Glutenfreie Produkte (Quelle: imago/Koehler)
Video: Super.Markt | 04.02.2019 | Bild: imago/Koehler

Experten hinterfragen Ernährungstrend - Glutenfrei: Teure Produkte – zweifelhafte Wirkung

Es liegt voll im Trend, sich Weizen- und glutenfrei zu ernähren: Fast jeder fünfte Deutsche verzichtet laut einer rbb-Umfrage ganz oder teilweise auf glutenhaltige Nahrungsmittel. Doch nur die Wenigsten profitieren laut Experten vom Gluten-Verzicht. Von Robin Avram

Früher gab es glutenfreie Produkte nur im Reformhaus – inzwischen finden Verbraucher sie in fast jedem Berliner Supermarkt. Der Marktführer Dr. Schär aus Südtirol ruft mit seinen Produkten stolze Preise auf: Das glutenfreie Landbrot etwa ist pro Kilo viermal teurer als ein herkömmliches Brot, der glutenfreie Zwieback sogar sechsmal teurer. Die Herstellung und Qualitätskontrolle sei sehr aufwändig, begründet das Unternehmen auf Anfrage.

Glutenfreie Produkte der Marke "Dr. Schär" (Quelle: rbb)
Glutenfreie Produkte des Herstellers Dr. Schär gibt es in fast jedem Supermarkt | Bild: rbb

Trotz dieser Apothekenpreise: Der Trend zur glutenfreien Ernährung ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das zeigt das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage, die das rbb-Verbrauchermagazin "Supermarkt" beim Institut INSA consolere in Auftrag gegeben hat.

Demnach ernährt sich fast jeder fünfte Deutsche (18,2 Prozent) inzwischen ganz oder teilweise glutenfrei. Konkret verzichten 3,4 Prozent der 1.026 bundesweit Befragten vollständig auf glutenhaltige Lebensmittel, weitere 14,8 Prozent meiden diese zumindest zum Teil.

Und das, obwohl laut Deutscher Zöliakiegesellschaft (DZG) weniger als ein Prozent der Deutschen unter Zöliakie, sprich Glutenunverträglichkeit leiden.

Giulia Minoretti ernährte sich auf Anraten eines Heilpraktiker mehrere Monate lang glutenfrei (Quelle: rbb)
Giulia Marinotti ernährte sich auf Anraten eines Heilpraktikers glutenfrei. | Bild: rbb

"Natürlich wird man bestärkt, wenn Freunde das auch machen"

Auch Giulia Marinotti kaufte einige Monate lang nur glutenfrei ein. "Mir fiel schon auf, dass ich für ein glutenfreies Brot zwei- oder dreimal mehr bezahlen musste also für ein frisches Brot von der Theke", berichtet die 25-Jährige. Sie absolviert derzeit an einer Berliner Privat-Uni einen Management-Masterstudiengang.

Zur glutenfreien Ernährung kam Guilia Marinotti durch Empfehlung eines Heilpraktikers, den sie wegen anhaltender Atemwegsprobleme aufgesucht hatte. Das Gluten eine angebliche Ursache für ihre Beschwerden sei, ergab ein Antikörper-Test. Sechs Monate lang sollte sie sich glutenfrei ernähren. Auch zwei ihrer Freunde mieden auf Anraten von Heilpraktikern Gluten. "Natürlich wird man dadurch noch bestärkt, wenn man weiß, jemand anderes macht das auch", sagt Marinotti.

Nur jeder fünfte übt Glutenverzicht aufgrund ärztlicher Diagnose

Guilia Marinotti steht beispielhaft dafür, wie fragwürdig der Trend zur glutenfreien Ernährung ist - dazu später mehr.

Wer tatsächlich an Zöliakie leidet, muss das Klebereiweiß Gluten selbst in kleinsten Mengen strikt meiden, bekommt sonst Bauchschmerzen, Durchfall oder Kopfschmerzen. Da Gluten in Weizen, Dinkel, Roggen und Gerste steckt, ist eine Ernährungsumstellung unumgänglich – und zwar radikal. Echte "Zölis" benutzen andere Toaster und anderes Besteck als ihre Familienmitglieder – schon wenige Krümel glutenhaltiges Brot können bei Ihnen allergische Reaktionen hervorrufen.

