Arbeiter hantieren an einem Plakat für die Eröffnung der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin. (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)
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Internationalen Tourismus-Börse beginnt - Malaysia - das Problem-Partnerland der ITB

In Malaysia werden Homosexuelle gefoltert, der Premierminister nennt Juden "hakennäsig" – und trotzdem ist der Staat offizielles Partnerland der diesjährigen ITB. Der Veranstalter sagt: Die ITB stehe für Weltoffenheit und Toleranz. Wie passt das zusammen? Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Farbenfrohe Tempel, sommerliche Temperaturen und schier endlose Traumstrände – dafür ist Malaysia bekannt. Weniger bekannt ist, wie das Land mit schwulen und lesbischen Menschen umgeht. Homosexualität ist strafbar, im September wurde erstmals ein lesbisches Paar zu einer Folterstrafe verurteilt. Es ist nicht das einzige Problem in Sachen Menschenrechte: So hat sich Malaysias Premierminister immer wieder antisemitisch geäußert. Trotzdem ist Malaysia ab Mittwoch offizielles Partnerland der Internationalen Tourismus-Börse ITB in Berlin, der größten Reisemesse der Welt.

"Wir können nur unser Unverständnis darüber zum Ausdruck bringen, dass ein Land als Partnerland der ITB beworben wird, das unverhohlen Antisemitismus propagiert und zudem Homosexuelle diskriminiert", sagt Sigmount Königsberg, Antisemitismus-Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Zwar sei klar, dass viele Länder Probleme mit Menschenrechten oder Antisemitismus haben: "Aber man muss sich nicht die allerschlimmsten raussuchen und die zum Partner der ITB machen!"

Archivbild: Mahathir Mohamad, Premierminister von Malaysia, während der Feiern zum Nationalfeiertag am 31. Juli 2018. (Quelle: imago/Faris Hadziq)
Malaysias Premier Mahathir Mohamad | Bild: imago/Faris Hadziq

Messe Berlin: Menschenrechte sind nur ein Faktor unter vielen

Erst im Oktober nannte Mahathir Mohamad, der 93-jährige Premierminister Malaysias, Juden "hakennäsig" – und das nicht zum ersten Mal. Schon im Jahr 2010 sagte der Premierminister, der Holocaust habe "als Endlösung für das Judenproblem versagt". Seit Jahren dürfen Menschen mit israelischem Pass zudem nicht nach Malaysia einreisen. Eine Regelung, die jüngst sogar dazu führte, dass Malaysia die WM der Paraschwimmer weggenommen wurde, die dort eigentlich im Sommer stattfinden sollte.

Laut Sprecher der Messe Berlin, Emanuel Höger, seien die Aussagen des malaysischen Premierministers der Messe bekannt. "Wir bedauern sie sehr. Das ist nicht das, wofür die ITB steht." Die ITB stehe für Weltoffenheit und Toleranz "und beweist das auch jedes Jahr", so Messe-Sprecher Emanuel Höger. Bei der Auswahl eines Partnerlandes seien Menschenrechte aber nur ein Faktor unter vielen: "Das kann nicht der alleinige Grund sein für eine Bewertung, ob man ein Partnerland wird oder nicht."

Blogger Johannes Kram: Malaysia ist "Homo-Hölle"

Der Berliner Blogger und Autor Johannes Kram meint dagegen im Hinblick auf die Menschenrechte homosexueller Menschen in Malaysia: "Wir können doch nicht tatsächlich darüber diskutieren, ob Folter etwas ist, was wir in irgendeiner Art und Weise relativieren wollen." Kram war mit seinem Nollendorfblog, auf dem er über Homosexuellenfeindlichkeit schreibt, für den Grimme-Online-Award nominiert.

Blogger Johannes Kram (Quelle: Julian Wenzel)
Der Autor und Blogger Johannes Kram | Bild: Julian Wenzel

Der Blogger kritisiert aber nicht nur die Messe Berlin, sondern auch die Politik. Grund dafür ist der Berliner Koalitionsvertrag. Dort steht, die rot-rot-grüne Koalition möchte "Belange der LSBTTIQ*-Community national und international engagiert vertreten" – also Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgendern, intergeschlechtlichen und queeren Menschen. Weil die ITB von der Messe Berlin veranstaltet wird und diese zu 99,7 Prozent dem Land Berlin gehört, sollte dieser Vorsatz aus dem Koalitionsvertrag auch für die Messe gelten, so Kram. "Wenn ausgerechnet die Regenbogenhauptstadt Berlin bei der ITB einer Homo-Hölle dabei hilft, sich international als Paradies zu inszenieren, wird dieser Anspruch zur Farce", schreibt Kram.

Malaysia bezahlt für den Status als Partnerland viel Geld

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von den Grünen, die auch im Aufsichtsrat der Messe Berlin sitzt, lässt über ihre Sprecherin mitteilen, sie sei "über die Menschenrechtslage in Malaysia besorgt". Sie habe die Geschäftsführung der Messe aufgefordert, die Strategie zur Auswahl dieser Partnerländer zu überprüfen. "Landesunternehmen sind in einer besonderen Verantwortung bei der Auswahl ihrer Kooperationspartner." Der Antisemitismus-Beauftragte der Jüdischen Gemeinde sieht dagegen in Sachen Malaysia auch die Politiker in der Pflicht: "Gerade nachdem Frau Pop ihre Einwände zum Ausdruck gebracht hat, wäre es schön, wenn die Politik konsequent bleibt und Zeichen setzt", sagte Königsberg.

Messe-Sprecher Höger betont unterdessen, erste Gespräche über Malaysias Status als Partnerland seien bereits vor vier Jahren geführt worden – damals war noch ein anderer Premierminister an der Macht. Den Partnerlands-Vertrag wegen der antisemitischen Äußerungen des neuen Premierministers zu kündigen, habe die Messe allerdings trotzdem nie in Erwägung gezogen: "Die Diskussion stellt sich für uns ehrlicherweise nicht", so Höger. Er meint, ein Dialog sei besser als ein Boykott. In finanzieller Hinsicht ist es das für die Messe allemal: Denn Länder wie Malaysia legen für den Partnerlands-Status viel Geld auf den Tisch.

Kritische Diskussionsveranstaltung nur vor Fachpublikum

Immerhin gibt es eine Diskussionsveranstaltung, in der die Menschenrechtsprobleme Malaysias angesprochen werden sollen. Mit auf dem Podium sitzen eine Asylbewerberin aus Malaysia, der deutsche Botschafter und ein Vertreter des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland – das allerdings schon am Donnerstag und damit nur für Fachpublikum, denn erst am Wochenende öffnet die ITB für alle ihre Pforten. Titel der Veranstaltung: "Menschenrechte als ein Faktor für Erfolg im Tourismus".

Ein Thema, das auch für das ITB-Partnerland des kommenden Jahres interessant sein könnte: das Sultanat Oman. Denn auch dort steht es schlecht um die Rechte Homosexueller - sie können bis zu drei Jahre ins Gefängnis kommen. Erst 2021 ist in Sachen Menschenrechte Besserung in Sicht: Dann heißt das Partnerland der ITB Sachsen.

Sendung: Inforadio, 05.03.2019, 11:30 Uhr

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

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1 Kommentar

  1. 1.

    Die Diskussion stellt sich nicht? Wenigstens „ehrlich“. Man duldet antisemitismus und homophobie solange die Kohle stimmt. Das ist wirklich widerlich im Jahr 2019 in einer offenen Stadt wie Berlin.

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