.12.2018 (Quelle: rbb)
Video: rbb24 | 10.12.2018 | Bild: rbb

Nach Chaos im Berufsverkehr - Fahrgastverband kritisiert Warnstreik der EVG

Ein Warnstreik der Gewerkschaft EVG hat am Montagmorgen den Bahnverkehr in Deutschland weitgehend lahmgelegt. Auch die Berliner S-Bahn war massiv betroffen - Hunderttausende Pendler kamen zu spät. Der Fahrgastverband übte im rbb scharfe Kritik.

Ein mehrstündiger bundesweiter Warnstreik bei der Deutschen Bahn hat am Montag auch den Bahn- und S-Bahnverkehr in Berlin und Brandenburg stark beeinträchtigt.

ICE-Züge und Intercitys fuhren am Morgen zwischen 5 und 9 Uhr nicht; in der Region fielen auch etliche Regionalzüge aus. Reisezentren wurden bestreikt. Hunderttausende Pendler, die die Berliner S-Bahn nutzen wollten, kamen ebenfalls nicht weiter: Ein Großteil der Züge fiel aus, denn die Berliner S-Bahn ist eine Tochter der Deutschen Bahn. Auch am Nachmittag kam es laut S-Bahn noch auf einzelnen Strecken zu Verspätungen und einzelnen Ausfällen.

Überfüllte U-Bahn am Hermannplatz (Quelle: rbb/Allhoff)
Überfüllte U-Bahnen am Hermannplatz | Bild: rbb/Allhoff

"Völlig unnötige Eskalation"

Bahn-Sprecher Achim Stauß kritisierte am Montag im rbb: "Der Streik war überflüssig, eine völlig unnötige Eskalation, die hunderttausende Pendler in Mitleidenschaft gezogen hat." Der Streik sei zudem zu kurzfristig angekündigt worden, so das die Bahn keinen Ersatzverkehr vorbereiten konnte.

Die Gewerkschaft EVG, die den Streik organisiert hatte, wies die Kritik zurück. Man habe bereits am Samstag angekündigt, dass gestreikt werden könne.

Doch auch Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn, kritisierte im rbb die Art und Weise des Streiks : "Wenn ich weiß, es kann gestreikt werden, bringt mir das nicht viel. Etwas genauer muss es dann schon sein." Das gelte insbesonders bei einem Streik mit solch massiven Auswirkungen. "Ein Streik im öffentlichen Verkehr ist was anderes, als ein Streik beim Kaufhaus. Da hab ich Alternativen. Der Pendler hat keine Alternativen und nimmt einen großen Schaden."

EVG-Sprecher: "Der Warnstreik ist nötig gewesen"

Die EVG hatte bundesweit zum Warnstreik aufgerufen. Hintergrund sind Tarifverhandlungen für rund 160.000 Beschäftigte der Bahn mit der EVG. Die Gewerkschaft hatte die Tarifgespräche am Wochenende abgebrochen. Parallel verhandelt die Bahn noch mit der Lokführergewerkschaft GDL. "Die Wucht des Streiks macht deutlich, wie groß die Verärgerung der Kollegen darüber ist, dass weiter kein abschlussfähiges Angebot vorliegt", bilanzierte ein Sprecher der EVG am Montag.

Nach dem Warnstreik teilte die Gewerkschaft EVG allerdings auch mit, die Deutsche Bahn sei inzwischen auf sie zugegangen. Man werde voraussichtlich am Dienstag wieder verhandeln. Deshalb verzichte man zunächst darauf, die Arbeit erneut niederzulegen. EVG-Sprecher Uwe Reitz sagte im rbb-Inforadio, er hoffe darauf, dass es noch vor Weihnachten eine Einigung gibt. Der Warnstreik sei aber nötig gewesen, betonte Reitz.

"Da kam man teilweise nicht mehr mit"

Zwischen Berlin und Brandenburg pendeln täglich Tausende. Viele Fahrgäste der Bahn stiegen am Montag aufs Auto um. U-Bahnen und Busse waren voller - zum Beispiel an den Bahnhöfen Alexanderplatz und Lichtenberg gab es dichtes Gedränge. "Da kam man teilweise nicht mehr mit", sagte eine Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).

Einige Busse hätten zudem im Stau gestanden, weil mehr Autos unterwegs gewesen seien. Vereinzelt kam es daher laut BVG zu Verspätungen von bis zu 90 Minuten. Bei  Regionalbahnen traten Verspätungen von 60 Minuten und mehr auf.

EVG mit Lohnangebot unzufrieden

Am Samstag hatte die EVG die Tarifverhandlungen für rund 160.000 Beschäftigte abgebrochen. Bei der Lohnerhöhung war der Konzern der Gewerkschaft aus deren Sicht nicht weit genug entgegengekommen.

