Der Online-Auftritt der Online-Partnervermittlung Parship. (Quelle: rbb/super.markt)
Video: super.markt | 11.02.2019 | Bild: rbb/super.markt

Parship-Abzocke nach Widerruf - 45 Euro täglich für die kurze Suche nach der großen Liebe

Viele Singles testen die Plattform Parship, um die große Liebe zu finden. Sie können den Vertrag in den ersten zwei Wochen widerrufen – das kostet sie aber bereits mehrere hundert Euro. Ein Anwalt und Verbraucherzentralen empfehlen, sich zu wehren.

Bea Persigehl aus Berlin-Pankow ist alleinerziehende Mutter, voll berufstätig - und Single. Vor etwa einem Jahr meldet sie sich bei Parship an, um endlich den Mann fürs Leben zu finden. Damals konnte sie nicht ahnen, wie viel Geld sie diese Anmeldung kosten würde.

Die Männer im Netz sagen ihr nicht wirklich zu. Sie kündigt bereits nach wenigen Tagen. Doch so leicht kommt sie aus der Nummer nicht mehr raus.

Eine Parship-Nutzerin sitzt an ihrem PC. (Quelle: rbb/super.markt)
Bild: rbb/super.markt

Bei Kündigung berechnet Parship Wertersatz

Parship sei unkompliziert, suggeriert die Werbung. Doch wer seinen Vertrag vorfristig kündigen will, muss kämpfen. Nutzer klagen immer wieder darüber, dass sie extrem hohe Gebühren als sogenannten Wertersatz zahlen sollen. Allein im vergangenen Jahr gab es über 1.200 Verfahren, wie das zuständige Amtsgericht Hamburg dem rbb auf Nachfrage mitteilt.

Bei Bea Persigehl wurden 225 Euro abgebucht, nachdem sie die Kündigung abschickte. Dabei war sie nur fünf Tage Mitglied gewesen. Parship will sich die kurze Suche nach der großen Liebe also 45 Euro pro Tag kosten lassen. Der berechnete Wertersatz ist sogar fast so hoch wie die einjährige Mitgliedschaft, die Persigehl ursprünglich bezahlten sollte.

Parship argumentiert, der Wertersatz errechne sich aus der Nutzung des Portals im Zeitraum bis zur Kündigung, und das Portal habe die Leistung bereits erbracht: die Vermittlung von mindestens sieben Kontakten. "Als Kontakt zählt jede gelesene Freitextnachricht, die ein Premium-Mitglied auf eine von ihm verschickte Nachricht erhält", heißt es. Doch ist es angemessen, dass man für ein paar Tage Nutzung mehrere hundert Euro zahlen muss?

Widerrufsrecht in den ersten zwei Wochen

Parship fühlt sich durch ein Urteil gestärkt, dass die Praxis des Wertersatzabzugs prinzipiell für zulässig erklärt hat. Verbraucherzentralen empfehlen jedoch, zu klagen. Mehr als 1.000 entsprechende Urteile seien bereits ergangen. Die Chancen stünden meist gut, den bezahlten Wertersatz von Parship zurückzubekommen.

Laut Gesetz haben Verbraucher das Recht, einen Vertrag innerhalb der ersten zwei Wochen zu widerrufen. In dieser Zeit dürfen sie das Produkt testen und entscheiden, ob sie mit der Leistung zufrieden sind oder nicht. Ein Wertersatz wird nur fällig, wenn man Produkte übermäßig nutzt.

Rechtsanwalt macht Mut zur Klage

Bei Parship seien die Gebühren übertrieben, sagt der Berliner Rechtsanwalt Thomas Meier-Bading dem rbb-Verbrauchermagazin Super.Markt. Er hat sich auf Parship-Klagen spezialisiert.  Denn vertraglich vereinbart seien nicht die Kontakte, sondern die zeitliche Nutzung. Parship stelle trotzdem die hohen Forderungen, um die Leute von ihrem Widerruf abzubringen "und ans Portal zu binden, damit sie mit entsprechend vielen Mitgliedern werben können", glaubt Meier-Bading.