Doch warum konsumieren inzwischen fast zwanzigmal mehr Menschen glutenfreie Lebensmittel als es Zöliakie-Betroffene gibt?

Die rbb-Umfrage zeigt: Nur jeder fünfte, der angibt, ganz oder teilweise auf Gluten zu verzichten, tut das aufgrund einer ärztlichen Diagnose. Jeder sechste erhielt die Diagnose Glutenunverträglichkeit von einem Heilpraktiker oder jemand anderem. Und zwei Drittel der Befragten hatten gar keine Diagnose, die ihnen Glutenverzicht- oder reduktion nahe legte.

US-Sängerin Miley Cyrus (Quelle: dpa)
Popstar Miley Cyrus ist von den Vorteilen glutenfreier Ernährung überzeugt | Bild: dpa

Miley Cyrus riet allen Fans zu glutenfreier Ernährung

Wenn es keine Ärzte oder Heilpraktiker waren - wer hat die diagnoselosen Glutenverweigerer denn dazu veranlasst, ihre Ernährung umzustellen? Infrage kommen reißerische Ratgeberbücher wie "Weizenwampe" und "Dumm wie Brot", die monatelang auf den Bestseller-Listen weit oben standen. Deren Autoren machen Gluten für zahlreiche Zivilisationskrankheiten verantwortlich. Auch Stars wie Lady Gaga und Gwyneth Paltrow ernähren sich glutenfrei. Miley Cyrus forderte ihre Fans auf Twitter sogar auf: Jeder solle mal versuchen, sich eine Woche glutenfrei zu ernähren. Das führe zu besserer Haut.

Doch glutenfrei ist keineswegs gesünder - und ohne gesicherte Diagnose nicht zu empfehlen. So die Einschätzung von zwei renommierten Experten für Nahrungsmittel-Allergien, die der rbb befragt hat.

Prof. Torster Zuberbier, Leiter des Allergie-Centrums der Charité (Quelle: rbb)
Torsten Zuberbier leitet das Allergie-Centrum der Charité | Bild: rbb

Der Allergologie-Professor: "Die echte Zöliakie nimmt definitiv nicht zu"

Prof. Dr. med. Torsten Zuberbier leitet das Allergie-Centrum an der Berliner Charité. Sein Ärzteteam behandelt zunehmend häufiger Patienten, die sich glutenfrei ernähren – obwohl das gar nicht nötig wäre. "Die echte Zöliakie nimmt definitiv nicht zu. Was wir aber beobachten können, ist, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, auf bestimmte Nahrungsmittel zu reagieren", sagt der Allergologie-Professor.

Zuberbier rät dringend davor ab, sich ohne vorherige ärztliche Diagnose komplett glutenfrei zu ernähren. "Dabei besteht eine Gefahr, dass man sich vielleicht in fehlerhafte Diäten begibt. Wir haben viele Menschen, die unnötig ein, zwei Jahre Lebensmittel weglassen und dann in eine Mangelernährung kommen." Bei manchen Patienten mit Reizdarmsymptomen könne eine weizenfreie Ernährung laut Studien zwar Vorteile bringen – aber ob das am Glutenbestandteil des Weizens liegt, sei noch unklar. "Wir müssen hier weiter forschen", resümiert Zuberbier.

Dr. Imke Reese, Ernährungsberaterin Glutenfrei (Quelle: rbb)
Die Ernährungsberaterin Imke Reese zweifelt am Nutzen glutenfreier Ernährung | Bild: rbb

Die Ernährungsberaterin: "Nur die wenigsten profitieren vom Gluten-Verzicht"

Die Ernährungsberaterin Dr. Imke Reese geht mit dem Trend zu glutenfreier Ernährung noch wesentlich schärfer ins Gericht als ihr ärztlicher Kollege. Sie hat zum Thema Nahrungsmittel-Allergien an der Charité promoviert, ist Autorin mehrerer Fachbücher – und berät seit 18 Jahren in eigener Praxis Patienten, die auf Nahrungsmittel allergisch reagieren. "Es wird postuliert, das Gluten außer der Zöliakie auch eine Unverträglichkeit namens Glutensensitivität hervorruft", erläutert Reese. "Die dazu durchgeführten Studien konnten allerdings bislang nicht zeigen, dass es dieses eigenständige Krankheitsbild wirklich gibt", gibt Reese einen Überblick über die derzeitige Studienlage.

