Zwei U-Bahn-Züge der BVG in einer Werkstatt in Berlin (dpa/Fischer).
Audio: Inforadio | 31.01.2019 | Thorsten Gabriel | Bild: dpa/Gregor Fischer

U-Bahn-Instandhaltung am Limit - Wegen einer kaputten Tür bleibt keine U-Bahn stehen

Nicht nur für die Fahrgäste sind die nahezu historischen U-Bahn-Wagen der BVG eine tägliche Belastungsprobe, sondern auch für die Werkstätten. Damit sie hinterherkommen, wird nur noch das Nötigste gemacht. Von Thorsten Gabriel

F79. In BVG-Kreisen ist das so etwas wie ein Kürzel für Kopfschmerzen – die Probleme bei der U-Bahn, zusammengeschrumpft auf drei Zeichen. Es ist der Name einer Fahrzeugbaureihe, die 1979 auf die Schiene gesetzt wurde. Mittlerweile hat sie 40 Jahre auf dem Buckel und ist immer noch im Einsatz – mit Betonung auf: noch. Denn im Herbst 2017 wurden an einzelnen Wagen irreparable Risse entdeckt. Nach und nach musste deshalb Wagen um Wagen aus dem Verkehr gezogen werden. Von 70 Fahrzeugen der Baureihe sind jetzt nur noch 44 auf der Schiene.

"Es ist für uns nicht berechenbar, wann der nächste Wagen ausfällt", sagt Stefan Kärgel. Er leitet die U-Bahn-Werkstätten bei der BVG und ist tagtäglich mit den Schadensfällen der Fahrzeuge konfrontiert. 2020, so schätzt er, dürfte auch die letzte F79er-U-Bahn runter vom Gleis sein.

Ersatzzüge sind zwar mittlerweile bestellt, werden aber kaum vor Mitte nächsten Jahres geliefert. So klaffte zuletzt an immer mehr Tagen eine bedenkliche Lücke zwischen den benötigten und den verfügbaren U-Bahn-Wagen. Mit der Folge, dass die Züge entweder mit verkürzter Länge unterwegs waren oder ganz ausfielen.

"Eine einzelne kaputte Tür ist kein Grund für sofortigen Werkstatt-Aufenthalt"

Das ist nicht nur eine Belastungsprobe für die Fahrgäste, sondern auch für die Werkstätten. Züge, die hier einrollen, sollen auch möglichst schnell wieder raus in den Verkehr. Da bleibt mittlerweile nicht mehr viel Zeit fürs Ausbessern und Aufmöbeln. "Alles, was der Sicherheit dient, wird gemacht, aber ansonsten …", sagt der für die Werkstätten zuständige Gesamtpersonalrat Harry Scholz. "Mein Lieblingsbeispiel ist immer die Tür: Wenn in acht Stunden das Fahrzeug nicht fertig wird, dann fährt es trotz einer kaputten Tür runter und wird irgendwann, wenn es nicht benötigt wird, wieder der Werkstatt wieder zugeführt. Wir haben sozusagen einen doppelten Prozess."

Das sei früher undenkbar gewesen, sagt Scholz. Da hätte es für jeden Zug, der in die Werkstatt gekommen sei, ein Rundumsorglos-Paket gegeben. Auch Wagen mit aufgeschlitzten Sitzpolstern hätten die Werkstatt nicht verlassen. Dass das heute nicht mehr so ist, räumt auch Fahrzeug-Abteilungsleiter Kärgel ein. "Es ist so, dass wir sagen: Wenn eine bestimmte Anzahl defekter Türen nicht überschritten wird, dürfen diese Fahrzeuge noch fahren. Sie sollten dann aber natürlich der Werkstatt so schnell wie möglich zugeführt werden." Mehr als zwei Türen sollten an einem Sechs-Wagen-Zug nicht defekt sein, und diese dürften auch nicht nebeneinander liegen, betont Kärgel.

Ist die Sicherheit in Gefahr?

Züge, die die Werkstatt verlassen, bevor sie gänzlich wieder in Schuss sind – aus Sicht derjenigen, die dafür sorgen sollen, dass möglichst viele Züge für die Fahrgäste zur Verfügung stehen, ist das so etwas wie ein notwendiges Übel. Doch manch einer denkt dabei auch an die Krise bei der S-Bahn vor zehn Jahren. Dort wurden seinerzeit Standards aufgeweicht und Wartungsintervalle soweit gedehnt, bis die Fahrzeuge zum Sicherheitsrisiko wurden. Wer mit dieser Erfahrung auf den U-Bahn-Betrieb blickt, stellt sich durchaus die Frage, ob nicht auch hier die Sicherheit ins Hintertreffen geraten könnte.

Da allerdings winken Gesamtpersonalrat und Abteilungsleiter in großer Einmütigkeit ab. "Nein", versichert Harry Scholz. Da habe er in den vergangenen Jahren immer sehr genau aufgepasst. Besonders, als die BVG vor einigen Jahren Mitarbeiter einer Unternehmensberatung durch die Werkstätten schickte um Prozesse zu optimieren. "Die wussten ganz genau, dass sie hier starke Arbeitnehmervertretungen haben und sie diese Dinge nicht machen konnten. Ich habe ihnen von vornherein gesagt, wenn ihr irgendwas macht, was die Fahrgastsicherheit gefährdet, dann werde ich nicht hinterher sagen, ich hätte von nichts gewusst, sondern dann bin ich sofort in der Öffentlichkeit."

