Symbolbild - Ein Geschäftsmann steht auf einem motorisierten Tretroller (Bild: imago/worschak)
Bild: imago/worschak

Anbieter drängen ins Scooter-Leihgeschäft - Berlin steht vor dem Roller-Koller

Die Elektro-Tretroller kommen: Ab Frühjahr werden sich wohl mindestens fünf Anbieter ins Berliner Scooter-Leihgeschäft stürzen. Die Erfahrungen aus den USA lassen wenig Gutes erwarten. Von Nico Schmolke

Wer sehen möchte, was Berlins Straßen ab dem Frühjahr droht, muss den Instagram-Kanal "Scooters Behaving Badly" abonnieren. Die "sich schlecht benehmenden Roller" werden von Kindern umgekippt, von Brücken geworfen oder in tragische Verkehrsunfälle verwickelt. Seit einem Jahr in den USA, seit Monaten auch in Paris, Wien oder Tel Aviv - und bald auch in Berlin: Die elektrischen Roller kommen.

Wobei es eigentlich keine Tretroller sind, wie sie viele aus ihrer Kindheit kennen: Lenkerstange, zwei Räder, dazwischen das Brett zum Draufstellen, und dann mit einem Fuß vom Boden abtreten. Stattdessen gibt es die Roller mit Elektro-Akku. Man stellt sich auf den Roller und er fährt los. Emissionsfrei, leise, leicht zu bedienen. Eine simple Innovation, die mit Bird und auch mit Lime in den USA bereits zwei Milliarden Dollar schwere Unternehmen hervorgebracht hat. Quasi über Nacht brachten sie die Roller zum Leihen auf die Straße. Mancherorts gehören sie fest ins Stadtbild und auch zur Popkultur.  

Nun kommt der Hype nach Deutschland. Das Bundesverkehrsministerium bestätigt auf Anfrage von rbb|24, dass die Verordnung für sogenannte "Elektrokleinstfahrzeuge" noch im Frühjahr dieses Jahres in Kraft treten könne. Die Rückmeldungen der Länder und Verbände seien eingeholt, der Verordnungstext werde derzeit aktualisiert und müsse dann nur noch der EU-Kommission und dem Bundesrat zugeleitet werden.

Acht Anbieter bringen sich in Stellung

Mögliche Anbieter von Sharing-Diensten haben sich längst in Stellung gebracht. Nicht nur die Nutzung an sich mit entsprechenden Gebühren ist ein lukratives Geschäft, sondern auch die Erfassung der Bewegungsdaten. In der Tech-Szene werden acht mögliche Anbieter eines Roller-Sharings in Berlin gehandelt. Auf Anfrage von rbb|24 antworten fünf von ihnen. Zwar will sich keiner auf einen Startpunkt festlegen und jeder erstmal die Zulassung durch den Bund abwarten. Aber alle fünf machen deutlich, dass sie großes Interesse an einem Markt-Einstieg in Berlin haben.

Mit dabei sind die beiden US-Marktriesen Bird und Lime. Lime bietet in Berlin bereits Fahrräder an und hat dadurch einen Startvorteil. Die Firma will den teils schlechten Ruf in den USA hierzulande mit zahlreichen Innovationen aufbessern. Neue Generationen des eingesetzten Rollers wurden entwickelt, die vor allem länger haltbar sein sollen. Anfangs brachen Roller schon mal mitten in der Fahrt auseinander. Oder die Bremsen setzten aus - Nutzer verletzten sich daraufhin schwer, weil sie bei voller Fahrt vom Roller springen mussten.

Lime investierte zudem kürzlich nach eigenen Angaben drei Millionen US-Doller in eine Kampagne zur verantwortlichen Nutzung der Roller. Dazu gehören Anregungen zum Helmtragen oder eine Freischaltung des Services nur nach Betrachten eines Tutorials. Auch künstliche Intelligenz soll nun zum Einsatz kommen, so dass automatisch erkannt wird, wenn Roller zum Beispiel mitten auf einem Gehweg abgestellt werden. Dazu müssen Nutzer ein Foto vom abgestellten Fahrzeug machen, erst dann wird die Fahrt beendet.

Während Lime all diese Bemühungen um eine verträgliche Roller-Nutzung sehr offen mitteilt und um Verständnis wirbt, hält sich Bird sehr bedeckt: Man bereite sich für eine Markteinführung in Deutschland vor, aber Details könne man nicht nennen.

