Ein Berliner Start-up (Quelle: dpa/Robert Schlesinger)
Video: rbb24 | 18.03.2019 | Bild: dpa/Robert Schlesinger

"Gender Pay Gap" in Berliner Start-ups - "Wir haben nie übers Gehalt gesprochen, nicht mal zu Hause"

Berlin gilt als Start-up-Hauptstadt. Trotzdem ist die Bezahlung von Männern und Frauen nirgendwo so ungerecht wie hier. Da helfen auch Feierabendbier und ein freundschaftliches Miteinander nicht. Eine Betroffene berichtet. Von Laura Kingston

Es war ihr erster Job, gleich nach dem Masterstudium. Und Cana war zu vielem bereit. "Am Anfang war uns die Bezahlung egal. Da haben wir ein lächerliches Gehalt bekommen", sagt Cana. Sie war damals einer von knapp 20.000 jungen Menschen in Berlin, die in einem Start-up arbeiteten.

Zusammen mit ihrem Freund entwickelte Cana 2017 eine Online-Plattform für Bauplanung. "Da haben wir wahrscheinlich noch das Gleiche verdient", sagt Cana. Sie zögert, bevor sie den Satz ausspricht: Später sei der Gehaltsunterschied zwischen ihr und ihrem Freund und den anderen männlichen Mitarbeitern des Unternehmens jedoch schon deutlich spürbar gewesen.

"Gender Pay Gap" - die Lücke zwischen den Gehältern

Der "Gender Pay Gap" - die Lücke zwischen dem Lohn, den Männer und Frauen durchschnittlich bekommen - liegt in Deutschland nach einer Studie des Bundesamtes für Statistik bei 21 Prozent. Männer verdienen im Schnitt also ein Fünftel mehr als Frauen. Gründe dafür sind unter anderem, dass Frauen eher in traditionell schlechter bezahlten Jobs arbeiten, seltener in Führungspositionen sind und häufiger in Teilzeit arbeiten als Männer.

Nimmt man diese sogenannten strukturellen Faktoren jedoch weg und schaut nur auf die Gehälter von Männern und Frauen, die in derselben Position und unter denselben Umständen arbeiten, bleibt immer noch eine Lücke von etwa sechs Prozent. Das ist der bereinigte "Gender Pay Gap".

Bei Cana und ihrem Freund kann man alle strukturellen Faktoren auslassen: Sie haben dieselbe Ausbildung durchlaufen, in ähnlichen Positionen in dem Berliner Start-up angefangen - und trotzdem wurde die Kluft zwischen ihren Gehältern immer größer. Wie groß, das weiß Cana nicht: "Wir haben nie über unser Gehalt gesprochen, nicht einmal zu Hause." Das habe zwar nicht im Arbeitsvertrag gestanden, aber nach jedem Gespräch habe der CEO - ein gemeinsamer Freund der beiden - um Verschwiegenheit gebeten. Trotzdem ist sich Cana sicher, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dem Start-up nicht gleich verdient haben: "Wir haben auf jeden Fall weniger verdient als die Männer - auch wenn Mitarbeiter neu dazugekommen sind, haben die manchmal das Dreifache von dem bekommen, was wir bekommen haben."

Cana könnte mit ihrer Vermutung Recht haben: Nach dem Gehaltsreport der Berliner Gründerszene aus dem Jahr 2016, den die Hochschule Aalen ausgewertet hat, liegt der "Gender Pay Gap" in Berliner Start-ups bei 25 Prozent. Männer in Berliner Start-ups verdienen also durchschnittlich ein Viertel mehr als Frauen. Und damit ist Berlin Spitzenreiter. In keiner anderen deutschen Stadt werden Frauen und Männer in Start-ups unterschiedlicher bezahlt. Gleichzeitig spielen die Themen Unternehmenskultur und Mitarbeitermotivation eine überdurchschnittlich große Rolle - das hat der Start-up-Monitor ergeben, eine Studie zur Erfassung aller Start-ups in Deutschland.

Frauen leiden oft unter Stereotypen

Ein Grund für den besonders hohen "Gender Pay Gap" sieht Cana darin, dass "Frauen einfach nicht so gut verhandeln wie Männer". Männer wie ihr Freund hätten mehr Selbstbewusstsein - vor allem in dem Kontext von frisch gegründeten Unternehmen, wo die Hierarchien niedrig und die Dienstwege kurz sind.

Nicht die Schuld der Frauen, findet Henrike von Platen. Die Unternehmensberaterin und Mitgründerin des Fair Pay Innovation Lab, gibt Workshops für "stereotypfreies Verhandeln". Sie ist der Überzeugung: "Wenn Frauen wie Männer in Verhandlung treten, wird ihnen das negativ ausgelegt." Deshalb würden Frauen oft auch mit selbstbewusstem Auftreten nicht weiterkommen.