"Da haben wir noch einen gewissen Korrekturbedarf"

"Die Kolleginnen und Kollegen, gerade auch aus den technischen Bereichen, haben da wirklich die Hand draufgehalten", sagt auch Stefan Kärgel, der hier erst Abteilungsleiter wurde, als die Unternehmensberater die Werkstätten schon wieder verlassen hatten. Auf die ist Gesamtpersonalrat Scholz nicht gut zu sprechen. Die hätten "mit Folien und Excel-Tabellen kaufmännisch alles erklärt" und es seien daraufhin Werkstattabläufe geändert worden – nicht zum Besseren, wie er findet. Früher sei ein Fahrzeug in die Werkstatt gekommen und komplett bearbeitet worden. Nun wurde dieser Prozess in Einzelschritte zerlegt. "Der Ansatz ist nicht schlecht gewesen, aber es ist nicht vernünftig zu Ende gedacht worden", bilanziert Scholz.

Auch Abteilungsleiter Kärgel versucht sich nicht an Lobeshymnen für die derzeitigen Werkstattabläufe, sondern formuliert diplomatisch, dass es "ein paar Punkte" gebe, die "durchaus positiv" seien. Aber er fügt hinzu: "Andere strukturelle Veränderungen waren nicht ganz so glücklich, so möchte ich es mal einfach nennen. Ich glaube, da haben wir einfach nochmal einen gewissen Korrekturbedarf." Für ihn erklären sich die seinerzeitigen Prozessveränderungen "so ein bisschen aus dem Zwang heraus, dass man gesagt hat, man braucht Fahrzeuge, die muss man so schnell wie möglich zur Verfügung stellen. Dann hat man versucht, dieses Auf und Ab, das man in der Instandhaltung hat, etwas zu glätten und hat dadurch aber neue Baustellen geschaffen. Wir sind jetzt gerade auf dem Weg, dass wir dieses System wieder zurückführen, damit wir eine vernünftige Basis haben für eine Verfügbarkeit von Fahrzeugen."

Bei der Konkurrenz wird mehr verdient

Ein Schritt, der vor allem positive Folgen für die Motivation des Werkstattpersonals haben könnte. Mittlerweile ist dies ein nicht zu unterschätzender Faktor, denn wie im Fahrdienst wird es auch in den Werkstätten immer schwieriger Fachkräfte zu halten und neue zu verpflichten. Die Konkurrenz ist groß in der Stadt. Nicht nur die Deutsche Bahn stellt in großem Umfang ein, auch Fahrzeughersteller wie Stadler in Pankow haben großen Bedarf. Die BVG hat dabei nicht selten allein aus finanziellen Gründen das Nachsehen, erklärt Personalrat Scholz: "Letztendlich sind es auch die Löhne. Wir verdienen im Schnitt zehn bis 30 Prozent weniger als die Handwerker bei Stadler."

Ein Thema, das in den kommenden Wochen auch eine wichtige Rolle bei den gerade begonnenen Tarifverhandlungen für die BVG spielen wird. Die Zeiten ändern sich: Noch vor 15 Jahren wurden die Einstiegsgehälter der BVG-Beschäftigten radikal reduziert um das Unternehmen wettbewerbsfähig zu machen, wie es damals hieß. Nun muss wieder ordentlich draufgelegt werden – kurioserweise aus dem gleichen Grund.

Das ist auch deshalb wichtig, weil in den kommenden Jahren die nicht zuletzt von den Fahrgästen heiß ersehnten nagelneuen Wagen ausgeliefert werden. Die mögen dann zwar fitter sein als die altersschwachen F79er und andere derzeit noch rollenden Oldie-Jahrgänge, dürften dafür aber ein paar "Kinderkrankheiten" mitbringen, die geheilt werden müssen. Einen Personalabbau dürfte es in den Werkstätten wohl so schnell nicht geben.

Sendung: Inforadio, 31.01.2019, 7:20 Uhr

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Beitrag von Thorsten Gabriel

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Antwort auf [Helmut Krüger] vom 31.01.2019 um 18:04
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13 Kommentare

  1. 13.

    Jenau so isses, Herr Neumann!
    Entweder man ist gleich schnell oder aber wesentlich zuverlässiger mit dem Rad. Denn ich weiß, wie weit ich komme und wie schnell. Bei der BVG ist immer der Unsicherheitsfaktor "kommta/kommtse oder kommta/kommtse nich" (Bus/Bahn). Besonders "nett", wenn ich Arzttermin im Umland habe und dann im Zweifel den Weg umsonst angetreten habe (kostet mich Ausfall-Geld wird fällig plus Behandlung entfällt, weil auf Zuspätkommer keine Rücksicht genommen werden kann, da eng getaktet). Also da, wo die S-Bahnen nur so alle 20 min. fahren und der X-Bus irgendwie nach 'ner Monduhr kommt und fährt.
    Nee, echt keine Alternative.