Er hat bereits Prozesse gewonnen. "Aber nicht jeder geht zum Anwalt, nicht jeder Anwalt klagt. Deshalb rechnen sich die verlorenen Klagen für Parship trotz der erheblichen Kosten immer noch", sagt er und fordert Parship-Kunden dazu auf, sich gegen die Zahlung zu wehren. Auch wenn Parship etwas anderes suggeriert, meint die Verbraucherzentrale: die Chancen, zu viel gezahltes Geld wiederzusehen, stehen gut – man muss sich trauen, zu klagen. Auch Bea Persigehl hat einen Prozess gegen Parship begonnen.

Sendung: Super.Markt, 11.02.2019, 20:15 Uhr

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19 Kommentare

  1. 19.

    Danke, das war zu Argument Nr 1. Hinsichtl der ueberzogenen Hoehe waren wir uns eh einig. Doch was sagen Sie zu Nr. 2, dass man in 5 Tagen kaum fundiert zu dem Urteil kommen kann, dass einem "die Maenner im Netz nicht zusagen"? Bitte keine formaljuristische Argumentation: Auch ich weiss, dass man formal vom Vertrag ohne Nennung von Gruenden zuruecktreten kann.

  2. 18.

    Nö, der Vergleich passt schon, weil das rechtliche Problem identisch ist. Es ist nicht relevant, ob es einen Gratismodus gibt, der gesamte Angebotsumfang kommt erst mit Vertragsschluss zustande, dies kann durchaus zu einer neuen Entscheidung der Nutzer führen. Genau so hat es der Gesetzgeber gesehen und das Widerrufsrecht geschaffen. Dies gehört zum Betriebsrisiko der Betreiber und darf nicht durch unrealistisch hohe Entschädigungen ausgehebelt werden.
    Wenn Sie bei einer Bank einen Kredit aufnehmen und den widerrufen darf die Bank für die Tage bis zur Rückzahlung auch nur die normalen Zinsen je Tag berechnen und nicht argumentieren, man hätte ja mit der vollen Laufzeit kalkuliert und müsse deshalb mindestens Zinsen für ein Jahr verlangen.

  3. 17.

    Steffen, Ihr textiler Vergleich hinkt gewaltig, denn Partnervermittlung ist ja weder eine Hose noch sonst eine Ware. Sondern eine Dienstleistung, die, um im Bild zu bleiben, die laengerfristige Praesentation verschiedenster "Hosen" umfasst. Was sagen Sie zu meinen mehrfach wiederholten Argumenten, dass erstens bereits im Gratis-Modus eine grobe Einschaetzung des Angebots moeglich ist, zwotens aber 5 Tage seltenst ausreichen, um die Hose der Traeume zu finden?

  4. 16.

    Beim Werbespot von Parship muss ich immer lachen: "Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Parship".
    Mal etwas drüber nachgedacht, scheint das wohl seit Jahren der selbe Single zu sein, dessen wechselnde, einseitige Liebe aber nie erwidert wird, denn ein zweiter Single verliebt sich ja nicht. Armer Kerl! ;-)

  5. 15.

    Hallo Frank, es geht hier um zwei verschiedene Dine. Der erste Fakt ist, dass elektronisch geschlossene Verträge binnen 14 Tagen widerrufen werden dürfen. Das ist Gesetz und gilt damit auch für Partnervermittler. Der zweite Fakt ist, dass im Falle einer erfolgten Nutzung des Vertragsgegenstands eine angemessene (!) Entschädigung verlangt werden darf. Das gilt für eine Partnervermittlung genau so wie für eine im Internet gekaufte Hose. Auch dort darf der Anbieter nicht für das Anprobieren den vollen Preis verlangen, selbst wenn diese Hose leicht verschmutzt, aber ansonsten noch verkaufsfähig ist. Reinigungskosten plus Abschlag wegen "gebraucht" ist durchholbar, mehr nicht. Auch Parship darf nicht einfach Phantasieentschädigungen durchsetzen. Der Kunde/die Kundin muss auch Gelegenheit erhalten, die dort "verfügbaren" Partner stichprobenartig zu prüfen. Kommt man zum Schluss, dass es das falsche Niveau ist, dann hat Parship eben Pech gehabt.