Cana hatte in ihrem Start-up auch mit Stereotypen zu kämpfen. Es fiel der ein oder andere sexistische Witz. Am Anfang habe sie das keinem übel genommen. Man pflege einen derberen Humor in ihrem Freundeskreis. Gerade kurz nach der Gründung sei die Stimmung in dem Start-up ohnehin sehr freundschaftlich gewesen, jeden Abend gab es ein gemeinsames Feierabendbier. Man konnte über vieles sprechen - nur nicht über die Gehälter.

In dieser Dynamik von jungen und unerfahrenen Mitarbeitern sieht Unternehmensberaterin von Platen ein Problem: "Woher sollen sie denn wissen, welches Gehalt normal ist? Es muss insgesamt mehr über Geld geredet werden."

Start-ups haben keinen Ruf zu verlieren

Einige große Unternehmen haben seit Jahren Genderbeauftragte und Diversity-Programme, um Minderheiten zu fördern - dafür haben Start-ups keine Kapazitäten, weil frisch gegründete Unternehmen damit beschäftigt sind, sich wirtschaftlich zu profilieren. Die Angst zu scheitern, ist gerade in den ersten Jahren groß. Außerdem, so erklärt es Cana, haben junge Unternehmen ja keinen Ruf zu verlieren. "Denen ist ihr Ruf egal. Die wollen erstmal nur überleben." Größere Unternehmen würden hingegen schlecht dastehen, wenn sie auf Bewertungsplattformen mies bei den Mitarbeiterbewertungen ausfielen.

Inzwischen arbeitet Cana nicht mehr in dem Start-up, sondern in einem internationalen Unternehmen, das gerade seinen Standort in Berlin aufbaut. Aus der "dunkelsten Zeit ihres Lebens" in dem besagten Start-up habe sie viel mitgenommen - vor allem Selbstbewusstsein. Ein Arbeitgeber wie damals kommt für sie heute nicht mehr in Frage: "Ich würde nie wieder in einem Start-up anfangen, wo mir irgend so ein 25-jähriger Gründer die Welt erklären will." Sie will in ein paar Jahren selbst gründen - ein Unternehmen, das transparent ist und auf gerechte Bezahlung achtet.

Beitrag von Laura Kingston, rbb|24

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5 Kommentare

  1. 5.

    Wenn man nicht nach mehr Gehalt fragt kriegt man auch nicht mehr, gerade im Startup wo das Geld eng ist. Männer gehen auch ein Risiko ein wenn sie härter verhandeln.

  2. 4.

    Genau, sie haben nichts zu verlieren und deshalb wird noch nach Einsatz und nicht nach dem neuen Sozialismus bezahlt.

    Was ist das alles für ein Unsinn heute?
    Wer gute Arbeit leistet, bekommt auch das Geld dafür.

    Aber in meiner Firma bekommen gerade Frauen mehr, als ihnen inhaltlich zustehen würde.
    Schöne neue unproduktive Welt.

  3. 3.

    Sie ist sich sicher, meint , usw. WISSEN im Sinne belastbarer Fakten sind dem Artiel nicht zu entnehmen. Da ist auf Sand gebaut. Vergleiche zwischen Firmen gezogen - die sich vergleichen lassen? Soetwas nenne ich nicht faktenbasiert. Dem öffentlich-rechtlichen Medium unwürdig. Aber Hauptsache es passt in den politischen aktuellen Kontext von Berlin (letzthin nannte das jemand Crazytown).

  4. 2.

    1. Wissen ist eine Holschuld, also sollte Cana ruhig nachfragen. Das regt auch den Gesprächpartner dazu an über die Gehaltsangelegenheit nachzudenken, ob er auf der richtigen Seite sich befindet(AG-Seite).
    2. Mit zielorientierten Auftreten, da wecken sie den Zuhörer über die Mitarbeierin nachzudenken. D. bedeutet, sie wird sich nicht nur über die Finanzen unterhalten wollen, sondern auch über Innovationen des Betriebes und der Zukunft das Unternehmen am Leben zu erhalten. Eine geschickte und paradoxe Fragestellung weckt tote Geister. Also, mit der richtigen Untermalung der Frage, egal welcher Coloeur, wird das Gegenüber geweckt. Nur so kann eine Mitarbeiterin Autonimie und Attraktivität im Berufsleben erzielen. Ich habe mit zielorientierten Fragen und Provokationen immer viel erreicht und habe keinen Masterschein. Es funtioniert. Männer im Betrieb sind von Frauen abhängig und nicht umgekehrt. MfG und viel Erfolg.

  5. 1.

    Woher weißt denn die Cana, dass Sie weniger verdient hat, wenn Sie NIE mit jemanden über das Gehalt gesprochen hat?

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