Mehrere sogenannte Doppelblind-Studien legen laut Reese sogar einen gegenteiligen Schluss nahe. In diesen Studien wurden Patienten, die sich aufgrund von Beschwerden glutenfrei ernährten, in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe bekam beispielsweise einen Muffin zu essen, in dem sich Gluten befand, die zweite Gruppe einen Muffin ohne Gluten. Bewusst wurden die Patienten darüber im Unklaren gelassen, wer wirklich Gluten bekommt und wer einen Placebo. Das Ergebnis: "Bei diesen Studien reagierten die Leute durch die Bank praktisch gleich - egal ob sie Gluten oder einen Placebo bekommen hatten."

Deshalb hat die Ernährungswissenschaftlerin eine klare Haltung: "Ich glaube, dass die wenigsten Menschen wirklich davon profitieren, das Gluten wegzulassen."

Allergietest auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Quelle: rbb)
Ein Hauttest in der Charité zeigte: Guilia Marinotti hat gar kein Problem mit Gluten. | Bild: rbb

"Nicht für jede Beschwerde ein grundlegendes Problem annehmen"

Auch Guilia Marinotti profitierte nicht von der glutenfreien Ernährung, ihre Atemwegsbeschwerden besserten sich dadurch nicht. Deshalb suchte sie das Allergie-Centrum an der Charité auf. Blut- und Hauttests ergaben: Sie hat gar keine Allergien auf Nahrungsmittel. Der sogenannte IGG-Test, mit dem der Heilpraktiker zu seiner falschen Diagnose kam, lieferte einen falschen Befund. IGG-Tests werden bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten von medizinischen Fachgesellschaften generell abgelehnt.

Giulia Marinotti hat aus ihrer Glutenfrei-Episode eines gelernt: "Es hat mir insofern geholfen, dass man nicht für jede kleine Beschwerde, die man hat, ein grundlegendes Problem annehmen soll." Woher genau ihre Beschwerden kommen, weiß sie allerdings immer noch nicht. Deshalb wird sie nun noch einen Lactose- und Fructose-Unverträglichkeitstest durchführen. Allerdings im Allergie-Centrum der Charité. Und nicht bei einem Heilpraktiker.

Sendung: Supermarkt, 04.02.2019, 20:15 Uhr

Beitrag von Robin Avram

Kommentar

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17 Kommentare

  1. 17.

    Und genau solche irreführende Beiträge machen einen das Leben sehr schwer,wenn man nun keine andere Wahl hat und bei einer Zöliakie des schwersten Grades jeder Krümel Gluten den Darm und den gesamten Körper zerstört.

  2. 16.

    So einfach ist es leider nicht, einfach nur Weizenprodukte wegzulassen, wenn jemand wirklich Zöliakie hat. Dann genügt ein "Stäubchen" Weizen, der z.B. bei Lebensmittelproduktionen oder gemeinschaftlichen Zubereitungen (gleicher Kochlöffel/Kochtopf wie für "normale Speisen) in ein ansonsten scheinbar weizenfreies Produkt gelangt, um Probleme zu machen. Nicht umsonst steht auf vielen Verpackungen "kann Spuren von ... enthalten".

  3. 15.

    ... für "echte" Zöliakie Betroffene können sich doch ganz normal ernähren - nur eben ohne Weizenmehl. Wozu also überteuerte spezielle Produkte? Lasst die für die, die es "schick" finden, glutenfrei zu essen.

  4. 14.

    wenn's Mode wird, nackig mit nem Stock im Arsch rumzurennen, dann wird das eben auch gemacht - egal, ob kalt oder krank ....

  5. 13.

    Obwohl keine Zölikatie vorliegt, meiden einige Menschen glutenhaltige Lebensmittel. Warum ist das so?? Fallen sie auf Scharlatane rein? oder sind das alles Spinner und Hypochonder.? Wie wäre es deren Aussagen ernst zu nehmen und Forschungen über das Thema anzustreben. Stelle mich gern in der Charité zur Verfügung.