  6. 14.

    Als ich mir Parship mal näher betrachtet habe, hatte ich nicht den Eindruck man werde überrumpelt. Doch meldete ich mich nicht an, da ich zu misstrauisch bin was Kontaktanzeigen betrifft. Kann mir aber durchaus vorstellen, das so etwas auch positiv funktioniert.

  7. 13.

    'Watch', ich weiss nicht, aus welchem Portal sie diese Beobachtungen haben; vielleicht von 'Zunder' oder aehnlich "serioesen" Low-Budget-Anbietern? Vier Frauen in meinem Bekanntenkreis haben jedenfalls Partner ueber Parship oder ElitePartner gefunden. Und jene Partner wirken auf mich weder naiv noch eklig. Zudem kann man bei Parship bereits im Gratis-Modus Nachrichten erhalten. Konnte der Dame im Bericht hier eventuelle Naivitaet und Ekligkeit "der Maenner" noch nicht auffallen?? Aus dem Missfallen ueber einzelne Individuen jedenfalls abzuleiten, ein Dienstleister habe seine Dienste trotz geschlossenen Vertrags gar kostenlos anzubieten, finde ich aeusserst gewagt.

  8. 12.

    @Frank: Ich durfte mal die „Früchte“ einer Kontaktanbahnung ansehen. Was Männer dort ungefragt an „Informationsmaterial“ anboten, habe ich als zwischen dümmlich/naiv zumutend und eklig/schauerlich empfunden. Daran erinnerte ich mich bei „Die Männer im Netz sagen ihr nicht wirklich zu. Sie kündigt bereits nach wenigen Tagen.“ Die Aktionen in einem solchen Portal sind etwas Höchstpersönliches. Von daher halte ich es für einen Anbieter auf diesem Feld im Hinblick auf die Eigenart seiner „Ware“ für hinzunehmen, dass sich Kunden nach Erprobung schadlos zurückziehen.

  9. 11.

    Peter, warum soll ich wiederholen, was im Artikel steht? Allerdings steht dort nix von "gutem Recht zu testen". Da steht, dass der Vertrag widerrufen werden kann - ggf mit entsprechenden Ersatzleistungen. Ich habe in meinem ersten Kommentar gesagt, dass auch mir der geltend gemachte Wertersatz sehr hoch scheint; tatsaechlich ueberzogen hoch.
    Ganz unabhaengig davon bezweifle ich jedoch sehr die Ernsthaftigkeit des Testwunschs: Wer nach fuenf Tagen resumiert "Die Maenner im Netz sagen mir nicht wirklich zu" hat eine zumindest ungewoehnliche Vorstellung von Partnersuche.
    Ich selber habe meine Partnerin vor Jahren ueber Parship gefunden. Nach langer Zeit im kostenlosen Modus wurde mir eine Jahresmitgliedschaft fuer 200 EUR angeboten. Bevor wir einander kennenlernten, vergingen allerdings vier Monate, in denen ich viele nette, interessante Frauen, aber eben nicht die grosse Liebe traf.

  10. 10.

    Es ist so schade, @Frank, dass in Ihren ausführlichen sozialwissenschaftlichen Ausführungen so gar nicht vorkommt, was in den vielen Zeilen darüber festgehalten ist: Dass es nämlich das gute Recht der Frau ist, die Dienstleistung der Partnervermittlung in den ersten zwei Wochen zu testen - und bei Nicht-Gefallen davon auch wieder Abstand zu nehmen. Und: Jedes Unternehmen definiert seine Vertragsbedingungen nach, wie wir alle hoffen, bestem Wissen. Aber das heißt noch lange nicht, dass diese Bedingungen auch rechtens sind. Im Fall von Parship dürften die Bedingungen nicht einwandfrei gewesen sein, sonst würden nicht so viele Klagen vor Gericht erfolgreich sein. Denke ich mir so.

