Der Gründer und Geschäftsführer von PTScientists, Robert Boehme, steht neben dem Raumschiff "Alina". (Bild: rbb|24)
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Video: rbb|24 | 27.04.2019 | Naomi Noa Donath | Bild: rbb|24

NewSpace-Szene in Berlin - Aus einer Marzahner Garage zum Mond

Private Unternehmen sind in Sachen Weltraum auf dem Vormarsch. Ein Berliner Start-up will schon 2020 das erste eigene Raumschiff samt Mondfahrzeugen zum Mond schicken. Gesteuert wird die Mission von Marzahn aus.

Berlin-Marzahn, viele Hochhäuser, viel Plattenbau-Charme. Direkt an der S-Bahn-Haltestelle Springpfuhl befindet sich ein Autohof, auf dem ein recht kleiner Neubau seinen Platz gefunden hat - der Sitz des Berliner Unternehmens PTScientists.

Es ist eine von vielen Firmen, die sich in der Hauptstadt zu der sogenannten NewSpace-Szene zählt. Darunter verstehen sich vor allem Start-ups, die im weitesten Sinne mit dem Thema Weltraum zu tun haben. Seien es Firmen wie LiveEO oder Planet, die sich mit der Auswertung und Analyse von Satellitendaten beschäftigen, oder Firmen wie Berlin Space Technologies, die eben diese Satelliten gleich selbst bauen.

In Deutschland zeigt sich dabei, dass die meisten solcher Firmen vor allem auf den Erdorbit und die erdnahe Forschung konzentriert sind. Nicht so PTScientists.

"Mission to the Moon"

Die Firma rund um Gründer Robert Böhme will zum Mond. Sie selbst nennt diesen Plan "Mission to the Moon", ihre erste Mission, die beweisen soll, dass auch private Unternehmen im Weltraum mitmischen können. Seit zehn Jahren wird daran gewerkelt: Erst im Rahmen des Wettbewerbs Google Lunar XPRIZE eben als "Part Time Scientists", dann als ernstzunehmendes Unternehmen unter dem verkürzten Namen PTScientists.

Mittlerweile haben sie das Raumschiff ALINA entwickelt und die dazugehörigen Mondfahrzeuge fahren im hauseigenen Mond-Landebett testweise hin und her. Sie sollen nicht nur beweisen, wozu private Unternehmen heutzutage im Stande sind, sondern auch einen wissenschaftlichen Nutzen bringen. So soll eine alte Apollo-Landestelle angesteuert werden, um herauszufinden, wie sich Technik im Weltall verändert oder wie das Material des damaligen Rovers den Bedingungen des Mondes standhält.

Der Mondrover "Audi lunar quattro" von PTScientists fährt durch eine Testhalle in Berlin-Marzahn. (Bild: rbb|24)
Über Sand, Steine und Staub aus Eifel-Lava fährt der Mondrover. In einer Garage in Berlin-Marzahn testet PTScientists für seinen Rover möglichst realistische Bedingungen. | Bild: rbb|24

Der Aufwand ist enorm

Damit die Mission wie geplant 2020 starten kann, muss viel investiert werden: Die Rover müssen möglichst leicht sein und stammen hauptsächlich aus dem 3D-Drucker, gleichzeitig müssen Material und Technik Temperaturschwankungen von bis zu 300 Grad Celsius überleben können und eine Schaltzentrale fehlt völlig.

Letztere muss erst noch gebaut werden, natürlich auf selbigem Autohof in Marzahn. Sind Raumschiff und Mondfahrzeuge fertig, werden sie auf die Spitze einer Rakete gesetzt und von den USA aus erst den Erdorbit durchqueren und dann den 385.000 Kilometer entfernten Mond ansteuern.

NASA hat Interesse an LTE-Station

Um eine bessere Kommunikation zwischen Mond und Erde - und somit auch Rover und Schaltzentrale - zu gewährleisten, haben PTScientists in Zusammenarbeit mit Vodafone und Nokia eine LTE-Station entwickelt, die auf dem Mond installiert werden soll. Denn, so drückt es Gründer Robert Böhme aus: "Willst du wirklich, dass dein Leben von WLAN abhängt?"

Die LTE-Technologie dem WLAN vorzuziehen, war eine leichte Entscheidung: Sie ist energieeffizient, stromsparender und kann lange Strecken abdecken, so Böhme. Was auf den ersten Blick unnötig erscheinen mag, findet in der Weltraum-Szene großen Anklang. Zwei Wochen nachdem PTScientists ihre Idee von der LTE-Station auf dem Mond bekannt gab, fragte die NASA an, ob auch sie die Technologie verwenden könnte.

Gibt es Staub auf dem Mond?

Eine letzte, wichtige Frage die sich die "Mission to the Moon" stellt, ist jene nach Staubablagerungen auf dem Mond. Da der Erdtrabant keine Atmosphäre hat, dürften dort auch keine Staubablagerungen existieren.

Eine Möglichkeit wäre aber, dass es durch die gleiche Ladung von Teilchen auf der Mondoberfläche trotzdem zur Bewegung von losem Gestein kommt. Durch die Einstrahlung der Sonne wären viele Teilchen an einer Stelle positiv geladen, sie würden sich abstoßen und staubähnliche Partikel in die Höhe wirbeln. Gleiches Spiel gilt auf der dunklen Seite des Mondes, nur dass die Teilchen hier negativ geladen wären.

Inwieweit diese Vermutung wahr oder falsch ist, wollen PTScientists prüfen, indem sie das alte Mondfahrzeug der Apollo 17-Mission begutachten.

In den Garagen vor den Hochhäusern an der Märkischen Allee in Berlin-Marzahn sitzt das Unternehmen PTScientists.
Unscheinbare Garagen in einem Hochhausviertel an der Märkischen Allee: Hier haben die PTScientists ihren Unternehmenssitz. | Bild: rbb|24

Gesetz für das All gibt es nicht

Private Unternehmen haben also eine reale Chance, neben NASA und der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), den Weltraum zu erkunden und damit ihr Geld zu verdienen. Ein Gesetz, wie sie sich dabei zu verhalten haben, gibt es nicht. Vorerst wird sich an gemeinsam erarbeitete, internationale Richtlinien und Regularien gehalten.  

Eines der Ziele von PTScientists ist es, als Dienstleister Transporte für die ESA zu übernehmen. Das würde bedeuten, dass das Berliner Unternehmen Raumschiffe für bestimmte Missionen stellt und die jeweiligen Prozesse kontrolliert. So spart die ESA viel Geld - und die NewSpace-Szene in Berlin hätte einen weiteren Schritt in Richtung großer Player im Weltall geschafft.

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Spannend – viel Erfolg! Ich finde es aber erstaunlich, dass sie Ihre Garagen hier gleich mehrmals zeigen. Ist das nicht ein wenig riskant (Einbruchgefahr)?

  2. 1.

    Ich musste spontan an die Bavaria One denken. Wer wird zuerst im All sein? :-D

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