  2. 12.

    Für die kurzen Wege, die ein durschnittlicher Radfahrer in Berlin zurücklegt, ist die BVG eh oft keine Alternative, da erforderliche Umstiege Zeit kosten. Die Wege des ÖPNV-Nutzers sind aber fast 3x so lang.

  3. 11.

    Wie schon beim Ausbau des Steassenbahnnetzes führt der heutige Senat nur die von der Vorgängerregierung eingeleitet Schritte fort. Sie schmücken den also mit fremden Federn.

  4. 10.

    Man kann Frau Nikutta vieles vorwerfen. Aber hier zum Thema hat sie über lange Jahre dicke Bretter beim Senat bohren müssen und erst mit der Drohung der Einstellung von Linien neue Züge zugesagt bekommen.

    Anders als für Busse und Personal ist hier der Senat zuständig, nicht die BVG.

  5. 9.

    Ich stelle mir "kaputte Tür" im Berufsverkehr und im Fluchtwegfall vor (z.B. bei Brand oder Anschlag in Waggon)...
    Ich bleib' bei Fahrrad, auch, wenn's kalt ist.

  6. 8.

    Wieviele Türen hat und wie lang ist ein U-Bahnzug?

  7. 7.

    Alles was in Lichtgeschwindigkeit verläuft, wird selber zu Licht. Alles ist sonst keine Materie vorhanden, mithin auch keine U-Bahn und keine defekte U-Bahn.

    Bleibt angesichts einer Entwicklung fern der Lichtgeschwindigkeit die Frage, worauf das zurückgeht. Bei der S-Bahn als Tocher der zur Deutschen Bahn AG gewordenen Bahn sind die Anteile in etwa gleich verteilt: Der eine hat eine kommerzielle Aufteilung der Bahn vorgenommen, der andere wollte sie an die Börse bringen. Auch die BVG blieb von derartigen Ideen nicht verschont.

    Dass alles Gold war, daran kann ich mich nicht erinnern. Einzig die Züge fuhren wirklich zuverlässiger, weil Instandhaltung noch ein zutreffender Begriff war und nicht einer der Newspeak, der nur die Wiederinstandsetzung meint.

  8. 6.

    Da kommt es sehr darauf an, ob der nicht das Amt Ausübende Kritisierender in der Angelegenheit war ober aber sogar Treibender, dem es nicht schnell genug gehen konnte. Von Kritik an der Entwicklung seitens der CDU kann ich mich nicht gerade entsinnen. Und soweit ist Potsdam nun nicht von Berlin entfernt, dass interessierten Menschen so etwas entgeht.

  9. 5.

    Ich will ja nicht pedantisch sein, dennoch gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen "defekt" und "kaputt" und es sind eher Kleinkinder, für die Beides noch gleich ist.

    Defekt funktioniert nicht, ist aber von der Beschaffenheit noch voll in Ordnung. Da muss nachgebessert werden. Kaputt markiert den Zustand einer massiven Zerstörung bis hin zur Totalzerstörung. "Hitler kaputt" war der Ausruf eines russischen Kommandieren nach dem Selbstmord Hitlers.

    Ansonsten sehe ich die Zerlegung der Wiederinstandsetzung in Teilschritte äußerst kritisch. Auf jeden Fall resultiert daraus zusätzlich der Kreislauf der Missachtung. Was sowieso schon "verranzt" aussieht, warum soll das wertgeschätzt werden?

  10. 4.

    Toll, wie so einige, wie der Peter, Ihre Meinung erfinden!

    Verantwortlich ist und bleibt die Vorstandsvorsitzende, Frau Dr. Nikutta, der Vorwurf lautet Totalversagen.
    Wie oft wurde ihr z. B. vom Personalrat erläutert, eigene Kenntnisse fehlen wohl, wo die Reise hingeht, wenn nicht umgehend gegengesteuert wird.

    Weiter so, und wir müssen wohl öfter zu Fuß gehen.

  11. 3.

    Es ist wirklich unfassbar, was aus unserem öffentlichen Nahverkehr (versiffte Bahnhöfe und Züge, Verspätungen, Ausfälle, Kriminalität...) geworden ist. Habe ich vor 30 Jahren niemals geglaubt, dass es in Lichtgeschwindigkeit abwärts geht. Damals hat alles in der Regel wie am Schnürchen funktioniert.

  12. 2.

    Nur noch mal zur Erinnerung für Sie: Verkehrssenator und Finanzsenator waren in den vergangenen Jahren nicht von der CDU, sondern der SPD!!!

  13. 1.

    Dieser Unternehmensberatung (=Pfuscher) und der damaligen Sparwut-Clique haben wir heute noch das Verkehrs-Chaos zu verdanken. Gut dass RRG jetzt endlich dagegen steuert. Mit einem CDU Senat wäre die BVG wahrscheinlich längst privatisiert oder in der Insolvenz. Wir sollten weiterhin achtsam sein, dass uns der ÖPNV nicht von Heuschrecken weggenommen wird.

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