Die App BerlKönig auf dem Bildschirm eines Smartphones. (Quelle: imago/Xander Heinl)
Bild: imago/Xander Heinl

Ridesharing in Berlin - Kann der Berlkönig das private Auto killen?

"Berlkönig" und "Clever Shuttle": Der Senat will mit Ridesharing-Angeboten Pkw-Besitzer weg vom eigenen Auto locken. Kritiker befürchten jedoch, dass die Sammeltaxis den Autoverkehr weiter verstärken. Von Mara Nolte

Schauspieler Uwe Ochsenknecht tut es. Nachts und betrunken. Er fährt Berlkönig. Ochsenknecht torkelt zusammen mit Sohn Wilson Gonzalez aus einer Bar. Der Sohn zückt das Handy und bestellt per App den Berlkönig, das Ride-Sharing-Angebot der BVG. Eine Art Sammeltaxi, das seit September in Berlin aktiv ist. Unterwegs steigen noch ein paar Fahrgäste zu und werden von einem professionellen Fahrer an ihr jeweiliges Ziel gebracht. Zwar nicht bis vor die Haustür, aber in die Nähe einer Haltestelle.

Die Ochsenknechts fahren zwar nur in einem Werbeclip der BVG mit dem Berlkönig, in Realität nutzen das Angebot aber tatsächlich tausende Berliner. Die App wurde laut BVG bisher über 120.000 Mal heruntergeladen. Rund drei Monate nach Start hatten die Berlkönige 100.000 Fahrten absolviert. Vier Wochen später waren es 200.000. Die Anzahl der Flotte hat sich laut BVG von 50 auf 100 verdoppelt. Angepeilt sind 300 Fahrzeuge.

Ridesharing-Angebote werden stark nachgefragt

Auch das Unternehmen Clever Shuttle, an dem die Deutsche Bahn mehrheitlich beteiligt ist und das in Berlin seit 2016 mit 30 elektronisch und durch Wasserstoff betriebenen Fahrzeugen unterwegs ist, klagt nicht über mangelnde Fahrgesuche, im Gegenteil.

"Wir sind in der seltsamen Situation, dass wir 50 bis 60 Prozent der Kunden nicht bedienen können", sagt Fabio Adlassnigg, Pressesprecher von Clever Shuttle. "Das klingt zwar luxuriös, aber wir verärgern so auch Kunden."

Senat für Verkehr testet Ridesharing auf Sparflamme

Clever Shuttle würde gerne mit mehr Fahrzeugen in Berlin aktiv sein. In seinem Wachstumswunsch beschränkt wird das Angebot aber durch den Berliner Senat für Verkehr. Dieser hat dem Unternehmen im Rahmen des Personenbeförderungsgesetzes eine Ausnahmegenehmigungen für Ridesharing in Berlin erteilt. Clever Shuttle darf in der Stadt demnach mit 30 Fahrzeugen unterwegs sein, der Berlkönig mit 100.

Berlkönig fährt durch die Nacht

Zielgruppe des Berlkönigs seien Autofahrer, denen man eine komfortable Alternative zum eigenen Pkw anbiete. Das hatte Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos) vor Start des Angebots dem Tagesspiegel gesagt. Zurzeit steigt die Zahl der Autos in Berlin von Jahr zu Jahr an. So waren bis Ende vergangenen Jahres 1,21 Millionen Autos zugelassen. 2017 waren es 1,19 Millionen, ein Jahr zuvor 1,17 Millionen. Vor zehn Jahren waren in Berlin 1,08 Millionen Pkw zugelassen.

Ob der Berlkönig tatsächlich mehrheitlich als Alternative zum Privatauto oder doch statt Taxi oder Bus und Bahn genutzt wird, kann die BVG momentan aber noch nicht sagen. Man erhebe die Daten, die Auswertung sei allerdings noch nicht abgeschlossen.   