Die Scooter sollen regelmäßig eingesammelt werden

Sehr mitteilsam ist wiederum MyTaxi. Bereits im Taxi-Geschäft vertreten, hat sich das deutsche Unternehmen nun auch dem Roller-Trend angeschlossen und bietet seine Roller-Marke Hive bereits in Lissabon an, offenbar mit Erfolg. Man habe bereits nach wenigen Wochen Nutzerzahlen im weit fünfstelligen Bereich erzielt, teilt ein Sprecher mit. "Unsere E-Scooter sollen die städtische Mobilität moderner, sauberer und nachhaltiger machen und gleichzeitig einen großen Fahrspaß bieten." MyTaxi sagt genauso wie Lime, dass man die negativen Erfahrungen aus anderen Städten nutzen und es jetzt besser machen möchte: "Dazu gehört natürlich auch, dass diese Dinger nicht irgendwo rumliegen", so der Sprecher. Dafür sei ein operatives System notwendig, um die Scooter regelmäßig einzusammeln. "Das muss wegen der Ladevorgänge eh geschehen, von daher ist das auch etwas anderes als bei den Leihfahrrädern", hieß es. Wie dieses Einsammel-System funktionieren soll und der Sharing-Dienst gleichzeitig rentabel bleibt, wird dann wohl erst die Praxis zeigen.

Mit "Tier Mobility" gibt es einen weiteren deutscher Player, der bereits in Spanien losgelegt hat. Jede Woche wolle man sein Geschäft auf eine neue Stadt ausweiten. Und dann wolle man natürlich auch nach Berlin: "Die Flottengröße in Berlin ist noch nicht bekannt, wir gehen aber von sehr hoher Nachfrage aus", teilte ein Sprecher mit.

Ein Mann steht auf einem Elektroroller
Bild: APA

Der Berliner Senat gibt sich noch zurückhaltend

Der fünfte Akteur ist Voi, auch deren Sprecher nennt Berlin als logischen Ort für die deutsche Markteinführung der Roller. Mit Go Flash, Wind und Spin gibt es drei weitere mögliche Anbieter. So könnten nach der der Zulassung des Fahrzeugs durch den Bund gleich bis zu acht Anbieter ins Leihgeschäft einsteigen. Das gäbe ordentlich Gesprächsstoff, auch in der Politik.

Der Berliner Senat gibt sich noch zurückhaltend. Es fehlten noch ein abschließender Rechtsrahmen und belastbare Informationen über die Marktabsichten, teilte Jan Thomsen, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Verkehr, mit. Man könne die Folgen noch nicht abschätzen, außerdem fehle ein Best-Practice-Austausch mit anderen Städten. "Klar ist, dass ein weiteres Verkehrsmittel für eine Flächenkonkurrenz auf dem vorhandenen Raum sorgt, die für alle Seiten zufriedenstellend geregelt werden muss", so Thomsen.

Dabei steht längst außer Zweifel, dass die Roller nach Berlin kommen. Wenn Berlin einen Roller-Koller im Straßenverkehr vermeiden will, sollte sich die Stadt bereits jetzt auf den neuen Verkehrsteilnehmer Elektro-Tretroller einstellen.

Überfüllte Rad- und zugestellte Gehwege

Schon Ende 2018 demonstrierten in Berlin Roller-Befürworter und -Gegner. Ein Streitpunkt ist, ob die Berliner Infrastruktur für die Roller ausgelegt ist. Anders als in den USA gibt es in Berlin immerhin mehr Radwege und generell mehr Erfahrung mit einem vielfältigen Straßenverkehr. Dennoch hat auch Berlin immer wieder tote Radfahrer zu beklagen – ein toter Tretroller-Fahrer würde die Debatte um den innerstädtischen Verkehr weiter anheizen. Auch die Fußgänger haben Angst, dass viele Roller-Fahrer auf Gehwege ausweichen werden und es dort dann noch enger und gefährlicher wird als ohnehin schon.

