Eine Filiale der Danske Bank in Estland (Bild: rbb)
Video: rbb|24 | 09.01.2019 | Material: Kontraste | Bild: rbb

Danske Bank in Estland - Weltgrößter Geldwäsche-Skandal reicht bis nach Brandenburg

Ein Geldwäsche-Skandal erschüttert Dänemark und Estland – und seine Schockwellen reichen bis Brandenburg und Berlin. Der 200-Milliarden-Euro-Fall weist auf weltweite Verstrickungen, mit Spuren bis zu einem Brandenburger Autohändler und zur Magnitsky-Affäre in Russland. Von René Althammer, André Kartschall, Ingo Malcher

Vom derzeit weltweit größten Geldwäsche-Skandal bei der Niederlassung der Danske Bank in Estlands Hauptstadt Tallin sind auch Unternehmen und Banken in Berlin und Brandenburg betroffen. Das ergaben gemeinsame Recherchen von rbb, ARD und DIE ZEIT. Über 700.000 Euro landeten zwischen 2007 und 2011 bei insgesamt 16 Unternehmen und Händlern in der Region.

Weltweit geht es um mehr als 200 Milliarden Euro, die in den legalen Wirtschaftskreislauf gelangt sein sollen. Vermutlich aus kriminellen Quellen: Steuerhinterziehung, Korruption, Schmuggel, Waffenhandel. In Estland und Dänemark wird derzeit gegen die Danske Bank ermittelt, über deren Konten die Gelder geflossen sind.

Panama, Belize, Neuseeland, British Virgin Islands, Großbritannien

Ein Rechercheteam des rbb, des ARD-Politikmagazins KONTRASTE und der Wochenzeitung DIE ZEIT ist der Spur des Geldes gefolgt – und landete dabei auch südlich von Berlin auf einem Autohof. Kaum ein Fahrzeug kostet hier mehr als 3.000 Euro, doch bei einer fragwürdigen Buchung geht es um 16.000 Euro. Am 12. Februar 2008 ging das Geld auf dem damaligen Firmenkonto des Autohändlers bei der Deutschen Bank ein.

Wahrscheinlich hatte seine damalige Frau das Geschäft abgewickelt, es sei alles schon so lange her, erklärt der Händler. Dennoch schaut er in seinen Unterlagen nach. Es soll ein Mercedes Sprinter gewesen sein, so steht es jedenfalls auf dem vorliegenden Kontoauszug. Der Händler sucht und sucht, aber er hat kaum noch Unterlagen aus diesem Jahr. Dass das Konto einst ihm gehörte, bestätigt er aber. Was aus dem Auto geworden ist? Wahrscheinlich ist es nach Russland oder Weißrussland gegangen, das sei damals oft passiert.

Das Geld kam in diesem Fall von einem Konto der Danske Bank in Estland. Absender des Betrages war eine Firma namens Danford Shippings LLP, die wiederum in Großbritannien registriert war. Heute scheint klar: Die Danford Shippings war wohl eine von gut 6.200 Briefkastenfirmen, die bei der Danske Bank ein Konto unterhielten, deren offizieller Firmensitz aber in Panama, Belize, Neuseeland, den British Virgin Islands oder eben Großbritannien lag. Länder, die entweder als Steueroasen galten oder in denen sich die wahren Eigentümer schon immer gut verschleiern ließen. 

Zahl der betroffenen Transaktionen nach Bundesländern zwischen 2007 und 2011

Bundesland Zahl der Empfänger Zahl der Konten
Baden-Württemberg 60 60
Bayern 54 57
Berlin                    13 13
Brandenburg 3 3
Bremen               3 3
Hamburg             27 27
Hessen 29 29
Niedersachsen 30 30
NRW 75 76
Rheinland-Pfalz               7 8
Saarland 1 1
Sachsen 7 7
Sachsen-Anhalt                               1 1
Schleswig-Holstein         4 4
Thüringen           2 2

Viele unbedarfte Firmen

Für den Geldwäsche-Experten Sebastian Fiedler vom Bund deutscher Kriminalbeamter (BdK) zeigt der Fall, wie anfällig der Güterhandel, also vor allem der Export, für Geldwäsche ist. "Das Dunkelfeld ist enorm groß", so Fiedler, "weil wir fest davon ausgehen müssen, dass diejenigen, die gewerblich Güter handeln, überhaupt nicht sensibel sind für das Thema Geldwäsche und in den allermeisten Fällen wahrscheinlich unbedarft Teil eines Geldwäschekreislaufes werden."

Die Danford Shippings ist eine von insgesamt 16 Firmen, von deren Konten bei der Danske Bank zwischen 2007 und 2011 mehr als 31 Millionen Euro nach Deutschland überwiesen wurden. In den Kontoauszügen, die KONTRASTE und ZEIT vorliegen, finden sich viele weitaus größere und bekanntere Unternehmen als der kleine Autohändler aus dem Speckgürtel, der wie mehr als ein Dutzend weiterer Unternehmen in Berlin und Brandenburg möglicherweise nichtsahnend Teil einer internationalen Geldwäscheaktion wurde. In den Kontoauszügen finden sich Überweisungen an Fahrzeughersteller, Modehandelsunternehmen und Spezialgerätebauer - aber auch ein Krankenhaus und ein Reiseveranstalter gehören zu den Empfängern der Gelder.