Die Bahn empfahl am Montag auf Ihrer Webseite [bahn.de], Reisen wenn möglich zu verschieben. Im Fernverkehr sollen alle für Montag gekauften Tickets bis Dienstag gültig bleiben. Für bestimmte Spartickets werde zudem die Zugbindung aufgehoben. Im Fall von Reiseabsagen wegen des Warnstreiks waren Erstattungen von Tickets und Reservierungen geplant.

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52 Kommentare

  1. 52.

    Nicht nur auf den eigenen Betrieb schauen, auch andere arbeiten so. Schauen Sie sich die Bedingungen in den Krankenhäusern an. Die streiken nicht flächendeckend. Außerdem... auf dem "Sofa" war eben keiner, sondern auf Bahnsteigen. Aber das hat Bahner noch nie Interessiert.

  2. 51.

    Soll das lustig sein? Ob morgens oder abends ist egal. Es trifft nicht die DB sondern die Fahrgäste. Und das flächendeckend. Das ist das Grundübel an Streiks, die in quasi Monopolbetrieben stattfinden. Die BVG war nur in Berlin eine Alternative. Pendler waren aufgeschmissen.

  3. 50.

    „Solidarität mit der arbeitenden Bevölkerung und angemessenen Streik mit Fingespitzengefühl dass kennen die Bahn-Gewerkschaftsführer nicht.“ – Doch. Deshalb wurde der morgendliche Berufsverkehr bestreikt und nicht der Feierabendverkehr. Dann hätten Sie wirklich Grund sich zu beschweren.

  4. 49.

    Der letzte „Gewerkschaftsterror“ war im September 2014 und Mai 2015. Ihre Wut funktioniert besser als Ihr Gedächtnis. Seien Sie ehrlich: Sie wünschen sich „Friedenspflicht“ vom 1. Januar bis 31. Dezember.

  5. 48.

    Am schönsten finde ich Ihren Punkt 2. Nicht nur, weil Sie damit in einer ganz tollen Tradition stehen, denn in Deutschland wurden Gewerkschaften zuletzt 1933 verboten. Sondern auch, weil Privatbahnen und BVG bei dieser Drohung Luftsprünge machen werden. Der Arbeitsmarkt für Bahnpersonal ist wie leergefegt, neue Lokführer sind noch schwerer zu kriegen als neue Züge, und Sie wollen die Gewerkschafter bei der DB rausschmeißen? Das wird ein Fest! :-P

  6. 47.

    Da machen die zahmen deutschen Gewerkschaften mal etwas richtig, und schon geht das Geheul los. Am Freitag noch: „Ja, die Franzosen, die lassen sich nicht alles gefallen, die gehen auch mal auf die Straße!“ Und dann am Montag: „Scheiß Gewerkschaften, ich komme nicht zur Arbeit!“

    An alle Untertanen und Lohnsklaven: Wenn ein Streik niemandem wehtut, erreicht er nichts. Und nun seid weiter feige.

  7. 46.

    Einen Streik, der keine Auswirkungen hat, kann man sich schenken. Das sollte man als Gewerkschaftsmitglied eigentlich wissen.

  8. 45.

    Ich überlege ernsthaft, ob ich aus meiner Gewerkschaft austrete. Von Gewerkschaftskollegen derart sinnlos bestreikt zu werden, das schlägt dem Fass den Boden aus. Ihr da bei der EVG, was soll das? Zu der Zeit des Streiks waren Eure Kollegen zur Arbeit unterwegs. Also Inhaber von Dauerkarten. Das merkt Euer Arbeitgeber überhaupt nicht. Streik nach 9 Uhr hätte wenigstens dazu geführt, dass weniger Einzelfahrscheine durch Touristen und Gelegenheitsnutzer der S-Bahn verkauft werden. Wenigstens eine kleine Umsatzeinbuße. Aber so? Danke „Kollegen“!

  9. 44.

    Das nenne ich Gewerkschafts-Terror. Alle Jahre wieder. Immer zu den Feiertagen oder zur Urlaubszeit! Mein Vorschlag wäre Friedenspflicht von 15. Nov. bis 15. Januar.

  10. 43.

