Zwei Frauen stehen vor dem Dorfladen in Wahlsdorf (Quelle: dpa/Bernd Settnik)
Bild: dpa/Bernd Settnik

Fördermittel aus Brüssel - Wie sich ein Brandenburger Dorf durch die EU saniert

Ende Mai wird ein neues Europaparlament gewählt. Vor fünf Jahren machten gerade einmal 46,7 Prozent der Brandenburger von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Dabei profitieren gerade viele Dörfer in der Mark von den Mitteln aus Brüssel. Von Theresa Majerowitsch

300 Bewohner, dazu Schweine, Kühe, eine Kirche, ein Dorfteich – Wahlsdorf im Kreis Teltow-Fläming eine Stunde südlich von Berlin sieht wie ein ganz normales Dorf in der deutschen Provinz aus. Aber es gibt einige Extras: ein beheiztes Freibad, eine autonome Wärmeanlage, einen intakten Dorfladen und eine 1A-Rollschuhpiste. Alle diese schönen Dinge hat die EU mitbezahlt.

Mit dem "Flämingskate" hat es angefangen

"Nein, hier sind keine EU-Millionen einfach versiegt", sagt Ortsvorsteher Thomas März und blickt über die Dorfstraße zur Skaterstrecke, die 230 Kilometer durch die liniengerade Landschaft führt. Mit dem "Flamingskate" hat es in Wahlsdorf angefangen mit den EU-Projekten. Es war in den 1990er Jahren quasi das erste Touristenbeschaffungsprogramm nach der Wende, das aufgegangen ist.

Mit den Skatern kamen die ersten Millionen aus Brüssel für den Ausbau eines Skaterhotels in Wahlsdorf. "Pausen und Übernachtungsstützpunkt" steht am alten Gutshaus. Es ist eigentlich ein ganz normales Hotel, aber mit dem Namen und dem Hinweis, dass Gäste des Flämingskate dort übernachten können, könne man die Geldgeber in Brüssel bestimmt einfacher überzeugen, dachten sie damals. Also wurde der Name für das Förderprogramm angepasst.

Screenshot aus "Wo ist eigentlich Europa?" (Quelle: rbb)
Das sanierte Gutshaus ist heute ein Skater-Hotel Bild: rbb

Dutzende Förderprojekte auf den Weg gebracht

1996 hat Ortsvorsteher Thomas März zusammen mit drei anderen Wahlsdorfern den ersten Antrag ausgefüllt, inzwischen sind Dutzende gefolgt. Mit EU-Mitteln wurde aus verschiedenen Förderprogrammen der Dorfplatz saniert, der große Speicher und zwei Straßen im Zuge des EU-Wettbewerbs "Unser Dorf hat Zukunft". Überall stecken rund 35 Prozent EU-Gelder drin, insgesamt mehrere Millionen Euro. Und immer auch gab es Unterstützung von der Kommune mit den obligatorischen Eigenmitteln. Selbst den Dorfladen umweht ein Hauch von Europa. Kerstin Keil, die Ladeninhaberin, hat zwei Kühlregale finanziert bekommen. Ein bisschen bürokratisch war es, aber nicht schwierig. 

Abwärme für die Freibadheizung

"Man muss formulieren können, und das können wir", sagt Thomas März, der zusammen mit noch drei Männern aus dem Ort die Projekte anstößt und auf den Weg bringt. Ganz nach dem Motto: "Was wollen wir - und gibt es dafür Förderprogramme?" Da lag Brüssel für sie manchmal näher als Potsdam oder Berlin. 

Dank der EU haben sie auch ein Freibad mit einer Besonderheit: Es ist beheizbar. "Wir beheizen dieses Freibad auf 26, 27 Grad", erzählt März. "Es wundert viele Leute, dass man sich sowas leisten kann, aber es wird mit Abwärme beheizt, die sowieso anliegt."

Screenshot aus "Wo ist eigentlich Europa?" (Quelle: rbb)
Das Freibad wird beheizt - durch die natürlich auch EU-finanzierte Biogasanlage | Bild: rbb

Die Abwärme kommt von der Biogasanlage - und würde sonst verpuffen. 80 Prozent des Ortes werden mittlerweile durch die Anlage beheizt. Ein Projekt aus dem Jahr 2012, das ohne EU-Gelder nicht in die Tat umgesetzt geworden wäre. Beinahe wäre es an der Politik und Potsdamer Bürokratie gescheitert, sagt der Wahlsdorfer Rainer Silex: "Euphorisch, wie wir alle waren, wollten wir in einem Jahr fertig sein. Dann haben wir festgestellt, dass uns gerade von politischer Seite viele Hürden in den Weg gestellt wurden." Man habe sehr lange mit der Investitionsbank Potsdam diskutieren müssen, dass es im Ort auch noch junge Leute gebe und "die Anlage nicht fünf Jahre nach Fertigstellung wieder abgestellt werden muss, weil hier keiner mehr wohnt". Aber es hat sich gelohnt. 1,6 Millionen Euro kostete die Wärmeanlage - auch sie ist zu 35 Prozent EU-finanziert. 

Nicht jedes Dorf hat so fleißig EU-Gelder beantragt wie Wahlsdorf. Ob sich deshalb die Bewohner besonders eng mit der EU verbunden fühlen? Ja, sagt der Ortsvorsteher - nein, meinen andere im Ort. Mit den Fördergeldern ist den Wahlsdorfern die EU jedenfalls spürbar nähergekommen. 

Sendung: Brandenburg Aktuell, 03.01.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von Theresa Majerowitsch

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4 Kommentare

  1. 4.

    @SB Sie sind einfach zu „gut“ für diese Welt. Wenn doch alle es endlich einsähen: Es kann doch kein Glas auf dieser Welt halb voll sein. Gut, dass Sie da sind und uns belehren!

  2. 3.

    Hm, wenn man Ihr Argument konkretisiert, merkt man recht schnell, daß es nicht greift bzw. unanständig ist ;-)

    Die Gelder werden in Brandenburg eingesetzt. Das "deutsche Geld", daß an die "EU überwiesen" wird, kommt aber auch nicht aus Brandenburg. So wie Sie als "Deutscher" fragen, was das soll, könnte sich auch ohne EU der EInwohner eines Nettozahlerlandes, z.B. ein Bayer fragen, was sein Geld in Brandenburg zu suchen hat. Wenn Sie dem dann entgegnen, "aber wir sind doch alles Deutsche" sage ich Ihnen zum konkreten Fall "aber wir sind doch alles Europäer" Und nun?

  3. 2.

    Die den Dörfern zukommenden Mittel mögen von der EU umverteilt werden. Zuvor wurden sie allerdings von Deutschland dorthin überwiesen. Ein komplett unsinniger Schritt aus Sicht der deutschen Steuerzahler, der nur eins macht: Den Bürokraten in Brüssel (Umverteilungs-) Macht zu übertragen. Die Kosten hierfür könnte man sich locker sparen. Also ein klares Minusgeschäfr.

  4. 1.

    MMn sollten sich die Brandenburger*innen ihre Demokratie-Bremsen etwas näher betrachten.

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