Für einen Stadtverkehr weg vom Auto haben ARD-Reporter im vergangenen Sommer in München ernüchternde Erfahrungen gemacht. In einer Reportage waren mehrere Ridesharing-Angebote mit der Kamera begleitet worden. Fast alle Fahrgäste hatten dabei angegeben, dass sie sonst Bus und Bahn nutzen. Der Verkehrsforscher Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik, bewertet die Angebote kritisch: "Die Erfahrungen zeigen, da sitzen dann ein oder zwei Leute drin, die in einem Kleinbus durch die Stadt geschippert werden. Und das wird die Verkehrsprobleme nur zusätzlich verschärfen."

Die Primetime des Berlkönig ist laut BVG Freitag- und Samstagnacht. Der Fahrservice werde zunehmend aber auch unter der Woche, vor allem früh morgens und am späten Nachmittag, angefragt, so BVG-Sprecher Markus Falkner gegenüber rbb|24.

BerlKönig- Rufbus der Berliner Verkehrsbetriebe unterwegs in Berlin. (Quelle: imago/T. Seeliger)
Am häufigsten wird der Berlkönig Freitag- und Samstagnacht genutzt Bild: imago/T. Seeliger

Studie belegt mehr Verkehr in den USA

Ob Ridesharing den öffentlichen Nahverkehr schwächt und vielleicht sogar zu mehr Autoverkehr führt, kommt stark auf die Bedingungen an unter denen die Fahrzeuge unterwegs seien, sagt Mobilitätsforscher Oliver Schwedes von der TU Berlin. Agierten die Unternehmen ohne Regulation, drücke das die Sozialstandards und der Verkehr würde unsicherer. Für die USA gebe es bereits Studien, dass der Autoverkehr in Großstädten erhöht würde.

Demnach seien in vielen Fällen Fahrgäste von öffentlichen Verkehrsmitteln auf private Fahrdienste umgestiegen. In Deutschland sind die Regulierungen allerdings strenger als in den USA. Dort dürfen auch Privatpersonen über Apps wie Uber und Lyft Ridesharing anbieten. Bei rund 8,6 Millionen Einwohnern sind in New York derzeit zirka 100.000 Autos über Uber & Co. unterwegs.

Eigenes Auto nur noch für den Wochenendausflug

Die durchaus attraktiven Angebote führten nicht automatisch dazu, dass der private Pkw abgegeben werde, so Schwedes. Um eine tatsächliche Reduzierung privater Autos und damit Entlastung des Stadtverkehrs zu erreichen, müsse Ridesharing in ein nachhaltiges Gesamtkonzept integriert werden.

Neben Anreizen braucht es auch Abschreckung. In einer Studie hat der Mobilitätsforscher herausgefunden, dass mehr kostenpflichtige Parkplätze in Berlin dazu führen würden, dass 30 Prozent der Pendler ihr eigenes Auto stehen lassen würden. "In Pankow haben wir außerdem festgestellt, dass einige Autobesitzer im Grunde kurz davor sind ihren Pkw aufzugeben", sagt Schwedes. "Das eigene Auto behalten sie nur noch für den gelegentlichen Trip zu Ikea oder den Wochenendausflug nach Brandenburg". Gäbe es dafür attraktive Alternativen, könnten einige sagen: "Ok, dann leiste ich mir das Auto jetzt nicht mehr", so der Mobilitätsforscher.

Ausdehnung des Angebots derzeit nicht geplant

Weiter als über den S-Bahn-Ring kommt man in Berlin mit dem Berlkönig derzeit aber nicht, der Einsatzbereich beschränkt sich auf den Berliner Osten im Ring. Erweiterungen seien laut BVG zwar denkbar, aber momentan nicht geplant. Mit Clever Shuttle kommt man etwas weiter. Der Anbieter fährt von Grunewald bis Hohenschönhausen und von Lichtenberg bis fast nach Spandau.

Sollte Berlin sich dafür entscheiden, das Ridesharing-Angebot weiter auszubauen, mangelt es nicht an Interessenten. Uber hatte bereits angekündigt, mit dem Service UberGreen an den Start gehen zu wollen. Auch VW wäre gerne mit dem Service Moia in der Hauptstadt gestartet. Ein Antrag war beim zuständigen Landesamt aber nicht genehmigt worden.  