    Es ist wieder typisch für diese Gesellschaft, dass vom heimischen Sofa aus viel gemeckert und sich über die eigene Situation beklagt wird. Wenn doch wir Bahner "zu viel" verdienen frage ich mich, warum sich kaum noch Menschen bei der DB bewerben bzw. umschulen lassen, um die eigene finanzielle Situation zu bessern. Die Antwort liegt klar auf der Hand: Kaum jemand will in Schichten arbeiten, dazu noch an Wochenenden und Feiertage und ggf. Nachtschichten an Neujahr schieben und teilweise mehr als 130 Überstunden und 12 Zusatzdienste im Jahr machen, damit der Verkehr einigermaßen rollt. Dazu scheinen viele sich zu fein zu sein. Ob der Streik der EVG angemessen war oder nicht, ist die eine Sache. Dass die Vorlage des Arbeitgebers eben nicht ausreichte eine andere. An alle die sich beschweren kann ich nur eines sagen: Die DB sucht händeringend nach Arbeitskräfte. Bewerbt euch!

  11. 42.

    stimme Ihnen zu. Das Streikrecht ist wichtig, jedoch sollte bei der Ausübung immer verantwortungsvoll vorgegangen werden. Nicht alles was man darf muss man auch machen.

  12. 41.

    Stimme Ihnen voll zu. Habe schon an anderer Stelle meine Solidarität mit den Eisenbahnern bekundet.

  13. 40.

    Ich wundere mich über die Dummheit oder Naivität mancher Menschen. Streikziele ankündigen, Ersatzverkehr zulassen? Wozu streike ich dann? *kopfschüttel*

  14. 39.

    was heisst hier" die wucht des Streiks zeigt wie notwendig es war", so ein Scheiss zu äussern von einem Sprecher der EVG zeigt wie unverantwortlich und nur darauf bedacht die eigenen Egoismen zu befriedigen.Sie haben doch die Wucht bestimmt und alles lahmgelegt.Machtgehabe und wilde Drohungen wie ein Kuhjunge.Solidarität mit der arbeitenden Bevölkerung und angemessenen Streik mit Fingespitzengefühl dass kennen die Bahn-Gewerkschaftsführer nicht.Warum wird nicht ein Warnstreik mit Augenmass geführt.Aber hier wird nur noch nach eigenen Interessengruppen agiert.

  15. 38.

    Das Problem ist doch überhaupt nicht der Streik als solches. Es ist schließlich ihr gutes Recht um ihre Forderungen durchzusetzen.
    Die Frage ist aber: Wer wird hier bestreikt?
    Es handelt sich ja offenbar um einen Streit zwischen der DB und der Gewerkschaft. Dann sollen bitte auch nur die Züge der DB bestreikt werden.

    Durch die Streiks in den Stellwerken und Bahnhöfen leiden aber auch zehntausende Kunden der privaten Bahnen. Das kann man bei einem Warnstreik nicht machen. So verspielt man Akzeptanz in der Bevölkerung.

  16. 37.

    Wo sind wir in Deutschland nur gelandet? Gehört das ZDF auch schon zur Lügenpresse? Wer in den Nachrichten nur über die nackte Forderung berichtet, der ist einfach nur dumm!! Zu einer sauberen Berichterstattung gehören auch die Laufzeit und weitere Dinge, alles in Verbindung mit der Preissteigerungsrate. Die Äußerungen des Fahrgastverband ist einfach nur dumm. So denken nur Trittbrettfahrer, nicht aber wirklich Betroffene.

  17. 36.

    Alle die jetzt ihren Frust mal wieder an die Bahnmitarbeiter auslassen, haben leider keine Ahnung, was wirklich alles so im wahren Leben so abläuft. Wenn man im Jahr über 100 Stunden mehr Arbeit anhäuft, sollte das mal schon zu denken geben. Und manche Kommentare wären dann schon überflüssig. Aber Leute geben hier ihren Senf ab, die leider keine Ahnung von der Materie haben.

  18. 35.

    mir wurde morgenns an der Bahnhotline noch gesagt, dass mein Zug (von Luckenwalde nach Berlin) fährt, ist er auch. Bis Luckenwalde, da war erstmal schluss, die haben also Pendler aus Falkenberg bis Luckenwalde gekarrt (ca. 50min.), also hatte ich noch Glück, dass er nicht bis ins nächste Kaff gefahren und da stehen geblieben ist. Auch wurde gesagt, dass die ODEG fahren würde, da sie ja nicht zur Bahn gehört, aber wenn die Bahn die Gleise blockiert, kommt die auch nicht durch. So einen Streik kann man auch anders aufziehen. War beim GDL Streik so, da fuhr immerhin die ODEG.

  19. 33.

    Bei diesen Aktionen wird niemand mehr gewillt sein freiwillig auf den ÖPNV umzusteigen! Deshalb sind die Forderungen der Politik einfach träumerei.
    Ich hoffe das es auch die deutsche Umwelthilfe betroffen hat!

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