  11. 9.

    'Watch', das freut mich, wenn ich Sie zu neuen Gedanken angeregt - also irritiert - habe. Ihre Vorstellung allerdings, jeder koenne alles entscheiden und ausprobieren wie er will, muss ich enttaeuschen: Sobald von eigenen Entscheidungen und Tests Andere betroffen sind, ist die eigene Freiheit begrenzt, oft drastisch. Um dabei Frust und Nachteile fuer alle Beteiligten jeweils so klein wie moeglich zu halten, schliessen Menschen zumindest im geschaeftlichen Umgang konkrete Vertraege miteinander. Und die machen nur Sinn, wenn sie auch eingehalten werden. Wenn ich z.B. einen Vertrag abschliesse, der "12-Monats-Mitgliedschaft" heisst, kann ich nicht ernsthaft von einer Probe-Mitgliedschaft ausgehen. Und selbst wenn ich davon ausgehe, muss ich diese Probe ja wenigstens ernsthaft durchfuehren. Wenn ich nicht einmal das will und den Vertrag also breche, darf ich mich zumindest nicht wundern, wenn mich das was kostet. So funktioniert Gesellschaft. Eigentlich ganz okay, oder?

  12. 8.

    Die sozialunverträgliche Urbanisierung (Stress, Überforderung, etc.) hat seine Preise.

  13. 7.

    Früher lernte man Freunde in der freien Wildbahn kennen. Man konnte so schön baggern und kämpfen. Heute genügt nicht einmal ein teurer Mausklick.

  14. 6.

    Träume werden wahr: "Alle zehn Minuten verklagt ein Single Parship."

  15. 5.

    Darf denn Liebe (über)teuer(t) sein? - Wenn nicht, mit Mut das Klagen wagen...

  16. 4.

    Lasst diesen feinen Dreck einfach weg.

  17. 3.

    @ Frank: "Als erwachsener Mensch sollte man in der Lage sein, zu Entscheidungen zu stehen und durchzuhalten, wenn nicht sofort alles super laeuft." Das kann jeder entscheiden wie er will. Und jeder ist frei darin, etwas auszuprobieren und bei Nichtgefallen zu beenden. Ich finde Ihren Kommentar aufgrund der enthaltenen Vorstellung von dem was sein sollte und was diese Person Ihrer Vermutung nach wollte oder nicht wollte irritierend.

  18. 2.

    Seid einfach nicht so unklug und lasst euch von so einem Schwachsinn verführen. Geht lieber raus und trefft Menschen. Man muss auch nicht alle 2 Wochen einen neuen Partner suchen. Man kann auch mal bleiben.

  19. 1.

    Schon sehr hohe Gebuehren, die Parship als 'Wertersatz' innerhalb der 14-taegigen Widerrufsfrist fordert. Wie aber kann man denn bitte ernsthaft erwarten, nach 5 (!!) Tagen einen Partner fuers Leben (!!) zu finden??? "DIe Maenner im Netz sagen ihr nicht wirklich zu." - Also bitte, wer nach 5 (!!) Tagen die Flinte ins Korn wirft, der wollte, um im Bild zu bleiben, doch niemals wirklich auf Jagd gehen! Als erwachsener Mensch sollte man in der Lage sein, zu Entscheidungen zu stehen und durchzuhalten, wenn nicht sofort alles super laeuft. Und sollte auch wissen, dass man Vertraege nur dann abschliesst, wenn man sie prinzipiell auch ernsthaft erfuellen will.
    Den Begriff der Abzocke finde ich hier unpassend: Kosten, Vertrags- und Ruecktrittsbedingungen duerften vorab bekannt gewesen sein, und eine Notlage hat Parship auch nicht ausgenutzt.

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