Fraglich ist auch, wie die Helmempfehlung umgesetzt werden soll. Insbesondere Lime betont immer wieder, dass die Roller-Nutzer zum Helmtragen angeregt werden sollen. Gleichzeitig werden die Roller jedoch als Lösung für die "letzte Meile" gepriesen, also zum Beispiel den Weg von der S-Bahn bis nach Hause. Nur wird ein Berliner kaum den ganzen Tag einen Helm bei sich tragen, nur um ihn dann für fünf Minuten zu Feierabend zu benutzen. Das Bundesverkehrsministerium wird voraussichtlich immerhin die Höchstgeschwindigkeit der Fahrzeuge auf 20 km/h begrenzen – in den USA und anderswo fahren die Roller meist 30 km/h. Diese Maßnahme wird das Unfallrisiko vermutlich deutlich begrenzen, könnte jedoch auch die Attraktivität der Roller vermindern.

Zweifelhafter Umwelt-Effekt

Ganz grundsätzliche Einwände bringt wiederum der Betreiber des anfangs genannten Instagram-Kanals ein: "Jede Idee für umweltschonenden Verkehr sollte unterstützt werden", schreibt Frank auf rbb|24-Anfrage. "Aber wenn man sich die Umweltkosten anschaut bei der Produktion der Akkus und der Roller in China, beim Transport der Roller um die ganze Welt, beim Plastikmüll der ganzen kaputten Roller – und dann noch der Fakt, dass viele Nutzer mit dem Roller wohl eher den Fußweg als das Auto ersetzen: Dann bleibt vom positiven Umwelteffekt am Ende nicht viel übrig."

Und so erhält Frank mittlerweile Einsendungen vom Roller-Vandalismus aus der ganzen Welt. "Wir bekommen täglich bis zu 40 Einsendungen. Überall dort, wo Roller angeboten werden, hören wir von verärgerten Leuten", so Frank. "Wir schauen alle nach globalen Lösungen für den Klimawandel. Aber diese Roller sind nicht die Antwort." Ab Frühjahr wird es auf seinem Instagram-Kanal dann sicherlich auch Bilder aus Berlin geben.

Beitrag von Nico Schmolke

Kommentar

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23 Kommentare

  1. 23.

    Gerade in Paris den Dienst LIME genutzt, funktioniert wunderbar und ergänzt bestehende Systeme. Warum Deutschland und ganz besonders Berlin in Sachen Technologie schon wieder dermaßen zurückhaltend ist, wundert mich mittlerweile gar nicht mehr. Deutschland hängt sich selbst ab in nahezu allen Zukunfts-Themen die relevant sind für die nächste Dekade; Künstliche Intelligenz, Hoch-Technologie-Themen.. etc. traurig.

  2. 22.

    Like always Germans close minded with technology and way behind another countries. What's the problem with another way of transportation from point a to point b? As long as they comply with having a helmet, using the bicycle line that's more than enough. Why the bureaucracy about paying an insurance company like ADAC? Does the cyclist pay it?

  3. 21.

    Die Stadt sollte Kontingente für die Sharinganbieter, welche nicht ausschließlich feste Leihstationen haben, festlegen und in Paketen ausschreiben, dann könnte man eine Überflutung der Stadt verhindern und zudem an stadtgerechte Bedingungen knüpfen.

  4. 20.

    Bevor neue Fahrzeuge im Strassenverkehr zugelassen werden müssen erst mal mit den vorhandenen Fahrzeugen umgegangen werden.
    Alle Fahrzeuge brauchen Kennzeichen und Licht. Wenn Fahrradfahrer nicht selber dafür sorgen können, brauchen wir hier auch den TÜV für Fahrräder.
    Ferner haben alle Fahrzeuge nichts auf Gehwegen verloren, hier herrscht Schrittgeschwindigkeit und wie überall gegenseitige Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer.

  5. 19.

    Endlich auch in Berlin, in Paris läuft es super. Finde die zusätzliche Mobilität einfach klasse.

  6. 18.

    Hi Steffen, auch Ihnen stimme ich voll zu. Die Anmerkung über die elektronischen Einkaufswagen mit Sitz finde ich sehr gelungen, doch zwei Dinge sollten Sie nicht dabei vergessen, im Gegensatz zu unseren Supermärkten sind die amerikanischen Märkte sehr viel größer und die Gänge breiter. Zum anderen wird dort auch ein wesentlich besserer KUNDEN-SERVICE angeboten, davon können wir hier nur träumen. Fängt an der Kasse beim Verpacken der Einkaufsware an, die sogar wenn gewünscht bis ins Automobil eingeladen wird. Zum anderen stelle ich mir vor sind diese besonderen Einkaufswagen den Personkreis zugedacht, die alt und gebrechlich sind und schlecht zu Fuß unterwegs sind. Ich denke mal, mit Faulheit b.den Amerikanern hat das weniger zu tun. Eher mit Bequemlichkeit.