Sendung: Inforadio, 1.2.2019, 07:20 Uhr

Berichtigung: In einer früheren Version hatten wir geschrieben, Clever Shuttle sei nur in der Innenstadt unterwegs. Tatsächlich geht das Angebot darüber hinaus. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen!

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Beitrag von Mara Nolte

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17 Kommentare

  1. 17.

    Diese Fahrdienste sind illegale Taxidienstleister, denn sonst müssten sie andere Tarife haben und keine Individualfahrten.

  2. 16.

    Antwort auf Dieter:
    Keine Serviceorientierung ist nie gut für das befördernde Gewerbe ( und damit meine ich nicht die Deutschkenntnisse, sondern die Unhöflichkeit auf berlinerisch) Und umso mehr Menschen, wie du Dieter, mit der BVG fahren würden, umso weniger "der anderen" wären zu bemerken :-)

  3. 15.

    PARKENDE Autos verursachen nun wirklich keine Umweltbelastung, weshalb sollte man sich daran stören (außer natürlich aus Neid, den die Besitzlosen stets haben)?

    "BerlKönig" ist - mal abgesehen von dem in jeder Hinsicht sperrigen Namen - eine gute Alternative zu den vollgekotzten und zugetagten sonstigen gelben Beförderungsmitteln, wo leider wirklich JEDER mitfahren darf, und deshalb viele (auch ich) nicht mitfahren wollen.

    Wenn nun noch diese unsägliche Beschränkung innerhalb des S-Bahn-Rings aufgegeben wird, hätte man endlich mal ein Verkehrsmittel, das nicht so proletarisch wie die BVG und nicht so nervig wie der rüpelnde Taxifahrer wäre.

    Da aber die BVG die Konkurrenz im eigenen Hause kaum dauerhaft dulden kann, ist das jähe Ende von BerlKönig leider schon abzusehen.

  4. 14.

    Sind das nicht die, die seit wenigen Monaten unsere Fahrradwege zustellen, sich nicht an geltende Verkehrsregeln halten und nur von Fahrern mit kaum bis keinen Deutschkenntnissen gelenkt werden? Für mich nur eine Gefahrenquelle mehr im Verkehr.

  5. 13.

    Kurze Antwort: NEIN

  6. 12.

    Uber: die zuständige Senatverwaltung für Verkehr hat darauf bestimmt eine gute Antwort- schließlich kennt man sich ja gut!

  7. 11.

    Ich frage mich, ob der BerlKönig zum Kerngeschäft eines ÖPNV Unternehmens gehört, das viele "Baustellen" hat? Und ob dieses Modell nicht besser in den Gebieten mit schlechter (nächtlicher) ÖPNV-Anbindung angesiedelt sein sollte. Auch stellt sich die Frage, warum Uber immer noch in Berlin rumfährt? Und die Sammeltaxis nicht besser von Berufskraftfahrer/innen mit richtigem P-Schein aus den Taxenzentralen heraus betrieben werden können, die Fahrzeuge sind ja vorhanden?

  8. 9.

    Verpast du als Hipster Bus oder Bahn in Kreuzberg bezahlst du drauf mit Berlkönig. Die BVG freut sich über Fahrzeuge der Firma Daimler Benz. Sprudelnde Einnahmen auch durch die Berlinweite Uber- Werbung. Beides braucht niemand wirklich. Gut wären einfach mal Pünktliche öffentliche Verkehrsmittel ansonsten geht auch das normale Taxi.

  9. 8.

    CLEVERSHUTTLE

    RIDESHARING

    spricht man in der DEUTSCHEN Hauptstadt
    jetzt nicht mehr die Landessprache?

    Was soll diese linguistische Arschkriecherei?

  10. 7.

    Also da wo ich hin muß, fahren keine Öffentlichen und Carsharing schon gar nicht, also bin ich auch weiterhin auf's eigene Auto angewiesen, sogerne ich es auch ändern wollen würde...

  11. 6.

    Die Darstellung, dass man über den S-Bahn-Ring nicht hinauskommt, ist falsch. Clevershuttle bietet als einer der wenigen "modernen" Mobilitätsdienstleister überhaupt auch fahrten außerhalb des S-Bahn-Rings an.