  6. 12.

    Natürlich müssen Unternehmen Profit machen. Oder was meinen Sie, wie die dort Beschäftigten bezahlt werden? Und woher soll sonst das Geld für die Forschung kommen? Wachstum ist immer relativ. Entwicklung und Fortschritt sind ebenfalls Wachstum.

  7. 11.

    Für die, die aus gesundheitlichen Gründen darauf achten müssen, ist es wichtig, dass das Angebot da ist. Für die anderen gilt, dass jeder entscheiden darf wie er sich ernährt. Aber gut, dass aufgeklärt wird.

  8. 10.

    Ich bin seit 15 Jahren Zöli (Bestätigt durch Biopsie) und profitiere von der großen Nachfrage. Ich bin nicht mehr nur auf das Reformhaus angewiesen, habe es leichter in Restaurants und im Urlaub. Außerdem sind die glutenfreien Lebensmittel billiger und vielfältiger geworden.
    Meine Frage an die Experten ist, welche konkreten Nachteile soll denn die glutenfreie Ernährung haben?

  9. 9.

    Wer sein Konumverhalten nach "Empfehlungen" irgendwelcher Teenie-Idole, Stars oder Sternchen ausrichtet, sollte mal ein bisschen an seiner Gutgläubigkeit feilen.

  10. 8.

    Sie haben mit Ihrer Argumentation auch vollkommen recht. Über Konsum, Profit etc. könnten wir sicher endlos kontrovers weiter diskutieren (schreiben :-)). In welchen Dimensionen letztlich konsumiert wird, entscheidet allein der Verbraucher mit seinem Bewusstsein.

  11. 7.

    Wer gesundheitliche Probleme hat greift zu jedem Strohhalm der sich ihm bietet,Ich hatte über ein Jahr wahnsinnige Bauchschmerzen,meine Vermutung war Magenkrebs,Ein Besuch beim Arzt brachte keine Lösung,die folgende Magenspiegelung brachte kein richtiges Ergebniss,weiter ging es mit den Schmerzen. Die Lösung war kam durch eine Fernsehsendung,Es ging um die Laktoseunverträglichkeit,ein Bekannter sagte mir,das ist doch, was du hast. Mit dem Milchverzicht waren die Schmerzen vergessen.Die Ärzte sind auch keine allwissenden Heiler,vieles wird von ihnen ausprobiert. Ich rate allen Betroffenen ein Ernährungstagebuch zu führen, um so selbst die Lebensmittel herauszufinden,die ihnen gut oder schlecht bekommen.

  12. 6.

    Wodurch unterscheidet sich die Pharmaindustrie von der Elektroindustrie, dass man ihr dieses „besonders“ anhängen muss? Ja, auch Pharmakonzerne sind auf Profit orientiert. Das haben sie mit den Herstellern von Toastern und Backöfen gemeinsam. Verzichtet deswegen jemand auf Küchengeräte? Aber bei Antibiotika, Impfungen usw. „wissen“ plötzlich ganz viele, dass es da NUR ums Geld geht und total schädlich ist. Und der im Beitrag erwähnte Heilpraktiker – hat der nicht auch ein finanzielles Interesse an seinen Kunden?

  13. 4.

    -Ausbeutung des Menschen durch den Menschen- Kurz zusammengefasst: Auf die Gutgläubigkeit der Gesellschaft, ob intelligent oder bildungsfern, setzt doch unser Wirtschaftssystem. So ist das auch in der Nahrungsmittelbranche und besonders der Pharmaindustrie. Würden alle die Spitzfindigkeiten der windigen Geschäftsleute durchschauen, wäre es bei denen mit dem ständigen Wachstum ruckzuck vorbei.

  14. 3.

    Mein Darm traut mir und ich ihm. Eine Ausgewogene Ernährung, mehr braucht es nicht. Wer sich an „ Weisheiten“ anderer hält, hört nicht auf seinem Körper. Rbb24 Danke für diesen sehr aufschlußreiche Artikel.

  15. 2.

    Dann lieber doch zum Schamanen als zum Heilpraktiker!

  16. 1.

    Endlich wird mal darüber informiert. Man kann es mit Allem auch übertreiben.

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