  7. 17.

    Allerdings könnte es auch passieren, das diese E-Tretroller Jünger schneller diese Dinger wieder los sind, als ihnen lieb ist. Ich will ja hier niemanden zu einer Straftat aufrufen, doch bei Dunkelheit damit herumzukurven, da wäre ich schon vorsichtiger. Schnell kann einem so ein Teil auch mal weggenommen werden. Roller futsch und das wars dann.

  8. 15.

    Lautlos und ohne Schutz, wie jedes normal gefahrene Fahrrad aber eben viel schneller. Schon die E-Räder sind tempomäßig schlecht einzuschätzen und sind oft echte Raser. Nun also E-Roller. Noch etwas was Berlin nun wirklich nicht braucht. Ich hoffe wir haben dann nicht noch mehr Verkehrstote, weil einige DACHTEN , sie müssen gesehen werden.

  9. 14.

    Richtig. Wall-E läßt grüßen. Fehlt uns in Berlin wie ein Loch im Kopf. Und es tut sich eine neue Variante des alltäglichen Straßen-Rad- und Fußweg-Kampfes auf. Ich versuche ja positiv zu bleiben, aber selbst mir wird das allmählich etwas viel... Kopf hoch, wir schaffen das ;-)

  10. 13.

    E-Roller sind wie auch (Miet-)Fahrräder in der Tat kein Ersatz für den PKW. Sie ergänzen bestenfalls bei passendem Wetter den ÖPNV.

    Die Roller werden versicherungspflichtig sein, also haben die wie Mofas nichts auf dem Radweg zu suchen. Dr Bund sollte zudem den Bussgeldern für Verkehsverstösse das Radfahrerprivileg entziehen. In Kopenhagen zahlt man als Gehweg-Fahrer umgerechnet knapp 100 €. Aber vielleicht ist das zusammen mit einem minimalem Überwachungsdruck auch ein Grund, dass dort der PKW beliebter als in Berlin ist.

  11. 12.

    Gehen macht nen schlanken Fuß.

  12. 10.

    Fahrrad fahren ist auch kommunalpolitisch gesehen sehr sinnvoll, da Radfahrer längere Strecken zurücklegen und damit öffentliche Verkehrsmittel entlasten. Diese Roller ersetzen aber kein Fahrrad sondern verleiten Fußgänger, dazu, diese Teile auf eher kurzen Strecken zu nutzen. Der Mensch ist halt oft faul. In Amerikas Supermärkten gibt's teilweise schon elektronische Einkaufswagen mit Sitz, damit sich der verfettete Bewegungsmuffel nur nicht selbst bewegen muss. Der Trend "fehlt" in Berlin noch. Diese Roller sind absolut überflüssig. Dass für den notwendigen Strom auch CO2 produziert wird, scheint auch kaum jemanden zu jucken, man vermarktet diesen Schwachsinn sogar noch als umweltfreundlich.

  13. 9.

    Licht habeck oochh nisch jesehen. Darum "überlegt" doch Grün geführte Verkehrsbehörde, ob man, neben Fahrradfahrer, Fußgänger, die auch noch auf den Bürgersteig fahren lässt.
    Im Kampf um die NX- und CO2-Werte ist alles egal und der leidende Fußgänger muss das auch noch ertragen. Es geht doch um die Umwelt, da muss jeder Opfer bringen.
    https://www.berlin.de/polizei/polizeimeldungen/pressemitteilung.773577.php

  14. 6.

    Wo sind an diesen Rollern das Licht vorn und hinten angebracht???
    Bisher noch nix gesehen.
    Wie schnell sind die Roller, ab welchem Alter dürfen diese gefahren werden???
    Auch wieder ein paar Fahrer mehr die keine STVO kennen werden und bei Rot über die Ampel donnern.

  15. 5.

    Der nächste smarte Schritt, unsere Stadt unattraktiver zu machen. Als nächstes kommen dann teilautonome Rollkoffer. Vielleicht nimmt sich ja der "Jugendwiderstand" der Sache an, statt Jagd auf Linke zu machen …?

  16. 4.

    In Berlin ist alles gut mit öffentliche Verkehrsmittel verbunden. Den Rest kann man auch zu Fuss erreichen und tut etwas für die Gesundheit. Die albernen Roller sind nicht notwendig, finde ich.

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