    So werden die dicht besiedelten Gebiete Rummelsburg, Alt-Lichtenberg, Friedrichsfelde und Karlshorst im Osten auch bedienst. Im Süden geht das Gebiet bis Steglitz und Lichterfelde, im Westen ist die Siemensstadt dabei, im Norden ist der ganze Wedding und Pankow auch im Gebiet.

    Sei es Radverleih, Carsharing oder "innovative Mobilitätsdienstleistungen". Clevershuttle ist mit seinem Bediengebiet einer der wenigen Anbieter, die überhaupt etwas außerhalb des sowieso schon dichten S- und U-Bahn-Netztes des Innenstadt anbieten.

  12. 5.

    Genau so ist es! Richtig! Was nützen mir die ganzen Car Sharing Unternehmen, wenn Ihr Einsatzgebiet nicht auch in den Außenbezirken gilt, wo ich wohne? Gerade HIER brauche ich doch das Car Sharing Fahrzeug um nach Hause zu kommen oder von hier zu starten, weil genau HIER eben kein Bus oder keine Bahn fährt! Größtes Manko beim Car Sharing und deshalb für mich (leider) keine Alternative! Vielleicht begreift das irgendwann mal einer. Im Innenstadtbereich brauche ich kein Car Sharing, da gibt es genügend öffentliche Verkehrsmittel.

  13. 4.

    Dank einer verfehlten Verkehrspolitik soll ich auf meinen Wagen verzichten? Nöö, so wird das nichts. Zwar lasse ich die Dose so oft es geht stehen und nehme auch am Carsharing teil, aber mein Fahr-und Motorrad sind die besseren Alternativen und die (bezahlte und alte aber zuverlässige sparsame) Dose bleibt.
    Ich gehe dafür gerne und hart arbeiten, werde mir von unfähigen Politikern nicht vorschreiben lassen, wie ich mich vorwärts zu bewegen habe. Solange ich verantwortlich mit den Ressourcen umgehe, ist alles in Ordnung.
    Das die Pankower auf ihr Auto verzichten wollen, liegt wohl eher an dem Umstand, dass die Umlandpendler uns hier mit ihren Autos derart penetrieren, dass man freiwillig seinen Wagen stehen lässt, weil man glücklich ist, mal in der Nähe einen Parkplatz gefunden zu haben. Anfragen an die zuständige Behörde auf Einrichtung einer Parkzone werden erfolgreich seit Jahren abgeschmettert.

  14. 3.

    "Weiter als über den S-Bahn-Ring kommt man in Berlin mit den Ridesharing-Angeboten derzeit aber nicht." Also keine Alternative zum Auto. Innerhalb des S Bahn Rings fahren Busse und Bahnen auch nachts ausreichend... Aber nach Hause komme ich nachts damit nicht.... Also eigenes Auto. Gebiet der Carsharing reichen auch nicht bis zu mir.

  15. 2.

    Besser sind flächendeckende Busspuren und echte 5min oder 3min Takte. Damit es dann entsprechend der eigenen "BVG Pünktlichkeit" nicht mehr als 4,5min Wartezeit sind. Schneller kommt ein Taxi auch nicht. Nur dürfen die Busspuren dann nicht von solchen Diensten verstopft werden, damit die Busse trotz der Haltestellen schneller sind. Nur so wird der ÖPNV zu einer attraktiven Alternative. Busse, die ständig kommen, angemessen gefüllt - nicht vollgestopft - sind, so dass an jeder Haltestelle der Ein- und Ausstieg - ohne großes Gedränge - auch schnell geht.
    @BVG & Senat: Bequem, zuverlässig und schnell ist auch im ÖPNV möglich. Flächendeckende Busspuren sind im inneren Ring und auf den in die Zentren führenden Hauptstraßen sofort möglich. Vorrang für den ÖPNV muss nur wirklich gewollt sein.

  16. 1.

    Vor allem die kostenpflichtigen Parkplätze müssen kommen. Gleichzeitig müssen die Anwohnerparkausweise nicht mehr für einen Appel und ein Ei verscherbelt werden, sondern den tatsächlichen Marktwert von 10m^2 Stadtfläche widerspiegeln.

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