Verwendungszweck: "Konsumgüter"

Bundesweit sind viele international tätige Unternehmen verzeichnet. So erhielt der Armaturenhersteller Grohe AG in Nordrhein-Westfalen von einer in Belize registrierten Firma namens Rodney Universal insgesamt 662.741 Euro. Verwendungszweck: "Konsumgüter". Im Jahr 2008 wurden auf das Konto des Kölner Chemie-Konzern Lanxess in mehreren Tranchen 875.080 Euro überwiesen, wieder für "Konsumgüter" – auch vom Konto von Rodney Universal der Danske-Bank-Niederlassung in Tallin. An wen die Warenlieferung ging - keine Auskunft.

Bei der Grohe AG heißt es dazu lediglich, man überwache "sehr sorgfältig", dass "eingehende Zahlungen auch konkreten Warenlieferungen zugeordnet werden können. Das war bei den angeführten Warenlieferungen von Rodney Universal der Fall." Man könne auch "keine Verstöße von Grohe gegen die anwendbaren Geldwäschegesetze feststellen." Und Lanxess teilt mit: "Den Zahlungen lagen in allen Fällen Warenlieferungen durch unser Unternehmen an Kunden zugrunde, über die wir entsprechende Rechnungen ausgestellt hatten. Warum die hier vorliegenden Kunden einen Dritten mit der Abwicklung der Zahlung beauftragt haben, entzieht sich unserer Kenntnis."

"Das hätte in keinem Fall so durchrutschen dürfen"

Die Überwachung der Geldströme durch die Banken ist der Dreh- und Angelpunkt für die Bekämpfung der Geldwäsche. Deshalb wurden die gesetzlichen Anforderungen in den vergangenen Jahren immer weiter verschärft. Michael Findeisen gehört zu denen, die dafür verantwortlich waren, zunächst bei der Bankenaufsicht, später im Bundesfinanzministerium. Heute ist er im Ruhestand.

Er kommt zu einem eindeutigen Urteil: "Ich würde sagen, dass hier Unsauberkeiten vorliegen, gerade wenn man sich diese Volumina anguckt und auch die Einzelbeträge, die vielfach sechsstellig oder höher waren. Wenn man sich die anguckt, muss man sagen: Das hätte in keinem Fall so durchrutschen dürfen." Die Banken seien ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen. Denn spätestens seit 2008 gilt laut Paragraph 25h des Gesetzes über das Kreditwesen (KWG), dass die Institute bei Transaktionen die "ungewöhnlich" ablaufen oder "ohne offensichtlichen oder rechtmäßigen Zweck" erfolgen, Maßnahmen ergreifen müssen, um Geldwäsche zu verhindern.

Deutsche Bank bricht 2015 Geschäftsbeziehungen ab

Dem Rechercheteam von rbb, ARD und ZEIT liegen insgesamt 792 Überweisungen auf 321 Konten bei deutschen Banken und Sparkassen vor. Auf Kundenkonten der Commerzbank, wobei hier auch Überweisungen auf Konten der ehemaligen Dresdner Bank eingerechnet wurden, gingen allein 236 Überweisungen mit einem Gesamtwert von rund 14 Millionen Euro ein.

Die Bank teilte auf Anfrage dazu mit, dass sie "grundsätzlich keine tatsächlichen sowie potenziellen Geschäftsbeziehungen und Transaktionen" kommentiere und sich an den "strengsten internationalen Compliance-Richtlinien und Prozessen" zur Abwehr von Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung, Insiderhandel, Betrug, Korruption und anderer krimineller Aktivitäten orientiere. Bei der Deutschen Bank, bei der auch der Autohändler sein Konto hatte, gingen insgesamt 237 Überweisungen auf 84 Kundenkonten ein. Gesamtbetrag: knapp 8,5 Millionen Euro.

Auf Nachfrage teilte die Deutsche Bank mit, sie habe die Beziehung mit der Danske Bank Estland 2015 beendet, nachdem sie einen "Anstieg an verdächtigen Transaktionen von Danske-Kunden über einen längeren Zeitraum identifiziert" hatte.

Eine Filiale der Danske Bank in Estland (Bild: rbb)
Bild: rbb

Die Unterlagen bilden nur einen Bruchteil der Transaktionen über die Danske Bank ab. Die Bank selbst konnte auf mehrfache Anfrage nicht mitteilen, wieviel Geld insgesamt seit 2007 von den "verdächtigen" Konten nach Deutschland geflossen ist. Die Recherchen ergaben, dass bislang nur in Rheinland-Pfalz Verfahren wegen verdächtiger Überweisungen "an Empfänger in Deutschland“ geführt wurden, die "über die Danske Bank in Estland abgewickelt wurden". Die Ermittlungen betrafen Fälle aus den Jahren 2011 bis 2017 und wurden inzwischen eingestellt - mangels deutscher Tatverdächtiger, wie es heißt.

Der Magnitsky-Fall taucht wieder auf

Woher die Gelder stammten, ist immer noch ungeklärt. William Browder, einst einer der größten westlichen Fondinvestoren in Russland, beschuldigt in einem Schreiben an die estnische Staatsanwaltschaft, das der Redaktion vorliegt, 26 Mitarbeiter der Danske Bank in Estland wegen Beihilfe zur Geldwäsche.

Browder vermutet, dass über die Danske Bank auch 230 Millionen Dollar aus einem Steuerbetrug zu Lasten des russischen Staates im Jahr 2007 gewaschen wurden. Der Fall erregte als Magnitsky-Affäre international Aufmerksamkeit, weil Sergei Magnitsky, einst Steuerberater von Browder, im Zuge von Ermittlungen durch russische Behörden 2008 inhaftiert wurde und 2009 im Gefängnis unter ungeklärten Umständen ums Leben kam.

Beitrag von René Althammer, André Kartschall, Ingo Malcher

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2 Kommentare

  1. 1.

    Ich finde den Artikel echt interesant.

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