Brainstorming unter Kollegen eines Start-Ups © imago/Science Photo Library
Audio: Inforadio | 31.12.2018 | Franziska Ritter | Bild: imago/Science Photo Library

Hohe Mieten, schwaches Internet - Mit welchen Hürden Start-ups in Berlin kämpfen

Was brauchen Firmengründer, um ein Unternehmen aufzubauen? Mitarbeiter und Firmenräume zum Beispiel. Doch die sind in Berlin nur noch schwer zu bekommen. Franziska Ritter über Hürden, mit denen die Start-ups der Stadt zu kämpfen haben.

Sieht aus wie eine Wohnung, ist aber ein Büro: Die Firma StackFuel sitzt in 100 Quadratmeter großen Räumen in Berlin-Mitte, die vor Jahren in eine Gewerbeeinheit umgewandelt wurden. Das Start-up bietet Onlinetrainings für Unternehmen an, die ihre Mitarbeiter zu Datenexperten ausbilden lassen wollen. In einem Zimmer programmieren Entwickler die Lernplattform, einen Raum weiter wird an geschäftlichen Dingen gearbeitet. Meetings verlegt das Team in die Küche, denn Platz ist knapp im Büro von StackFuel.

Zehn Mitarbeiter gehören zum Team des Start-ups, das Leo Marose vor anderthalb Jahren mit einem Kompagnon gegründet hat. Im kommenden Jahr will das Unternehmen weiter wachsen, doch dafür fehlt StackFuel ein größeres Büro. Die Schwierigkeit: "Wir wissen jetzt noch nicht, wie viel Platz wir brauchen", sagt Leo Marose, "aber natürlich wollen wir an einem zentralen Ort bleiben und im besten Fall auch nicht viel mehr Miete für unser Büro zahlen als jetzt."

Mitarbeiter der Firma StackFuel (Quelle: Hendrik Andree)
Das Team von StackFuel | Bild: Hendrik Andree

Weniger als drei Prozent der Büroflächen stehen leer

Doch Gewerberäume sind in Berlin sind kaum noch zu haben. Und die wenigen, die angeboten werden, können sich junge Unternehmen wie StackFuel kaum leisten. Leo Marose hat bislang nur Angebote gefunden, die weit über 30 Euro pro Quadratmeter liegen. Seiner Erfahrung nach verlangen die meisten Vermieter eine Vertragslaufzeit von mindestens fünf Jahren. So weit kann sein Start-up nicht planen.

"Der Mieterhöhungsdruck auf Unternehmen und Start-ups ist inzwischen noch größer als auf Mieter", betont Sascha Schubert vom Bundesverband Deutsche Startups, der die Interessen der Gründerszene vertritt. Berlin braucht mehr Neubauten, da sind sich alle einig. Unternehmer fordern schnellere Genehmigungsverfahren.  

Johannes Reck von GetYourGuide (Quelle: imago/Fabian Matzerath)
Johannes Reck von GetYourGuide | Bild: imago/Fabian Matzerath

Der Großteil der Mitarbeiter kommt aus dem Ausland

Johannes Reck von GetYourGuide hatte Glück: Nach über drei Jahren Bürosuche hat sein Start-up eine passende Immobilie gefunden. 2019 wird sein Berliner Team in ein altes Umspannwerk in Prenzlauer Berg ziehen. Die Onlineplattform vermittelt Trips zu Sehenswürdigkeiten in aller Welt – ob es nun Touren zum Machu Picchu sind oder Eintrittskarten, mit denen man ohne Anstehen auf den Pariser Eiffelturm kommt.

GetYourGuide wurde vor neun Jahren in Zürich gegründet und beschäftigt allein in Berlin – dem Hauptsitz des Unternehmens – 400 Mitarbeiter. In den kommenden zwei Jahren will Geschäftsführer Reck diese Zahl verdoppeln, was ihn vor eine weitere Herausforderung stellt: Er muss irgendwie das nötige Personal finden. Vor allem Softwareentwickler sind äußerst schwer zu bekommen, sagt er. GetYourGuide hat in diesem Bereich mehr als 90 Prozent seiner Mitarbeiter aus dem Ausland angeworben. 

Unternehmen buhlen um Fachkräfte

Um beim internationalen Wettbewerb um kluge Köpfe mithalten zu können, würde GetYourGuide sein Team am liebsten am Erfolg des Unternehmens beteiligen, in Form von Aktien. Schließlich zahlen die meisten Startups in der Anfangsphase weniger Lohn als namhafte Konzerne. Dafür winkt das große Geld, wenn sie es an die Börse schaffen oder verkauft werden. Aber: "Für diese Mitarbeiterbeteiligung durch Aktien oder Aktienoptionen haben wir in Deutschland überhaupt keinen guten Mechanismus und daher sind wir stark im Hintertreffen gegenüber London, New York oder San Francisco", sagt Johannes Reck.

30 Gründer und Vorstandsvorsitzende deutscher Start-ups, zu denen auch Reck gehört, haben deshalb einen offenen Brief an die Bundesregierung formuliert. Sie fordern die Politiker dazu auf, Start-up-freundlichere Rahmenbedingungen für Mitarbeiterbeteiligungsmodelle zu schaffen. Sonst, so fürchten sie, könnten deutsche und europäische Tech-Unternehmen im internationalen Wettbewerb auf der Strecke bleiben.

Internetunternehmen ohne Internet

Es gibt noch mehr Hürden, mit denen die Start-ups der Stadt zu kämpfen haben. Manche klagen, das Internet fiele bei ihnen immer wieder aus; andere können ihre Dienste nur lückenhaft anbieten, weil es auf dem Land vielerorts überhaupt keine Netzabdeckung gibt. Für den Start-up-Verband ist das ein Armutszeugnis: "Wenn wir in Zukunft noch an der Weltspitze sein wollen, dann können wir nicht immer die Langsamsten sein – gerade beim Infrastrukturausbau", mahnt Sascha Schubert.

Der Gründerszene stößt zudem auf, dass die Behörden der Stadt größtenteils nur auf Deutsch kommunizieren. Vier von zehn Unternehmern, die hier ein Start-up gründen, kommen aus dem Ausland, betont die Industrie- und Handelskammer Berlin. Doch alle Infos zur Unternehmensgründung sind ausschließlich in deutscher Sprache verfügbar. Nicht einmal englische Ausfüllhilfen für den Fragebogen zur steuerlichen Erfassung gibt es. Werbung für den Wirtschaftsstandort Berlin sieht anders aus.

Sendung: Inforadio, 31.12.2018, 22 Uhr

Beitrag von Franziska Ritter

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